/• Ho. |3. 6- Sonntag, den 16. Januar. 1876.
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Die orientalische Fra^e.
Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß von allen Seiten die fried' lichsten Versicherungen ertheilt werden und daß trotz alledem die Furcht vor der Möglichkeit eines Krieges nicht schwinden will. Diese Erscheinung muß ihren bestimmten Grund haben, sie ist sicherlich keine rein zufällige; ihren Grund ausfindig zu machen, ist aber um so schwieriger, als von Zeiten der verschiedenen Regierungen und ihrer Organe das Vorhandensein kriegerischer Desorgnisie einfach gelellguet wird.
Wenn wir die Thatsachen seit dem Ausbruch des Ausstandes iu der Her zegowina nochmals resumiren, so ist die Sachlage die folgende. Des Druckes und der Aussaugung durch die muhamedanische Regierung müde, greift das kriegerische Völkchen iu der Herzegowina zu den Waffen. Die türkische Regie- rung braucht zur Besiegung des Aufstandes Zeit, Geld und -Loldateu. Zn ihrem großen Hochmuth und mit dem gewohnten Pflegma unterschätzte sie die Bedeutung des Ausstandes und Server Pascha ist kaum mit den ersten Truppen auf dem Schauplatz der Ereignisie angelangt, als er, getäuscht durch einige höchst untergeordnete Erfolge, die Besiegung des Aufstandes nach ftoiv staminopel meldet. ' Seitdem sind mehrere Monate vergangen und die Dinge stehen noch auf demselben Fleck.
Ein Guerillakrieg, wie der, welchen die Aufständischen führen, ist um so schwerer zu besiegeu, wenu Noth und Verzweiflung die Waffen führen. Die Zeit ist nutzlos für die Pforte verstrichen und längst ist ihr Geld zu Ende,— aber ohne die moralische Stütze, welche die Ausstäudischen in Europa gefunden haben, ließe sich doch ein Ende des aussichtslosen Kampfes in nicht ferner Fr.st um so mehr in Aussicht nehmen, als die erhoffte Theiluahme Serbiens und Bosniens in Wirklichkeit nicht eingetreten ist. Man will iu diesen soujeränen Staaten den Erfolg abwarten, man will miternten, ohne in der aufständischen Herzegowina das Feld mit dem eigenen Blute zu düngen. Man sieht an Spaniens Beispiel, daß solch ein Aufstand Jahre lang wahren und doch die übrige Welt völlig unberührt lasten kann. Adders freilich ist dies mit aufständischen Bewegungen gegen die Pforte. Auch hier hätte es iu dem Willen der Mächte gelegen, die ganze Angelegenheit zu localisiren, uud in Wirklichkeit lauteten die ersten Kundgebungen der Cabmette und ihrer Officiösen dahin, allein sehr bald wurden anfänglich schüchterne, dann aber entschiedene diplomatische Juterveu» tionsversuche gemacht. Die Pforte suchte das Prävenire zu spielen, sie ging mit Reformversprechungen so ausged-hnter Art voran, daß alle Welt und vor allen Dingen die Aufständischen selbst sich hätten befriedigt erklären können, wenn man in diesen Reformversprechu»rgen mehr gesehen hätte, als einen von der Noth des Augenblicks veranlaßten Schritt, einen Schachzug, um der Intervention der Mächte zuvorznkoinmen.
Von vornherein wurde in der ganzen Angelegenheit die Uebereinstimmung der drei Kaiserreiche conftatirt und dieser Uebereinstimmung, trotz der im Orient widerstreitenden Interessen Rußlands und Oesterreichs, die Bedeutung einer werthvollen Friedeusbürgschaft beigemessen. Aber trotz dieser in Petersburg, in Wien, in Berlin so oft betonten Absicht der Mächte, Alles auf friedlichem Wege in's Gleiche zu bringen, wollte ein Gefühl des Druckes, der Beängstigung, das auf der politischen Welt ruhte, nicht weichen uud dieses Gefühl lastet auf ganz Europa bis auf diese Stunde. Von den drei Kaiserreichen er schien Oesterreich zum Stimmführer am geeignetsten, weil seine Stellung in der orientalischen Frage sich mehr der der Westmächte nähert unb das Wiener Ea» binet daher am ehesten zu einer vermittelnden Stellung qualificirte. Graf Andrassy hat lange Zeit gebraucht, um mit seinen Vorschlägen fertig zu werden und die Aufnahme, die dieselben allem Anschein nach in London und Paris gesunden haben, entspricht durchaus den Erwartungen, die man hegte. Auch Bier wieder ein günstiges Moment und doch der in der letzten Zeit eher verstärkte als beschwichtigte Druck kriegerischer Bchrr^.äisis!
Fast scheint es uns, daß es völlig gleictzgiltig, waS die-Türkei auf die Vorschläge der Mächte erwidert. Ob ihre Antivorl zustimmend oder ablehnend ist, die Gefahr einer militärischen Occupation der südslavischen Länder der Türkei wird kaum vermieden werden können. Natürlich dürfte Oesterreich weder die Lasten und Gefahren, noch die Chancen eines solchen Vorgehens allein tra gen und es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß für solchen Fill bereits ein Einverständuiß zwischen Rußland und Oesterreich zu gemeinsamem Vorgehen existirt. Man bat aber von solchen gemeinschaftlich und iu bestem Einvernehmen begonnenen Actionen nicht gerade eine günstige Ansicht. Oesterreich speciell hat alle Ursache zur Vorsicht in dieser Beziehung; war doch die gimeinfame Action mit Preußen in Schleswig-Holstein die Ursache des Krieges von 1866. Das ist das Bedenkliche solcher Actionen, daß die Konsequenz derselben, mag der Ausgingspunkt auch ein gemeinsamer sein, doch stets der Widerstreit der Interessen ist und das Gefühl dieser Gefahr ist es. da- die politische Welt erregt, trotz aller Friedensversicherungen. Ist der Pfeil einmal vom Bogeu. so bit ihn ter Schütze nicht mehr in ber Gewalt und die besten Absichten der Mächte könnten an der Gewalt der Thatsachen, an tem Zwang widerstreiten der Interessen scheitern Nur Eines muß hierbei eine g-wisse Beruhigung ge
währen, und das ist gerate der Umstand, daß Oesterreich eine Erfahrung gemacht hat, die zu erneuern seine Leiter wenig Neigung verspüren dürften. An der Vorsicht Oesterreichs ist diesmal daher kaum zu zweifeln und ebenso daran, daß bic Bestrebungen der Mächte in Wirklichkeit auf Erhaltung des Friedens gerichtet sind. Nur das dunkle Gefühl, daß es sich um Interessen handelt, die stärker sind als ihre Träger, daß jeder Zufall die friedlichen Bestrebungen durchkreuzen kann, liegt der gegenwärtig herrschenden Beunruhigung zu Grunde.
Deutschland.
Darmstadt, 13. Januar. Bereits Ende 1872 waren von dem zwanzigsten Landtag für die Errichtung eines neuen Universitäts-Gebäudes in Gießen 176,000 fl. bewilligt worden, die Verwendung unterblieb aber vorerst, da sich 'bezüglich der Wahl des Bauplatzes, ter Ausarbeitung ter genaueren Baupläne 2C. die verschiedensten Anstände ergaben. Sogar bei Eröffnung des der- maligen Laut tags waren die betr. Anstände noch.nicht alle gehoben; da aber inzwischen die Arbeits-Löhne 2C. ebenso wie die Bedürfniffe der Universität wesentlich gewachsen waren, so sah sich das Ministerium des Innern veranlaßt, außer den früher bewilligten 176,00*') fl. (oder 301,715 Mark) noch weitere 218,285 Maik unter den außerordentlichen Ausgaben für die laufende Periode in Ansatz zu bringen, indem das Gesammt-Bedürsniß nunmehr ungefähr auf 520,000 Mark veranschlagt war. In einer ganz neuerdings eingelaufenen Vorlage des Ministeriums des Innern wird nun aber die fragliche Nachforde- rung auf 126 570 Mark oder um 91,715 Mark herabgemindert, indem gleichzeitig bargde.t wird, daß die so rebucirte Forderung der Anordnung des Ministeriums, die Pläne und Voranschläge auf das unbedingt Nöthige zu beschränken, entspreche.
Ä))ainz, 12. Januar. Nach einer Bekanntmachung des Festungs-Gou- veruements sind 9 der hiesigen Garnison angehörige Militärpersonen, darunter 3 aus Elsaß, fahnenflüchtig geworden.
Berlin, 13. Januar. Wie man der „Wes.-Ztg." von hier schreibt, erregt es in Marinekreiseu Aufsehen, daß Seitens der Admiralität, wie mau annimmt, in Veranlassung deS auswärtigen Amtes die schleunige Indienststellung einiger Kriegsschiffe angeordnet worden ist. Die Indienststellung erstreckt sich auf eine Panzerfregatte, eine Eorvette und ein Kanonenboot. Lieber die Verwendung der Schiffe ist Bestimmtes noch nicht bekannt.
Weimar, 13. Januar. Die „Wenn. Ztg." erfährt aus bester Quelle daß die Nachricht von der Berufung deS Prinzen Neuß auf den Botschafterposten in Wien unrichtig ist.
Stuttgart, 14 Januar. Der „Staats-Anz. für Württemb." enthält eine Ministerin!-Verfügung, betr. die freie Eisenbahnfahrt der Mitglieder der Stände-Versammluiig zwischen ber Hauptstadt und ihrem Wohnorte während ber Session.
Hesterreich.
I8ien, 12. Januar. Die Türkei hat allen Mächten erklären lasten, baß sie in Bezng auf türkische Reformen keine gemeinschaftlichen Vorstellungen ber Mächte entgegennehmen werbe. Di'se schroffe unb trotzige Haltung der hohen Pforte entspricht sehr wenig ihrer Lage unb hat begreiflicher Weise rer- stimmt. Oesterreich unb Rußland haben eine Gegenerklärung aufgesetzt, der Deutschland sich angeschlosten hat, in welcher es heißt, daß die Mächte sich über die Form ihrer Mittheilungen keine Vorschriften machen ließen. ^Die drei Mächte iv erb en sich also nicht behinbem lasten, ben beabsichtigten Schritt in Konstantiiwpel zu tbun. I ich essen wirb es ber Diplomatie wohl gelingen, eine lForrn ZU finden, die bm türkisch'n Stolz am wenigsten verletzt. Besonders Rußlarrd ist zrir Schonung geneigt, damit ber ihm genehme Großvezir Mahnrud Pascha nicht seine Stelle verliere. Die türkische Regierung wirb wohlthnn, die Angelegenheit nicht auf die Spitze, zu treiben, da ben Insurgenten nichts willkommener fein würbe, als wenn die Türkei sich mit den Mächten überwürfe. Wenn der Aufstand sich verbreiten sollte, würben Oesterreich unb Rußland wobl dazu kommen, türkische Gebietstheile zu besetzen, und England ist nicht geneigt, der Türkei tbätige Hülfe zu leisten.
ArankrUch.
Pari-, 13. Januar, iie vom Präsidenten Mac Mahon an da- französische Volk erlassene, heute vom „Journal officiel" veröffentlichte Procla- mation gipfelt in folgenden Sätzen: „Das französische Volk will die Ordnung und den Frieden. Die Senatoren und Depntirten werben biefelbeii in Gemeinschaft mit bem Präsidenten der Republik aufrecht erhalten müsten. Ebenso werden dieselben die (onflitutiouclbii Gesetze ehrlich und «lifrichtig anzuwenden haben. Eine Revisioit ber neuen Jnstiuction barf nicht eintreten, bevor nicht eine loyale Hanbhabung betreiben ftattgefunben hat. Aber um bieselben so zu handhaben, wie dies bas Heil Frankreich- erfordert, ist eine conservative unb


