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No. 198

Dienstag, den 28. August

1873.

Kießencr Anzeiger

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Der orientalische Krieg.

Konstantinopel, 24. August. Wie versichert wird, hat die Avant­garde Suleiman Pascha's Bedrowa auf der Straße nach Tirnowa occupirt. Das Gros der Armee Suleimans soll die Verschanzungen am Schipka-Paß angreifen. In Adrianopel wurden gestern 11 Bulgaren, darunter 5 Notable von Kaztowa, durch den Strang hingerichtet.

Petersburg, 24. August. Amtlich wird aus Gorni-Studen vom 23. d. gemeldet: General Doroschinsky berichtet vom Schipka-Paß: Nach 10 abge­schlagenen Stürmen am 21. d., die bis in die späte Nacht dauerten, beschränk­ten sich die Türken am 22. d. aus die Unterhaltung von Gewehrfeuer, ohne einen offenen Angriff zu wagen; dieselben errichteten an diesem Tage zwei weit­tragende Batterien sowie Trancheen. Gegen 7 Uhr Abends verstummte auch das Gewehrfeuer, welches indeß in der Nacht aus den feindlichen Trancheen wieder eröffnet ward. Die Ruffen erwiderten dasselbe nicht. Der russische Verlust betrug am 21. August 200 Mann, am 22. August bedeutend weniger. Auf der Seite von Osman-Bazar, Lowtscha und Plewna ist Alles ruhig. Aus Karakiöi wird gemeldet: Gestern haben die Türken einen Angriff gemacht; ob es aber zu einem größeren Zusammenstoß kam, ist noch nicht bekannt. Am 22. d. schritten die Türken mit bedeutenden Streitkräften zum Angriff gegen Ajastar vor und drängten zwei russische Bataillone zurück. Der Comman- deur der 15. Division befahl, daß die verlorene Position wieder eingenommen werden solle. Das Sofiar - Regiment führte dieS mit einem Verlust von 23 Mann aus. Scharmützel dauerten die ganze Nacht fort. Am 23. d. griff der Feind wiederum Auscha bei Ajuslar an, wurde aber dreimal durch das Ncwski'sche, das Sofiar'sche und das Bolchow'sche Regiment glänzend zurückge­schlagen, worauf er sich zurückzog. Es wird ein neuer Angriff erwartet. Heute früh 8 Uhr griffen die Türken wiederum den Schipka-Paß an und wurr- den abermals zurückgeschlagen; der Kampf dauert noch fort.

Wien, 25. August. DiePresse" meldet aus Bukarest vom 23. d.: General Zimmermann macht Anzeige von einem siegreichen Reiter-Gefecht bei Mangalia gegen ägyptische Kavallerie. Vorgestern caperten russische Monitors vier mit Getreide für die Armee befrachtete türkische Schiffe und brachten die­selben nach Simnitza. Aus Jassy meldet dieselbe Zeitung: Die nach'dem Kriegsschauplatz beorderten russischen Garden und Grenadiere sind bereits größ- tentheils in Bessarabien angelangt und werden in 10 Tagen an der Donau sein. DasTageblatt" meldet aus Schumla vom 23. August: Zwischen Kisilar und Djuma hat unter dem Oberbefehl von Salih Pascha ein für die Türken siegreiches Treffen stattgefunden, in welchem 20,000 Türken engagirt waren. Die polnische Legion erlitt dabei starke Verluste, während im Uebngen der türkische Verlust nur mäßig war. Der Kampf wüthete namentlich bei Ki­silar. Die Türken lagern aus den eroberten Höhen. Haffan Pascha ist recognos- cirend bis auf einen Kilometer Entfernung von Nikopolis vorgedrungen und hat daselbst zwei russische Kavallerie-Regimenter zersprengt. Suleiman Pascha's Vorhut besetzte ohne Kampf Bedrowa.

Wien, 24. August. Ueber die neuesten Erfolge der Türken liegen fol­gende nähere Angaben vor: In der Nacht auf den 21. d. überschritten acht

Zur allgemeinen politischen Lage.

Aus dem Kriegsschauplätze ist zwar in letzter Zeit keine wesentliche Ver­änderung eingetreten, allem Anscheine nach bereiten sich dort aber gerade jetzt Ereignisse von entscheidender Bedeutung vor. Wie die Russen seit einiger Zeit ununterbrochen Verstärkungen an sich gezogen, so haben auch die Türken ihre ganze Macht allmälig auf der Nordsette des Balkans concentrirt und zu diesem Zweck sogar einen Theil der bisher in Asien verwandten Truppen herbeigerufen. Schon kommen Nachrichten von Vorpostengcfechten; die bevorstehende Entschei­dungsschlacht wird also nicht lange mehr auf sich warten lassen. Gleichzeitig wird es immer zweifelloser, daß auch Serbien und Griechenland demnächst mit in die Action eintreten wollen: der in Belgrad erfolgte Ministerwechsel hat den kriegslustigen Risttcs an die Spitze der Negierung gebracht und Griechenland, welches seine Rüstungen mit fieberhaftem Eifer fortsetzt, soll sogar mit Rußland über ein Schutz- und Trutzbündniß unterhandeln.

Andererseits deutet auch in Konstantinopel Mancherlei darauf hin, daß man der Katastrophe näher ist, als man noch vor einigen Wochen, unmittelbar nach den Siegen von Plewna, glauben mochte- Es soll dort gegenwärtig eine so hochgradige Aufregung herrschen, daß die Botschafter der Mächte ihren Schutzbefohlenen aus Besorgniß vor Greuelscenen den Rath gegeben haben, die Hauptstadt bei Zeiten zu verlassen. Die Pforte selbst setzt die Rücksichten aus die Mächte mehr und mehr bei Seite, indem sie die Urheber des Consulmordes in Salonichi freigibt, ihren Gesandten am österreichischen Hofe abberuft, eine Dame aus der hohen griechischen Aristokratie wegen angeblicher Betheiligung an einer Verschwörung zu Gunsten der Ruffen in die Verbannung schickt, alle bulgarischen Beamten entläßt und ihre Bataillone sogar aus den Gefängnissen recrulirt sie scheint also selbst das Gefühl zu haben, daß sie Va banque spielt.

Die Mächte sehen ihrerseits der kommenden Katastrophe entgegen, ohne irgend welche Miene zu einer Einmischung zu machen. Der Glaube an ein Fortbestehen der bisherigen Verhältnisse ist eben überall geschwunden: was etwa noch von Sympathieen für die Türkei vorhanden war, das hat diese selbst durch die von ihren Soldaten verübten Greuelthaten, wie durch ihre end­losen öffentlichen Anklagen gegen die angebliche russische Barbarei verscherzt. Oesterreich scheint jetzt sogar ruhig zusehen zu wollen, wie Serbien sich von Neuem in den Kriegsstrudel hineinstürzt. In England hat das Interesse für bie orientalischen Angelegenheiten seit dem Aushören der Parlamentsdebatten über dieselben merklich nachgelassen, und die Absicht, Rußland feindlich entgegen­zutreten, ist seit deffen Niederlagen um so mehr zum frommen Wunsch geworden, als man jenseit des Canals gemerkt hat, daß Oesterreich mit Rußland unter einer Decke liegt, auch Italien keineswegs geneigt ist, die eigennützige britische Politik zu unterstützen. Selbst in Frankreich bricht sich nachgerade die Ueber- zeugung Bahn, daß das Dreikaiserbündniß durch die Jschler Zusammenkunft neu befestigt und, solange jenes besteht, an eine Bildung neuer Bündnisse nicht zu denken ist.

So würde denn die Aussicht in die Zukunft recht erfreulich sein, wenn

Türket.

Konstantinopel, 24. August. Griechenland sendet den Kretensern Waffen und Munition.

nicht der Vatican mit seinen staatsfeindlichen Agitationen und Frankreich mit seinen Parteikämpfen eine fortwährende Gefahr für den Weltfrieden bildeten. Die jüngsten Aeußerungen der päpstlichofficiösenVoce di vcritä, welche Ruß­land und Deutschland für eben so schlecht, wo nicht für schlimmer erklärt, als die Re.che eines Odoaker und Attila, der Gothen, Vandalen und Hunnen, und die katholischen Völker zu größerer Energie anspornt, lasten keinen Zweifel dar­über , welche Pläne man im Vatican gegen die genannten Mächte schmiedet, und was wird der von einemBetbruder" geleiteten französischen Regierung, um aus ihren inneren Schwierigkeiten herauszukommen, schließlich anders übrig bleiben, als die Rachegelüste des Volkes unter dem Segen des Papstes durch einen Krieg mit dem verhaßten Deutschland zu befriedigen? Nimmt doch auch in der Schweiz die Beunruhigung über die französischen Befestigungsarbeiten on der Grenze von Tage zu Tage zu! Für Deutschland thut es unter diesen Umständen offenbar mehr als je Noth, den reichsfeindlichen Bestrebungen Aaticanaille innerhalb wie außerhalb des Reiches gegenüber unermüdlich der Wacht zu bleiben.

Wien, 24. August. DasTageblatt" meldet aus Belgrad: einem Diner, welches gestern vom Fürsten den Officieren gegeben wurde, be­glückwünschte General Protics denselben, indem er erklärte, die Armee sei bereit, ihr Leben zu opfern für Dynastie und Vaterland. In seinem Danke wies der Fürst auf den Ernst der Situation hin: Serbien sei stets bereit, für die Be­freiung der unter fremdem Joche seufzenden Brüder einzutreten. Gegenüber den Anerbietungen Fadejeff's verhält sich die serbische Regierung ablehnend.

Wien, 25. August. In diplomatischen Kreisen verlautet, England und v Frankreich seien den Vorstellungen iu Konstantinopel wegen türkischen Grausam­st V*" öeigetreten, doch sei es noch unentschieden, ob man einen collectiven oder

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Pesth, 24. August. Es wird nun mehrfach bestätigt, daß Serbien mobil macht.

Pesth, 25. August. Die Meldungen vom Abschluß eines rumänisch- russischen Cooperations-Vertrages sind unbegründet. Die Ruffen verlangen be­dingungslose Cooperation oder Rückzug der Rumänen auf das linke Donau- Ufer. Bratiano und Cogolniceano haben ihre Entlassung eingereicht. Bosnische Begs organisiren ein großes Volontär-Corps gegen Serbien.

England .

London, 24. August.Morning Advertiser" will in Erfahrung ge­bracht haben, daß England dem deutschen Protest gegen die von den Türken verübten grausamen Handlungen beitreten werde. Aus Therapia wird der Times" vom 23. d. berichtet: Die Pforte hat der britischen Botschaft von einem großen Siege, den Mehemed Ali Pascha zwischen Osman-Bazar und Eski-Djuma erfocht, Anzeige gemacht; die Türken hätten hierbei mehrere Geschütze erbeutet.

London, 24. August. Ein Telegramm desDaily Telegraph" aus Pera, 23. August, Nachts, weist darauf hin, daß die Lage der Russen durch die letzten Bewegungen der Türken eine sehr schwerige geworden sei, indem Osman Pascha von Philipopel und Sofia her Verstärkungen erhalten habe und, Vorbereitungen treffe, um wieder die Offensive zu ergreifen, ferner das Centrum unter Mehemed Ali eine Strecke über Eski-Djuma hinaus vorgerückt sei, ein Theil des Corps von Suleiman Pascha Bedrowa besetzt habe, und endlich der rechte Flügel Mehemed Ali'S den linken Flügel der Ruffen bei Papskeni umgangen habe.

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