■ ~ Gießen, den 9. April 1877.
Betreffend: Die Ableistung des Verfassungs-Eides vom L Quartal 1877. r ,
Das Großherzogliche Krelsamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien Göbelnrod, Lindenst^uth, Londoif, Odenhausen und Rüddingshausen,
Unter Hinweis aus unsere Versügung vom 29. Decembcr 1874 (Anzeiaer No. 5 von 1875) sehen wir Ihrer umgehenden Berichtserstattung entgegen. m .
ö D v. Roder.
Wenn ein Militärpflichtiger wegen Gebrechen oder Krankheit persönlich zu erscheinen nicht im Stande ist, oder wenn er sich in gerichtlicher Haft befindet so ist darüber ein auf persönlicher Anschaunng beruhendes Z-ugniß des Arztes und der Bürgermeisterei, bezw. eine Bescheinigung des Gerichts vorznlegen. - Den Großherzoglichen Bürgermeistereien liegt es ob, daraus aufmerksam zu machen, daß ein Militärpflichtiger wegen gerichtlicher Bestrafung dec, OTIiffin dienstes unwürdig ist, und sind deßhalb die erforderlichen Nachweise amtlich zu erwirken ui,d vorznlegen.
Die Verhandlungen über Zurückstellungsansprüche sind von den Grosherzoglichen Bürgermeistereien, soweit es noch nicht geschehen, baldthunlichst spätestens in dem Musterungstermine a» die Ersatz-Commission gelangen zu lassen.
Im Anschluß an das Ersatz Geschäft finvct .. ,
J Dienstag den 17. Aprrl im Gasthaus zum Rappen zu Grunberg,
Samstag den 21. April im Saale des alten Rathhauses zu Gieße» und Freitag den 27. April im Rathhaussaale zu Lied
die Klasststcirung der Reserve- und Landwehr-Mannscvaften rücksichtlich ihrer väuslichen unt gewerblichen Verhältnisie statt.
Es paben daher diejenigen Reservisten und Laiidwehrmänner, sowie die Ersatz-Reservisten 1. Classe, welche im Falle einer Einberufung auf Zurückstellung wegen häuslicher Verhältnisse einen Anspruch machen zu können glauben, an den bezeichneten Tagen, Morgens 11 Uhr, zu erscheinen und ihre Gesuche zu beqründen.
(Sieben, ben 27. 1877.
p Der Civil-Vorsitzende ber Ersatz-Commission bes Kreises Gießen.
Dr. H off mann, Negierungsrath._____________________________________________________
politischer H h e i l.
Dresden, 9. April. Heute Morgen ist in ber Kreuz-Straße ein Haus in Folge einer Explosion von Feuerwerks-Körpern total zerstört worben. Bis etzt sind bereits 7 Personen zu Tage gesörbcrt worben, einige tobt, einige im schwerverletzten Zustande.
Bremen, 8. April. Am Montag wirb hier eine große Versammlung iattfinden zur Veranstaltung einer Kundgebung für das Verbleiben des Fürsten Bismarck im Amte und für nachdrückliche Unterstützung seiner Politik durch den Reichstag.
Deutschland.
Berlin, 6. April. In der heutigen Sitzung des Bundesrathes ist der Gesetz-Entwurf über die Errichtung des Reichs-Gerichts in Leipzig zur Annahme gekommen. — Bis heute Mittag war eine kaiserliche Entschließung in der Angelegenheit bezüglich des Reichskanzlers noch nicht ergangen. Die „Noidd. Allg. Ztg." bezeichnet die Zeitungs-Mittheilung, die Verhandlungen zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck über des Letzteren Abschieds-Gesuch würden durch Graf Eulenburg als Vertrauensmann geführt, als irrthümlich; der Kaiser habe über das Entlassungs-Gesuch nur mit dem Reichskanzler selbst gesprochen. Ferner wird auch das Gerücht von Differenzen zwischen dem Kaiser und Bismarck über das Maß der Rußland von Deutschland zu gewäh renden Unterstützung von der „Norddeutschen" als ganz willkürliche Erfindung bezeichnet. Ebenso herrsche das Gerücht von einem angeblichen Einlenkeu der römischen Curie gegenüber auf durchaus müssiger Conjectur. Auch der Angelegenheit hinsichtlich des Chefs der Admiralität, v. Stosch, werde irrtümlicher Weise ein Einfluß zugeschrieben, den dieselbe nach Mittheilung von Erdiger Seite nicht habe. — Die „Nat.-Ztg." berichtigt die Meldung, daß der Reichskanzler bereits die Geschäfte seines Amtes abgegeben habe, dahin: derselbe er ledige noch fortwährend laufende Sachen und nehme Vorträge entgegen.
Berlin, 6. April. Ueber die Angelegenheit des Kanzlers hat die „Post" von heute Abend Andeutungen, die ebenfalls zu verstehen geben, daß der Rücktritt keineswegs entschieden sei, und Fürst Bismarck unter der Voraussetzung gewiffer Reformen, sowie der geeigneten Organe zu deren Ausführung, zu bleiben sich veranlaßt sehen könnte. So sei auch ein kurzer Urlaub nicht ausgeschloffen. — Die Nachrichten aus Konstantinopel lauten heute wieher unsicher und lasten vermuthen, daß auch dort eine zwiefache Strömung herrscht, worin die Widersprüche über die voraussichtliche Haltung der Türkei dem Protokoll und den Rathschlägen der Mächte gegenüber ihre Erklärung finden.
Berlin, 7. April. Auch bis heute ist eine Entscheidung bezüglich der Bismarck-Krisis noch nicht eingetroffen. Wahrscheinlich wird ein einfacher Urlaub und Stellvertretung wie früher beliebt. Inzwischen hofft man die Angelegenheit auf constitutionellem Wege zu regeln.
Berlin, 7. April. Camphausen hat bis jetzt die meisten Aussichten'; vorläufig ist jedoch die Versastungs-Regelung wichtiger, als die Personen-Frage. Die Entscheidung erfolgt nächster Tage.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Betreffs der Entscheidung über das Entlastungs-Gesuch Bismarck's sei auch heute Zuverlässiges nicht zu Hören- Alle aus dem Rahmen einer Stellvertretung heraustretenden Gerüchte seien als unwahrscheinlich anzusehen. Wenn vielfach davon die Rede ist, daß der Urlaub nur als mildere Form des definitiven Rücktritts aufzufassen ist, trete doch deutlich genug hervor, daß dem Kaiser Alles widerstrebe, was den Anschein eines definitiven Rücktritts begünstigen könnte. Die Behauptung, daß die Stellvertretung schon eingetreten sei, ist falsch, da der Reichskanzler feine feiner amtlichen Functionen bisher eingestellt hat; auch sind in seiner Umgebung keinerlei Reise-Vorbereitungen bemerkt worden. Wie die „Kreuz-Ztg." erfährt, ist es noch ungewiß, ob dem Reichstage schon am Dienstag irgend welche Mitthei lung über die Beurlaubung, resp. Stellvertretung des Reichskanzlers zugehen werde. Man halte es neuerdings für möglich, daß dem Kanzler nur ein vorläufiger Urlaub mit gewöhnlicher Stellvertretung unter Vorbehalt weiterer Verhandlungen über ein dauerndes Arrangement bewilligt werde.
Berlin, 8. April. Windthorst- Meppen wird bei der Eröffnung des Reichstages am 10. April wieder auf feinem Platze sein. An ein plötzliches Einlenken der neuen Regierung in der kirchlichen Politik wird nicht gedachr, doch sind von Rom aus hierher an eine hohe Adresse Mittheilungen gemacht, wonach einige Cardinäle, namentlich Antonelli's Nachfolger, Simeoni, nicht abgeneigt sind, über einen modus vivendi zu unterhandeln.
Berlin, 9. April. Der Kaiser wird heute Nachmittag um 4 Uhr den Reichskanzler Fürsten Bismarck empfangen. — Der Großfürst und die Großfürstin Wladimir werden auf der Durchreise nach ber Schweiz am 12. b. M. hier eintreffen und im russischen Botschafts-Palais Absteigequartier nehmen. — Anläßlich der Verlobung ber Prinzessin Charlotte mit dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen werden am Sonntag ein Galadiner im Weißen Saale des königl. Schloffes und Montags große Cour stattfinden.
Dresden, 7. April. Laut officieller Meldung des „Dresd. Journals" ist die Rinderpest im Königreich Sachsen nunmehr für erloschen erklärt.
Hesterreich.
Wien, 7. April. Die „Polit. Corresp." meldet aus Erzerum Folgendes: Die türkische Kaukasus-Armee hat Befehl erhalten, zwischen Batum, Tschichedsiri, Acho und dem Tscharul eine strategische Ausstellung zu nehmen. Innerhalb dieses Vierecks sollen 82 Bataillone Infanterie, 18 Escadronen Kavallerie, 28 Batterieen concentrirt werden. Batum ist zum Hauptquartier be- timmt. Die Türken glauben an einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch des Krieges. Die Gesundheitsverhältniffe der türkischen Armee sind sehr ungünstig. Typhus tritt epidemisch auf; es fehlt namentlich an Aerzten. Nach einer Tifliser Meldung desselben Blattes wäre die russische Kaukasus-Armee vollständig kriegsbereit, die Reserven des Kutaiser Gouvernements herangezogen. Die kaspischen Irregulären mit 3 Brigaden des Tifliser Corps, 6 Feld- und 4 Gebirgs-Batterieen, sollen die Avantgarde bilden.
Pesth, 8 April. Särnmtliche Blätter bezeichnen die Beurlaubung Bismarck's als eine Gefahr für die Interessen Ungarns; eine Rückwirkung des Ereignisses dürste die von Andraffy in der orientalischen Frage befolgte Politik gefährden.
Dänemark.
Kopenhagen. Die Socialisten-Führer Pio und Geleff sind, ohne ihre Schulden bezahlt zu haben, aus Dänemark heimlich verschwunden.
Frankreich.
Paris. In den hiesigen russischen Kreisen erzählt man, daß die Petersburger Regierung sehr unzufrieden ist mit den Dampfbvvten, welche der Marine- Minister von der Gesellschaft des Schwarzen Meeres für 5 Millionen Rubel erstanden hat. Den Sachverständigen zufolge sind dieselben keine 2x/2 Millionen werth. In den nämlichen Kreisen ist man überzeugt, daß die Türkei das Londoner Protokoll deshalb nicht annehmen werde, weil sie fest entschlossen sei, keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei zu dulden. Rußland setzt übrigens auch seine Rüstungen fort. Ein großer Finanzmann aus Petersburg, der sich gegenwärtig in Paris befindet, erhielt die Nachricht, daß auf höheren Befehl die Güterzüge auf jenen Bahnen, welche nach dem Don und dem Kaukasus führen, auf zwei Wochen eingestellt werden sollen. Die Zahl der Truppen, welche zwischen Tiflis und Eriwan in der nächsten Zeit aufgestellt werden sollen, beträgt 160,000 Mann. Der Pontus-Hafen Poti ist mit Torpedos versehen worden, welche von Odessa gesandt wurden.
Paris, 7. April. Die Veröffentlichung des Londoner Protokolls läßt die Friedens-Aussicht weniger bestimmt erscheine«. Da Bismarck mit seinem Rücktritt auf die Lösung ber orientalischen Frage warten sollte, erklärte er, daß er vorziehe, seinen Einfluß in nichtamtlicher Weise geltend zu machen.
Paris, 7. Aprll. Dem „Moniteur" zufolge berechtigen die jüngsten Nachrichten aus Konstantinopel zu der Hoffnung, daß die berechtigten Wünsche Europas nicht unberücksichtigt bleiben würden. Der Unterrichts-Minister Waddington hielt bei der Preisvertheilung an ber Sorbonne an die Mitglieder der wiffenschaftlichen Gesellschaft eine Rede, in der er auf den gelegentlich der Pariser Welt-Ausstellung von 1878 stattfindenden Congreß der gelehrten Ge- selkschaften hinwies und die Hoffnung anssprach, daß der Friede, deffen Aufrechterhaltung das Ziel der Regierungs-Politik sei, welche zugleich die Politik Frankreichs präsentire, und welches Ziel dieselbe mit aller Kraft erstrebe, ungestört erhalten bleibe.
— Gregory Ganesco ist gestorben.
England
London, 7. April. Den „Daily News" zufolge beabsichtigt die Opposition im Unterhause demnächst das Protokoll und die Erklärung Lord Derby's zum Gegenstände eines Tadels-Antrages gegen das Cabinet zu machen. — Ein Telegramm der „Times" aus Washington meldet, daß Lee aus Ohio zum nordamerikanischen General-Consul in Frankfurt a. M- ernannt sei.


