Berlin, 22. November. Von dem Avg. Ausfeld und Genoffen ist folgender Antrag zur Strafproceß-Ordnung eingebracht worden: Hinter § 41ib folgenden neuen Paragraphen einzufüzen: § 411c. Ohne Genehmigung des deutschen Reichstags darf kein Mitglied desselben während der Sitzungsperiode zur Verbüßung einer erkannten Strafe verhaftet werden.
— Ueber die Frage der Beschickung der Pariser Weltausstellung werden noch immer widersprechende Nachrichten verbreitet. Es ist zunächst festzuhalten, daß diese Angelegenheit im Bundesratb allerdings noch gar nicht zur Verhandlung gekommen ist, sondern für's Erste nur die Einzel-Regierungen beschäftigt hat. Nach dem Stande dieser Verhandlungen ist indeffen anzunehmen, daß von ReichSwegen ein Antrag auf Gewährung der erforderlichen Mittel zur Beschickung der Ausstellung nicht eingebracht werden wird. Im Reichstage sind übrigens allem Anscheine nach ebenso viele Stimmen für, wie gegen den Antrag, und es darf als ziemlich sicher angenommen werden, daß auch die beabsichtigte Interpellation im Reichstage nicht erscheinen wird.
Hesterreich.
Wien, 21. November. Die „Polit. Corresp." meldet, daß in Folge der Ueberhandnahme der Pferde-Ausfuhr nach dem Auslande und um den hieraus für das Reich und die einzelne Landestheilen entspringenden schweren Schädigungen vorzubeugen, beide Regierungen Oesterreichs und Ungarns ein Pferde-Ausfuhr-Verbot beschlossen haben. — Graf Andraffy ist heute hier eingetroffen.
Pesth, 20. November. Aus Ragusa wird heute gemeldet: Die Türken überschritten gestern die von Montenegro festgestellte Demarcations-Linie; sie wurden nur Waffengewalt zurückgewiesen.
Pesth, 21. November, Abends. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses erklärte der Minister-Präsident v. Tisza, indem er früher gefallene Äußerungen Helfy's und anderer Abgeordneten widerlegte, die Regierung würde feig handeln, wenn sie von ihrem Posten zurücktreten wollte, so lange sie die Majorität des Hauses besitze. Die mit der Revision des Zoll-Vertrages angestrebte Reduction des Deficits habe die Regierung theil- weise bereits erreicht. In der orientalischen Frage dürfe man nicht türkische, russische oder andere Politik, sondern nur österreichisch-ungarische Jntereffen- Politik treiben.
Frankreich.
Paris, 21. November. Marquis Salisbury bat heute mit dem Herzog Decazes Berathung gepflogen. Gras Chaudordy reist heute Abend nach Brindisi ab. Graf Bourgoinz ist bereits gestern vorausgegangen.
Versailles, 21. November. Im Fortgänge der Sitzung der Deputir- tenkammer richtete Floquet (Radicaler) bei Berathung des Budgets der Ehrenlegion an die Negierung eine Interpellation wegen des Unterbleibens der vorgeschriebenen militärischen Ehrenbezeugungen bei ohne kirchliche Feier erfolgenden Bestattungen von Rittern der Ehrenlegion. In Folge der Abwesenheit des Kriegsministers wurde die weitere Diöcussion auf Donnerstag vertagt. — Der Senat hat das Gesetz über die Armee-Verwaltung in letzter Lesung angenommen.
England.
London, 22. November. Die „Morning Post" veröffentlicht ein Schreiben des Prinzen Czartoryski aus Paris an den Major Szultzewski dahier, welches die in der Preffe verbreiteten Gerüchte bezüglich eines bevorstehenden Polen-Aufstandes als unbegründet bezeichnet; Polen sei völlig ruhig, und die polnische Emigration weniger als je geneigt, eine aufständische Bewegung tm Heimaths-Lande hervorzurufen.
Belgien.
Brüssel, 21. November. Der „Moniteur beige" meldet: Nach einer Mittheilung des belgischen Consuls in Malta hat das dortige Local-Gouvernement der Handelskammer angezeigt, daß in die Hafen-Einfahrten von Odeffa, Kertsch, Sebastopol und Oczakoff Torpedos gelegt sind.
Brüssel, 21. November. Das Journal „Le Nord" bespricht die Mission des Marquis of Salisbury und bemerkt, daß der Jdeen-Austausch, der während der Anwesenheit Salisbury's in Parts, Berlin und Wien angeregt werden würde, zu einem glücklichen Resultate führen könnte. Die Eindrücke, welche der Marquis an diesen Orten empfangen würde, dürfte ihn überzeugen, daß die Großmächte des Continents entschloffen seien, im Orient einen normalen Zustand der Dinge herzustellen, und daß zwischen den Mächten ein loyales Einvernehmen hierüber bestehe. Der „Nord" erwähnt des neuesten Schreibens des ehemaligen Colonien-Ministers Grey an den Marquis von Hartington und kommt zu dem Schluffe, daß die Auffassungen und Raisonnements deffelben eine auswärtige Occupation türkischer Gebietstheile als eine Nothwendigkeit geboten erscheinen ließen.
Schweiz.
Bern, 21. November. Die Commission zur Berathung der Gottha^s- Eisenbahn-Frage hat mit großer Mehrheit den Vorschlag der einspurigen Anlegung der Bahn und das sog. Special-System verworfen, da vor Allem die Herstellung einer betriebsfähigen Eisenbahn erstrebt werden soll.
Nußland.
Petersburg, 21. November. Eine Meldung der internationalen Tele- graphen-Agentur aus Semlin bestätigt, daß das serbische Ministerium unter der Androhung, seine Demission zu geben, den von Tschernajeff beanspruchten (Antritt in das Cabinet ablehnte.
Petersburg, 21. November. Der „Regier.-Anz." veröffentlicht eine Depesche des Reichskanzlers, Fürsten Gortschakoff, an den Botschafter in Lon- do->, Grasen Schuwaloff, datirt Zarskoe-Selo, 7. Novbr., in der er seine Genugthuung darüber ausspricht, daß Lord Derby in seiner Depesche vom 30. Octbr die Bemühungen des russischen Cabinets, im Einklang mit England Ku wirken, anerkannt; ferner begründet der Reichskanzler aus dem Mißerfolg der Diplomatie die Nothwendigkeit, die Integrität der Türkei den Garantieen unterzuordnen, die von der Humanität und für den Frieden Europas gefordert werden. Endlich weist er die Annahme zurück, daß Rußland Konstanti wpel gegenüber Hintergedanken hege. Die zweite veröffentlichte Depesche an Schu waloff vom 22. Octbr. drückt Rußlands Bedauern aus, daß England grundlosen Befürchtungen Raum gebe.
Petersburg, 22. November. Der Kaiser äußerte in den letzten Tagen bei dem Empfang verschiedener hervorragender Persönlichkeiten: daß er noch auf die Erhaltung des Friedens hoffen wolle, aber seine und Rußlands Ehre für die Erreichung der geforderten Autonomie engagirt halte. Der von Belgrad entsandte Marinovic kommt als Vertrauensmann Mtlans und wird als Vertrauensperson behandelt werden. Derselbe dürfte berufen fein, das Ver- hältniß zwischen Belgrad und Petersburg zu beffern und die fernere Kriegs- Führung Serbiens, falls die Conferenz nicht den Frieden bringt, von Rußland abhängig zu machen.
Türkei.
Konstantinopel, 21. November. Bisher ist nur Savfet Pascha zum Bevollmächtigten bei der Conferenz designirt, ein zweiter Bevollmächtigter ist noch nicht ernannt worden. Abdul Kerim Pascha ist hier eingetcoffen.
Nagusa, 21. November. Der türkische Kriegs-Dampfer „Muzzaser" mit 17 Kanonen, der von Antivari kam und in den Hafen von Gravosa elnlief, ist aufgefordert worden, den Hafen zu verlaffen.
Nagusa, 21. November. Die Demarcations-Commission prüfte und erörterte heute Vormittag die türkischen und montenegrinischen Vorschläge bezüglich der nördlichen Demarcation. Am Nachmittag war ebenfalls eine Sitzung. Die südliche Demarcation wird morgen berathen werden.
Pera, 21. November. Die mit der Ausarbeitung der Verfassung betraute Commission hat nunmehr ihre Arbeiten beendigt und den bezüglichen Entwurf heute dem Großvezir mitgetheilt; die Verfasiung soll noch vor dem Zusammentritt der Conferenz promulgirt und sodann alsbald in Kraft gesetzt werden.
Amerika.
Washington, 21. November Gegenüber den Gerüchten, welche die Hierherverlegung einiger Compagnien Militärs hervorries, erklären der General Sherman unb der Kriegs-Minister, diese Maßregel habe keinen politischen Grund. Man glaubt, die Truppen werden bis zum Amts-Antritt des neuen Präsidenten hier bleiben. Die Wahl-Prüfung in Louisiana geht ruhig in Gegenwart der Vertreter beider Parteien vor sich.
Lokal-^kotiz.
Gießen, 23. Nov. 1876 Ueber den am 15. b. Mts auf hiesigem Bahnhofe überfahrenen Schweinehändler Joh. Happel sind uns von authentischer Seite Mittheilungen zugekommen, welche wir hiermit gerne veröffentlichen und zugleich unfern Dank für das freundliche Entgegenkommen aussprechen. —
Der Verunglückte war ein Mann von etwa 60 Jahren, hieß Johannes Happel IV. und kam von seinem Wohnorte Holzhaufen b'i Gladenbach über Fronhausen mit dem um HVz Uhr Vormittags in Gießen eintreffenden Zuge an, um mit dem um 12 Uhr nach Deutz abgehenden Zuge nach Eitorf weiter zu reisen. Er hat sich zu diesem Zwecke von einem Arbeiter ein Billet IV. El. holen lassen, wobei er bemerkte, daß er nicht gut sähe. Eine in seiner Umhängtasche gefundene Brille mit blauen Gläsern und grünen Seitevgläsern bestätigt dieß. Der Arbeiter half ihm noch seinen Holzkoffer auf die Schulter heben, worauf sich der ?c Happ-l nach dem südlichen Ende des gemeinschaftlichen Perrons zwischen M.;W. und Cölner Bahn begab und seinen Holzkoffer daselbst ab- ftellte. — Der Zug nach Frankfurt fuhr einige Minuten verspätet ab, weshalb er an dem gemeinschaftlichen Perron an dem von Frankfurt kommenden Zuge vorüberfuhr. Bis zu diesem Moment war das Gleis für den im gewöhnlichen Tempo einfahrenden Zug völlig frei, als plötzlich ein Mann vor die Säulen des Perrondaches nach dem Gleise hin trat Sofort gab die Maschine das Nothsignal und trotz des Ertönens der Dampfpfeife dicht hinter tbm und obgleich ihm ein entgegenlaufender Arbeiter fortwährend vom Zug abwinkte, trat der zc. Happel jetzt sogar in das Gleis, wo er sofort von der Maschine umgeworfen und augenblicklich getödtet wurde. Der verstümmelte Körper wurde noch eine kleine Strecke bis an das südliche Ende des Stationsgebäudes mitge- schleift, woselbst er unter dem Tender beroorgenommen wurde.
Ob der rc. Happel den ausfahrenden Zug für den Zug nach Deutz hielt oder noch Jemand in diesem Zuge grüßen wollte, konnte nicht constatirt werden.
--Die gestern Abend aus Lony's Bierkeller stattgehabte Volksversammlung, in welcher der Reichstagsabgeordnete W. Liebknecht als der von der hiesigen socialdemokratischen Partei aufgestellte Candidat, auftrat, war von einem äußerst zahlreichen Publikum besucht, so daß der Saal zum Erdrücken voll war und es als eine Aufgabe bezeichnet werden muß, in der schwülen Atmosphäre 2 Stunden lang ausgehalten zu haben. Herr Liebknecht, bekanntlich ein Gießener Kind, entwickelte in IVr stündiger fließender Rede die Grundsätze und Ansichten seiner Partei. — Die zum Schluß eingebrachte Resolution: „Die heutige Versammlung erklärt sich mit dem Vorträge s>es Herrn Reichstagsabgeordneten Liebknecht einverstanden und verspricht, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln für die Wahl desselben tm Krcise Gießen einzutreten- — wurde mit einigen Stimmen angenommen. Bei der Gegenprobe erhob sich auch keine Stimme, so daß nach der Ausführung des Vorsitzenden, Herr Liebknecht einstimmig als Candidat angenommen ist.
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Verwischte-.
— Unter dem Titel „Der vergiftete Kuß" berichtet Otto Hermann in einem ungarischen naturwissenschaftlichen Blatte über die Szenkuter Wallfahrten unter anderm folgende entsetzliche Details: Neben dem Kreuzträger wanken in der Regel Schwer- kranke; neben dem mit Blennarrhöe behafteten Auge sehen wir von L pper- und Nasenkrebs bis zum biblischen Aussatz alle Abarten der furchtbarsten aisteckenden Krankheiten. Den Zug schließen Jung und Alt des Dorfes, gesegnete Frauen, blühende Mädchen, Weiber mit Säuglingen und eine übermütige K'Nderschaar. Nach dem Gebete beginnt der Umgang; die inficine Lippe küßt den sockel, die Wanze der L>tatuen, das GlaS der Heiligenbilder und unmittelbar darauf drücken auch die Gesunden ihre Lippen auf dieselbe Stelle. Einen Tag nach der Willfahrt sieht man an den betreffenden Punkten eine dünne braune Kruste, die sich durch die Küsse gebildet hat. Noch gräulicher ist die folgende Scene: In dem Brunnen neben dem heiligen Orte, welcher kaum 10 bis 15 Liter Wasser enthält, wäscht sich Alles, Ulcus, Caries, Necrosis alle die furchtbaren Krankheiten, die wir angeblich den Kreuzzügen verdanke :, sind vertreten und alle suchen Heilung in jenem Wasser. Dann kommen Mütter mit Säuglingen, entkleiden diese und waschen sie von Kopf bis zu Fuß mit diesem infi- cirten Wasser, damit kein Uebe sie berühre " Mir fehlen die Worte, um den Abscheu zu schildern, der mich beim Anblicke dieser Dinge befiel. Da ist eine Form des „vergifteten Kusses"; es gibt noch eine andere. Wer die raitzischen Dörfer der unteren »egend kennt dem ist gewiß die Menge der Triefäugigen ausgefallen, den erschreckten oie zahlreichen Individuen mit verkrüppeltem Körper, mit dem zitternden Gange, der wächsernen Gesichtsfarbe; das Schminken ist dort gang und gäbe; wmn sie aber den Mund öffnen, dann ist's. als wehte uns ein Pesthauch an. Und die Ursache von alledem liegt darin, daß das Küssen nirgends so zur Gewohnheit geworden ist wie bei den Raitzen. Wenn Bekannte sich begegnen, küssen sie sich fünfmal und immer mit jener Lascivität welche mit der Wärme des Klima's zunimmt. Die Braut wird von allen Gästen geküßt und muß alle Küsse erwiedern. Und wie viele darunter sind vergiftet! Daher kommt es, daß ganze Generationen durch und durch inficirt sind. Und die Qualen des Körpers bewegen die Armen zum Wallfahrten; der vergiftete Kuß verbreitet sich vom heiligen Orte weiter — auf Jeden, welcher glaubt, daß die auf die Heiligen-Bildsäule gedrückt inftcirle Lippe nicht mehr giftig ist!
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„Das populärste Weihnachtsgeschenk ist immer der Kalender, der ja in .feinem Hause fehlen darf. Unter den Volkskalendern verdient vor allen der Lahrer jhinkende Bote genannt zu werben." (Ueber Land und Meer.
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