Sfo« ÄNN Erstes Blütt. Sonntag, beu 23. December
1877.
reßener Anzeiger
Aiyc'P- uni Amts blutt für bcu Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Expedition: Schul st raße, Lit. B. Nr. 18.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hßeil'.
An die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Bezirks.
Soweit dies nicht bereits geschehen, wollen Sie Bescheinigungen über im Jahre 1877 abgebrannte oder abgebrochene und nicht wieder aufgebaute Gebäulichkeiten, und zwar für jede Nummer des Brandkatasters eine besondere ausfertigen und bis Ende l. I. anher einsenden.
Zum Behuf der Wahrung dieser Veränderungen, sowie der in 1877 vorgekommenen Besitzwechsel wären die Brandkataster selbst, sofern solche sich nicht eben hier befinden oder mit Declarationen in den nächsten Tagen doch hierher gelangen, ebenfalls vorzulegen.
Gießen, 22. December 1877.
Großh. Steuer-Commissanat Gießen.
S ü f f e r t.
Nolilischer Hheiü
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr» Correspondenz-Bureau.
Bukarest, 20. December. Der Czar richtete von der Grenze ein Telegramm an die Fürstin von Rumänien, worin er für den ihm in Rumänien bereiteten Empfang dankt. Das Telegramm schließt: „Möge uns Gott gestatten, möglichst bald einen ersprießlichen, ruhmreichen Frieden zu schließen!" Der Fürst von Rumänien hat an die rumänische Armee einen Tagesbefehl erlassen, worin er ihr im Namen des Landes und in seinem eigenen für ihre glänzenden Thaten und ihre aufopfernde Tapferkeit dankt.
London, 20. December. „Reuter's Bureau" meldet aus Erzerum vom 19. d.: Das Gros der Russen steht jenseits Soghanli. Zehn russische Bataillone sollen von Adrianopel nach Kars gesendet worden sein. Der Com- mandeur der Division von Bajazid, General Tergukassof marschirt mit 12 Bataillonen gegen Batum.
Wien, 20. December. Die „Presse" meldet Uug Konstantinopel: Die Vertheidigung Rumeliens wird neu organistrt. Suleiman Pascha erhielt Ordre, seine ganze Armee mit Zurücklasiuug der für die Festungen erforderlichen Be satzungen über den Balkan nach Rumelten zu dirigiren. Derselbe ist hier eingetroffen , um an den Berathungen über den zu befolgenden Operattonsplan theilzunehmen.
Konstantinopel, 20. December. Schakir Pascha meldet aus Ka- marlt vom 19. d.: Von Etropol her war eine starke Detonation vernehmbar; man glaubt, daß die Ruffen behufs Herstellung von Wegen Minen sprengen.
Konstantinopel, 20. December. Behufs Neuwahl des Präsidenten hat die Kammer drei Candtdaten aufgestellt, nämlich Haffan Fehmi Effendi, Jenichehirli Effendi und Assim Moüah, sämmtlich Muhamedaner; von diesen wählt der Sultan einen als Präsidenten aus.
Konstantinopel, 21. December. Der Sultan hat die Bitte der Eleven der Militärschule, auf den Kriegsschauplatz gesendet zu werden, bewilligt. Die Vorbereitungen zur Vertheidigung des Balkans dauern fort. Der hiesige französische Militär-Attache hat sich nach Frankreich begeben.
Petersburg, 21. December. Den bisherigen Dispositionen zufolge wird der Kaiser am Samstag Vormittag 10 Uhr hier auf dem Warschauer Bahnhof eintreffen. — Ein Artikel des „Golos" über die Einberufung des Parlaments und die voraussichtlichen Maßregeln des britischen Cabinets schließt folgendermaßen: Rußland könne den Ablauf dieser politischen Episode ohne Besorgniß abwarten und die ruhig begonnene Sache sortführen in der vollen Überzeugung, daß die Jntriguen des Lord Beaconsfield Rußlands Triumph nicht verhindern würden.
Wien, 21. December. Die „Presse" enthält folgende Meldungen: Aus Sistowa : Der Fürst von Rumänien nebst Gefolge verläßt Poradini. Dle Armee Suleiman Pascha's setzt ihren Rückzug vom Lom-Fluß fort — Aus Pera. Die Zurückberufung Midhat Pascha's gilt für nahe bevorstehend, da, wie man wiffen will, jetzt auch der Sultan damit einverstanden ist.
— Die „Polit. Corresp." meldet aus Konstantinopel von gestern: Meh rere mobamed. Deputirte wollen in einer der nächsten Parlaments-Sitzungen die Regierung bitten, in Friedensunterhandlungen einzutreten. Die Pforte wird angeblich demnächst eine Aushebung von 300,000 Mann anordnen. Man erwartet eine Proclamation des Sultans an das serbische Volk, durch welche die Absetzung des Fürsten Milan ausgesprochen wird. Aus Bukarest meldet dieselbe Correspondenz vom 21. d.: Man glaubt, Fürst Karl werde bald nach Bukarest zurückkehren, von wo aus derselbe dann nur zeitweise die rumänische Operations-Armee inspiciren werde. In Bulgarien und Rumänien wüthen seit einigen Tagen furchtbare Schneestürme. — Dieselbe Correspondenz meldet aus Cettinje von heute: Die Montenegriner erwarten stündlich die Capitulation des Castells von Anttvari. Der Fürst ist in Cettinje eingetroffen.
Paris, 21. December. Die Ernennung Saint Valliers zum Botschafter in Berlin ist der „Agence Havas" zufolge heute vom Marschall-Präsidenten unterzeichnet worden und wird morgen im Amtsblatt veröffentlicht werden. — Das Journal „Temps" meldet: Der Minister des Auswärtigen, Waddington, hatte gestern die Beamten seines Cabinets um sich vereinigt, und, erklärte denselben: die Situation erfordere, daß das republikanische Negtmö!
diesmal definitiv begründet werde. Jeder Beamter müsse von den gebieterischen Anforderungen der neuen Lage durchdrungen sein. Wenn sich etwa unter den Beamten einige befänden, die der gemeinsamen Anstrengung widerstrebten, so würde es für diese gerathener sein, einer anderen Laufbahn zu folgen.
Belgrad, 21. December. Amtliche Meldung. Die serbischen Truppen haben am 19. d. das Defil6 St. Nikolas und dessen Befestigungen erstürmt. Die beiderseitigen Verluste sind noch nicht bekannt. An demselben Tage wurden nach hartnäckigem Kampfe von einem serbischen Detachement die türkischen Befestigungen an der Brücke von Belina genommen, letztere zerstört und dadurch die Verbindung zwischen Nisch und Descovacz unterbrochen. In Folge einer Umgehungsbewegung der Serben haben die Türken die Position von Babina-Glava verlassen, welche darauf von den Serben besetzt wurde. An der Drina und am Jovor ist Alles ruhig. 36 Dörfer in der Umgebung von Adile haben dem Fürsten von Serbien ihre Ergebenheit ausgesprochen.__
LNkaL-Atvtiz
Gießen, 22. Decbr. Am Sonntag den 16. December fand der zweite wissenschaftliche Vortrag im Saale drs Gesellschaftvereins Statt. Gegenstand des interessanten Vortrages war „die Geschichte und Cultur des Wetzens". Der Redner, Prof. Thaer entwickelte merst die Ansichten de Candolle's und Darwin's über die Entstehung der Spectes Triticum vulgare, des Cultur-Weizens und sprach dann über die Varietäten desselben. Danach ging er über zur Geschichte des Weizens. Er verfolgte den- selben von seinem ersten historischen Auftreten in Aegypten und Mesopotamien durch die spätere griechische und römische Zeit, zog die in den Mumiengrabern in Aegypten, in den Häusern von Pompeji und Den Pfahlbauten gefundenen Körner in die Betrachtung und verweilte dann längere Zett bei der Verbreitung des Wetzenbaues in Deutschlard durch das Mittelalter bis zur Gegenwart. Einige statistische Excurse berührten die jährlich steigende Getreideeinfuhr nach Deutschland, die Kornpreise und deren Bestim mungsgründe, sowie den internationalen Getretdehandel zwischen Europa und America. Auch dle D'fferenzialtarife der Eisenbahnen wurden in ihrer Schädigung für das Interesse der Volksernährung besprochen. Nach kurzer Schilderung des americanische Mahloerfahrens und de- Bedeutung des Schrotbrodes, wandte sich der Redner zur Cultur des Weizens auf dem Felde. Er schilderte den Jahreslauf der Vegetation, die Saat, Durchwinterung, Frühjahrsgesahren, Reife, Erndte, Ertrag, wobei er insbesondere auf die neuern in der Agricultur gebrauchten Maschinen hinwies. AlsHülfs- mittel zum sicheren Anbau des Wetzens nannte er noch ausdrücklich die Phosphate, Drillsaat, Drainage und Tiefcultur. Aber auch seine gefährlichen Feinde hat der Weizen in einer Reihe von Jnsecten und Pilzen, welche kurz charakterisirt wurden. Zum Schlüsse erging sich der Vortragende noch über die Verbreitung der Culturzonen des Weizens auf der Erde. — Mehrere Instrumente in Modellform, sowie einige Weizensorten waren zur Erläuterung des Vortrages im Saale aufgestellt und wurden von den Anwesenden nach dem Vortrage mit großem Interesse in Augenschein genommen.
Gießen, 22. Dcc. Heute Morgen fand im Sitzungssaale des Rathhauses die Abstimmung wegen Vereinigung der katholischen Schule mit den übrigen städt. Schul- anftaltin statt. Von 43 Herren, welche erschienen waren, stimmten 27 für Vereinigung und 16 gegen dieselbe. — In Gießen existiren nunmehr keine confessionell getrennten Schulen mehr. Die Stadt kann sich zu dieser Weihnachtsgabe Glück wünschen.
--Gestern Vormittag ereignete sich auf dem Standesamts gelegentlich der Zusammknsprechung einer geschiedenen Ehefrau mit ihrem nunmehrigen Gatten eine eigenthüwliche Scene. Als der betr. Standesbeamte grade in der Formel war: Kraft des Gesetzes erkläre ich rc. löste sich die ganze Topetenmasse einer Wand und bedeckte das Brautpaar sammt Standesbeamten vollständig. Wir wollen hoffen, daß dies keim schlimmes Omen für die neuen Eheleute sein möge.
Gießen, 22. Decbr. Wie wir einer Berliner Zeituna entnehmen, fanden am 16. u. 17. d. M. die beiden letzten Concerte der Neuen Wiener Damen-Kapelle unter der Leitung ihrer Directrice Frl. Olga Herfter im Stadttheater in Berlin start. Schon bet der Ankündigung der früheren Concerte rief bezüglich der Leistungs- sähigkeit dieses Orchester ur ter Musikfreunden lebhaftes Für und Wider hervor und man sah ihnen deshalb mit gespanntem Interesse entgegen. Heute, nachdem wir Ne beiden letzten Concerte gehört hoben, können wir, überrascht von den vorzüglichen Lei ftunpen. nicht umhin, eingehender darüber zu referirin. Nüchtern und frei von allem bedenklichen Enthusiasmus müssen wir gestehen, daß eine Musik, wie sie uns in diesen beiden Concerten zu Gehör gebracht worden ist, zu den selteneren Erscheinungen gehört. Ueber die einzelnen Nummern der sehr gewählten Programms zu berichten, kann schon in Hinsicht des beschränkten Raumes hier nicht unsere Aufgabe sein, und bei der unge- theilten Anerkennung des Gediegenen, die sämmtliche Mitglieder in Ausübung ihrer Kunst bei den Zuhörern fanden, dürften zunächst über Vortrag rc. Mittheilrrngen erwünschter sein. — In der wichtigen Darstellung der eigentlichen Bedeutung der Töne, wodurch der Geist des Tonstückes ausgebraucht wird, besteht im Allgemeinen die Aufgabe des guten Vortrags, und wenn die Lösung dieser Aufgabe von allen Mitgliedern des Orchesters mit vollster Hingabe glänzend geschah, so muß ferner hervorgehoben werden, daß besonders der Vortrag der PlLcen langsameren Tempos, welcher mit feinsten Nüancirungen, merklichen Zusammenschmelzen der Töne, frei von Ueberhäufung der Manieren und Veränderungen der Melodien erfolgte, von gebildetem Geschmack und viel Erfahrung zeugte; darnach allein schon ist der Grad der Ausbildung des


