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Mo. 155. Sonntag, den 8. Juli 1899.
Kictzener HtWiger
Anstizc- md Amtsblstt fit den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
(Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mari 50 Pf.
Amtlicher H y ei l.
B e k a n n t m a ch u n g.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 12 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der ProvinzialauSschnß während der Zeit vom 21. Juli bis 1. September Ferien hält.
Während dieser Ferien können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen, dagegen wird der Laus der gesetzlichen Fristen dadurch nicht unterbrochen.
Gießen am 6. Juli 1877.
Der Provinzialausschuß der Provinz Oberhessen.
v. Röder.
B e k a ll n t m a ch u n g.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 10 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der Kreisausschuß während der Zeit vom 21. Juli bis 1. September Ferien hält.
Während dieser Ferien können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen, dagegen wird der Laus der gesetzlichen Fristen dadurch nicht unterbrochen.
Gießen, den 6. Juli 1877.
Der Kreisausschuß des Kreises Gießen.
v. R ö d e r.
politisch
Wochenübersicht.
Unser Kaiser erfreut sich in Ems fortwährend des besten Wohlseins. Eine besondere Freude machten ihm die Schüler der Barmer Realschule, welche unter Leitung ihrer Lehrer Exercirübungen vor ihm ausführten. Von hoh^n Personen fand sich Prinz Heinrich der Niederlande zum Besuch bei dem Kaiser ein. Zu welchem Zweck der französische Botschafter, v. Gontaut - Biron, nach Ems gekommen ist, weiß alle Welt; Niemand läßt sich indeß durch seine gleiß- nerisch friedfertigen Worte über Frankreichs wirkliche Gesinnungen gegen Deutschland täuschen. Der Kriegsminifter v. Kameke ist wohl auch nicht ohne Grund in Ems eingetroffen. — Der Kronprinz wohnte am 29. Juni der Feier des 200jährigen Bestehens des Königs-Grenadier-Regiments in Stettin bei.
Fürst Bismarck hat seine Kur in Kissingen beendet und ist am 1. d. Mts. nach Berlin zurückgekehrt, aber schon am Tage darauf, nachdem er eine dreistündige Unterredung mit dem Kronprinzen gehabt und die Besuche der Botschafter von Rußland und Italien empfangen, nach seinem Gute Schönhausen abgereist. Der Staatssecretär des auswärtigen Amtes, v. Bülow, hatte einige Tage vorher seinen Urlaub angetreten. Während ein zweiter, vom deutschen Central-Comit6 der Vereine zur Pflege verwundeter und erkrankter Krieger hergestellter Sanitätszug nach dem russischen Kriegsschauplätze an der Donau abgegangen ist, hat der preußische Johanniterorden ein Unterstützungs- Gesuch des Vereins zur Pflege türkischer Verwundeter in Konstantinopel mir der Hinweisung darauf, daß der Orden seine Thätigkeit statutengemäß auf die Pflege von Christen beschränke, abgelehnt. Das deutsche Panzergeschwader ist am 1. d. Mts. in Port-Said (Aegypten) eingetroffen.
Dem Bundesrath ist kurz vor seiner Vertagung noch eine neue Eisenbahnvorlage zugegangen, welche ebenso wie die in der vorigen Reichstags-Session genehmigte die Verbindung von Metz mit dem Rhein erleichtern und zu diesem Zweck eine directe Verbindung zwischen Metz und Saarlouis, sowie zwischen Saarlouis und Neunkirchen Herstellen will. Die Ausschreibung der neuen Reichsanleihe von 43 Mill. Mark hat einen glänzenden Erfolg erzielt, indem dieselbe achtfach überzeichnet wurde. Das Reichspatent-Amt ist am 1. Juli in Thätigkeit getreten. Das Reichsgesundheits-Amt hat im Verein mit dem preußischen Landwirthschafts-Ministerium den aus einem Felde bei Mülheim a. Rh- ausgetretenen Coloradokäfer mit Erfolg bekämpft.
Der König von Bayern hat den als energischen Gegner der ultramontanen Bestrebungen bekannten Geheimerath Rudhart, bisherigen Geschäfts- träger in Paris, an Stelle des in Ruhestand getretenen Freiherrn v. Perglas zu seinem Gesandten in Berlin ernannt. Zugleich verlautet, daß der Posten in Paris nicht wieder besetzt werden solle. Der bayerische Landtag ist am 2. d. Mts. wieder eröffnet worden. Die zur extremen Sigl'schen Volkspartei gehörenden Abgeordneten sollen beschloffen haben, ihre schroffe Haltung gegen die Gemäßigten von der Jörg'schen Partei festzuhalten; jedenfalls werden sie ihr Verhalten nach den Winken des nunmehr in München eingetroffenen neuen päpstlichen Nuntius Masella etnrichten.
In Oesterreich und noch mehr in Ungarn hat in Folge der letzten Parlaments-Verhandlungen ein förmlicher Umschwung der öffentlichen Meinung über die orientalische Frage stattgesunden. Die Ungarn gewann der Minister- Präsident Tisza, indem er eine so „schöne" Rede hielt, daß selbst der Kaiser ihn telegraphisch dafür beglückwünschte. Seitdem hat die Regierung vollkommen freie Hand für die von ihr in Aussicht genommene Action bekommen und ist das Wort „Bereitschaft" das Loosungswort des Tages geworden. In der Ausgleichs-Angelegenheit sieht man, nachdem beiderseits Sub-Comit^s gewählt worden sind, welche über die Streitpunkte mündlich mit einander verhandeln
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sollen, einer Einigung auf der Grundlage des bisher bestehenden Quotenver- hältniffes von 30:70 entgegen. Die von den Czechen in Böhmen beabsichtigte Hußfeier ist als eine die Katholiken beunruhigende Demonstration verboten worden.
Die in dem englischen Ministerium vorhandene Doppelströmung schien in letzter Zeit zu einer Ausscheidung eines Theiles deffelben führen zu sollen, doch hat man die Austragung der Meinungsverschiedenheit noch einmal vertagt. Der durch den üblen Empfang des englischen Milirärbevollmächtigten, Obersten Wellesley, Seitens des Großfürsten Constantin veranlaßte Zwischenfall ist in befriedigender Seite beigelegt worden. Aus den Verhandlungen des Unterhauses ist die Verwerfung des alljährlich von Trevelyan gestellten Antrages auf Erweiterung des Wahlrechts zu erwähnen; die bedeutende Minorität (220 gegen 276) läßt indeß die Erwartung gerechtfertigt erscheinen, daß der Antrag im nächsten Jahre durchgehen wird.
Der belgische Senat har das Gesetz über die Wahlresorm, nachdem er den Paragraphen, welcher die Wahlbeeinfluffung durch die Geistlichkeit privi- legirte, unter Zustimmung der Regierung ausgemerzt hatte, mit 50 gegen 1 Stimme genehmigt.
Die französische Regierung fährt in ihren Maßregeln zur Erzielung eines ihr günstigen Resultates der bevorstehenden Neuwahlen zur Deputirten- Kammer energisch fort. Der Minister des Innern hat es in einem Rundschreiben an die Präfekten offen ausgesprochen, daß die Regierung das Recht und die Pflicht habe, die Candidaten, denen sie den Vorzug gebe, zu bezeichnen und so die allgemeine Abstimmung zu leiten. Seitdem es seststeht, daß die Mission des Cardinal-Erzbischofs Guibert beim Papste von Erfolg begleitet war und der Vatican versprochen hat, die Regierung durch den Einfluß der Geistlichkeit auf die Wahlen zu unterstützen, auch ohne daß sie mit ihren klerikalen Tendenzen offen hervorzutreten brauchte, hält man einen Wahlsieg der Regierung gar nicht mehr für unwahrscheinlich. Uebrigens hat der Marschall Mac Mahon schon jetzt durch den Inhalt des Tagesbefehls, den er aus Anlaß der großen Heerschau vom 1. d. Mts. an die Truppen richtete und in welchem er die Erwartung aussprach, daß sie ihm beistehen würden, die Achtung vor der Staatsgewalt bei der Ausübung der Mission, die er bis an's Ende erfüllen werde, aufrecht zu erhalten, deutlich genug kundgegeben, daß er nicht gesonnen ist, vor dem allgemeinen Stimmrecht zu weichen, falls daffelbe wider ihn ausfallen sollte. Leider werden die Aussichten aus kriegerische Verwickelungen mit Italien und Deutschland, zu. denen der Vatican die französische Regierung aufhetzt, auch durch eine Wahlniederlage der letzeren nicht vermindert.
Der Papst ist fortwährend sehr schwach und leidet neuerdings, abgesehen davon, daß ihm die Füße den Dienst versagen, an bedenklichen Schwin- delansällen. In Folge deffen hat er den Cardinal-Vorständen der Congregationen die Erledigung gewisser Geschäfte übertragen; doch läßt er sich nicht abhalten, die Audienzen fortzusetzen. So empfing er jüngsthin noch einige Officiere der früher» päpstlichen Armee und tadelte bet dieser Gelegenheit, unter deutlicher Anspielung auf Frankreich, Diejenigen, welche aus Furcht vor dem Namen „klerikal" Bedenken trügen, sich öffentlich als seine Freunde zu zeigen. In der päpstlichen Curie herrscht unterdeß rege Thätigkeit, um Alles auf die Ausführung der von ihr geplanten großen Action vorzuöereiten; durch den Cardinal- Erzbischof Guibert hat sie von Frankreich das Versprechen einer Wiederherstellung des Kirchenstaates erlangt; durch den neuernannten Cardinal-Erzbischof Kutsch- ker von Wien hat sie mit der österreichischen Regierung ein Einverständniß über gewiffe Fragen der inneres Gesetzgebung, wie Ctvilehe, Schulangelegen- hetten u. dergl. hergestellt; selbst mit Rußland führt sie gegenwärtig Unterhandlungen über die Stellung der Kirche in Polen. Mittlerweile beschäftigen


