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Dienstag, den 9. Mai

1896

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PreiA vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.

Kesternich.

Wien, 5. Mai. Ledochowsky ist auf der Rückkehr von Nom nach Teplitz gerelst und beim Fürsten Clary abgestiegen.

Wie», 6. Mai. Die amtlicheWiener Ztg." veröffentlicht kaiserliche Handschreiben an Andraffy und die beiden Minister-Präsidenten, womit die Ein­berufung der Delegationen auf den 15. Mat nach Pesth angeordnet wird.

Wien, 6. Mai. Die griechische Konigsfamilie ist hier eingetroffen und vom Kaiser am Bahnhofe herzlich begrüßt worden.

Italien.

Nom. Am 30. v. Mts. empfing der Papst in feierlicher Audienz eine Anzahl französischer Pilger, unter Leitung des Erzbischofs von Toulouse, Herrn Desprez. Der Hauptinhalt jener Rede, welche Pius IX. bei dieser Gelegen­heit hielt, war ein Vergleich der Albigenser des 13. Jahrhunderts mit den heutigen Altkatboliken Deutschlands. Wie jene mit dem Tode des Papstes Sylvester das Ende des Papstthums gekommen glaubten, so wähnten auch die sog. Altkatboliken diesen göttlichen Bau zusammenbrechen zu sehen, obwohl sie, durch die Erfahrung gewitzigt, demselben so kein schnelles Ende prophezeiten, wie die Albigenser. Gleich allen Ketzern, die jemals den Boden Europas be­fleckt hätten, behaupteten die Altkatboliken, daß die katholische Kirche jetzt nicht mehr das sei, was sie früher gewesen wäre, daß sie gefallen fei, verdunkelt worden sei in ihrer früheren Reinheit, und da hätten diese Ketzer wohl selbst gar die Kühnheit, die Reinigung von jenen Schlacken übernehmen zu wollen. Mit diesen deutschen Ketzern in nächster Verbindung stände jene Landplage, welche über das schöne und doch so arme Italien von Norden her hereinge­brochen sei. Schließlich spielte der Papst auf feine Gefangenschaft hin, ohne geradezu diesen Ausdruck zu gebrauchen. Gewalt, Nothwendigkeit und Klugheit zwängen ihn, in dreser Ecke der Hauptstadt des katholischen Erdkreises zu leben, aber wenn es auch nur eine Ecke sei, so sei sie doch von Gott begnadigt und gesegnet. Dann pries er noch einmal das Glück und die Tugenden des ftan- zösischen Volkes, gab seinen Segen und entließ die Besucher.

Kugkand.

Dcutfdifanb.

Au- Oberheffen, 6. Mai. In dem Vertrag der Actien-Gesellschaft 1 für Erbauung der Oberhessischen Bahnen mit der Bau-Unternehmung, welcher von der Regierung genehmigt wurde, war ausgemacht, daß die Zweig-Linie 1 Ortenberg-Stockheim gebaut wurde, daß in Folge dessen die Ban-Unternehmung 50,000 st. und die Actien-Gesellschaft 70,000 fi. dafür verwenden sollten. Be­kanntlich ist aber diese Linie bis heute nicht gebaut, und es hatten sich deshalb der Stadt-Vorstand und der Vorstand des Bürger-Vereins von Ortenberg an die Stände gewandt, um deren Befürwortung zu erlangen. Wie indessen aus dem vom Abg. Schröder erstatteten Bericht des Finanz-Ausschusses der zweiten Kammer hervorgeht, hat sich dieser Ausschuß einstimmig dahin ausgesprochen, den Gesuchenzur Zeit" keine Folge zu geben und den Petenten das Ergebniß der ständischen Berathung in motivirter Weise mitzutheilen.

Berlin, 5. Mai. Daß der Ausgleich zwischen Oesterreich und Ungarn am 2. Mai wiederum auf zehn Jahre erneuert ist. und zwar wesentlich auf der alten Grundlage, ist ein wichtiges und erfreuliches Ereigniß nicht blos für das Doppelreich, sondern für ganz Europa, in welchem Oesterreich ein wesent­licher und unentbehrlicher Bestandtheil ist. In den Urtheilen der Wiener Blätter überwiegt die Zufriedenheit, aus der gespannten Lage herauszukommen, und in Pesth wird wohl dasielbe der Fall sein, obgleich es nicht an magyari­schen Blättern fehlt, die gegen den Ausgleich wüthen und Tisza den Verderber der Nationen nennen.

Berlin, 5. Mai. DieNordd. Allg. Ztg." enthalt au hervorragender Stelle Folgendes :Ein hiesiges Telegraphen.Bureau, welches sich mit Vorliebe die Verbreitung beunruhigender Nachrichten angelegen sein läßt, versendet unter dem gestrigen Datum folgendes Telegramm:Das hiesige Landwehr-Bezirks- commando hat unter dem 29. April d. I. an bereits längst außer Dienst ge­stellte Officiere ein Schreiben gerichtet, in welchem dieselben um eine recht baldige Erklärung darüber ersucht werden, ob sie aus Interesse für den aller­höchsten Dienst sich bereit finden würden, im Falle einer Mobilmachung pro 18761877 an einigen Tagen in Berlin die Aufsicht auf einem der dazu bestimmten Plätze bet der Gestellung einberufener Mannschaften freiwillig und ohne pecuniäre Entschädigung zu übernehmend Wir wiffen nicht, ob Seitens des hiesigen königl. Bezirkscommandos derartige Anfragen ergangen sind, welche jedenfalls nicht in der Absicht erlassen wurden, um sie der Oeffentlichkeit zur tendenziösen Ausbeutung für Börsenzwecke zugängig zu machen. Sollten derar­tige vertrauliche Schreiben erlassen worden sein, so ist damit nur in alljährlich wiederkehrender Weise den Vorschriften des Mobilmachungsplanes genügt wor­den, welcher den Militärbehörden die Verpflichtung auferlegt, bereits in Frie­denszeiten für die Besetzung einer jeden bei der Mobilmachung in das Leben tretenden Eommando- oder Verwaltungsstelle Sorge zu tragen und Verzeichnisse der qnalificirten Persönlichkeiten anzulegen. Die vorstehende Nachricht eignet sich daher nicht zur Speculation ä la baisse, und es bleibt nur der geringe Grad von Patriotismus zu bedauern, welcher derartige dienstliche Vorgänge einer durchaus verwerflichen, wenn nicht strafbaren Verwerthung preisgibt."

Berlin, 5. Mai. Das Abgeordnetenhaus beendigte in der heute 6i/2 Stunden währenden Sitzung die zweite Lesung des Gesetz-Entwurfs über die evangelische Kirchen-Verfassung. Der Antrag Klotz-Virchow, nach Art. 19 einen Artikel einzuschieben, welcher die Rechte der aus der evangelischen Landes­kirche Austretenden wahrnimmt, wurde nach längerer Debatte, wobei der Cul- tus-Minister den Antrag bekämpfte, abgelehnt. Nächste Sitzung morgen.

Berlin, 6. Mai. Das Abgeordnetenhaus Überwies in der heutigen

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London, 5. Mai. Die deutsche Kaiserin wird vermuthlich am 13. d. MtS. der Eröffnung der Keusingtoner wiffentschaftlichen Ausstellung durch die Königin beiwohnen. Der Besuch des Exkönigs von Hannover in Windsor ist um zehn Tage aufgeschoben. Die Haft deS Amerikaners Winslow, deffen Auslieferung von den Vereinigten Staaten verlangt wird, ist auf Antrag der Regierung um zehn Tage verlängert. Die telegraphische Verbindung mit Amerika ist zur Zeit unterbrochen.

Sollte der König von Dahomey bei Ablauf der ihm gewährten Frist am 1. Juni noch auf feiner Weigerung bestehen, die ihm auferlegte Buße (von 500 Faß Palmöl) zu entrichten, so sollen, wie es heißt, die Küstenstädte seines Reiches niedergebrannt und die Flußmündungen blokirr werden. Ein Kriegszug in's Innere des Landes wird hier nicht für wahrscheinlich gehalten.

London, 5. Mai. Unterhaus. Auf Anfrage Johnstones erklärte Disraeli, die Pforte habe die Absicht, Montenegro zu besetzen, bestimmt in Abrede gestellt. Die Nothwendigkeit, der Pforte irgend welchen Rath anzu° bieten, habe nicht vorgelegen.

London, 6. Mai. In der Sitzung des Unterhauses lenkt Cochrane die Aufmerksamkeit auf die Occupation Khokand's durch die Ruffen und bean­tragt die Vorlegung der bezüglichen Correspondenz. Nachdem sich mehrere Mit­glieder für eine thätigere Politik angesichts der russischen Ausbreitung in Central-Asien, andere wiederum im entgegengesetzten Sinn ausgesprochen I)a6e*, erklärt Disraeli, er hege keine Besorgniß gegenüber Rußlands Vorgehen. Die von ihm (Disraeli) bei Berathung der Titel-Bill vor Kurzem gemachte Aeuße-- rung sei von Rußland nicht als Drohung aufgefaßt worden. Rußland wisse, daß England die natürliche Entwicklung des rnsfischen Reiches in Asien mcht mit Eifersucht betrachte, ebenso sei es aber vollkommen selbstverständlich, daß England eutschloffen sei, fein indisches Reich und seinen Einfluß im Orient aufrechtzukrhalten. Rußland kenne diese Absichten und halte sie nicht für um verträglich mit dem guten Einvernehmen beider Länder, welches niemals bester war, als jetzt. Disraeli mißbilligt eine Politik, welche fortwährend grolle, ohne zu handeln; eine freimütige entschiedene Politik fei bester, um das gute Einvernehmen mit Rußland aufrechtzuerhalten. Rußland habe eine große Mis- ' sion im Orient. Die Eroberungen Rußlands in Central-Asien seien für die dortige Bevölkerung ebenso vortheilhaft, wie Englands Eroberungen für die orientalische; Rußland habe auch das gleiche Recht zu Eroberungen in Ceutral- ? Asien, wie England in Indien. Cochrane zieht hierauf seinen Antrag zurück. ' Weiterhin erwidert der Schatzkanzler Rorthcote auf eine Anfrage von Wolff: : Bisher wurde noch fei* Vorschlag an die See-Mächte gerichtet, den Suez-Canal gemeinsam zu erwerben; England ist bereit, einen solchen Vorschlag anzuneh­men. Inzwischen dauern die Verhandlungen der Mächte wegen Herbeiführung einer Reduction der Zuschlags-Taxe fort. Der Besitz der Suez-Canal-Actren > gibt England eine günstige Stellung zur Herbeiführung der Denaturalisatton des Canals.

Sitzung den Gesetz-Entwurf wegen Verlegung des Etats-Jahres und Feststellung des Staatshaushaltes für das erste Vierteljahr 1877 an die Budget Commission und genehmigte sodann das Ansiedelungs-Gesetz, und zwar bis § 16 nach den Commissions-Anträgen, die übrigen Paragraphen meistens nach der Regierungs> Vorlage, einzelne Bestimmungen betreffs Versagung der Erlaubniß zu Ansiede­lungen nach den Anträgen von Hänel. Der von der Competenz Commission gestellte Antrag, wonach die für die Provinz Posen geltende Befugniß der Landräthe und Bezirks-Regierungen auch auf Westfalen ausgedehnt werden soll, wurde gleichfalls angenommen. Nächste Sitzung Dienstag.

München, 6. Mai. Sitzung der Abgeordneten-Kammer. Nach langer Debatte werden die Anträge der Abthellung, die Wahlen im Wahlbezirk Mün­chen II für gültig zu erklären, dagegen die Eintheilnng der Urwahlbezirke im Wahlbezirk München II (rechts der Isar) als gesetzwidrig zu erachten und be« halb zu vernichten, angenommen. Dafür stimmten die Ultramontanen. Die Liberalen stimmten für ten Schlösschen Antrag, wonach ebenfalls die Wahlen In München II für gültig zu erklären und die dagegen eingebrachten Neclama- tionen zurückzuweisen.

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