fU«». «84. Donnerstag, den 6. December 1877.
Kießener MDiger
Ameize- uni Amtsblatt für itn kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. (Expedition: Schul st raße, Lit. B. Nr. 18.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher H h ei l'.
Lang-Göns, 5. December 1877.
Betreffend: Zusammenstellung der gesammelten Collekten.
Das Großherzogliche evangelische Dekanat Gießen
an sämmtliche Pfarrämter des Dekanats.
Sie wollen baldigst den Betrag der Advents-Lollekte berichten, ober anzeigen, wo keine solche erhoben worden ist.
Strack.__
politisch
Deutschland.
Friedberg, 4. December. Endlich scheint es der preußischen Regierung mit Inangriffnahme der Friedberg-Hanauer Bahn Ernst zu werden. Die Strecke Windecken - Hanau ist bereits an einen Unternehmer vergeben und auf derselben bei den Orten Bruchköbel und Windecken mit den Erdarbeiten der Anfang gemacht worden.
Berlin. Anläßlich der Beglaubigung eines ständigen Gesandten des Kaisers von China am deutschen Hofe scheint es wohl geboten, darauf hinzuweisen, daß die chinesische Regierung bisher nur eine einzige ständige Gesandtschaft, und zwar in London, unterhielt. Die chinesischen Botschafter, welche bisher nach Europa oder Amerika gesandt wurden, verweilten daselbst nur in sp-ciellem Auftrage ihres Cabinets und kehrten nach Ausführung ihrer Mission stets wieder in die Heimath zurück. Es scheint, daß das chinesische Cabtnet seit dem Kriege von 1870 von der Macht Deutschlands eine ganz besondere Vorstellung hat, denn es hat bekanntlich auch eine Anzahl von Officieren zur Erlernung des Dienstes und Kenntnißnahme unserer Militärverhältntffe der deutschen Armee attachirt. Einige derselben wohnten jüngst dem Versuchsschießen mit den neuen Krupp'schen Geschützen in Bredelow in Westfalen oei, wo sie nicht geringes Aufsehen erregten. Man lobte ihren Fleiß und die außerordentliche Geschicklichkeit, mit der sie sich in die neuen Verhältnisse fügen. Die Beziehungen des deutschen Reiches zu dem Reiche der Mitte haben — wie auch in den Ansprachen des Kaisers und des chinesischen Gesandten bei dem Empfange des letzteren treffend hervorgehoben wurde — stets den Charakter aufrichtiger Freundschaft gehabt. Zu diesem erfreulichen Resultate scheint das taktvolle Benehmen unseres Gesandten in Peking, des Herrn v. Brandt, einer der anerkannt vorzüglichsten Kenner osta^atischer Verhältniffe. nicht wenig beigetragen zu haben. Gegenwärtig betreibt Herr v. Brandt eine allgemeine Verbefferung der zwischen Deutschland und China bestehenden Verträge. Hoffentlich werden seine Bemühungen von Erfolg gekrönt sein.
— Die „Ruff. Revue", welche nach langem Schweigen seit dem 4. Nov. wieder erscheint, schildert den Gegensatz in der Stimmung der russischen Gesellschaft, wie sie vo^. einem halben Jahre war und wie sie jetzt ist. Wenig Zeit ist nur dahin gegangen, heißt es daselbst — und welcher Unterschied! Ganz Rußland fühlt eindringlich, welch' schwere Erscheinung der Krieg ist; viele Mütter, viele Frauen haben Trauer angelegt; wie viel Familien warten nach jeder Schlacht mit Unruhe, mit krankhafter Spannung auf die Zeilen, welche die Einzelheiten bringen, in denen der bekannte, theure Namen vorkommen kann. Und welcher Umschlag in der Stimmung der Gesellschaft! Heber die Türken spottet man nicht mehr. Alle haben begriffen, daß das nach den Thatsachen hartnäckigen Widerstandes, welchen diese „verlumpten, verhungerten Feiglinge" dargethan, eine Selbsterniedrigung wäre. Viele haben jetzt schon jene Wahrheit begriffen, die man uns so eingeschärft hat; man muß Recht und Würde besitzen, um Andere zu retten, die Rolle von Rettern ist schwer zu spielen; allzu leichtsinnig haben wir mit dem Namen Washington und Garibaldi Mißbrauch getrieben, indem wir unsere einheimischen „Archistrategen" so benannten. Mit Faustschlägen bringt man die Wahrheit nicht um: früher oder später wird sie zu Tage treten. Jetzt eilen schon Einige rückwärts mit dem Gedanken, sich nur so rasch als möglich auf die Heimath zu concentriren und müßten sie sich auch aus das geringe Wachsthum beschränken, das unser Leben in den letzten Jahren aufwies. — Ach, trenn wir nur rasch Plewna nähmen; diesen Stoß- sinfzer hört man oft; und hinter diesem Wunsch birgt sich deutlich die geheime Hoffnung, daß nach der Einnahme Plenums jene „wohlwollenden Einmischungen" beginnen werden und daß es dann auch zum Frieden komme . . .
Berlin, 2. December. Der Präsident des Oberkirchenrathes, Dr. Herrmann, hat nun doch seine Entlastung nachgesucht.
Hesterreich.
Wien, 3. December. Die „Polit. Corresp." meldet auS Belgrad: Der serbische Agent in Konstantinopel wurde angewiesen, wegen der fortwährend durch türkische Truppen verübten Grenz-Verletzungen Genugthuung zu verlangen. Die Nachricht, daß Serbien die Tributzahlung verweigerte, ist unrichtig, da die Pforte bisher den Tribut nicht gefordert hat. In Folge der Concentrirung von türkischen Truppen an Der Drina ist eine Miliz-Brigade von Schabatz-Valjewo dahin beordert. Senator Balimarkwitz ist zum comman- direnden General des Morawa-CorpS ernannt worden.
er Hheil.
Wien, 3. December. Auf Antrag Dürnberger's, dem der Finanzminister beistimmte, wurde heute vom Abgeordnetenhaus der Artikel 1 des zwischen den Finanzministern beider Reichshälften und der Nationalbank geschlossenen Uebereinkommens an den Ausschuß zuückverwiesen, um die Fragendes Beitrages beider Reichshälften zur Tilgung der 80 Millionen-Schuld endgültig zu lösen. In Beantwortung der Interpellation Roser's erklärte der Handelsminister: die französische Regierung halte an dem vorherbestimmten Tage der Eröffnung der Welt-Ausstellung fest.
Arankreich.
Paris, 3. December. Dem „Moniteur" zufolge hätte Dufaure eingewilligt, als Vermittler der Unterhandlungen zwischen den Gruppen der Linken und dem Präsidenten der Republik zu dienen. Die Mission destelben würde vornehmlich darin bestehen, die Majorität der Deputirten-Kammer zu gewinnen, deren Bedingungen zu präcisiren, jedoch nichts zu fordern, was der Marschall nicht annehmen könnte. Dufaure habe die Concessionen, welche die Kammer ihrerseits vernünftiger Weise beanspruchen könnte, specificirt; der Marschall habe dieselben ohne Weiteres gutgeheißen, worauf Dufaure versprochen habe, mit allen Kräften sich für einen glücklichen Ausgang der Sache bemühen zu wollen.
— Das Journal „Temps" meldet: Der Marschall-Präsident hat Dufaure beauftragt, ein Cabinet zu bilden; dieser hat feine politischen Freunde zu Rathe gezogen.
Paris, 2. December. 1500 Kaufleute und Industrielle haben in einer Privalversammlung eine Bittschrift an den Marschall,Präsidenten entworfen, worin derselbe ersucht wird, den Wünschen der Nation Folge zu leisten und auf constitutionellen Bahnen zu wandeln. Fünf Mitglieder wurden beauftragt, das Schriftstück dem Marschall persönlich zu überreichen. In der erwähnten Versammlung wurde ein Schreiben des Directors der allgemeinen Ausstellung für 1878, Herrn Krantz, verlesen, worin es heißt, daß, was auch geschehen möge, die auf den 1. Mai festgesetzte Eröffnung der Ausstellung auch nicht um einen Tag verzögert werden soll. Frankreich sei der ganzen Welt gegenüber verpflichtet; innere Schwierigkeiten, wie groß sie auch sein mögen, gäben ihm nicht das Recht, von dem allen Nationen feierlich gegebenen Wort zurück- zutreten.
Versailles, 3. December. Im Senat verlas der Kriegsminister ein Decret, wonach der von seinem Amtsvorgänger vorgelegte Gesetz-Entwurf, betr. die Organisation des Generalstabs, einer Revision unterzogen worden ist, und brachte zugleich eine neue darauf bezügliche Vorlage ein.
— Deputirten-Kammer. Nachdem die Kammer die Prüfung der Wahl des Bonapartisten Jolibois vertagt hatte, gab dieser seine Entlastung als Depu- tirter und bat, dieselbe anzunehmen. Nach zwei zweifelhaften Abstimmungen wurde die Annahme der Entlastung Seitens der Kammer mit 271 gegen 222 Stimmen abgelehnt.
England.
London, 4. December. „Reuter's Bureau" meldet aus Washington: Der Bericht des Schatzkanzlers veranschlagt die Abnahme der Zoll-Einkünfte von 1877 gegenüber dem Vorjahre auf 17,115,491 Toll.; die Einnahmen von 1878 auf 265 Mill., die Ausgaben auf 232 Mill. Doll. Da 35 Mill. Doll, für den Tilgungsfonds erforderlich sind, so entsteht ein Deficit von 1 Mill. Doll. — Sherman empfiehlt, Capital und Zinsen aller seit dem 12. Februar 1873 emittirten Bonds, im Falle Silber als unbeschränktes gesetzliches Zahlungsmittel erklärt werden sollte, in Gold zu zahlen.
— „Reuter's Bureau" meldet aus Cairo vom 3. d.: Der Khedive hat beschlossen," das ägyptische Contingent aus 60,000 Mann zu verstärken.
Italien.
Nom, 2. December. Seit den letzten 24 Stunden geht es wieder abwärts mit der Gesundheit des Papstes. Gestern Abend hatte er einen leichten Ohnmachtsansall. Die Wunden an den Beinen drohen in Krebs uberzu- gehen und man fürchtet eine Blutvergiftung, Das ärztliche Bulletin von heute Morgen lautet allerdings auf eine leichte Besterung. Wenn der Papst sich noch einmal im Staude fühlen wird, sein Krankenzimmer zu verlassen, was allerdings zweifelhaft erscheint, so soll sofort zur Abhaltung des Consistoriums geschritten werden, um die beabsichtigte Ernennung einiger neuen Cardinäle und


