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Ro. 1*5. Mittwoch, den 31. Mai 1S76.

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AMize- uni Amtsblatt für be« Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr. 18. ________________ Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Energische Pacifications - Maßregeln.

Die Forderungen, welche die Jung-Türken, die Partei der Sofias, erho­ben haben, überraschen durch ihre weise Mäßigung. Man ist im Abendlande über die politischen Vorkommnisse und über die Parteinuaucen in Konstantino­pel sehr schlecht orientirt, sonst würde der Zug der Sofias vor den Palast des Sultans und die damit verbundene Demonstration gegen den Scheich ül Islam und den Großoezir nicht für einen Ausbruch des alttürkischen Fanatis­mus gegen die Neuerer haben gelten können. Die jungen Moslemin wollen im Gegentheil ernstliche Reformen. Zwei von ihren Forderungen sind uns nun­mehr telegraphisch gemeldet und zwar zwei sehr wesentliche: sie wollen, daß der Sultan 5 Mill. Psd- Sterling an den Staatsschatz zahle und sich fortan mit einer Million (d. i. 20 Mill. Mark) begnüge, also mit einer Summe, bei der freilich der Großherr dem Hungertode preisgegeben wäre! sie verlangen ferner, daß das Ressort der Finanzen von einem Europäer verwaltet werde. Vortrefflich, aber wir fürchten, daß auch hier das Schreckenswort erschallen wird, das so viele Reformversuche scheitern ließ und so viele Revolutionen ein leitete, das Schreckenswort:Zu spät!"

Die Feuerwehr muß eben organisirt sein, ehe es brennt, aber auf der Balkan-Halbinsel brennt es an allen Ecken und die Kraft des Reiches wiro schwerlich durch solche Reformbestrebungen, die doch mehr oder minder in der Form revolutionärer Forderungen auftreten, erhöht werden. In finanzieller Beziehung werden dem bereits Ruinirten Ersparungen momentan nichts nützen und das Resultat derselben abzuwarten ist keine Zeit. Es hängt besonders in diesem Augenblick für die Pforte Alles davon ab, sich kräftig zusammenzufafsen, dem drohenden Unwetter zeitig zu entgegen, sonst muß dasselbe sich not­wendig über die ganze Balkan-Halbinsel entladen.

Eben jetzt gelangt der Inhalt von Gortschakoff's Circular (man wird sich erinnern, daß der russische Reichskanzler von den beiden anderen Kanzlern den Auftrag erhielt, an Stelle Andrassy's die weiteren Verhandlungen zu führen) an die Oeffentlichkeit. Gegenüber dem Andrasiy'schen Project, das noch überall bestrebt ist, den widerhaartgeu Türken mit dem Sammetpfötchen zu streicheln, das aber auch gründlich erfolglos geblieben ist, erscheint das des russischen Reichskanzlers mehr wie eine Bärenklaue. Die angeführten Punkte gleichen scharfen Krallen, die nicht so leicht loslassen, was sie einmal gepackt haben. Freilich ist diese derbere Weise nicht allein dem russischen National Charakter, der s. Z. in dem Menschikoff'schen Paletot einen so drastischen Ausdruck gefun­den, sondern auch dem vorgerückten Stadium der Angelegenheit zuzuschreibeu. Der Worte sind eben genug gewechselt worden, man scheint vor den entspre­chenden Maßregeln ihnen Nachdruck und Geltung zu verschaffen, nicht mehr zurückzuscheuen. Und hier ist der wesentlichste Unterschied zwischen dem Vorgehen des Grafen Andraffy und dem des Fürsten Gortschakoff: während jener mit all' seinen verständigen Rathschlägen und Forderungen vollständig in der Luft schwebte, scheut sich dieser keineswegs zu sagen, was geschehen werde, wenn keine Verständigung möglich ist.Die Nordmächte", so sagt die russische Note, vorausgesetzt, daß der mitgetheilte Inhalt correct ist,werde in diesem Falle energische Pacifications-Maßregeln ergreifen, darunter ist die Sperrung des Hafens von Klek benannt."

Also doch eine Intervention ! Wie wäre es auch anders möglich! Das Arsenal diplomatischer Künste ist erschöpft und Wunder wirken können auch so mächtige und auf der Höhe der Situation befindliche Leute nicht, wie die drei Reichskanzler. Ein Wunder aber wäre es gewesen, wenn in Wirklichkeit die Berliner Konferenzen einen Ausweg zu Tage gefördert hätten, ohne der An­rufung der ultimo ratio regis den Frieden zu sichern. Es ist wirklich bei den sriedlichen Versicherungen, von denen die officiösen Federn überfließen und die Gras Andrassy persönlich in den österreich'.schen Delegationen gegeben hat, nicht her Friede überhaupt, sondern der Friede der Mächte untereinander gemeint. Eine Intervention in der Türkei ist eben eine energische Pacifications-Maßregel und als solche, obwohl doch einige Waffengewalt zu deren Durchführung nrd aufgewendet werden muffen, keine kriegerische. Man muß eben solche diplomatischen Feinheiten nicht nur zu hören und zu lesen, sondern auch zu 'erstehen wissen. Allerdings mag die Sperrung des Hafens von Klek die mil- >este Form der Intervention sein, aber eine Intervention und eine kriegerische dazu würde sie immer bleiben und welche eminent friedlichen Absichten die drei nordischen Mächte übrigens auch hegen mögen, wenn der Stein einmal in's Rollen geräth, vermag auch die stärkste Hand ihn nicht mehr zu halten.

Nun freilich sind diese energischen Pacifications - Maßregeln nur eine Drohung, deren Ausführung sich die Pforre ja in jedem Moment durch An­nahme der Forderungen der Mächte, denen Fürst Gortschakoff Worte gegeben hat, entziehen kann. Allein wird, kann die Pforte diese Forderungen erfüllen? $irb sie von allen Seiten bedrängt, nicht vielmehr va banque spielen und in traurigen Bewußtsein, daß sie nichts zu verlieren hat, lieber Alles auf's ^piel sitzen, als sich vor der Entscheidung zurückziehen? Es läßt sich dies ikhwer im Voraus beurtheilen. Aber so viel scheint doch festzustehen, daß Ruß­

landdie Artischocke" doch nicht ganz ohne blutige Sauce wird verspeisen kön­nen. Der Friede im Sinne der officiösen Mittheilungen mag vor der Hand gesichert sein, denn auf Englands dissentirende Stellung legen wir kaum beson- dern Werth, aber daß auch die Intervention vermieden werden könne, scheint uns mehr als zweifelhaft. Dann wird erst die Gestaltung der thatsäch- lichen Verhältnisse den weiteren Laus der Dinge beurtheilen lasten.Don Fall, zu Fall", sagte Graf Andrasty, haben wir die Verständigung Vorbehalten. Das mag in einer so imommeusurablen Angelegenheit nothwendig fein, aber erfreulich und vertrauenerweckend ist es ebensowenig, als dies des Fürsten Gort­schakoffenergische Pacificatious-Maßregeln" sind.

Dcnffdifanb.

Darmstadt, 27. Mai. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 18. l. Mts. den wirklichen Geheimen Roth, Präsidenten des Gesammts-Ministeriums und Minister des Großherzog- lichen Hauses und des Aeußern, Carl Hofmann, auf sein Nachsuchen und mit dankbarer Anerkennung seiner treuen und ausgezeichneten Dienstführung, sowie unter Verleihung des Großkreuzes des Ludewigsordens von seinen Dienststellen mit Wirkung vorn 1. Juni d. I. an zu entlassen und mit Wirkung vom gleichen Tage ab den Präsidenten des Ministeriums des Innern, Julius Ninck Freiherrn von Starck, zum Präsidenten des Gesammt-Ministeriums und Minister des Großherzoglichen Hauses und des Aeußern, sowie zum Minister des Innern und zum wirklichen Geheimen Rath mit dem PrädikateExcellenz" zu er­nennen geruht.

genier haben Se. König!. Hoheit der Großherzog mittelst Allerhöchster Erschließung vom 25. l. Mts. den Präsidenten des Ministeriums der Justiz, Georg Kempff, sowie dem Präsidenten des Ministeriums der Finanzen, August Schleier­macher, das Komthm kreuz erster Klaffe des Philippsordens zu verleihen geruht.

Berlin, 26. Mai. Der Kaiser hat auf Antrags des Kultusministers eingcwilligt, daß in dem Gebrauche der lateinischen Sprache an gelehrten Unterrichtsanstalten eine Beschränkung stattfinden könne. Der Antrag des Kul­tusministers stützt fick selbstverständlich auf Gutachten verschiedener Facultäten, die das rigorose Festhalten an dem Gebrauche der lateinischen Sprache bei be­stimmten Anlässen für eine antiquirte Institution ansehen, deren allmähliges Verschwinden der Wiffenschast in keiner Weise Schaden zufüge.

Berlin, 27. Mai. Der Deiliner Korrespondent desDaily Telegraph" erfährt, daß Rußland beschloffeu habe, einen Schritt weiter in der orientali­schen Difficultät zu gehen und thätig damit beschäftigt sei, die Mächte, welche das Konferenz-Programm adoptirt haben, auf eine bevorstehende Action vorzu­bereiten. Dieselbe Korrespondenz will wiffen, daß Frankreich und Italien die englische Regierung ersucht haben, ihren Entschluß in nochmalige Erwägung zu ziehen, aber ohne Erfolg. Die Antwort des Disraelischen Eabincts soll deut­lich und bestimmt, obwohl nicht unversöhnlich fein.

Berlin, 27. Mai. Obwohl das Abgeordnetenhaus wiederholt über die Petition der Zugführer der preußischen Staats- und unter Staats-Verwaltung stehenden Bahnen um Einreihung in die vierte Klaffe des Tarifs für die Ge­währung des Wohnungsgeld-Zuschuffes berathen, dieselbe auch als begründet anerkannt und der Regierungzur Berücksichtigung" überwiesen hat, so ist doch Seitens der letztem bis zur Stunde nicht das Geringste geschehen, um der so berechtigten Forderung Genüge zu leisten. Es ist dies um so härter für die betroffene Beamteu-Kategorie, als durch die sonderbare Classification deren dienstliche Stellung bedeutend erschüttert werden muß. So werden in den Reglements die Zugführer ausdrücklich als die Vorgesetzten der Locomotiv- Führer bezeichnet und mit entsprechender Verantwortlichkeit belastet, während im Bezüge eines integrireuden Theiles der Besoldung die Locomotiv-Führer mit den Secretäreu, die Zugführer aber mit den Nachtwächtern gleichge­stellt sind.

Aus Baden. Ein Gesetz-Entwurf, bei dem auch das schöne Geschlecht, namentlich der jüngere Theil desselben, betheiligt ist, wird in der zweiten Kam­mer genehmigt werden. Man will nämlich die Erfahrung gemacht haben, daß ältere Staatsbeamte noch häufig jüngere Damen ehelichen, um denselben die Pension nach Maßgabe des Gesetzes zu verschaffen. Diesem Verfahren soll nun nach dem Beispiele anderer Gesetzgebungen, welche theilweise in solchen Fällen gar keine Pensionsberechtigung zugestehen, ein Riegel vorgeschoben werden, indem das Einkaussgeld namhaft wird. Eine Altersdifferenz unter 25 Jahren soll zwar nicht in Betracht gezogen werden, dagegen soll das Einkaussgeld bei einer Altersdifferenz von vollen 25 Jahren bis zu 30 Jahren 25 pCt. der ehemänn­lichen Besoldung, bei einer solchen von 30 Jahren 60 pCt.; bei einer solchen von 35 Jahren 100 pCt.; bei einer solchen von 40 und mehr Jahren 200 pCt. der Besoldung betragen. Ein 60jähriger Staatsdiener, der eine Besoldung von 6000 Mk. bezieht, und eine 20jährige Dame ehelichen wollte, müßte dem­nach ein Einkaufsgeld in die Wittwenkasse von 12,000 Mk. entrichten ein ziemliches Opfer für eine jugendliche Neigung!