Ausgabe 
3.1.1877
 
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Mitte fehlen sehen. Der General-Felbmarschall Graf v. Moltke ist fest ent- schloffen, ein Mandat nicht wieder anzunehmen; er hat dies in den letzten Tagen seinem bisherigen Wahlkreise und anderen Wahlbezirken schriftlich in Lanz entschiedener Weise erklärt. Daß diese Resignation in Reichstagskreisen Allgemein und lebhaft bedauert wird, ist wohl selbstverständlich.

Berlin, 1. Januar. In der Reichstags-Sitzung vom 15. v. Mts. hatte der Abg. Liebknecht unter denBeweisen" für die angebliche Verletzung des Briefwechsels auch verschiedene Fälle angeführt, in welchen Briefe gänzlich verschwunden seien. Dem genannten Abgeordneten wurde von dem General-Postmeister sofort bemerkt, daß daraus doch nicht folge, diese Briefe seien auf der Post verschwunden oder unterdrückt. Ein im zweiten Blatte der Köln. Ztg." vom 1. v. Mts. aus Bielefeld berichtetes Ereigniß ist so recht danach angethan, hierzu ein Beispiel zu liefern. Ein Lehrling in einem bedeu­tenden Hause daselbst hat Monate lang einen großen Theil der ein- und ausgehenden Correspondenz desselben auf dem Wege nach und von der Post unterschlagen. Erst als er seine Briefmarderei zu unverschämt betrieb, wurde er von dem Prinzipal darüber ertappt. Am Tage der Entdeckung wur­den noch ungefähr 150 Briefe und Postkarten in seinem Zimmer vorgefunden! Wäre er vorsichtiger gewesen, dann hätte er auch wohl unentdeckt bleiben föft neu, der Verdacht würde sich wahrscheinlich gegen die Post gerichtet haben, und der Abg. Liebknecht hätte seine Sammlung vonActenstücken" zum Beweise der Verletzung des Briefgeheimnisses auf der Post wesentlich bereichern können.

Posen, 30. December. Gestern wurde eine deutsche Volks Versammlung abgehalten, welche einstimmig beschloß, den Landschafts - Diiector und früheren Regierungs-Präsidenten v. Willenbücher (liberal) als einzigen Reichstags-Can- didaten für Posen aufzustellen.

Metz, 31. December. DerMetzer Ztg." zufolge ist die Wahl Bezan- fon's zum Bürgermeister vom Kaiser nicht bestätigt worden. Kreis-Director v. Freyberg ist zum Bürgermeisterei-Verwalter ernannt.

Hefterreich.

Pesth, 30. December. Trotz osficiösen Dementis hat der Rath der Krone die Occupations-Frage verhandelt. Die Blätter fordern die Besetzung Serbiens als Faustpfand gegen Rußland.

Israukreich.

Paris, 30. December, Abends. DerMoniteur" schreibt: Die Hoff­nung auf Erhaltung Les Friedens sei festzuhalten, obgleich constatirt werden müsse, daß bisher die Dispositionen der Pforte nichts weniger als versöhnlich erscheinen.

Paris, 31. December. Der Conseils-Präsident Jules Simon erklärte beim Empfang des Syndicats der Wechsel-Agenten, er hoffe fest auf einen friedlichen Ausgang der auswärtigen Krise und rechne dabei auf die weise Be­sonnenheit der europäischen Mächte.

Versailles, 29. December. Der Senat hat ohne Debatte und ein­stimmig das Budget so genehmigt, wie es gestern von der Deputirten-Kammer beschlossen war. Morgen wird die Session geschloffen.

Versailles, 30. December. Der Senat und die Deputirten-Kammer wurden heute durch die Verlesung eines Decrets, das die außerordentliche Ses­sion für beendet erklärt, geschlossen. Sie werden am 9. Januar 1877 zur ordentlichen Sitzung wieder zusammentreten.

Kelgierr.

Brüssel, 31. December. DerNord" glaubt nicht, daß der russische Botschafter in Paris, Fürst Orloff, im Auftrage Rußlands hierher komme und daß die Sendung desselben in irgend einer Beziehung zu dem Projecte einer Occupatiou Bulgariens durch belgische Truppen stehe. DerNord" glaubt vielmehr zu wissen, Fürst Orloff begebe sich auf eine Einladung des Königs der Belgier hierher.

Nußlaud.

Petersburg, 30. December. DerGolos" bespricht die politische Lage und hebt hervor, der Sultan könne recht wohl die von den Mächten ge­forderten Concessionen gewähren, weil beY Fanatismus der Türken bisher die Regierung nicht nur nicht beeinflußt, sondern die Regierung vielmehr den Fana­tismus künstlich hervorrief, je nachdem es ihren Plänen entsprach. Durch weise N-chgiebigkeit werde Sultan Hamid sich mehr befestigen als durch starren Widerspruch, der unzweifelhaft schwere Conflicte herbeiführe.

Moskau, 30. December. DieMosk. Ztg." schreibt: Rußland werde beim Abbruch der Verhandlungen die Entscheidung Europas, nicht seine eigene, der Türkei aufzuzwingen haben. Europa würde dann gleichsam einen Krieg gegen die Türkei mit russischen Waffen führen. Eine wohlwollende Neutralität Europas Rußlaub gegenüber sei ungenügend. Rußland warf die orientalische Frage nicht auf, obwohl es ein Interesse haben konnte, der Türkei den Gna­denstoß zu geben; es könne nicht neben den Kriegs-Opfern noch Rücken- oder Seiten-Angriffe riskiren und müsse daher das eigene Interesse mit dem Interesse irgend einer anderen Macht verbinden.

Türkei.

Konstantinopel, 28. December, Nachts. (Durch Linien-Störung ver­spätet.) Die Conferenz hat in ihrer heutigen Sitzung, welche 4 Stunden bauerte, beschlossen, daß der Waffenstillstand auf 2 Monate, bis zum 1. März, verlängert werde. Die türkische Regierung überreichte ihre Bemerkungen über mehrere von der Vor Conferenz gestellte Anträge, namentlich bezüglich'der Ga- rantiecn. Unter den Bevollmächtigten, welche sich über die aufgeworfenen Fra- gen aussprachen, ist namentlich der französische, Graf Chaudordy, zu nennen. Man hoffr, daß m den nächsten Confereuz-Sitzuugen die A.beiteu raschen Fort gang nehmen und zu einer friedlichen Lösung führen werden; jedenfalls haben stch die Besorgnisse erheblich vermindert. Die britische Flotte ist von der Besika-Bal nach dem Piräus abgesegelt.

Konstantinopel, 30. December. Der Minister der aus bärtigen An- gelegenhelteu, Savfet Pascha, theilte amtlich den Vertretern d r Pforte im Auslände mit, daß der Waffenstillstand bis zum 1. März 1877 verlängert worden.

Numänierr.

Bukarest. Seit einigen Tagen gehen auch in Rumänien ganz eigen» thümliche Dinge vor, die, wie von hier geschrieben wird, nichts Geringeres, als den Sturz des Cabinets Joan Bratianu zu ihren Endzielen haben. Die bekannten politischen Koryphäen Joan Ghika und Cogalniceanu haben den Alt- Conservativen die Hand gereicht, was, ganz abgesehen von der Persönlichkeit dieser beiden eben genannten Staatsmänner, in diesem Augenblicke auch noch dadurch an Bedeutung gewinnt, daß beide Vice-Präsidenten des Senates, folg­lich auch dem Fürsten die höchsten Würdenträger des Landes sind. Der Fürst seinerseits soll jedoch, wie man in bestunterrichteten Kreisen versichert, der Person des gegenwärtige» Minister-Präsidenten Joan Bratianu nicht entbehren wollen, und so wird denn, aller Voraussicht nach, eine Modifikation des gegenwärtigen Cabinets, und zwar im Sinne Cogalniceanu's, Platz greifen. Wahrscheinlich werden Kriegsminister Slaniceanu und der Minister des Innern Vernescu zu­rücktreten. Der parlamentarische Impuls zu diesem Umschwünge wird durch eine im Senate einzubringende Interpellation über die Entsendung Demeter Bratianu's nach Konstantinopel eingeleitet werden. Letzterer hat bekanntlich den Auftrag, die Ansprüche und die Forderungen Rumäniens sowohl bei Oer Pforte selbst, als bei der dort tagenden Conferenz geltend zu machen. Diese Jnter- pellat-on wird wahrscheinlich schon in der nächsten Senats-Sitzung angemeldet werden.

Amerika.

New-Nork, 30. December. Der Expreßzug der Pacificbahn gerieth in Folge des Schneetreibens aus den Schienen und stürzte bei Ashland (Ohio) 75 Fuß hoch über die Brücke hinweg in den Fluß. Viele Personen sind tobt, 52 verletzt. Nach einer gestern aus Matumoras eingelaufenen Depesche sind der Präsident Lerdo de Tejada und Eskvbedö in Mozatlan angenommen. Por- firio Diaz besetzte Queretaro, Iglesias hat sich nach Guanazuato gewendet.

New-Uork, 3 l. December. Das gestrige Unglück der' Pacificbahn pasffrte in Ashtabula (Ohio) am Eriesee, nicht bei Ashland; man schätzt die Zahl der Todten aus etwa hundert. _______

Lokal-Notiz.

Gießen, 2. Januar. Wieder ist eine Agitation in Scene gesetzt worden, um vo» dem diesigen Stadtvorstande die Einrichtung einer sogenannten höheren Töchterschule im Sinne des Gesetzes zu erlangen. So berechtigt auch theoretisch ein solches Institut sein mag, ein praktisches Bedürfniß für unsere Stadt es nicht, und daß dies un'ere Stadtverordneten vollständig richtig erkannt und demgemäß beschlossen haben, dafür ist ihnen d'e Bürgerschaft zu großem Danke verpflichtet. Es sollen auch diese Zeilen nur die Uchereinstim au,g des größten Th-iles der Bürger mit den Beschlüssen der Stadtverordieten coiftatiren, verbunden mit der Bitte sie mögen trotz aller Agitation auf ihrer der Stadt nützlichen Ansicht beharren. Denn, wie oben schon anaedeutet, läßt sich ftat st sch naßweisen, daß nur eine Minderheit von etwa 60-70 Vätern in hiesiger L>tadt ihren Töchtern eine höhere Bildung ja verschaffen wünscht, als sie die derzeitige Einrichtung unserer höheren Töchterschule narantirt. Haben denn nicht die gut geleiteten und mit tüchtigen Lehrkräften besetzten Piivatinstitute der Herrn Dr. Lips und Krumm und Frau Dr. Weiffenbach, wenn sie auch unter dem Nei; der Neuheit mit einer höheren S hülerzahl den linier? richt besannen, m t einem Mmnnum von Schül-rinnen etwa (50, 60 70) ihre Thätig- feit eingestellt? Wenn wir nach dem Grunde eines solchen Umschwunges fragen, so liegt er anerkannter Maßen nicht in dem nicbngen Grad der Leistungen erwähnter Institute, sondern nur darin, daß die Mehrzahl Der Eltern die Ansicht gewann, es liege nicht das Bedürfniß vor, ihre Töchter m dem von jenen Instituten behandelten und durch eine Reorganisation unserer Töchterschule angestrebten Lehrmaterial unter­richten zu lassen. Nie und ninune- aber kann man berechtigterweise von einer Stadt verlangen, daß sie für eine Minorität (hochgegriff n 70 Leute, die zum größten Theil noch Fremde sind) ein so thmeres Institut, wie die neue;ere Töchterschule sein würde, ms Leben rufe, das abgesehen von den wissenschaftlich-gebildeten Lehrern dem Dirigenten allein 4600 Mark juwendet, und bei große n Kostenaufwaade doch nur eine Trennung Der bürgerlichen Elemente und der sogenannten gebildeten Beamten- and Professorenkreise bezweckt. Wenn auch die Regierung, wie wir hören, jetzt bereit ist dem Stadtvorstan^e auf die Besetzung der Lebrerstellen der neuen höheren Töchter­schule den notbwe ibiflen und natürlichen E nfluß zu gewähren, so kann ooch leicht ihr dann unbestrittenes Recht der Oberaufsicht jenes Zugeständniß in ihrem Sinne unschäd­lich machen Daju kommt, daß an tüchtigen sa ch w i s s en s ch a f t li ch en Lehrkräiten alle Staatsonstaltrn (Gy nnasien und Realschulen) nicht allein in Hffsen, sondern in ßanj Deutschland Mangel haben, so daß sich die nöthigen Lehrer für eine höhere Töchterschule im Sinne des Gesetzes gar nicht, ober boch nur mit den größten p cuniären Opiern gewinnen lassen, mit Opfern, welche die Ausgaben des Staates für seine Gymnasial- und Reallehrer weit übersteigen, ba es doch keinem Zweifel unterliegt, daß jeder wissenschaftlich^gebildete L.hrer lieber an einem Gymnasium ober Realschule unterrichtet, als bei geringer Gehalts Differenz zu euer städtischen höheren Töchter­schule übergeht. Also bei dem Mangel an tachwiss-asch aftlich gebildeten Lehrern und ^le- mentarlehrern würde man bei der Or^anis ition einer neuen höheren Töchterschule genöthiat fein, zu Lehrerinnen in ausgedehnterem Matze seine Zuflucht zu nehmen, als es der Ansicht competenter Päwgogen und b:n wohlc.wogenen Beschlüssen unseres Lrtadtooruandes entspricht, oder man mit de den Wünschen unserer protestanistch- orthodoxen Partei entsprechend gezwungrn fe n zu protestantischen Theologen zu greifen. Ob aber gerade die Sladt Gießen berufen 0'1, an ihrer höheren Töchterschule noch mehr Theologen protestantischer Religion anzustellen, als gegenwärtig daran beschäftigt stnd, ist doch mehr als zweifelhaft, zumal cs ja außer Frage steht, daß dieselben mit Ausnahme der Religion zu sonstige,n fachw ssenschuftlichem Unterricht durch ihre Vor­bildung in keiner Weise genügend vorbereitet erscheinen.

~ Den berechtigten Wunsch allerdings können wir nicht unterdrücken, daß der Stadtoorstand, wie es je auch in seiner Adsi-t l egt, dafür Sorgen tragen möge, der jetzt vorhandenen Uebersüllung einzel>aer Classen der derzeitigen höyeren Töchterschule durch Trennung in Parallelklassen balbmögl'chst abzuhelfen._______________________

Vermischtes.

Darmstadt, 29. D^c. In einer Gerne nbe des Odenwaldes wurde jüngst auf einer Treibjagd ein Hase geschossen, dabei leider auch drei Treiber angeschossenl Tüchtige Son tagsjäger!

Marpingen. Nachdem die Muttergottesersheinungen sich als eitel Wind erw esen babeji, fangen die Bewohner Marpingens an, sich ihrer Leichtgläudigke-t zu schämen. Während die ultramontanen Blätter, anstatt fein stille zu fern den Mund noch recht voll zu nehmen sich erdreisten, gestehen die unverdorbenen Landleute es offen em, daß man sie belogen und betrogen hat. So soll dem Vernehmen nach ein Sch'iftflück in Ma-p ugen circuhren, in dem die Unterzeichner erklären, daß sie an die E'scheinungen von vornherein nicht geglaubt batten. Schade nur, daß di guten L "te r>.cht früher mif der Sprach' b'fauiQ'türf' sind! (D- V.-E.)

Billig und gut* ist das P ädikit, was oem Daheimkalender zukommt, der seiner hohen Auflage wegen das Beste in guter Ausstattung für geringen Preis geben kanir. An chm wlld das entgegengesetzte Schlagwort zu Schanden.

Bebufs Verminberung von Schreibereieu imb Jncassokosten er- suchen wir die geehrten Inserenten dringend, kleinere In­serate bei ber Aufgabe gefälligst 6aar bezahlen zu wollen.

Expedition deS Gießener Anzeigers.