Der orientalische Krieg.
Pera, 4. August. Ein Rundschreiben des General-Gouverneurs von Adrianopel übersendet der Hohen Pforte folgendis Verzeichniß neuer Greuel, welche die Russen und Bulgaren im Vilajet Adrianopel verübt haben sollen:
Am Montag, 23. Juli, verstümmelten Bulgaren aus dem District Eskisagra mehrere Personen (deren Namen aufgeführt werden) aus dem Dorfe Torkhau. An demselben Tage verstümmelten Bulgaren fünf Muselmänner im Dorfe Babamuslim. In Aladagh wurden vier Muselmänner hingerichtet, ferner Achmed und Mustapha im Dorfe Echeldje. Ein zweijähriges Mädchen Namens Zeliha und eine Frau aus Gulsar bei Tirnowa wurden durch Flinten- schüffe und Bajonnetstiche verwundet. In Hazirbaba, District Hassan, erhielten Mustapha Pascha, Hassan und Kodja Mebmed Wunden, welchen sie erlagen. Zwölf Flüchtlinge aus Arabli und Ambarli, darunter Frauen und Kinder, wurden hingeschlachtet. Aehnliches geschah in Selims, Jenitzagra, Jamboli und anderen Orten im Vilajet Adrianopel. Die Verwundeten und die Leichname Hasian's und Kodja Mehmed's wurden nach Adrianopel gebracht. Der englische Consul, der Vice-Consul und der „Times"-Correspondent constatirten den Zustand der unglücklichen Einwohner von Torlak im District Rasgrad, sieben Stunden von Rustschuk, von denen zwei Drittel Christen sind und die sich weigerten, sich zu unterwerfen, worauf ihre Häuser, 400 an der Zahl, und ihre Kirchen von den Rusten angezündet wurden. Bei dem Einmärsche der Rusten in Hazirbey, einem Dorfe bei Eskisagra, wurden 400 Muselmänner, die sich aus verschiedenen Gegenden dorthin geflüchtet hatten, sämmtlich hingeschlachtet ohne Unterschied des Alters und Geschlechts. Ein Muselmann, drei Frauen, von denen zwei verwundet sind, und deren Kinder sind die einzigen, welche dem Blutbad entrannen. Mehr als dreißig Muselmänner, welche aus Tirnowa flüchteten, wurden durch Kosaken und Bulgaren aufgehoben und mit Gewalt nach Tirnowa gebracht. Die Frauen wurden gezwungen, sich christlich zu kleiden. Reuf Pascha meldet folgende Thatsachen aus der Gegend, wo seine Armee operirt. Die türkischen Dörfer im District Eskisagra erdulden Unerhörtes vom Feinde. In einem Dorfe bei Gultu wurde die gesammte männliche Bevölkerung getödtet, die Frauen gezwungen, ihren Namen zu ändern, den Schleier abzulegen. Die Muselmänner werden auf den Feldern getödtet. Nachdem die Mehrzahl der Männer in Gultu. getödtet war, wurden die Frauen und Kinder in eine Scheune geschleppt und lebendig verbrannt. In Karadjaviran entwaffneten die Bulgaren die Muselmänner, ermordeten fünf und eine Frau, welche sie in Stücke schnitten. Die übrigen wurden in eine Kirche geschleppt und gezwungen, ihren Glauben abzuschwören. Von den türkischen Truppen angegriffen, flohen die Bulgaren, nachdem sie alle Häuser in Brand gesteckt hatten.
Petersburg, 5. August. Einer Depesche des „Golos" aus Kürükoara vom 4. d. zufolge hat Mukhtar Pascha seine überflüssige Bagage nach Kars zurückgesendet. In dem türkischen Lager ist die Distenterie ausgebrochen. Der englische Militär-Bevollmächtigte Kemball ist in Folge eines Zerwürfnistes mit Mukhtar Pascha nach Erzerum abgereist. Die Positionen der beiderseitigen Armeen sind unverändert.
Konstantinopel, 5. August. Osficiell. Die Rusten wurden bei Je- nitzagra vollständig geschlagen. Die türkischen Truppen verfolgten den in Un- ordnuug fliehenden Feind bis Hamboghar. Suleiman Pascha besetzte hierauf dieses Defil6e. Die Verluste der Rusten sind beträchtlich. Die Türken erbeuteten zwei Kanonen und eine große Menge Montirungsstücke.
Konstantinopel, 5. August. Öfficieller Verlautbarung zufolge wurde Namyk Pascha zum Präsidenten des Kriegsgerichts ernannt, welches mit der Aburtheilung Redis's, Abdul Kerim's, Echref Pascha's und anderer Officiere betraut ist. Reuf Pascha wurde heute vom Sultan empfangen und wird morgen wieder abreisen. Das Journal „Stamboul" wurde suspendirt; „Levant Herald" erhielt Erlaubniß, wieder zu erscheinen. — Am Freitag fand ein Bombardement zwischen Widdin und Kalafat statt. Suleiman Pascha har nach dem gemeldeten Siege bei Jenitzagra diese Stadt wieder besetzt.
Konstantinopel, 6. August. Ein Edict des Sultans setzt die Gehalte aller Beamten bis zur Beendigung des Krieges auf die Hälfte herab. — Der russische Dampfer „Constantin" erschien am Freitag Nacht vor Chilios am Bosporus, feuerte einige Schüsse ab, entfernte sich jedoch alsbald wieder.
Petersburg, 6. August. Amtliche Meldung: Schagrimachala, 3. Aug. Details über den Kampf bei Plewna am 30. Juli fehlen. Unsere Truppen sind in den Positionen verblieben, welche sie vor der Attaque inne hatten. Der Verlust war groß und überstieg 5000 Mann. Der Commandeur des Schui- rikisschen Regiments, Baron Kaulbaro, ist unter den Todten; schwer verwundet wurde der Commandant des Koslow'schen Regiments, Stepanoff; leicht verwundet : Generalmajor Boscherjanoff und der Commandeur des Bylskischen Regiments Sarantschoff. Die Truppen kämpften heldenmüthig. Der linke Flügel nahm zwei Reihen Verschanzungen und ging erst am Abend zurück. Der Geist der Truppen ist vorzüglich. Plewna und Lowatz sind durch starke türkische Abtheilungen besetzt und stark befestigt. General Gurko hat die Zweig- Eisenbahn Jamboll-Philippopel zerstört. Derselbe schlug und zerstreute am 30. Juli eine Abtheilung der Armee Suleiman Pascha's, welche Jenitzagra besetzt hielt, und eroberte zwei Geschütze. Nachdem er am 31. Juli noch eine andere Abtheilung dieser Armee bei Dschuganli in der Nähe von Eskisagra geschlagen hatte, zog sich General Gurko bei Annäherung der gesammten Armee Suleimans, welche die bulgarischen Milizen aus Eskisagra verdrängte, nach den Balkan-Pässen zurück. — Bei Schumla ist Alles ruhig.
Bukarest, 6. August. Vrackenburg, Correspondent der „Times", Dill de Loulay, Special-Correspondent des „Monde illuströ" und des „Moniteur universel", Lamotte, Correspondent des „Temps" und Tellier, Correspondent der „Jllustracioa Espanola", haben am 21 Juli zu Kasanlyk eine protokolla- ri'che Erklärung abgegeben über Greuelthaten, welche reguläre türkische Truppen am 17. und 18. Juli bei Vcrtheidigung des Schipka-Paffes an russischen Verwundeten verübt hätten.
6 August. Meldung des „Tageblatts" : Schumla. Suleiman Pasch. H it gestern Kasanlik, welches von den Ruffen geräumt wurde, besetzt.— B : veifcbr ..ni,ch-'n Schumla und Rustschuk wurde auf der ganzen Strecke wrrder hcrgeftelir. — ,Uaepc> Pascha schlug eine russische Colonne bei Med- sandj^, ic’; Russin r er ließen. Osman Pascha erhielt das Großkreuz ^cs Osmani^-Ordeuv, Alil Pascha einen Ehrensäbel.
7. vhigi;!*. Meldung des „Tageblatts" : Belgrad. Der Be- fehl zur l'l'obllisiru'.lg für die 'Miliz- Clane ist erfolgt. Die Aerzte müssen innerhalb 48 Stunden einrücken.
Lokal-Notiz.
Gießen, 7. August. Wir lassen nachstehend die T a a e S ordnu n a für die Stadt- verordneten-S'tzung am Donnerstag den 9. August 1877, Nachmittags 4 Uhr, in dem alten Reatschulgebäude, folgen:
1. Den Voranschlag der evangelischen Kirche für das Jahr 1876.
2. Den Wirthschaftsplan für die städtischen Waldungen pro 1878.
3. Die Rechnung der Stadt Gießen vom Jahr 1875.
4 Das neue Anlehn betr.
5. Die Gehalte der academisch gebttdetcn Lehrer an den städtischen Schulen.
6. Die hiesige Handwerkerschule.
7- ^®el“nbccrn)er6 Zur Anlegung einer Straße zwischen dem Schwarzlachweg und dem Wallthor.
8. Die Straße zwischen Reichensand und Neustadt.
9. Gesuch des Christoph Weiß um Erlaubniß zumUeberfahren der Schoor.
10. Baugesuch des Theodor Lony betr.
11. Baugesuch des Kaminfegers Zwesch.
12. Baugesuch des Andreas Euler.
13. Gesuch des Maurermeisters Christian Haubach um Erlaubniß zur Vornahme von Bauoeränderungen.
14. Die Gehalte der Arbeitslehrerinnen.
15. Die Feier des 2. September.
16. Die Verpachtung des Steinbruchs im Hangelftein.
Gießen, 7. August. In der neuesten Nummer von „Ueber Land und Meer" skizz'.rt Elise Polko in ihren Porträtskizzen und Erinnerungen unsere Stadt folgendermaßen:
Gießen stellt sich dar als eine alte Tante mit Hornbrille und Strickstru npf, die durchaus nicht begreifen will und kann, daß hinter den Bergen auch noch Leute wohnen.
Wetzlar, wo die gute Tante eben wohnt, erhält folgende Physiognomie: Wetzlar eine vergessene Stadt, gleicht frappant einem Bürgermädchen von der Staffelei irgend eines alten Niederländers, ein stilles Gesichtchen mit gesenkten Wimpern, im Rahmen blonden, schlicht gescheitelten Haars. — Ist dies vielleicht Revanche daß Gießen gedachte Verfasserin bei ihrem Hiersein nicht mittelst Regimentsmusik und Fackelzug empfangen hatte.
— Kommenden Sonntag wird Herr W. Wenzel in seinem Etablissement uns wiederum einen Genuß zu verschaffen suchen, indem er beabsichtigt eine italienische Nacht zu arrangiren, verbunden mit Feuerwerk des wirklichen Herrn Divacovlch aus Höchst. Hoffen wir, daß die Witterung es gestattet, damit wir einen schönen warmen Abend in gedachtem Etablissement verbringen können.
Vermischtes.
— (Jägerlatein.) Die „Jaadzeitung" erzählte in ihrer letzten Nummer, daß ein Jägersmann unweit Berlin ein Thier in der Schonzeit schoß, aber angab, auf einen Hirsch seinen Schuß abgegeben zu haben, der auch in der Thal unweit des Schusses verendet gefunden wurde! Diese Angabe soll bei Gericht Heiterkeit erzeugt und dennoch zur Verurtheilung des unglücklichen Waidmannes Anlaß gegeben Haven. Dieser Vorfall veranlaßt einen Waidmann, der wohlbewandert im Jägerlatein zu sein scheint, ein Ereigntß aus seinem „eigenen, langen Jägerleben" mitzutheilen. Er erzählt: Es war Hochsommer, ein Jahrmarkt vor der Thür, dem jedes Jahr einige Stück Schmalwild gespendet wurden. Ich batte einem Jagdgalle einen sicheren Stand in meinem Thiergarten gegeben und mich auf eines Schusses Weite unter ihn placirt. Plötzlich kam ein Rudel von vier Stück Wild auf meinen Gast, eräugte denselben aber und wechselte in gerader Linie auf mich zu. Sobald das kleine Rudel die Schützenlinie passtrt hatte, suchte ich mir ein Sckmalthier aus, bemerkte aber, daß während des Ablassens meines Schusses das Wild plötzlich — aus welchem Grunde, ist mir heute noch unbekannt — durcheinandergefahren und ein altes Thier, welches hinter dem Schmalthiere flüchtig war, durch rasche Bewegung in gleicher Richtung hinter letzteres gelangte. Auf den Schuß ■ stürzte das auf das Vistr genommene Stück Schmalwild; als ich mich demselben näherte, sah ich ein zweites gleiches Stück hinter dem vordersten liegen. DaS bestimmte, freigewesene, vorderste Schmalthier war durch die Blätter geschossen, dem von demselben gedeckten hatte die Kugel durch die HalSarterie durchgeschlagen und war gleichfalls durch selbige hindurchgedrungen. Nachdem ich beide Stücke geknickt hatte, wurde Recherche gepflogen, ob die durch dieselben hindurchgedrungene Kugel nicht etwa das alte Thier noch möchte erfaßt haben — und stehe da, das letztere lag etwa 200 Schritte vom Anschüsse verendet, das Geschoß war jedoch in der Lunge stecken geblieben. Diesen durch seine Ueberbeute tragischen Jagdfall hat eine ganz gewöhnliche Büchsflinte mit einer Rundkugel und verhältnißmäßig wenig Pulver herbeigeführt.
— Surrogat von Bienenwachs ist bekanntlich Erdwachs, das eine immer wichtigere Rolle zu spielen scheint; es kann fast allen Zwecken dienen, zu welchen Bienenwachs brauchbar ist und kostet dabei nicht halb so viel wie letzteres. Nach einer Schätzung sollen von Ozokerit (rohen Erdwachs) —wir entnehmen dies Gehe's Handelsbericht — im Osten Europas besonders Galizien, ca. 80,000 Ctr. ä durchschnittlich fl. 14 pro österr. Ctr. von 56 Kilo abgegeben werden, welche mehrere größere Fabriken raffiniren und dadurch dessen Brauchbarkeit erhöhen.
— Neu entdeckte vegetabilische Spinnstoffe. Nach einer eigenen Mittheilung der Herren Hans Ewald u- Cie. in Zittau haben dieselben einen neuen Spinnstoff — als Ersatz für Baumwolle — der nicht allein 20—25% billiger als Baumwolle, sondern auch wesentlich wolliger, haltbarer und besser sein soll. Der Stoff stammt vom Kontinent und ist en mässe zu haben, im Uebrigen aber nur durch obige Firma zu beziehen. Dieselbe erbietet sich, den sich dafür Jnteressirenden Muster mit Preis-Notizen zugehen zu lasten und beabsichtigt einige Kapitalisten zur Etablirung eine# größeren Etablissements einzuladen. Nach den uns vorgelegten Mustern aus Baumwolle und dem neuen Stoff, verdient Letzterer unbedingt den Vorzug vor Ersterem.
— Schwarzer Anstrich und bronceartige Farbe. Der „Mschbr." beantwortet die Fragen: Woraus besteht der schwarze Anstrich für Nähmaschinen, und wie färben die Engländer ihre kleinen Metallwaaren, wie Pfropfzieher ?c bronceartig? folgendermaßen: Einen guten schwarzen Lackfirniß für obigen Zweck erhält man, indem man 120 Gewichtstheile gebrannte Umbra und 60 Gewichtstheile echten Asphalt mit 3160 Ge- wichtsthetlen gut gekochten Leinölfirniß vermischt. Der Asphalt wird im Del warm gelöst, die Umbra mit Oel verrieben und dem warmen gekochten Oele zugesetzt. Die erkaltete Mischung wird entsprechend mit Terpentinöl verdünnt- Goldlack für Eisen bereitet man aus drei Theilen Leinöl, 2 Theilen Weinstein, 2 Theilen Saffran, 0,06 Thei- len Curcuma, indem man die Mischung in einem irdenen Gesäße kocht. Bei den erwähnten englischen Eisenwaaren scheint eine feine Kupferbronce verwendet zu werden.
— Behandlung neuer hölzerner Fässer zur Aufbewahrung von Wein und Most. Neue hölzerne Fässer ertheilen dem Wein und Most bekanntlich einen schlechten Geschmack und führen auch wohl gänzliches Verderben herbei. Man beugt dem vor, wenn man die Fässer mit einer Sodalösung auslaugt. Für ein Faß von 60 Liter Inhalt genügt 1 Psd. krystallisirtes kohlensaures Natron. Man löst dieses Salz in Wasser, füllt das Faß halb voll, rollt es eine Zeit lang, füllt es bann ganz voll und läßt eS 12 bis 14 Tage stehen. Die Lauge ist bann ganz braun gefärbt und wirb abgelasten, das Faß abermals mit Wasser gefüllt, einige Tage hingestellt unb bann ausgespült- Jetzt hält sich der Wein in einem solchen Fasse vortrefflich.
— Eierbecher aus Papier- R- M. Waschburn in Burlington Iowa, hat ein Patent auf Eierbecher genommen, welche aus Papiermasse und zwar so billig hergestellt werden sollen, daß sie nach einmaligem Gebrauche weggeworfen werden können. Das Scientific American, September 1876 S- 195, bringt eine hübsche Abbildung davon und macht die acht amerikanische Bemerkung dazu: „Diese Eierbecher könnten auch für Ankündigungen dienen, welche auf deren Umfange gedruckt würden, so daß dann beim Gebrauche sowohl körperliche als geistige Nahrung gefunden wird. Diese Erfindung wird voraussichtlich lohnend werden, da solche einfache unb billige Artikel am meisten gesucht sind unb ben größten Nutzen bringen."
— Auffrischen alter Korke. Nach bem Vorschläge von Moore werben die gesammelten Korke mit heißem Wasser Übergossen, am andern Tage mehrmals mit reinem Wasser abgewaschcn und in ein Gemisch von 15 Th. heißem Wasser unb 1 Th. Salzsäure gebracht. Werden sie nach einigen Stunden herausgenommen, gut abgewaschen unb getrocknet, so haben sie wieder bas Ansehen neuer Korke.
— (Ueber zweibeinige Coloradokäfer) wirb aus Köln solgenbes gelungene Histörchen gemeldet: Am vergangenen Dienstag, noch ehe der Morgen im Ostenheraufzudämmern begann, krochen vor einem unserer Thore mehrere Gestalten auf Händen unb Füßen in einem Kartoffelfelde umher, machten in dieser Stellung die Sträucher aus.


