rechte- ein Gesetz über die Form der Eheschließung gegeben wurde, welches jetzt auf das ganze Reich ausgedehnt werden soll.
4) AlS weiterer Grund gegen die Eivilehe wurde geltend gemacht, daß dadurch daS Ansehen und der Einfluß der Geistlichkeit herabgemindert werde. Denn künftig werde der Schullehrer, der Gemeindejchreiber oder sonstige Civil- standSbeamte dastelbe können, was bisher der Pfarrer that, nämlich giltig trauen. Allein war denn bisher der Pfarrer etwas Anderes als bloße Urkunds- Person bei der EonsenSerklärung der Brautleute? Allerdings wurde durch die Abnahme dieser Ehe Erklärung in der Kirche und vor dem Altar im Volke die Vorstellung erweckt, als ob der Priester die Ehe schließe, allein im ReligionS- untcrrricht über das Ehesacramcnt mußte jeder wahrhafte Lehrer diese Vorstellung als irrig beseitigen. An der priesterlichen Mitwirkung bei der Trauung wird dagegen auch jetzt nichts geändert. Denn wenn auch der Geistliche den vorgängigen Act vor dem Eivilstandsbeamten als Ehe-Abschluß anerkennen muß, so bleibt ihm doch wie bisher die Belehrung über die sittliche und religiöse Bedeutung der Ehe, dann daS Gebet und die Einsegnung des Paares.
Diese seelsorgerlichc Thätigkeit, welche nicht blos in der flüchtigen Ansprache an ein Brautpaar, sondern bei allen Gelegenheiten auf der Kanzel und in der Schule ihren Ausdruck und in einem würdigen Familienleben des Geistlichen selbst ihre Nutzanwendung zu finden hätte, sichert auch für die Zukunft den Geistlichen den berechtigtet! Einfluß ans die sittliche Erziehung des Volkes voraussichtlich besser als die polizeiliche Stellung, welche der Pfarrer jetzt bei dem Ehe Abschlüsse einnimmt, wo er jedes Paar trauen muß, welches sich bei ihm befindet, und dasselbe höchstens mit unvernünftigen Ehehindernissen oder mit der Vorenthaltung von Dispensen chikaniren kann.
Ueberbltckt man vorstehende Erörternngen, so zeigt sich, daß die Einwendungen der Gegner auf schwachen Füßen stehen, und daß die Eivilehe kommen muß, nicht weil sie eine Erfindnng der liberalen Theorie, sondern weil sie ein Bedürfniß des wirklichen Lebens ist. Sie bildet nämlich einen Theil des Eherechtes, dieses aber muß vom Staate geordnet und gehandhabt werden, weil der Staat heutzutage ein von der Kirche unabhängiges Gemeinwesen znr Ver wirklichnng der Rechtsordnung ist.
(Für die Einführung der Eivilehe liegt noch ein Grund vor, der bei einem hier in loco vorliegenden Präcedenzfall in Betracht kommt: Ein alt- katholischer Bränttgam will ein protestantisches Mädchen heirathen; das Hess. LandeSgesetz verlangt, daß bei gemischten Ehen der katholische und evangelische Geistliche das Paar proclamirt. Der Bräutigam erkennt nun den katholischen Geistlichen als solchen für nicht competent an, eine Proclamation vorzunehmen, während eine solche das Gesetz doch vorschreibt und ein altkatholischer Geistliche im Großherzogthum sich dermalen noch nicht befindet! Was nun thun? Neber all' dergleichen Hindernisse führt die Eivilehe am leichtesten und sichersten hinweg. Die Red.)
Deutfdjfanö.
(Hießen, 26. April. Die bereits erwähnte Regierungs-Vorlage wegen Erbauung eines Justiz.Gebäudes dahier ist zwar zunächst nur auf die Zustim mung zur Erwerbung eines geeigneten Bauplatzes von 600 —KOO Oftlafter gerichtet, gleichzeitig ist jedoch bemerkt, daß nach den muthmaßlichen Raumbe dürfnissen die Kosten des Neubaues, abgesehen voni Bauplatz, nach einer vorläufigen Disposition deS Kreisbauamts auf etwa 175,000 fl. zu veranschlagen seien. Bei diesem Anschlag ist daS Bedürfniß schon nach Maßgabe der neuen Justizgesetze bemessen, welche letzere zwar erst im Entwürfe vorliegen, aber in den Punkten, welche gerade hier maßgebend sind, voraussichtlich keine Aende- rnng mehr erleiden. Die Vorlage eines Bauplans mit detaillirtem Voranschlag ist Vorbehalten bis zur Erwerbung des Platzes. Bemerkt sei hierbei, daß die Nothweudigkeit eines Justiz-Gebäudeü dahier ichon auf früheren Landtagen von den Ständen eutschtedeu anerkannt worden ist und insbesondere der 20. Land' tag die Regierung ersucht hat, sobald die Gerichts-Organisation feststehe, eine entsprechende Propositiou eivzubringen. Die Vorlage hebt nun hervor, daß, wenn man mit der Ausführung des Neubaues bis zur definitiven Genehmigung der Procest- und Organisations - Gesetze durch die Faktoren der Reichs - Gesetz gebung warten wollte, bic Einführung der neuen Organisation und die Ausführung des neuen Verfahrens wegen Mangels eines entsprechenden Geländes in der Provinz Oberhessen vielleicht auf Jahre hinaus verschoben werden müßte.
Berlin, 24. April. (Schluß der RcichStagssitzung.) Die Abgg. Son- neinami und Träger sprechen gegen Lasker für die Amendements Marqnardsen. Windthorst ist zwar principiell dagegen, will aber wegen der Vorthcile, die daS Gesetz biete, dasselbe nicht scheitern lassen, v. Hoverbeck macht seine Ab stnnmung von den Erklärungen der Regierungen zu den einzelnen entscheldenden Punkten abhängig. Die Generaldebatte wird geschlossen. In der nun folgenden Specialdebatte werden die $$ 1 —24 nach den vereinbarten neuen Amen dements genehmigt, darnnter die Aufrechthaltung deS Zeugnißzwanges.
Berlin, 25 April ReichStagsfitzung. (Schluß.) Die Vorlage über den (hm'erb eines DienstgcbäudeS für das Reichseisenbahn Amt wird in dritter Lesung genehmigt. ES folgt die dritte Lesting deS Kirchendiener Gesetzes, dessen einzelne Paragrapheii nach längerer Debatte unverändert angenommen werden. Bei der dann folgenden Schluß Abstimmung über das Prcßgesctz wird dieses gegen die Stimmen der Social Demokraten und der Abgg. Sonnemann, Kroger, Ewald, Adelebseii und Rieper angenommen. Bei der hierauf vorgenom menen namentlichen Schlnß Abstimmung über daS Kirchendiener Gesetz wird dieses mit 214 gegen 108 Stimmen angenommen. Heute Abend findet eine Sitzung der ReichSschulden'Eommission statt. Der Schluß des Reichstages er folgt morgen.
Berlin, 25. April. Der Reichstag setzte die dritte Lesung deS Preß gesetzeS fort. $. 24 wurde angenommen mit einem von Ltauffenberg eingebrachten Amendement, betreffend den Ausschluß der Verantwortlichkeit bei dem Nachweis pflichtmäßiger Sorgfalt oder der Umstände, welche die Strafbarkeit aiiSschlleßen. Die Minister Leoubardt und Delbrück erklärten sich gegen das Ameiidement. Der Rest des Gesetzes wurde nach den neuesten Vereinbarungen genehmigt, der von Reichensperger (Crefeld) zu §. 33 eingebrachte Antrag über Fortfall des Frei Exemplars bei 15 Mark kostenden Werken mit 153
gegen 146 Stimmen abgelehnt. Schließlich wurde eine Resolution bezüglich Verweisung der Preßvergehen an die Schwur-Gerichte mit 164 gegen 149 Stimmen angenommen und das Preßgesetz hiermit erledigt.
Berlin, 25. April. Der Schltiß des Reichstages ist morgen wahr scheinlich, kann jedoch noch nicht als feststehend betrachtet werden, weil die auf der heutigen Tagesordnung stehende butte Lesung des Klrchendlenergesepeö heute nur erfolgen kann, wenn 15 Mitglieder nicht widersprechen, widrigenfalls die dritte Lesuna erst tioei Tage nach der zweiten Lesung möglich ist.
Berlin, 26. April. In ter Abendsitzung des Reichstage- wurden zunächst auf den Antrag Windthorst'» die Abgg. Friedenthal, Benda und Hager per Acclamation zu Mitgliedern der Retchsschulden-Commission gewählt' Es folgte der VerwaltungSbericht über Elsaß-Lothringen. Simonis critlsirte den- selben in einstündiger Rede. Bundes Eommtssär Herzog widerlegte die Vor« würfe Simonis' u.»d vertheidigle die Maßregeln der Regierung, namenklich bezüglich der Ausweisungen: die Regierung habe der Agltatlonspanei energisch entgegentrcten müssen. Redner wies ferner nach, daß die Reichsregierung die übernommenen Steuern weder erhöht noch vermindert habe, wo thunlich, seien Erleichterungen gewährt worden. Hierauf wurde ein Antrag auf Schluß angenommen und beschlossen, daß bind) Vorlegung des Verwaltungsberichtes ben Bestimmungen des Gesetzes genügt sei. Em Abtheilungöberlcht über U iregel- Mäßigkeiten bei den Wahlen wurde dem Reichskanzler behufs Vermeidung der bezcichneien Vorkommnisse überwiesen. Delbrück verliest dann eine kaiserliche Botschaft, wonack) der Kaiser morgen Nachmittag 1 Uhr den Reichstag schließt. Präsident v. Forckenbeck schließt nad) einem kurzen Ueberblid über die erledigten Arbeiten der Session die Sitzung mit einem Hoch auf den Kaiser, worin die Versammlung begeistert einstimmt.
Berlin, 26. April. Der von dem Professor Schilling in Dresden gefertigte Entwurf eines National-DenkmalS auf dem Niederwald wurde von der Künstler-Jury für sehr gelungen erklärt und die Ausführung des EutwurfeS vom Eomitö beschlossen.
München, 25. April. Die Stadt kann endlich alö cholerafre» be- zeichnet werden. Weder in Militär- oder Civil Spitälern, noch in privatärztlicher Praxis befindet fid) gegenwärtig mehr ein Cholerakranker in Behandlung. Der letzte ErkranknngSfaU kam am 19 April vor..
München, 23. April. Die im Justizministerium zur Berathung über Einführung der Eivilehe inedergesetzte Eommission hat ihre Berathlmgeu ge- schloffen uubjid) für Einführung der Eivilehe ui Bayern ausgesprochen.
Straßburg, 25. April. DaS Landgericht von Zabern verurtheilte heute den Bischof von Nancy wegen Veranlasfung deS Pfarrers von Sil« l)eim zur Verlesung eines Hirtenbriefes in contumaciam zu zwei Monaten Festungshaft.
/ran&relcO.
Paris, 25. April. Die gefammte Preste verlangt den Ausschluß bet Deputaten der See-Alpen, Piccon, aus der National Versammlung wegen der von demselben gehalteiien Banket Rede. Einige Journale fordern sogar die ge richtliche Verfolgung desselben.
— Der „Moniteur" erwähnt eines Gerüchtes von der bevorstehende» Ankunft des Grafen Chambord in Versailles.
Spanien.
Madrid, 23. April. Die Carlisten haben alle von ihnen gemachten Gefangenen frelgegeben. Die Nad)tlcht, daß in Madrid eine Anzahl von al- Carlisteu bekannte Personen verhaftet sei, ist unbegründet.
Madrid, 23. April. Die „Gaceta" meldet.' Gestern fand eine leichte Kanonade der Batterien der Regierungs Armee auf die Stellungen der Carlisten vor Bilbao statt. Die Carlisten erwiderten nur durch glintenfeuer. Beider seltö hatte das Feuer fein Resultat. Die Nachricht von der Gefangennahme des Carlistenführers Santes diirch feine eigenen Soldaten wird bestätigt. — Malcampo ist zum Generalcapiiän der Philippinen ernannt worden.
Madrid, 24 April. Die Beschießung der carlistischeu Stellungen bei Albanto dauert fort. Die Carlisten antworten nicht.
ü p f a 1 । p t i
Kiesten, 27 April Heute früh fand man die Leiche de» seit circa 10 Tagen rermiß! werdenden Soldaten Peter Becker I. von Dcrfrnbad), Pt. Alßfetd, in der IV. domp. ta der Lahn bei der Peppler'schen Mühle. Der Bleicher Schürz schaffte die Leiche, welche schon i» Füulniß übergegangen war, an» Ufer.
B , r m t f cv l , 6.
Schotten, 24 April Gestern Nachmittag gegen 3 Uhr zog, nachdem die Wärme de» Tages auf 2i0 R gestiegen, ein (Äewitter heran, dessen erster Blitz eine hiesige angesehene Bürger»frau, welche sich auf einem Acker befand, traf und sofort tödtete. Die Magd derselbe» saß ihr gegenüber, blieb ober, außer einer momentanen Betäubung, unversehrt und war au*8 blicklich wieder in normalem Zustande. Die Kleider der erschlagenen Frau waren total zerrißen
Berlin. In der Roienthalerstraße erblickte dieser Tage em normale» Mädchen dem „Kopfe einer Katze- da» Licht der Welt Der Kopf saß fast ohne jeden Hal» an »<* Körper, die Ohren dingen lang wie Lappen herunter Dal Kind lebte nur 5 Minuten nach der Geburt Der Körper «st der Klinik de» Herrn Professor Ür. Martin übergeben worden.
Berlin. Dem Papa Wrangel hat der Berliner «Ulk- zum 90. Geburt»tag sehr gratulirt, nämlich so: „So viel Sck'lachten Du geschlagen, — So viel Orden Du getras«. — Lo viel Pferde Du geritten, — So viel Hurrah» Du erlitten, — So viel Schwerter r« geschliffen, - So viel Backen Du gekniffen, — So viel Toaste Du gered't hast, — He Worte Du verdreht hast, - So viel Kinder Du geküßt hast, — So viel Damen» Du g*^: hast, — So viel Bibeln Du verschenkt hast, — So viel Dativ» Du gekränkt hast, —WW gcbra itt mir, S» viel Grüße send ich Tir
Stettin (Nölm) Kürzlich ereignete sich dahier ein ftbr bedauern»werther Lockoü: Sine Mutter suchte sich vor dem Schlafengehen zu überzeugen, ob ihr Kind ordentlich gebettet sei, und beleuchtete dessen Lager mit der Petroleumlampe Da Alle» in Ordnung war, schraubre sie die Lampe zurück und blie» in den Gnllnber. Im selben Mommte erfolgte die Expleüen der Lampe, und da» brennende Oel ward über da» Kind und deffen Bett geschleudert, welche» sofort in Flammen gerietb Die Muttrr, welche da» Feuer zu löschen suchte, hat sich derart verbrannt, daß sie bedenklich darnieder liegt, während da» Kind unter ichrecklichm Kämpfen andern Morgen seinen Brandwunden erlag.
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Landwirthschaftliche»
(Mitgrtheilt non der höheren landwirtdsLaftlichen Lehranstalt in Woim» )
ÄQrtPfielöiinnunfl. Au» einer Reihe von Versuchen, die bierüber in England im ver stoffenen Jahre angestellt werten sind, ergaben sich folgende Resultate 1) Auf leichtem Boren erhöhte 1 (Str. Lblorkalium, in zweckentsprechender Weste verwendet, da» Gewicht der Kartoffelernte um 3—9 Ltr. pro Morgen. 2) In gleicher Weise wurde auch die Größe und dsßhat
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