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Wo. «VS Mittwoch, den 29. November 1876i

AMP- unb AMtßdktt für Herr Kreis Keßen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Pv. 1 > vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Expedition r Schul st raße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher H h e i l.

Gießen, den 24. November 1876.

Betreffen d : Die Feststellung und Erhaltung der inneren Grenzen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an Vie Großherzoglichen Bürgermeistereien Mendorf asLahn, Beuern, Ettingshausen, Harbach, Hungen, Kesselbach, Langd, Lang-Göns, Lauter, Lumda, Münster, Ovenhausen, Reiskirchen, Rüdvingshausen, Steinheim, Treis a^Lumda , Utphe und Weitershain.

Wir erinnern Sie an Erledigung der Verfügung vom 30. Oktober 1876 Anzeiger Nr. 255 binnen 8 Tagen.

v. Röder.

Deutschland.

Darmstadt, 25. November. In dem soeben ausgegebenen Bericht des vierten Ausschusses zweiter Kammer über den Antrag des Abg. Dumont wegen Schutzes der Säuglinge oder der in Pflege gegebenen kleinen Kinder wird hcrvorgehoben, daß es sich bei der fraglichen Angelegenheit nm einen argen Mißstand handle, der namentlich in der Nähe der großen Städte in er­schreckender Weise zu Tage trete: förmliche gewerbsmäßige' Hinopferung von Säuglingen und von in Pflege gegebenen kleinen Kindern in Folge der Vor enthaltung von Nahrung und in Folge schlechter Pflege. Daß dies der Fall sei, hätten die strafgerichtlichen Verhandlungen festgestellt, und alle Anordnun­gen der localen Verwaltungs-Behörde, solchem Unwesen an berüchtigten Orten zu steuern, hätten bis jetzt nur dahin geführt, daß es an anderen Orten wie­der aufgelebt sei. Obgleich nun der Ausschuß den Antrag im Interesse der Humanität und des Staates für vollbegründet halte, so habe doch die Regie­rung erklärt, in aller Kürze einen Gesetz Entwurf dessalls einzubringen, wes­halb man den Antrag für erledigt betrachten könne.

Berlin, 25. Novbr. DerBazaine der slavischen Welt", Ex-General Tschernajkff, muß in Petersburg klaftertief in Ungnade gefallen sein. Er scheint in der That dort als der alleinige Sündenbock betrachtet zu werden, der daran schuld ist, daß die serbische Milizen-Armee nicht mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen bereits in Konstantinopel eingerückt ist und dem Czaren die Schlüssel der Agia Sophia demuthsvoll zu Füßen gelegt hat. Tschernajeff, vor kurzer Frist noch als der Netter und Held der slavischen Sache von allen Zungen des weiten Rußlands gepriesen, erhält jetzt von Peters­burg über die russischen Grenzpfähle hinaus noch einen Gnadenstoß, der ibn vollends zerschmettern unddie in völkerrechtlichen Fragen stets legale Hand­lungsweise der russischen Regierung rechtfertigen" solle. General Tschernajeff besitzt kein russisches Vaterland mehr, so demonstrirt man aus Petersburg, denn Tschernajeff ist in den serbischen Unterthanenverband getreten und hat sich nach seiner Königsmacherei in Deligrad geweigert, dem Befehl des Czaren zu folgen und nach Petersburg zur Rechtfertigung zu kommen.Deshalb sieht die Petersburger Regierung keine Veranlassung, die Anwesenheit eines Generals in ihren Grenzen zu dulden, der, auf dem Schlachtfelde geschlagen, Lorbeeren auf dem Gebiete politischer Umtriebe zu finden bestrebt war." Tschernajeff ist also für Rußland tobt, und sein neues Vaterland Serbien wird ihm in Zu­kunft auch wohl kein freundliches Heim mehr gewähren, seitdem der officielle Bannstrahl des Czaren ihn getroffen hat.

Eine auffällige Meldung ist aus derPost" zu registriren. Sie lautet:Antwerpen, 24. November. 700 nach Venezuela bestimmte deutsche Auswanderer sind hier von der Auswanderungs-Gesellschaft im Stich gelassen worden. Die städtischen Behörden haben dieselben unterstützt und der deutschen Gesandtschaft eine Reklamation eingereicht." Welche Auswanderungs-Gesell­schaft unsere Landsleute im Stich gelassen und unter welchen Umständen dies geschehen, werden wohl die nächsten Tage aufklären. Wir wollen bei dieser Gelegenheit nur an jene früher in Hamburg ansässige Firma Lobedanz erinnern, die bekanntlich ihr Geschäft nach Antwerpen verlegte, weil ihr die deutschen Behörden zu scharf auf die Finger sahen und ihr sogar vor den Schranken des Hamburger Gerichts den Proceß machten.

Hesteneich.

Wie», 25. November. Der Marquis von Salisbury betonte hier in seinen Unterhaltungen, England erscheine auf der Konferenz keineswegs als principieller Gegner Rußland-. Es werde darauf ankommen, daß Rußland seine Forderungen in einer Weise formulirt, welche dem Zwecke, die Rechte der christlichen Unterthanen zu garantiren, Genüge leistet, ohne die Souveränetät her Pforte auszuheben. Solche Souveränetäts - Verletzung könne nicht darin gefunden werden, wenn die Pforte Europa gegenüber bestimmte Verpflichtungen rücksichtlich ihrer christlichen Unterthanen übernehme, und die Mächte bet den einzuführenden garantirenden Einrichtungen selbst an Ort und Stelle Mitwirken.

Bei der heutigen Hoftafel zu Ehren Salisbury's nahmen Theil: der englische Botschafter Buchanan mit dem englischen Botschafter-Personale, Gras Andrassy, Minister-Präsident Fürst Auersperg und der Reichs-Finanzminister v. Hofmann. Abends findet beim englischen Botschafter Buchanan eine Soiräe statt. Marquis von Salisbury reist morgen um halb 2 Uhr mittelst Separat­zug der Südbahn nach Florenz.

Wien, 27. November. DieMontags-Revue" sagt: Obwohl bereits im Besitze der bezüglichen kaiserlichen Entschließungen, wird der Handelsminister die Eisenbahn - Vorlage nicht eher dem Reichs-Rathe vorlegen, bis eine Klärung der parlamentarischen Situation eingetreten und dadurch eine rasche und sorgfältige Berathung ermöglicht wird.

Ragusa, 26. November. Der gestern aus Cettinje zurückgekehrte Gene- ral-Consul und russische Agent für Montenegro, Staatsrath Ionin, ist telegra­phisch nach Petersburg berufen worden und unverzüglich dahin abgereist. Der Jnsurgenten-Chef Mussic, der österreichisches Gebiet betreten hatte, wurde verhaftet und nach Jlano escortirt.

AranLreich.

Paris, 26. November. DemXIX. Siecle" zufolge reist General Leflo am Dienstag, nachdem er noch eine Audienz beim Czar gehabt, nach Paris, wo er jedoch nur kurze Zeit verweilen wird.

Mihrere Zeitungen halten, obgleich sie seiner muthvollen Rede Beifall spenden, dennoch den Rücktritt Dusaure's für unvermeidlich, da die Majorität der Kammer seinen Standpunkt nicht theilt.

Paris, 27. November. Ein hier veröffentlichtes Schreiben des Fürsten Lubomiröki führt aus : Die Polen hätten nichts von den auswärtigen Mächten zu hoffen, und tadelt die Bildung einer polnischen Legion in Konstantinopel. Der Fürst räth seinen Landsleuten, sich offen und loyal in die Arme Rußlands zu werfen, wenn sie. nicht wollen, daß ihr Namen gänzlich von der Erdober­fläche verschwinde.

Versailles, 25. November. Kammer der Deputirten. Berathung des Cultus-Budgets. Nachdem Bardonx, Pascal Duprat und Talandier gesprochen, ergriff Minister Dufaure das Wort für die Vorlage, und wandte sich gegen die Anschauung, daß es ungerecht sei, einen Bürger zur Theilnahme an den Kosten eines Cultus zu nöthigen, dem er nicht angehöre. Aehnliche Einwen­dungen werde man bei allen Artikeln des Budgets machen können. In den Gemeinden Frankreichs müsse es Männer geben, die den Kranken beistehen, die Kinder erziehen, die Moral lehren; es sei nicht zulässig, hierbei dos Phantom des Klerikalismus heraufzubeschwöreu. Die Regierung halte an der Religion, wie an der republikanischen Staatsform fest. Die Kammer nahm darauf das Capitel 1 des Cultus-Budgets mit 443 gegen 62 Stimmen an, verwarf das Amendement, wonach das Cultus-Budget überhaupt abgeschafft werden sollte, und nahm ferner das 2. und 3. Capitel an.

England.

London, 25. November. In politischen Kreisen verlautet, Rußland werde aus der Conferenz bet dem Vorschläge der Okkupation der Landestheile, denen unter der Garantie Europas eine Selbstverwaltung geschaffen werden soll, die Modalitäten dieser Okkupation bestimmt formuliren, und es sei nicht abgeneigt, einige der Bestimmungen, welche für die Besetzung Syriens durch Frankreich im Jahre 1860 festgesetzt waren, zu adoptiren.

London, 25. November. Ein Berliner Telegramm derTimes" mel­det, Lord Salisbury habe vor der Abreise sich höchst befriedigt durch die höf­liche und herzliche Ausnahme bei dem Kaiser und bei Bismarck und den sonstigen osficiellen Personen ausgesprochen. Salisbury erachte die ernsten Schwierig­keiten der Lage nach seinem Berliner Besuche kaum vermindert, hege jedoch gute Hoffnungen für eine schließliche friedliche Lösung. Graf Rilvas, der­malen potugiesischer Gesandter in Berlin, dürfte der Nachfolger Saldanha's werden. EineTimes"- Depesche aus Argos vom 24. d. Mts. meldet: Sckliemann entdeckte unter den Grabsteinen, welche durch Pausanias als zu

politischer ei l.