England
London, 23. Juni. In der gestrigen Sitzung des Cabinetsrachs hielt Lord Beaconsfield der Königin dem Vernehmen nach einen Vortrag über die neueste Phase der orientalischen Krifis. Die neuesten russischen Erklärungen in Betreff Konstantinopels werden ungenügend befunden. Die englische Regierung wird selbst eine vorübergehende Festsetzung der Russen in Konstantinopel nicht dulden. Daß ein Credit für zu treffende Vorbereitungen beansprucht werden wird, darf für sicher gelten, freilich nicht fünf Millionen, sondern vermuthlich etwa die Hälfte. Einstweilen sind weitere Vorbereitungen zur Erhöhung der Kriegsbereitschaft beschlossen, wenngleich die Regierung ein eigenes Eingreifen nur als einen Fall der Möglichkeit betrachtet und die Wahrung des Friedens erhofft.
London, 25. Juni. Unterhaus. Northcote erklärte auf Anfrage Gour- ley's, die Antwort der Pforte aus die Minheilung Englands in Betreff des Suez-Canals sei dem Botschafter Layard xim 21. Juni zugestellt worden. Layard habe den Hauptinhalt telegraphisch mitgetheilt. Darnach stimmte die Pforte der Ansicht Englands bezüglich freier Durchfahrt für neutrale Schiffe zu. Den feindlichen Schiffen könne die Pforte keinen Zugang gewähren, da der Canal als ein Theil des türkischen Reiches nie für neutral erklärt würde. Die Pforte behalte sich alle territorialen Rechte und Prärogative vor. Aegypten habe Schritte zur Bewachung beider Canal-Ausgänge gethan. Northcote erklärte, England werde Angesichts der Erklärung Rußlands, daß es keinen Krieg gegen den Canal führen werde, keine weiteren Schritte zum Schutze des Canals thun, da es auf Rußlands Versicherungen baue. Bourke, in Beantwortung einer Anfrage Laing's, sagt, er habe keine Mittheilung erhalten, welche Stellung General Kemball in der Schlacht von Delibaba eingenommen. Derselbe sei angewiesen, die Operationen der türkischen Armee zu verfolgen und darüber zu berichten. Seine Stellung hänge von eigenem Ermessen ab, er sei der Verteeter einer neutralen Regierung bei einer der kriegführenden Parteien. Thomhill's Anfrage beantwortend, theilt Bourke mit, daß die holländische Regierung die Zucker-Convention einer Abänderung unterworfen zu sehen wünsche.
— Gerüchte von Meinungs-Verschiedenheiten innerhalb des Cabinets anläßlich des vom Parlamente zu verlangenden außerordentlichen Credits, sowie von dem Rücktritte des Lord Salisbury sind „Reuter's Bureau" zufolge unbegründet.
London, 26. Juni. Dem „Daily Telegraph" zufolge ist die Einbringung der außerordentlichen Credit-Forderung von 2 Mill. Psd. Sterl. an das Parlament lediglich um etliche Tage verschoben.
Der orientalische Krieg.
London, 24. Juni. Einer Meldung der „Daily News" aus Braila vom Donnerstag den 21. Juni, Nachts, zufolge ist die Brücke über die Donau seit wenigen Stunden fertig; sie ist 2100 bis 2400 Fuß lang, dazu kommt ein Anhängsel über das überschwemmte türkische Gebiet. Die Russen benutzen außer ihren eigenen Kanonenbooten alle verfügbaren Kauffahrer und zahlreiche Flöße. Der General Zimmermann führt den Oberbefehl. Die Truppenzahl bei Braila und Galatz beträgt ungefähr 40,000 Mann.
Konstantinopel, 24. Juni- Nachts. Die Ruffen haben ihren Einmarsch in die Dobrudscha über die Donau fortgesetzt. Ein Theil der hiesigen Garnison wird nach der Donau abgeschickt und durch Nationalgarde, welche aus den Provinzen eingetroffen ist, ersetzt. — Der Abgesandte des Sultans an den Emir von Afghanistan geht unverweilt dahin ab und begibt sich sodann nach Kaschgar.
Wien, 25. Juni. Einer Meldung der „Presse" zufolge wäre die rumänische Armee dazu bestimmt, bei Gruja oberhalb Kalafat, gegenüber Raduje- watz an ter serbisch-türkischen Grenze über die Donau zu gehen und Widdin im Rücken anzugreifen und zu nehmen. Die Ruffen hätten hierfür drei Brücken- Trains, Belagerungs-Geschütz und 68 Kanonen bereit gestellt. — Demselben Blatte wird aus Konstantinopel gemeldet, Suleiman Pascha und Ali Saib Pascha hätten den Befehl, keinen Waffenstillstand abzuschließen, sondern Cettinje und ganz Montenegro zu besetzen.
Petersburg, 25. Juni. Die Meldungen über ein neuerliches siegreiches Vordringen der Türken in Kleinasien finden in den bis 23. Juni hier vorliegenden Nachrichten keine Bestätigung.
Paris, 25. Juni. Man ist in hiesigen türkischen Kreisen sehr gespannt darauf, wann die Ruffen endgültig die Donau überschreiten werden; denn man hält den Uebergang in die ungesunde Dobrudscha nur für eine nebensächliche Diversion. Dort würden Fieber und Krankheiten mehr Soldaten Hinwegraffen, als Schlachten und Kanonen. Man wünscht sehr, die Ruffen in Serbien ein- dringen zu sehen, weil man überzeugt zu sein glaubt, daß Oesterreich alsdann, und zwar gegen Rußland in die Action eintreten werde.
Konstantinopel, 25. Juni. Der Minister des Auswärtigen hat an d e Vertreter der Pforte im Auslande folgende Mittheilung gerichtet: „Eine Anzahl Russen hat ohne Rücksicht auf ihre Verluste die Donau an zwei Stellen, zwischen Matschin und Jsaktscha und bei Kara Aghatch, unterhalb Hirsowa, überschritten."
Wien, 25. Juni. Die hiesige türkische Botschaft erhielt officielle Berichte über von den Nuffen im Kaukasus geübte Greuelthateu. Sie plündern, brennen und zwingen die Muselmanen bei Todesstrafe, orthodoxe Christen zu werden; schänden und massacriren Frauen, transportiren Männer nach Sibirien. Auch in Ardahan wurde so gewüthet. — Die „Polit. Corresp." meldet aus Bukarest vom 24. d. Mts.: Der Donau-Uebergang des russischen Hauptcorps von 20,000 Mann begann am 23. d., um 9 Uhr Morgens, über die Schiff' brücke bei Braila. Die Türken scheinen nunmehr gegenüber Lompalanka ebenfalls eine Brücke schlagen zu wollen. — Aus Cettinje wird unter’m 23. Juni, Nachts, berichtet: Seit sieben Tagen wird au der Zeta gekämpft, und zwar seit heute Morgen um die Dörfer Sanaici und Ninici. Die Verluste sind beiderseits sehr groß, bei den Türken angeblich 300 Mann. Die Tüiken befestigen Sofia und die mittleren Balkanpäffe.
Petersburg, 25. Juni. Officielle Nachrichten aus Mazra vom 24. Juni: Die Colonue des Generals Tergukasoff schlug am 16. d. Mts. zwischen Seidikan und Delibaba die Türken unter Ferik Mehemed Pascha, w lche sich sehr hartnäckig vertheidigten. Die russischen Truppen errangen einen vollständigen Sieg, zwangen die Türken zur Flucht und machten viele Gefangene. Ferik Pascha blieb im Kampfe. Der Verllist der Ruffen betrug 27 Todte; 119 Soldaten und 2 Officiere wurden verwundet. General Tergukasoff con-
tatirt die vortreffliche Wirkung der Artillerie und das muthige Vorgehen der russischen Truppen. Die Colonne des General Heimann steht bei Mcschmgerd.
Konstantinopel, 25. Juni. Die Russen bombarbiren Rustschuk. Zahlreiche Geschosse fallen in die Stadt. Die Türken erwidern das Feuer. — In Folge des Erfolges, welchen Mukhtar Pascha am Donnerstag errang, zogen ich die Ruffen gegen Molla-Suleiman zurück. In Bajazid werden die türkischen Behörden wieder eingesetzt. — Eine Depesche des Commandanten von Batum meldet: Am 23. Juni griffen mehrere russische Colonnen die türkischen Positionen an, wurden jedoch zurückgeworfen. Die Ruffen erneuerten ihren Angriff am 24. d. Mts., wurden jedoch abermals zurückgeworfen und gezwungen, die erste Operations-Linie aufzugeben. Die Ruffen verloren an beiden Tagen 2100 Lohte.
Wien, 25. Juni. Meldungen des „Tageblatts" : Bukarest, 25. Juni. Gestern Nachmittag fand ein fünfstündiger Geschütz Kampf zwischen Giurgewo und Rustschuk statt. Der Donau-Uebergang bei Braila dauert fort. Tnrn- Severin, 25. Juni. Die hiesige Garnison nebst Artillerie ging gestern nach Zetate ab, wo ein Angriff der Türken erwartet wird. Russische Lieferanten haben hier von griechischen Schiffs-Eignern für Widdin bestimmt gewesene 12,000 Säcke Mehl gekauft. Belgrad, 25. Juni. Der Kriegs-Minister hat 16 Bataillone von ausgedienten Soldaten der Jahrgänge 1870 bis 1876 zu Lager-Uebungen einberufen, wobei auch acht aus Milizen und Regulären com- binirte Bataillone mitwirken.
London, 26. Juni. „Reuter's Bureau" meldet ans Erzerum vom 25. Juni: Am 21. und 22. d. fanden ernste Gefechte bei den Engpässen von Delibaba statt. Der Kampf dauerte 33 Stunden. Der Verlust auf beiden Seiten war beträchtlich.
Lokal - -totiz.
Gießen, 27. Juni. Wir lassen nachstehend das Protokoll der Stadtverordneten - Sitzung vom 14. Juni folgen:
Beim Beginn der Sitzung widmete der Großherzogl. Bürgermeister dem dahingeschiedenen Landessürften des Großherzogs Ludwig III. Königliche Hoheit einen warmen Nachruf und erhoben sich die Herren Stadtverordneten zum Zeichen ihrer Theil- nahme von ihren Sitzen. Eine Deputation wurde sodann erwählt, welche der Beisetzung der hohen Leiche beizuwohnen und Sr. Königlichen Hoheit dem Grotzherzog Ludwig IV. wegen des Regierungsantritts die Giückswünsche der Stadt Gießen auszudrücken habe.
Alsdann werden folgende Gegenstände der Tagesordnung erledigt:
1- Zur Bestreitung der Kosten für die Aufstellung der Schulgeldsverzeichnisse nach Maßgabe des Ausschreibens Großb. Ministeriums des Innern vom 24. Jan. d.J. wurde dem Herrn Schulinspector Vigelius ein Credit von jährlich 50 zur Verfügung gestellt.
2. Die Erlangung eines Vicars für die durch die Theilung der 4. Stadtknabenschule weiter entstandenen Klaste ist bis jetzt nicht möglich geworden. Dem Schulver- walter Wehrheim ist deshalb der Unterricht an beiden Klassen vorerst üoertragen und demselben für die überzähligen Stunden eine Vergütung von M 50^ pro Stunde bewilligt worden.
3. Dem Reichstag soll demnächst ein Entwurf wegen Abänderung des Gesetzes vom 6. Juni 1870 über den Unterstützungswohnsitz vorgelegt werden, dessen Annahme die Städte in eine noch schlimmere Lage versetzen wird, als dies dermalen schon der Fall ist, indem es sich namentlich um Herabsetzung der zum Erwerb des Unterstützungswohnsitzes erforderlichen Zeit von zwei auf ein Jahr und des Alters von 24 auf 21 Jahre handelt. Es soll darum in einer von Vertretern der Städte anzuberaume.iden Versammlung diese Angelegenheit besprochen und die auf Erfahrung gestütztes Bedenken und Wünsche in motioirter Weise bei maßgebender Stelle vorgebracht werden.
4. Der vorgelegte Nivellementplan über Anlegung einer fahrbaren Straße zwischen dem Gartfeld und Wallthor wurde genehmigt.
5. Beschlossen wurde die Pflasterung den rechtsseitigen Trottoir vor dem Wallthor bis an die Hanau'sche Fabrik.
6. Für die Herstellung des großen Schwarzlachwegs in der Nähe des s. g. Felsen wurde der erforderliche Credit mit 99 x 40 bewilligt.
7. Die Ausführung der zu 204 JL veranschlagten Arbeiten zur Herstellung der Brücke über den Bruchgraben wurde genehmigt.
8. Durcy die Inangriffnahme der Arbeiten für das neue Unioersitätsgebiude wird die der Stadt obliegende Auffüllung an der Böschung der Ludwigsstraße nöthig. Es wurde daher auf Grund eines eingelangten Schreibens Gr. Kreisbauamts genehmigt, daß die Accordanten, welche die Auffüllung des Bauplatzes übernommen haben, für denselben Preis auch die Auffüllung für die Stadt besorgen.
Gießen, 27. Juni. Der Zugführer Jllig, 26 Jabre im Dienst auf der Main- Weser-Bahn wurde am Sonntag Abend in Langgöns überfahren. Der Verunglückte liegt hoffnungslos in der hiesigen Klinik.
Vermischtes.
Darmstadt, 26. Juni. Se. Majestät der Kaiser haben zu bestimmen geruht, daß die 1. Compagnie des Großh. Infanterie- (Leibgarde-) Regiments Nr. 115, sowie die 1. Escadron des Großh. Garde-Dragoner-Regiments Nr. 23 die ihnen früher verliehenen Benennungen „Großberzogs Leib-Compagnie" beziehungsweise „Großherzogs Leib-Escadron" fortsühren sollen, und daß solches auch in den Ranglisten angebeutet werde.
Darmstadt, 26. Juni. Oberst von Küchler ist vorläufig mit dem Präsidium des Großh. Hofmarschallamts betraut worden.
Darmstadt, 26. Juni. Die »Großh. Schloßwache" führt nunmehr den Namen „Schloßwache" und fungirt lediglich als Hauptwache. Danach kommen die seither für dieselbe als „Ehrenwache" geltenden Bestimmungen in Wegfall und wird sie nunmehr auch durch den Offizier du jour visitirt. Die Doppelposten sind auf einfache rebucirt, der Posten am Hoftbeatergarten ist eingegangen.
— Auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1580 wurde verordnet: „daß Domherrn nicht mehr in öffentlichen Trinkstuben spielen, oder zum Saufen herausfordern: daß sie sich des Schwörens und Gotteslästerns enthalten, keine Prügel mit in die Kirche nehmen, auch nicht mehr Räuberet treiben ober durch ihre Knechte treiben lassen sollten."
— Landgraf Georg I. der Fromme, bekanntlich der jüngste Sohn des großen Philipp, geb. am 10. September 1547 zu Kassel, gelangte durch den im Jahre 1567 erfolgten Tod seines Vaters zur Regierung über den achten Theil des Landes, die Obergrafschaft Katzenellenbogen (die Aemter Darmstadt, Dornberg, Rüsselsheim. Auerbach und Lichtenberg). Er war der Wiederherfteller dcS Darmstädter Schlosses, b't Schöpfer des großen Wooges rc. Am 10. Juli 1567 verließ Georg Kassel zur Reife nach Darmstadt, war am 11. in Traisa, am 13. in Marburg, wo er für Vz Thaler Brod für die Hunde auf den Weg nach Friedberg kaufen ließ. Bei seiner Abreise aus Marburg schenkte er 4 Thlr. ins Haus, d. h. an die Dienerschaft des Landgrafen Ludwig IV. Am 14. war Georg in Friedberg, woselbst für ein Nachtlager mit dem fürftl. Gesinde in der Herberge zum Ochsen 13 fl. gezahlt und 1 Ortsgulden ins HauS geschenkt wurden. Am 15. Mittags in Frankfurt angekommen wurden für ein Mittags mahl im Ochsen Hfl. gezahlt. Auch kaufte er in Frankfurt 1 Ries Papier für 1 Thlr.
Mainz. Der „Mzr. Azgr." schreibt sebr treffenö: Die Untersuchungen bet Lebensmittel und Gewürze haben bei drei hiesigen Specereihändlevn zur Entdeckung von stark versetzten Gewürzen geführt. Man hüllt die Namen derselben in eine Dis- cretion, die wohl Niemand billigen kann. Irrt sich die Presse im besten Glauben, so werden alle Instanzen und der ganze Strafapparat aufgeboten, um den von ihr „beleidigten" Individuen Genugtbuung zu verschaffen. Hier handelt es sich aber um Hunderte von Personen, die an ihrer Gesundheit und an ihrem Geldbeutel geschädigt sind, um Geschäfttzftrmen, gegen die man die Achtsamkeit des Publikums wachrufen muß, also jedenfalls um etwas Wichtigeres, als um eine öffentlich verbreitete Verbalinjurie.


