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Gießener Anzeiger.
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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hiessen.
Nr. 1'10 Samstag den 27. Juni
Srobpreife votit 27. Juni bis 3. Juli 1S7Z4,
nach etqeuer Grklarunq der Bäcker:
2 Kilo gemischtes Brod 24 kr. 1 Kilo gemischtes Brod 12 fr. 2 Kilo Roggenbrod: erste Sorte 21 fr., zweite Sorte 18 fr.
politischer Theis.
Das ultramontane Herrenhaus.
Nachdem vor ungefähr einer Woche der deutsche Katholiken-Verein in Mäinz seine Generalversammlung abgehalten und gleichsam als ultramontanes Volkshaus feine staatsfeindlichen, wenn auch nicht in Wirklichkeit staatsgefährlichen Beschlüsse gefaßt hat. beeilen sich die Notabeln der katholischen Kirche, ebenfalls Stellung zu nehmen zu den neuesten Vorgängen auf dem kirchenpoli- tischen Kriegsschauplatz, vielleicht auch zu den Beschlüssen der Mainzer Katho- liken-Versammlung. Seit Mittwoch tagt wiederum in Fulda eine preußische Bischofs-Conferenz als ultramontanes Oberhaus. Wenn der diesjährige Vorsitzende die „Häupter seiner Lieben zählt, so fehlt manch' theures Haupt. Tie, hochwürdigsten Herren von Posen, Köln und Trier befinden sich in comfona-; beln Staatswohnungen, die feine Miethe und MiethSsteuer kosten, der von Osnabrück hat sich durch Krankheit für sein Fernbleiben entschuldigen lassen. Für die Herren, nicht vom alten befestigten Grundbesitz, wohl aber von der alten befestigten Wohnung, sind natürlich einberufene Stellvertreter erschienen, so daß die Beschlußfähigkeit des ultramontanen Herrenhauses nicht in Frage gestellt ist.
Zwischen der Sturmglocke, welche der allezeit streitbare Bischof von Mainz, Herr v. Ketteler, in gewaltigen Schwingungen läutet, ertönt diesmal ganz leise auch ein Friedenöglöcklein, zu desien Glöckner der Verweser der Diö cese Fulda, der Generalvicar Hahne ausersehen ist. Als vor einigen Tagen die Nachricht, daß sich diesmal die Bischofs-Conferenz mit Friedenspropositionen beschäftigen würde, durch die Presse ging, so stieß diese Mittheilung allgemein auf Mißtrauen. In rheinischen Blättern wird bis heute die Behauptung aufrecht erhalten, daß die Hochwürdigsien wirklich an eine Versöhnung mit dem Staate denken. Die „Köln. Ztg." erfährt sogar in einer Fuldaer Cor- respondenz, welches der hauptsächlichste Gegenstand der Friedenspropositionen fein soll, es handelt sich um nichts Geringeres, als um den bischöflichen „Ho magialeid", zu welchem einige »wesentliche Modificationen vorgeschlagen werden sollen, wahrscheinlich durch den Generalvicar Herrn Hahne, außerdem sollen noch einige andere kirchliche Fragen untergeordneten Ranges in Berathung gezogen werden.
Die Gerüchte über die Versöhnungsbedürftigkeit des preußischen Episco pats wurden zuerst mit einem Scheine der entfernten Wahrscheinlichkeit durch den Umstand umgeben, daß nicht Herr v. Ketteler, sondern der Fürstbischof von Breslau, Dr. Förster, den Vorsitz führt. Dr. Förster hat lange als ein Prälat gegolten, der geneigt ist, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Uns schein? diese Begründung doch sehr weit hergeholt und um so weniger stichhal, tig. als gerade jetzt das Organ des Breslauer Fürstbischofs, die „Schief. Volks-Ztg.", ihren Herrn und Meister ausdrücklich gegen den beiläufig erhobenen Vorwurf verwahrt, daß derselbe zu dir staatstreuen Haltung Einzelner seiner Pfarrgeistlichen ein Auge zudrücke. Ferner wird die angeblich beschleunigte Zu- sammenberufung der jetzt tagenden Bischofs-Couferenz als Grund dafür angeführt, daß der preußische Episcopat etwas ganz Besonderes plane; die Frage der Einstellung des Kampfes zwischen Staat und Kirche fei eine brennende geworden und für die Einberufung der diesmaligen Conferenz maßgebend gewesen. Wir glauben nun zwar, daß das gegenwärtige nutzlose und dabei wohlhäbige Mär- tyrerthum auch unseren Kirchenfürsten für die Dauer nicht paßt, wir sind sogar überzeugt, daß die preußischen Bischöfe sehr gern zur Anbahnung eines modus vivendi ohne freie Staatswohuung die Hand bieten würden, doch sie haben sich feit der Anerkennung des Jufallibilitäts-Dogmas alle Gewalt aus den Händen gegeben, sie sind nicht, was sie nach der Bibel wohl fein sollten, Knechte Gottes, sondern Knechte der zur Zeit in Rom herrschenden jesuitischen Camarilla.
Bezeichnend für die Friedens-Tagesordnung des internationalen ultramou- tanen Herrenhauses in Fulda ist es, daß dieselbe in der Form eines „Eingesandt" im „Fuldaer Anzeiger" mitgetheilt wurde. Auch schon in dem betr. „Eingesandt" wird es zweifelhaft gelassen, ob die dem Generalvicar Herrn Hahne zugetheille Vermittlerrolle zur Geltung kommen werde. Wenn man der „Germania", die doch in dieser Beziehung gut unterrichtet sein kann, Glauben schenken will, so ist an eine versöhnliche Haltung der gegenwärtigen Conferenz auch nicht im Entferntesten zu denken. Die „Germania" meint, daß die jetzt versammelten Oberhirten der katholischen Kirche dessen eingedenk sein würden, was die letzte Versammlung in Fulda entschlosien erklärt hat: „Es ist bcsser, daß die katholische Kirche in Preußen ohne unsere Schuld zu Grunde geht, als mit unserer Schuld." Die Bischöfe werden auch jetzt nur dann nachgeben, wenn ihr Gewissensstandpunkt es zuläßt.
Da der Gewissensstandpunkt des gesammten ultramontanen Episcopats identisch tst mit dem Gewissenstandpunkt Roms, so können wir die Meinung
der „Germania" nur theilen. So eine Bischofs-Conferenz hat in der That viel!
Aehnllchkeit mit einem durchaus gefügigen Ober- oder Herrenhause. Die Mitglieder sind von der Regierung — im vorliegenden Falle von der internationalen Regierung in Rom — auf Lebenszeit ernannt und halten es für ihre heiligste Verpflichtung, nach der Weise zu tanzen, welche ihnen in Rom aufge- spielt wird. Jeder Beschluß in Fulda, welcher auf Grund der bestehenden Gesetzgebung in Preußen eine Verhöhnung mit dem Staate anbahnt, bedeutet einen Abfall von Rom, eine, Empörung gegen die zuständige Regierung. Herrenhaus rebellirt aber nicht gegen feine Regierung, es mag wohl seinem/Un- muth ab und zu durch Reden einmal Luft machen, aber ein Herrenhaus schluckt, wenn es nothwendig ist, seine eigensten Beschlüsse wieder über.
Deshalb glauben wir nicht an einen Abfall der jetzt tagenden Bischofs- Conferenz von Rom; cs mag sein, daß der Generalvicar Hahne Resolutionen unterbreitet, welche einer Versöhnung zwischen Staat und Kirche das Wort reden, aber diese werden sicher in der Conferenz begraben, am allerwenigsten wird sich der versammelte Episcopat auf eine zeitgemäße Modifikation des bischöflichen Homagialeides einlassen. Wir werden das in politischen Verhältnissen gewiß seltene Schauspiel erleben, daß die internationale ultramontane Regierung in Rom, das ultramontane Volköhaus In Mainz und ultramontane Herrenhaus in Fulda fein einträchiiglich in ihren Beschlüssen in Bezug auf die neueste ktrchenpolttische Gesetzgebung in Preußen sind.
Deutschland.
Berlin, 25. Juni. Eine Bekanntmachung des Polizeipräsidiums vom heutigen Tage zeigt bte durch Beschluß des Stadtgerichts vom 23. d. Mts. verfügte vorläufige Schließung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins unter Hinzufügung der Strafbestimmungen an, welche wegen Betheiligung an auch nur vorläufig geschlossenen Vereinen gesetzlich bestehen. ■— Die „Post" schreibt, der Zusammentritt der Brüsseler Conferenz sei jetzt gesichert; die Betheiligung Frankreichs daher sei noch ungewiß, England habe definitive Beschlüsse noch nicht gefaßt, allem Anscheine nach wären aber die anfänglichen, der principicllen Neutralitäts-Praktik Englands entsprungenen Bedenken geschwunden.
Berlin, 25. Juni. Es verdient rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht zu werden, daß in der Zeit vom 1. bis 14. October d. I. in Preußen, keine Eheschließungen stattfiiiden können. Mit dem Inkrafttreten des Civilehe-Gesetzes am 1. October verlieren nämlich die vorher ftattgefundenen kirchlichen Aufgebote ihre Giltigkeit, und kann eine Eheschließung nur stattfinden, nachdem sie 14 Tage vorher dem Civilstandsbeamten angezeigt ist. Diese Beamten treten aber erst am 1. October in Function, so daß, selbst bei sofortiger Anmeldung, die Eheschließung erst am 15. Oktober stattfinden kann. Da nicht wohl anzu- nehmen ist, daß diesem Uebelstande durch eine auf Grund des Art. 63 zu erlassende Verordnung mit Gesetzes kraft abgeholfen wird, so halten wir es für geboten, diejenigen, welche mit den Vorkehrungen zur Verheirathung beschäftigt sind, darauf aufmerksam zu machen.
— Die „A Evang.-kath. Kirchenztg." schreibt: Man will statistisch fest- gestellt haben, daß, wenn die theologischen gacultäten an den deutschen Universitäten noch ein volles Jahrzehnt so wenig zahlreich bleiben, wie in den beiden letzten Jahren, im Jahre 1885 nur noch die Hälfte der Pfarrstellen überhaupt wird be.etzt werden können.
Fulda, 25. Juni. Die Bischofs-Conferenz verhandelte am heutigen zweiten Berathungs-Tage gutem Vernehmen nach darüber, welche Kirchengesetze bedingt ober unbedingt angenommen werden könnten. Ueber die getroffenen Beschlüsse verlautet nichts.
Fulda, 26. Juni. Heute findet der Schluß der Bischofs-Conferenz statt, welchem em gemeinsames Gebet der Bischöfe in der Gruft des heiligen Bonifacius folgen wird. Dem Vernehmen nach wird demnächst ein gemeinsamer Hirtenbrief der Bischöfe erlassen werden. Während der Anwesenheit der Bischöfe sind keinerlei Demonstrationen Seitens der Klerikalen vorgekommen und ist augenscheinlich das Verhalten des Publikums im Allgemeinen diesmal den Bischöfen gegenüber kühler wie früher.
Karlsruhe, 26. Juni. Der Landtag wurde heute durch den Großherzog in feierlicher Weise geschlossen. In der von ihm verlesenen Thronrede constatirt der Großherzog mit Genugthuung die gewonnenen Resultate, betont, daß die Entwickelung des Reiches den einzelnen Ländern Sicherheit und Stärke biete, erwähnt bankend der zu Stande gefommenen Gesetze und spricht schließlich den Wunsch aus, daß dem Lande wie dem Reich ein langer und gedeihlicher Frieden beschieden sein möge.
Oesterreich.
Wien, 24. Juni. Das „Vaterland" erhält vom Fürstbischof von


