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Gitßmrr Anzeiger.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hießen.

W. Samstag beii äfe. August LKtzSS.

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Gießen, am 27. August 1875

Betretend: Die Einführung des Turnunterrichts in den Volksschulen des Kieises E-ctzcn. #

Die Großherzoglichc Krcis-Schiil-Comimffioii Gießen

an die Schulvorstände dcö Kreises.

Der bereits angezeigte Turncursus für die Volksschullehrer in dem Kreise Gießen wird von dem Großhcrzoglicken Turninspector Herrn Marx zu­nächst für die Lehrer des Couferenzbezirkö Lick-Hungen am 7., 8. und 9. September. Morgens 9- 11 Uhr, Nachmittags 2-4 Uhr, in Lick abgehalten werden. Die Lehrer des betreffenden Conferenzbezirkes sind verpflichtet, an diesem Turncursus Theil zu nehmen, doch ist gestattet, daß auch, je nachdem Lich oder Grünberg leichter für sie zu erreichen ist, einzelne Lehrer sich an dem später stattfindenden Turncursus in Grünberg betheiligen, wie auch Lehrer des Bezirkes Grünberg dem Kursus in Lick anwohnen können Sie wollen den Lehrern von diesem Ausschreiben unter dem Anfügen Kenntniß geben, daß die Schulen an obigen 3 Tagen auszujetzen sind.

v. Röder.

Die Lehrer des Conferenzbezirkes Lich-Hungen werden zu einer

Konferenz nach Lich

auf den 8. September, Nachmittags, eingeladen.

Gießen, den 27. August 1875.

Buchner, Kreis-Schulinspector. 9"' rrvr;sp- * «e-riy >.>&. . ®*<

potilisch

Deutschlanv.

AuS dem Grosiherzogthum Hessen. Der am 18. August von der Friedberger evangelischen Conferenz gefaßte Beschluß, daß es Aufgabe der evangelischen Landeskirchen fei, neben dem staatlichen emkirchliches" Eherechl aufzustellen, gibt zu ernsten Bedenken Anlaß. Ein eigenes kirchliches Eherccht bat es biö jetzt in Hessen für Protestanten nicht gegeben. wie auf der Confe­renz selber anerkannt wurde, ist überhaupt in allen protestantischen Staaten bis jetzt unbekannt gewesen. Ein solches aufzustellen, widerspricht unseres Er- uieffens gänzlich den Principien des Protestantismus, ist eine unlösbare Auf- gäbe für eine Synode, und die Handhabung eines solchen kirchlichen Eherechts würde schließlich kirchliche EbegerichtShöse erfordern, wie sie die Bischöfe zwar auch fortan krampfhaft beizubedalten streben, wie sie aber die protestantische Kirche außerhalb Preußens (deffen Oberkirchenrath freilich eine Zeit lang zu einer Art Ehe-Tribunal ausgcartet war) längst nicht mehr kennt.

Hat man mit den Kirchengesetzen vom April den Vorgang Preußens ab­gewartet. so dürfte sich dies noch mehr in einer Frage empfehlen. in welcher ks besonders empfindlich sein könnte, schließlich vom größten Theile des prote­stantischen Deutschlands allein gelaffen zu werden.

Darmstadt, 25. August. Morgen tritt der Finanz-Ausschuß der evangelischen Landes-Synode zu einer Sitzung zusammen, um verschiedene 33c« lichte druckreif zu stellen. Da aller Wahrscheinlichkeit nach der neue Landtag erst Ende September oder Anfangs Oktober zur Constttuiruiig und Entgegen­nahme des Budgets einbcrusen wird, beabsichtigt man die Svnode schon im Laufe des kommenden Monats zu einer kurzen Session einzuberufen.

Berlin, 24. August. Wir wollen nochmals darauf aufmerksam machen, daß die 25-T Haler-Noten derpreußischcn Bankvom 1. September ab nur noch in Berlin bei der Hauptkaffe, und zwar auch nur bis zum 31. December eingelöst werden.

Berlin, 25. August. Prinz Leopold von Bauern trifft am 30. d. Mts. frier ein und steigt im königlichen Schlösse ab. Er wobnt den Truppenübungen des Gardecorps biS zum 3.' September bei und begibt sich dann zu den Cavalle- ricübungen bei Könitz (Westpreußen). Der seitherige Drüsleler Gesandte Per- poncher wird beute vom Kaiser in Babelsberg empfangen und zur Tafel gezo­gen. Der hier cingetroffene russtscke Gesandte in Madrid, v. Kudriawökl. wird heute auf seinen Posten zurückkehren.

Berlin, 25. August. Die Invaliden - Säule in Berlin befindet fick in einem nichts weniger als erquicklichen Zustande. Eine Untersuchung der Säule hat ergeben, daß dieselbe an vielen Stellen schadhaft geworden ist und dringend einer baldigen Reparatur bedarf. Die Untersuchung würde wobl unterblieben sein, wäre nicht der etwa zwei Ccntner schwere Kopf einer der vier Figuren, welche zwischen den Schnörkeln aus den Acanthusblättern herauswacksen, ber- abgestürzt. Es war zum Glück Abends zwischen 10 und 11 Uhr, und^ der Posten kam mit einem tüchtigen Schreck davon, da der Kopf. in viele Stücke zerschmettert, innerhalb des Gitters fiel.

Berlin, 25. August. Die in Leipzig erscheinende, vom Rabbiner Dr. Lud­wig Philippson in Bonn herausgegebeneAllgemeine Zeitung des Judenthnms" fertigt die berüchtigten Artikel der Kreuzzeitung, in denen der Reichskanzler Fürst Bismarck, Präsident Delbrück, Minister Campbausen und insbesondere bi; Abgg. Lasker, Bamberger und Oppenheim so schmählich angefeindet werden, m treffender Weise ab. Die Abfertigung schließtmit dem deutschen Sprüchwort: Es ist gut, daß der Esel keine Hörner hat." .

Berlin, 25. August. Das LondonerHackwoods-Magazin brachte in seiner August-Nummer einen Aufsatz, welcher allgemeines Aufsehen erregt, wie auch die französische Großmäuligkeit neuerdings klar darlegt. Was wur­den nickt Alles für Dinge von der französischen Armee-Reorganffation erzablt, man glaubte schon, Frankreich wäre im Stande, den berühmten Spaziergang

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nach Berlin neuerdings anzutreten und nun beweist ein Kritiker in obengenann­ter Zeitjckrift, daß Frankreich in den letzten vier Jahren m militärischer Be­ziehung fast gar keine Fortschritte gemackt habe, daß die Armee-Reorganisation 1 nur auf dem Papiere existire und daß Frankreich fast ganz wehrlos sei. Diese Behauptung ist kühn, aber wahr. Ter Pariser Korrespondent derTimes" ibat auf Grund dieses Artikels vierzehn Tage lang bei französischen Officieren j unb anderen militärischen Autoritäten die sorgfältigsten Erkundigungen emgezo- flen und bestätigt ui einem Telegramm die uiHackwoods - Magazine" ausge­stellte Behauptung. Die Armee-Reorganisation, sagt er, ist mangelhaft, und trotz der vier Jahre, die nach den furchtbaren Lectionen von 1870 verflossen sind, hat die Armee als militärischer Körper wenig oder gar keine Fortschritte gemacht. Auch von anderer Seite ist schon oft auf diese Erscheinung hingewiesen worden. Sie erklärt sich zumeist aus der Hast und noch mehr der System- losigkeit, mit der die verschiedenen Kriegsminister bei dem Rcorganisationswerk zu Werk gingen; hatte doch jeder derselben nichts eiligeres zu thun, als das Werk seines Vorgängers niedcrzureißen. Dazu kommt außer anderen Gründen noch der höchst fühlbare Mangel an tüchtigen Subaltern-Officieren und Unter- osficieren, ein Umstand, der in der That sehr hemmend auf die praktische Ver- wirklickung jedes Reorganisations-Planes wirken mußte. Auf alle Fälle wird es unter diesen Verhältniffen noch eine geraume Zeit wären, ehe die fran­zösische Armee wirklich die Höhe erreicht, von der die französischen Chauvinisten träumen.

DerSchlcs. Ztg." wird geschrieben: Außer der Aufstellung einer deutschen Kanonenboot-Flottille auf dem Rhein ist neuerdings auch die gleiche Maßregel für den deutschen Theil der Donau in Anregung gebracht worden. Für den Bodensee war dieses schon früher geschehen. Oesterreich besitzt auf seinem Donautbeil schon längst eine derartige Flottille; auch würde em Hin- dcrniß für die Aufstellung einiger deutschen Kanonenboote auf der oberen Donau zwiscken Regensburg und Paffau durchaus nicht obwalten.

Potsdam, 26. August. Auf dem gestrigen Festmahl ter Delegirten des Gaftav - Adolf - Vereins erschien der Kaiser und hielt an die Versammelten eine Ansprache. Der Kaiser sprach dem Vorstände seine Befriedigung aus, die Herren in Potsdam zu sehen, und bemerkte, daß er dem Verein und deffen Zwecken jederzeit eine lebendige Theilnahme zugewendet habe; er wünsche, der Verein möge im Vaterlande und über deffen Grenzen immer mehr Wurzel schlagen und immer segensreichere Früchte bringen, das könne er, wenn er auf dem rechten Grunde bleibe: auf diesen Grund wisse er sich eins mit dem Ver­ein. Der Vorsitzende dankte und bezeichnete als Grund des Vereins Jesus Christus, für gestern, beut und in alle Ewigkeit, wozu der Kaiser sich noch­mals ausdrücklich bekannte. Ter Kaiser verließ die Versammlung unter den nicht enden wollenden Jubelrufen der Festgenoffen.

Köln, 25. August. Der Kronprinz des deutschen Reiches und von Preußen ist heute Morgen um 8 Uhr 15 Min. hier eingetroffen. Derselbe wurde von den Spitzen der Behörden empfangen und von der zahlreich ver- 'sammelten Bevölkerung mit lebhaftem Enthusiasmus begrüßt. Der Kronprinz begab sich mnäckst nach dem Regierungsgebäude, wo der KölnerLiederkranz" ihm ein Morgenständchen brachte, und erschien um 12 Uhr in derFlora", wo das Comite und mehrere tausend Personen seiner harrten. Ter Kronprinz wurde hier mit enthusiastischen Hurrabs begrüßt. Nach einer vom Kölner Män- nergesang-Verein vorgetragenen Fest-Cantate hielt Frbr. Eduard v. Oppenheim eine Begrüßungs-Anrede an den Kronprinzen, als Protector der Ausstellung, und schloß mit einem Hock auf Letzteren, in welches die Versammelten enthu­siastisch einstimmten. Der Kronprinz sprach in feiner Erwiderung feine Freude aus. die Vertreter so vieler Nationen einträchtig versammelt zu sehen, wünschte der Ausstellung das beste Gedeihen und erklärte dieselbe, mit einem Hoch auf den Kaiser, für eröffnet.