Ausgabe 
20.11.1877 Erstes Blatt
 
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jtfo. ISS. Zweite» Blatt. Sonntag, den 18. November 1877.

Meßmer Myeiger

Aifkige- Md Amtsblatt für dea Kreis Gießen.

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Schulste.ße, LU. B. Nr. 18. Durch dik Post be)»gen viertctiahrlrL 3 Mqrk io Pf.

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Amtlicher Töeit. Bekanntmachung.

E- wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die durch den Tod des Kaminfegers Reultn g erledigte Kamtnfegerstelle des Kehrbezirks Gießen I. dem in Gießen wohnhaften Fran, Nebl aus Plattltng in Bayern übertragen worden ist.

Gießen, den 10. November 1877.

Großberzogliches Kreisamt Gießen. Dr. B o e k m a n n. ________________________

Ar; -je GrMerWlichm Bürgermeistereien -es Besirks ercl. Gießen.

Die Ihnen t H. zukommenden GcwerbSpatente wollen Sie ausferttgen, von den Gewerbtreibenden unterschreiben laßen und solche sodann, nach dm Stimmen geordnet, binnen 4 Wochen wieder anher einsenden.

Gießen, 16. Novbr. 1877.

Großherzogliches Steuer-Commtssartat Gießen.

(Süffelt.

politisch

Wochenübersicht.

Unser Kaiser hat auch in der vergangenen Woche einige Jagden und zwar diesmal bet Letzlingen abgehalten. Der Kronprinz ist, nach­dem er in Bonn seinen ältesten Sohn besucht, zu seiner in Wiesbaden weilen­den Familie gereist, hat sich aber von dort bald zum Begräbniß der am 8. d. verstorbenen Königin - Mutter von Sachsen, der Wittwe des Königs Johann, nach Dresden begeben.

Kaiser Alexander hat dem Kaiser Wilhelm bei dem Tode desälte­sten Soldaten der preußischen Armee" seine aufrichtige Theilnahme bezeugt und zugleich sein lebhafte- Bedauern darüber ausgesprochen, daß es nicht möglich sei, von dem vor dem Feinde stehenden Regiment des verstorbenen Generalseld- marschalls eine Deputation zu dessen Letchenbegängniß zu senden. Seitens der deutschen Reichsregierung ist wegen der Ermordung des deutschen Tele- graphen-Beamten Kaiser in der Gegend von Adrianopel eine Untersuchung bei der Pforte verlangt worden. Die Andeutung des österreichischen Handels- Ministers im Reichsrath, daß Deutschland die Schuld an dem Scheitern der Verhandlungen über den Handelsvertrag trage, wurde deutscherseits durch einen Artikel derProv. Corresp." widerlegt, welcher nachwies, daß die öster­reichischen Forderungen mit den deutschen Jnteresien in einem unvereinbaren Widerspruch standen. Uebrigens hat die Veröffentlichung des österreichischen Zolltarifs die Aussicht auf das Zustandekommen eines Vertrags bedeutend vermindert.

Da- preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich in zwei Sitzungen mit dem Etat für 1878/79. Der dabei besprochene Dispositions- Fonds für allgemeine politische Zwecke gab dem Centrum und der Fortschritts- Partei zwar, wie gewöhnlich, Anlaß, die Schale ihres Zornes über die amt­lichen und officiösen Pnß-Organe der Regierung auszugießen, wurde aber von der Mehrheit deS Hauses bewilligt.

Das Gebiet des Kulturkampf es zeigt die gewohnten staatsfeindlichen Kundgebungen der ultramontanen Partei. Nicht blos in Düfleldorf, auch in BreSlau hat eine zahlreich besuchte Versammlung von Katholiken stattgefunden, welche die Absendung einer Petition an den Kaiser um Aufhebung der Mai­gesetze und Erfüllung der bekannten Forderungen in der Schulfrage beschloß. An die Düfleldorfer Versammlung schloß sich noch eine Conferenz von Geist­lichen auS den Diöcesen Trier, Köln, Münster und Paderborn an, iu welcher sie sich über eine gemeinsame Haltung der Regierung gegenüber verständigten. Glücklicherweise braucht man nicht zu befurchten, daß diese Agitationen irgend einen Erfolg erzielen werden. Hat doch der Kaiser selbst soeben seine Auffassung der Sache deutlich genug dadurch kundgegeben, daß er alle derartigen Maffen- Petitionen ohne Weiteres dem Cultusminister zur reffortmäßigen Berichterstat­tung überwiesen hat. Hoffentlich läßt es auch die Staatsregierung nicht daran fehlen, die anmaßenden Eingriffe des päpstlichen Staatssekretärs energisch zu­rückzuweisen, nachdem der von letzteremsuspendtrte" Canonicus Dr. Künzer in Breslau sich in dieser Angelegenheit mit einer Beschwerde an sie gewandt hat. Die Gerichte thun nach wie vor ihre Schuldigkeit: so ist gegen diejeni­gen Geistlichen, welche in Diettichswalde wider das Gesetz geistliche Functionen verrichtet haben, eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet und der dortige Pfar­rer Weichsel, derselbe, welcher den Besuch des Apostels Johannes empfangen haben will, wegen Zeugnißverweigerung verhaftet worden.

Der König von Bayern soll den päpstlichen NuntiuS Masella, nach­dem er ihn fünf Monate hat warten laffen, endlich zur Entgegennahme seines Beglaubigungs-Schreiben empfangen haben. Dagegen fürchtet man, wie ver­lautet, in Rom, daß der König nächstens seinen bisherigen Gesandten beim Vatican für immer abberufen werde.

In Oesterreich-Ungarn war eine Conferenz des Kaisers mit dem Erzherzog Albrecht, dem Kriegsminister und dem Grafen Andraffy das Ereigniß

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der Woche. Osficiös wird zwar versichert, 'daß es sich dabei nur um das Arttlleriewesen gehandelt habe; es unterliegt aber wohl keinem Zweifel, daß man sich mit der Frage beschäftigt hat, was man im Falle einer Betheiligung Serbiens am Kriege thun solle. Für den Augenblick scheint man allerdings noch keinen Anlaß zu finden, aus der bisherigen Reserve herauszutreten. Sei­tens des österreichischen Kultusministers ist nunmehr auch endlich die Anerkennung der allkatholischen Kirchen-Gemeinschaften erfolgt.

Innerhalb des italienischen Cabinets ist eine kleine Mintsterkrtfis ausgebrochen, indem der Handelsminister Zanardellt, der fich mit dem Minister- Präsidenten Depretis über die Etsenbahnfrage nicht verständigen konnte, um seine Entlastung gebeten und letzterer die Führung der Geschäfte bereits über- notnmen hat.

In Frankreich scheint die seit Monaten schwebende Krisis endlich ihrer Entscheidung entgegenzugehen. Nachdem die Bildung eines Geschäftsministe- rinms gescheitert war, haben sich die bisherigen Minister entschließen müßen, in dieLöwengrube" hinabzusteigen und ihre Politik vor der neuen Kammer zu vertheidigen. Leider scheint letztere, trotz aller Ermahnungen, die ihr Prä­sident Grevy an sie richtete, nicht geneigt, die bisher beobachtete Mäßigung zu bewahren. Sie hat nämlich sofort nach ihrer Constttuirung die Bildung eines Wahlausschußes in Aussicht genommen, welcher die Seitens der Regierung be­gangenen Gesetzesübertretungen aburtheilen soll, und dadurch deutlich kundge- geben, daß sie die Männer des 16. Mat verurtheilen will. Der Marschall Mac Mahon ist dnrch dies provokatorische Auftreten der Kammer natürlich in seinem Entschluß, der Linken keine Zugeständnisse zu machen, nur bestärkt wor­den und hat schon durch den Minister-Präsidenten Herzog v. Broglie andeuten lasten, wie unverschämt es ihm vorkomme, daß zwei Factoren der Staatsge­walt sich ohne Weiteres vor dem dritten beugen sollten. Der Zusammenstoß zwischen Regierung und Kammer kann jetzt daher jeden Tag erfolgen und wird, falls die Majorität des Senats sich, den Versicherungen der Rechten entspre. chend, auf die Seite des Marschalls stellen sollte, aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer gewaltsamen Durchhauung des Knotens führen.

Der Köntg von Belgien hat auf Antrag seines Ministers der öffent­lichen Arbeiten die Einsetzung einer Commission aus hervorragenden Beamien und Jndnstriellen angeordnet, um neue Verwendringsarten des Eisens in der Industrie ausfindig zu machen.

Für England war die Rede des Premierministers Lord Beaconsfield auf dem Lord-Mayors-Banket das hervorragendste Tagesereigniß. Derselbe erklärte, die Unabhängigkeit der Türket könne nach ihren Krqstleistungen nicht mehr bezweifelt werden, erinnerte ferner an das Versprechen des Kaisers Alexander, daß er keinen Gebietszuwachs erstrebe, und sprach endlich die Hoff­nung auf einen durch die Mächte zu vermittelnden baldigen Friedensschluß aus. Merkwürdiger Weise bält dieTimes" tndeß diese Hoffnung des Ministers gar nicht für ernst gemeint. Mit dem von ihm bet derselben Gelegenhett auf die englische Politik gesungenen Loblied stimmt es auch nicht recht, daß der Führer der liberalen Partei im Unterhause, Lord Hartington, der gegenwärtig einen Triumphzug durch Schottland hält, in Edinburgh laute Klage darüber erhob, daß Englands Einfluß in der Wagschale Europas nicht ein Loth wiege, und darauf drang, die Regierung müße sich, wenn sie etwas ausrichten wolle, an die übrigen Mächte anschließen. Der sog. Nothstands-Ausschuß für Indien hat, nachdem er 416,100 Pfund zusammengebracht und die Zustände in Indien sich gebestert, seine Sammlungen eingestellt.

Das dänische Volksthing hat zwar das von der Regierung erlaßene Budget vorläufig bewilligt, auch das Landsthing im Einverständnisse mit der Regierung seine Zustimmung zu diesem Beschlüße gegeben, der Conflict zwischen dem Ministerium und der Volksvertretung ist dadurch indeß nur auf einige Zeit hinausgeschoben.