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Mainz, 20. Dctober. Schon feit längerer Zeit wußte man, daß hier ein „Verein zur Unterstützung der katholischen Riformbewegung" existirte. Die Lebenszeichen, die bisher von ihm ausgingen, ließen darauf schließen, daß sich hier Männer gesunden hatten, die mit maßvoller Besonnenheit den aufrichtig- sten Eifer für ihre Sacke und ein ungewöhnlickes Geschick ui der Bekämpfung des Gegners verbanden. Hierfür gab n. A einen Beweis tie bei Gelegenheit des Bischofs-Jubiläum- vom Verein herausgegebene, gewlstermaßen als eine Mahnung zur Selbsteikenntniß dem feit dem vaticauifchen Eoucil so tief gesunkenen Epifcopat vorgehaltene Broschüre, in welcher aus den vaticanilchen Aktenstücken so manche Stelle im Originaltext veröffentlicht und Jedermann zugänglich gemacht wurde, die jetzt die Bischöfe so gern verleugnen möchten und wegwünschen. Es wurde indeffen dem Vereine von manchen Seiten verdacht, daß er nicht aus dem Dunkel der Anonymität heraustretrn wollte, daß die Warnen feiner Mitglieder geheim gehalten wurden. Selbst Freunde und Förderer der gleichen Bestrebungen gaben ihrem Wunsche lauten Ausdruck, der Verein möge feine Anonymität fallen lasten. Ties ist nun endlich geschehen Mit dem folgenden Aufruf führt sich der „Verein zur Unterstützung der katholischen Resormbkwegung" in die Oeffentlichkeit ein :
Der in Mainz bestehende „Verein zur Unterstützung der katholischen Resorm- bewegung" hat sich bisher darauf beschränkt, die zur Lösung feiner Ausgabe nothwendigen vorbereitenden und einleitenden Maßnahmen zu treffen.
Indem derselbe nunmehr in die Oeffentlichkeit tritt, rechnet er Zuversicht lich auf jene Theilnahme und jenes Vertrauen von Seiten des Publikums, wo- m t dasselbe allezeit jede gute Sache zu unterstützen pflegt.
Eü gilt, nach Kräften einer offenbaren Nothlage abzuhelfen, in welche unverantwortlicher Weise das Vorgehen RomS so viele katholische Familien ge bracht hat. Abgesehen davon, daß gar Manche, wenn sie nicht, im Widerspruch mit ihrem Gewisten. äußerlich als Anhänger der römischen Kirche erschei neu wollen, kein Mittel mehr finden, als katholische Christen ihrem religiösen Dedürfniß zu genügen. ist eS noch ein anderer wichtigerer Umstand, der unabweisbare Abhülfe erheischt.
„Ich sehe mit Schrecken", so hat bereits im November 1870 (Monate lang nach dem Concil!) selbst ein deutscher Bischof sich vernehmen lasten, „ich sehe mit Schrecken, daß demnächst in allem Religionsunterricht Deutschlands die Jnsallibilität als das Haupt- und Primärdogma des Christenthums wird gelehrt werden, und ich kann mir den Schmerz der Eltern wohl vorstellen, welche ihre Kinder solchen Schulen überlasten müssen."
Aber es ist noch schlimmer gekommen. Und so ertragen es nicht wenige Familienväter nur mit innerem Widerstreben, führen laute Klage darüber, daß ihren Kindern von Staatswegen durch Geistliche der vaticanischen Richtung ein Religionsunterricht zu Theil wird, der im flagranten Gegensatz gegen die Anschauungen des elterlichen Hauses, wie überhaupt aller Derjenigen steht, welche eben die Richtschnur ihres Glaubens und Handelns nicht im unfehlbaren Papst, thiim finden können. Der verderbliche Einfluß einer solch' widerspruchsvollen Erziehung liegt klar zu Tage; über kurz oder lang wird die leicht empfängliche Jugend entweder vollendetem Unglauben, deffen Gefahren nur Geistern von seltenster Stärke gewachsen sein dürften, oder kläglichem Aberglauben zum Opfer fallen
Unter diesen Umständen ist'S hohe Pflicht, noch rechtzeitig Vorkehr zu
Darum ergeht ein Mahnruf an die Bewohner und insbesondere an bie katholischen Gesinnungsgenossen von Stadt und Land, durch Anschluß an den ,Verein zur Unterstützung der katholischen Reformbewegung^ eine« kräftigen Mittelpunkt schaffen zu helfen, von welchem aus mit dem nöthigen Nachdruck die Reckte und Jnteresten desjenigen Theils der katholischen Bevölkerung vertreten werden sollen, welcher mit Rom und seinen neuesten Bestrebungen sich unmöglich einig fühlt.
Es sind nach Obigem zunächst und hauptsächlich mckt-ultramontan ge,timte Katholiken, von deren reger Betheiligung es abhängen wird, ob das vom Verein m's Auge gefaßte Ziel erreicht werden kann. Damit ist jedoch selbswer- ständlich nicht ausgeschloffen, daß auch von Seiten Andersdenkender jede Art von Unterstützung der Vereinsbestrebungen dankbar begrüßt wird.
Alle, die irgendwie zu dem Verein in Beziehung treten wollen, werden ersucht, sich an einen der Unterzeichneten zu wenden.
Mainz, im October 1875.
Für den Vorstand des „Vereins zur Unterstützung der katholischen Reformbewegung" :
Ur. Denk, vr. A. Struve, Advocat-Anwalt, erster Vorsitzender. zweiter Vorsitzender.
So scheint denn in diesem Verein zunächst für unser Großherzogthum em Mittelpunkt gegeben, um den sich alle Katholiken, die sich dem vaticaaischen Gewissenszwang nicht willig beugen mögen, I(haaren werden. Alle, welche an der Abwehr der Anmaßungen der Römlinge als an einer vaterländischen Angelegenheit sich betheiligen, werden die Bestrebungen dieses unseres Mainzer Vereins freudig begrüßen und nach Kräften unterstützen.
er Theil.
Berlin, 20. October. (Verhandlung des ProceffeS Arnun vor dem Ober-Tribunal). Nach dem Vortrage des Referenten und nach den Erklärungen des General-Staats-Anwaltes Wever und des VertheidigerS IuflizralhS Dorn, daß sie auf den Inhalt der 13 kirchen-politischen Aktenstücke nur soweit eingehen nürden, wie ter zweite Richter gethan, und daß für die Verhandlung über diesen Punkt der AuSscklnß der Oeffentlichkeit nicht angezeigt erscheine, begründet der Vertheidiger die Nichtigkeitsbeschwerde in gründlichem Vortrage, ohne wesentlich Neue- vorzubringen. Der General-StaatS Anwalt Wevir mo- tivut die Gkgln-Ausfübrung und betont, daß die Competemi te6 Stadtgerichts Berlin mittelst des Rechtes der Exterritorialität Arnim'S als Botschafters, wonach das Delikt als in Berlin begangen anzusehen, begründet sei; er vindicirt den 13 Akienflücken kirchen politischen Inhalts die Eigenschaft amtlicher öffentlicher Urkiindeii und bittet nm Verwerfung ter Nichtigkeitsbeschwerde. Folgt hierauf die Berathung des Gerichtshofes. Das Unheil deS Ober - Tribunals lautet auf Zurückweisung der Nichtigkeitsbeschwerde und sind dem Imploranten die Kosten zur Last gelegt.
München, 20. Oktober. Tie Nachricht einer hiesigen Correspondenz, daß der König einen Ausflug nach Zürich unternommen habe, ist unrichtig. Ter König nahm gestern auf dem Lindenhofe einen längeren Vortrag des StaatSraths v. Eisenhart entgegen und wird heute ober morgen wieder in Schloß Berg einmffen.
München, 20. Octrber. Die Antwort deS Königs auf das Ent- laffimgs-GeNlck dir Minister ist Nachmittags eingetroffen. Soeben (5 Uhr) tritt der Miiiifterrath zur Entgegennahme der allerhöchsten Antwort zusammen.
Augsburg, 21. October. Tie „Allg. Ztg." enthält folgende Privat- Tepesche ans München vom 20 October: „Se. Majestät ter König hat folgende allerhöckste Entschließung erlaffen, welche heute an daS Gesammt- Miiiisterinm gelangt ist: Tas Gesammt - Mmiftuium hat mit Rücksicht auf den Inhalt einer Abresse, welcke gegen die sehr namhafte Minorität der Abgeordneten - Kammer zum Beschluß erhoben wurde, um Entlassung gebeten. Feflhaltend an ttin_mir zustehcnden Rechte der freien Wahl der Kronräthe, finde ich keinen Grund, eine Aendermig des bestehenden Ministeriums eintreten zu lassen. Inmitten ter hockgehenden Wogen des Partei-Kampfes hat daffelbe nach meiner Ueberzeuqung bei seinen Entschlüssen und Handlungen stets des ganzen Landes allgemeines Wohl und Bestes im Auge behalten und ist in gesetzmäßiger Weise für tie Wahrung der Rechte deS Staates eingetreten. Ich hoffe, daß es dem bestehenden Gefammt-Ministerium gelingen werde, die Rückkehr jenes inneren Friedens herbeizuführen, durch welchen die gedeihliche Entwickelung ter Wohlfahrt deS Volkes bedingt ist, und ich erwarte, daß die Regierung zum Heile meines geliebten Bayernlandes bei allen maßvoll Denkenden kräftige Unterstützung in diesem Bestreben finden werde. Es ist mein Wille, daß das Ministerium die vorstehende Entschließung bekannt gebe. Lindenhof, 19. Oktober 1*75. Ludwig. An mein Gesammt-Ministerinm."
München, 21. October. Abgeordnetenkammer. Der Präsident verliest ein Schreiben des Königs, welches dem Präsidenten von dem Ober-Cere- monien Meister zugegangen ist und lautet: „Ich finde mich nicht veranlaßt, die Adreffe der Abgeordnetenkammer entgegenzunehmen. UebrigenS hat auch der Ton, in den einzelne Kammer-Redner bei der Adreß-Debatte verfallen sind, in hohem Gradc mein Befremden erregt. Hiervon ist der Präsident der Abgeordnetenkammer zu verständigen." Der Gesetz-Entwurf, betr. einige Abänderungen deS Tax- und Stempel-Gesetzes wird einstimmig (mit 145 Stimmen) nach den Anträgen des Ausschusses und einer von der Regierung nachträglich eingebrachten Modification angenommen. Der Präsident theilt mit, daß er nunmehr den Gesetz-Entwurf an die Kammer der Reichsräthe gehen lasse, von wo er denselben bis halb 1 Uhr zurückerwarte. Bis dahin wird die Sitzung suspendirt.
München, 21. October. Abgeordnetenkammer. Nachdem die Gesetz- Entwürfe, betr. das Tax- und Stempel-Gesttz und die Umwandlung der Geldstrafen in Reickswäfirung, auch von der Kammer der Reichsräthe angenommen sind, verliest Minister v. Pfenfer ein königliches Decret, d d. 19 October, wodurch der Landtag bis auf Weiteres vertagt wird. Die Versammlung trennt sich hieraus mit einem Hoch auf den König.
Oesterreich.
Wien, 20. October. Die „Polit. Corresp." meldet: In der Nacht vom 16. auf den 17. d. Mts. brachen 200 Türken bei dem Dorfe Sissitschka über die serbische Grenze ein verbrannten zwei Privathänser und ein Grenz- wachthaus, enthaupteten den Wächter, verwundeten zwei Personen und trieben viel Vieh weg. Tie serbische Regierung hat in Folge deffen ihren Agenten m Konstantinopel telcgraphiich angewiesen, bei der Pforte den Grenzeinbruch ofsi- ciell zu constatiren und dagegen energisch zu reclamiren.
Ottiden.
Mailand, 20. October. Die „Perseveranza" meldet: Der Deutsche Kaiser hat der Kaiserin Augusta, seiner Gemahlin, brieflich seine Freude über den ihm gewordenen unbeschreiblichen Empfang in Mailand ausgesprochen. Er habe, schreibt der Kaiser, Aehnliches in (einem Leben nicht gesehen, namentlich


