den öffentlichen Plätzen und Promenaden in Paris befinden, Anstoß bei frommen Seelen erregt und Veränderungen im Luxembourg- und Tuilerien-Garten veranlaßt haben, ist bekannt. Nun meldet aber die Corresp. „Havas", „daß das Domcapitel von Saint Denis auf die Entfernung der Statue „Marie Nntoinetten's" dringt, die nun schon über 55 Jahre sich in der Basilika von Saint Denis befindet. Als Grund dieser Entfernung wird angegeben, daß die Königin zu sehr „ausgeschnitten" sei. Die Statue stellt die Königin in großer Toilette mit tief ausgeschnittener Robe dar; dieselbe soll jetzt in den Louvre gebracht werden."
— In Lyon ist außer dem Schuhflicker Baudy, welcher sich in seiner Eigenschaft als Polizei-Director von Lyon während des Krieges durch seine maßlosen Verhaftungen anszeichnete, auch der Ex-Central-Polizei-Jnspector, der Ex-GesangenhauS Director, sowie ein Caföwirth Namens Russin, der sich besonders als Denunciant ausgezeichnet, verhaftet worden.
Paris, 20. April. Eines der ersten Werke, welche für die Verthei- digung errichtet werden, ist das Fort Cormeilles. Es kommt in die Nähe des Dorfes dieses Namens auf die Hochebene zu liegen, welche die Hügelkette bildet, die das Seine-Thal von dem Thal von Montmorency trennt. Von dieser Hochebene aus hat man eine prachtvolle Aussicht. Man sieht von dort ganz Paris, den Lauf der Seine, den Wald von St. Germain, Constans-Saint- Honorine, wo die Oise in die Seine fließt, das ganze Thal von Montmo rency und weiterhin die Normandie. Genie Officiere sind bereits in Cormeilles angekommen.
— 15 Mitglieder des Generalraths der Vogesen haben an Thiers folgendes Telegramm gerichtet:
Die unterzeichneten republikanischen Generalräthe feiern den Jahrestag Ihrer Geburt. Frankreich wird Ihrer noch bedürfen.
Thiers antwortete sofort;
An Herrn Jules Fcrry, Mitglied des Generalraths der Vogesen.
Ich danke Ihnen und bitte Sie, den Mitgliedern des Generalraths zu danken, welche am 15. April sich meiner erinnern wollten. Ich bin Ihnen dafür tief erkenntlich. A. Thiers.
Die meisten Generalräthe haben ihre Session bereits geschlosien. Die Session der Generalräthe der Rhone und Gironde beginnt erst morgen.
Jia Ciert
Rom, 18. April. Heute wurde das Kircher'sche Museum im ehemaligen römischen Collegium von der dazu ernannten Commission entsiegelt und sein Inventar ausgenommen. Die von unserem Landsmann Athanasius Kircher von der Gesellschaft Jesu im 17. Jahrhundert mit bewundernswerthem Fleiße und mit noch mehr Kenntniß geschaffene Sammlung antiker Denkmäler gehört zu den merkwürdigsten. Wer kennt nicht ihre Schätze des altitalischen Schwergeldes, die Graphite und die Monumente aus den christlichen Katakomben? Es wäre ein unersetzlicher Verlust, wenn diese Kostbarkeiten da und dorthin vertheilt würden; man sollte an der Sammlung nichts ändern und sie dem Lyceum Ennio Quirino Visconti im alten Local überlasten.
Spanien
Madrid, 21. April. Die Carlisten verlasten Santurce und Portuga lete, welch letzteres durch die Regierungs-Flotte beschossen wird. Dieselben haben ihre Verwundeten nach Amurrio geschafft. In Bilbao herrscht großer Mangel an Lebensmitteln, so daß man sich dortselbst genöthigt sieht, die Pferde zu schlachten.
— (Vom Spanischen Kriegsschauplatz). Einem Englischen Blatte wird von feinem Corresponoenten auf dem Spanischen Kriegsschauplätze geschrieben: „Die vorgerückten Linien der Kriegführenden sind nicht mehr als 500 Meter von einander entfernt, an vielen Orten sogar viel näher, und von Schanze zu Schanze werden zwischen den Soldaten der zwei Armeen die ergötzlichsten au Scherz und Witz reichen Zwiegespräche gehalten. Zu anderen Zeiten, und dies noch öfter ist der neutrale Boden zwischen den feindlichen Linien mit Chefs, Officieren und Soldaten beider Armeen gefüllt, die sich mit einander freundschaftlich unterhalten, gegenseitig sich zum Essen einladen, zusammen Kaffee trinken, und sich selbst auf eine Parthie Trefillo einlasten. Nichts ist allgemeiner, als daß Je nand von den entgegengesetzten Linien ankommt, und den Namen eines Freundes, Verwandten oder Bruders, dessen Rang und Regi ment bekannt sind, ausruft, und das Wort macht die Runde bis die gesuchte Person gefunden ist, nach der Front kommt, und dann — welche Ausbrüche von Herzlichkeit! Carlos Calderon z. B., ein Mitglied der Madrider beau monde, nunmehr Oberst in der Carlisten-Armee, verlangt nach dem Marquis von Ahumada, iLerrano's Adjutant. General Elio, der Carlistenführer, wünscht seinen Vetter, Brigadier Dana, zu sehen, während die carlistischen Margiiis von Hernazas und Villadarias die Brigadiers Blanco und Monte.^rego in freundschaftlichen Botschaften um Unterredungen ersuchen. Alle kommen zur Front geritten und nach herzlichen Umarmungen entspinnen sich lange Gespräche zwischen den langgetrennten Freunden, in denen nicht ein Wort über Politik vcr nominell wird, ausgenommen vielleicht die Klage, sich auf entgegensetzten Seiten zu finden, während ihre Herzen so eng verbunden sind. Sie esten und trinken zusammen, tauschen Cigarren aus, vertheileu Charpie und Balsam aus ihren Privat Vorräthen und trennen sich dann, stoische Ruhe simulirend, selbst wenn sie wissen, daß ihre nächste Begegnung im Dickicht der Schlacht, bewaffnet mit dem tödtlichen Stahl und der mörderischen Kugel, gegen einander stattfi.den kann.
Zlmci'ifta.
New-Bork, 22. April. Die Demokraten und Republikaner in Ar- causas geriethen in ein Handgemenge, wobei einer getödtet und mehrere Men scheu erheblich verwundet wurden. Unions-Truppen brachten die Kämpfenden auseinander.
Rio de Janeiro, 24. März. Da der Bischof von Olinda gegen das auf 4 Jahre Zuchthaus lautende Urtheil keine Berufung eingelegt hatte und der oberste Gerichtshof dastelbe am 11. d. bestätigte, so wurde der Vollstreckungsbefehl am letztgenannten Tage erlassen. Sofort aber machte der Kaiser von seinem Milderungsrechte Gebrauch und verwandelte die Zuchthaus strafe in einfache Haft, indem er dem Bischof die Festung Santa Cruz im *Vafen DDn Rio als Aufenthaltsort anivies. Dort soll er mit aller Rücksicht
behandelt werden, nur daß er das Fort nicht verlasten darf. Es muß dem Verurtheilten sehr erwünscht gewesen sein, daß die Umwandlung der Strafe unverzüglich erfolgte, denn andernfalls hätte er sich dem bei Zuchthausinsasten vorgeschriebenen Scheningsproceste unterwerfen müssen, und wie em brasilisches Dlatt bemerkt, „den prächtigen Bart verloren, der jein hübsches und muntere- Gesicht ziert." Vorläufig befindet sich der Bischof, bis seine Wohnung in Santa Cruz eingerichtet sein wird, in der Festung S. Jogao. Daß die Vor- ' gänge eine besondere Aufregung im Volke Hervorgerufen hätten, wird nicht bemerkt.
— Der neue Zolltarif wird am 1. Juli in Kraft treten.
Verein für „Hebung von Volksbildung" in Gießen.
Die auffallende THeilnaHmlosigkeit deS Publikums den Bestrebungen dieses Verein- gegen' über, die sich insbeiondere durck einen äußerst geringen Besuch ter allgemeinen Vcrsammlunaen dokumentirl. läßt es uns nicht unzweckmäßig erscheinen, einen AuSzug aus dem Protokolle der vorletzten Versammlung, wenn auch schon etwas verspätet, zu veröffentlichen, um vielleicht cuf diesem Wege einige Kenntniß über die Thätigkeit deS genannten Vereins und seiner Fortbiltungs- schule „unter die Leute zu bringen."
In der am 3. December v. I abgehaltenen Jahresversammlung gab der Vorsitzende des Ausschusses, Semeinderathsmitglied Hanstein, in längerer Rede ein Bild von der Entstehung, Organisation und Thätigkeit des berliner Centralverein- „für Hebung von Volksbildung", der sich im Juni 1*71 konstrturrt und dann einen Aufruf durch ganz Deut'chland dabe ergehe» laffcu, zum Zwecke der Gründung von Zweigverrtnen. An der Spitze jene» CcntralvereinS stehe ein Ausschuß von 36 Mitgliedern, Männern von Bedeutung und mit allgemein bekannte» Namen, wie Sckultze-Del tzsck und andere. Der Centralvercm habe bereit» einige große Wander, Versammlungen abgehalten, so im Jahre 72 zu Darmstadt und 73 zu Leipzig, um überall da» Interesse für die Sacke zu wecken und insbesondere zur Gründung von Fortbildungsschulen, Volksdibliotbeken rc., als wichtigstes Mittel für Hebung der Volksbildung, Anregung zu geben. Diese Agitation deS Centralvereins sei denn auck nicht vergebens gewesen, weil man eben im ganzen Daterlande etnsche, daß eine viel gründlichere Bildung als die Volksschule unter den seitherigen Verbältniffen sie geben könne, der großen Masse unseres Volkes noth thue, um mit Ehren die Stellung cinzunehmen, die eS sich durch die glorreichen Kämpfe der Jahre 70 und 71 erworben habe. In den meisten Städten Deutschlands batten sich zum Zwecke der Hebung ter Volksbildung Vereine gebildet, die meist auch dem berliner Centralverein als Zweigvercme bei- getreten seien, und auch Gießen sei in dieser Beziehung nicht zurückgeblieben Eine Anzahl hiesiger Lehrer habe auS eigenem Antrieb und vom Stadtvorstande durch bereitwillige G -Währung von Local, nebst Heizung und Beleuchtung deffelben unterstützt, schon im Herbste 7 l eine Fort ; bildungSschule ins Leben gerufen, welche am 16. November genannten Jahre- feierlich eröffnet worden sei. Darauf sei nach einer bald darauf im Gasthaus zum Rappen staitgefundene» Vorberathung einer größeren Anzahl von als Vertrauensmänner eingeladenrn Herren die Kow stituirung eines VolksbildungSvereinS beschloffen, und dieser Beschluß auch durch cie am 27. Januar 72 stattgchabte allgemeine Bürgerversammlung zur Ausführung gebracht weiden. Unser hiesiger VolkSbildungsvcrcin sei ebenfalls dem berliner Centra'verein als korporative» Mitglied beigetreten, habe seine Statuten nach denen des Centralverems ausgearbeitet und stehe nun unter der Leitung eines aus zwölf Mitgliedern bestehenden Ausschüsse». Die Zal l der Vercinsmitglieder habe im vergangenen Jahre 274 betragen, und obgleich der geringste Jabres beitrag auf einen Gulden festgesetzt gewesen, so habe dock die Sammlung der Beiträge die Summe von 585 fl. ergeben. Die Beiträge für daS laufende Jahr seien noch nicht ni-eben worden, da man im Frühjahre mit den zu Gunsten der Ostsee "Ueberichwemmten veianstalteten Sammlungen nicht habe collidiren wollen. Redner spricht ivciter über die Thätigkeit unsere» Localvercins, und daß diese bis jetzt nur auf Erhaltung und Förderung der hiesigen Fortbildung»- I schule sich concentrirt habe, über welch letztere der derzeitige Director derselben, Lehrer Müller, j nachher Bericht erstatten werde. Dann theilt der Vorsitzende noch mit, daß der Verein vo» verschiedenen hiesigen Instituten und Korporationen durck Bewilligung von Beiträgen amel.nlich * i unterstützt worden sei, und müsse da in erster Linie die Spark»sse genannt werden, die im vorige» Jahre die Summe von 600 fl. gegeben und für dieses Jahr wieder einen Üreoit von 400 fl. dem Vereine eröffnet habe. Außerdem seien Beiträge gegeben worden von cet Gewerbebank, der Freimaurer-Loge, dem Handelsverein und Bücker von der naturwissenschaftlichen Gesellschaft, nur die Bank-Filiale für Süddeutschland habe eine Ansnahine gemacht und selbst auf eine ü;n gäbe an die Direetion derselben in Darmstadt die Gewährung eines Beitrag- abgelehnt.
Nach diesen Mittbeilungen ertheilt der Vorsitzende dem Director der Fortbildungsschule das Wort zur Berichterstattung über diese Anstalt. Derselbe spricht zunächst über die innere . Ginricktunq: die Schule sei für einen zweijährigen Kurius eingnichtel und zwar in der Wei'e, daß die zu Pfingsten die Volksschule verlaffenden und in die Fortbildungsschule eintTettnten Jünglinge die zweite Abtheilung, die aber bereits ein Jabr lang anwesend gewe'cne Schüler Cie erste Abtheilung bilden sollten, io daß also mit dem 16. Jahre der Austritt aus der Schule stattfinden könne. Es sei diese Einrichtung bis jetzt leider nicht durchführbar gewesen, da ter Besuch der Schule noch ein freiwilliger sei, und junge Leute vom 14 bi» über 20 Jahren, vo» mannigfaltigstem Bildungsgrade und viele erst Dann einträten, nachdem sie schon ane Reihe e;n Jahren keinen Unterricht mehr genossen hätten. DaS sei ein Uebel, daS die Leistungen der Schule sehr beeinträchtige und dessen Heilung man nur von der Zeit und der Einfüoru»ß darauf bezügliche Gesetze erwarten könne'). Die UnterricktSfacker für die II Abtheilung seien: i Deutsch, Rechnen, Geographie, Geschichte, orthographische Hebungen; für die I Äbtbalun| kommen noch hinzu: Geometrie, Physik und Technologie, Aufsatz Im Winter sei der Unter richt an allen Wochentagen mit AuSnahme de- Sonnabend» zwei-, im Sommer einftürti»- Zur Erleichterung deS Schulbesuch- sei die Einrichtung getroffen, daß unbemittelten S^.üerr. die nötbigen Bücher leihweiie gegeben würden; auch könnten solche durck den Au-schuß »ei Entrichtung des geringen Sckulgelde- di-pensirt werden. Als neue Einrichtungen seien ii Aussicht genommen die Anschaffung von physikalischen und chemischen Apparaten und die führung von Leseabendcn an jedem Samstag unter Leitung und Aufsicht eineß Lehrer». I« j Zahl der an der Fortbildungsschule beschäftigten Lehrer sei acht bi- zehn.
Neber Den Be>uck der Fortbildungsschule berichtet Redner Folgende» Im D^-ee 1871 72, also nach Eröffnung der Schule stieg die Zahl der Anmeldungen nach und nack -ui 113 Scküler im Alter von 14 bi- 22 Jahren, von Denen etwa Die Hälfte einheimische waren. Dieser Zahl Der Anmeldungen entsprach aber keineswegs Der Sckulbeiuch für Die Dauer Es war der Reiz Der Neuheit und Der Umstand, daß der Unterricht und in den meisten Fällen a 4 Bücher Die Scküler nicht- kostete, der viele herbeiführte, Die theil» in Wirklichkeit gar rid>l eintralen oder sehr bald wieder wegblieben. Die Unregelmäßigkeit Del Schulbesuch» übert---1 beeinträchtigte Die Leistungen Der Schule umsomehr, da derselben keinerlei Zwangsmittel Gebote stehen. So verminderte sick die Zahl der Schüler bald auf etwa 40, und ift t,# Schülerzahl bi- jetzt auf dieser Höhe geblieben. Dabei muß bemerkt werden, dop e» tm Die besseren der Scküler waren, die auSgeholrcn haben, und konnten darum auch die Ltiüve,» der Schule allmählig befriedigender werden. Am 23. März d. I bericktet Redner «eiter - habe ein öffentliches Eramen mit Prämienertbeilung stattgefunden, und wenn e- ihm auch nicht zukomme, die Resultate dieser Prüfung rühmend hervorzubeben, io dürfe er doch erwäbacli, Daß viele anwesend gewesene Herren ihm ihre volle Zufriedenheit darüber ausgesprochen Hätten
Redner schließt seinen Bericht mit ter Klage, daß immerhin eine noch viel sorgfält aere Unterstützung der Schule leiten» der Eltern, Lehr unb Dienstherren sehr zu wünschen sei einmal Versäumnisse des Unterricht- sehr häufig vorkämen, ohne der Schulordnung "m-ß gerechtfertigt zu werden, und da in-besondere auch die Vortheile der Fortbildungsschule viel größeren Anzahl junaer Leute zu Gute kommen müßten, al- Die» in der That bcr Fall 'ck 6» wurde daraufhin »on der Versammlung beschlossen, nicht nur die Mitglieder tt» Verein-, sondern alle Eltern, Lehr und Dienstherren wiederholt unb dringend durck einen Artikel im Anzeigeblatt zu ersuchen, die ihnen unterstellten Jünglinge zum Besuche der ^crt» bildungSschule aufs Strengste anzuhalten, Hinderniffe de- Schulbesuch» soviel al- möglick |1 beseitigen und so Die Thätigkeit Des Verein- und der Schule ihrerseit- nach besten Kräften tu unterstützen. Damit feQ zugleich Die Aufforderung verbunden werden an Alle, die bis jetzt richt Mitglieder deS Verein» sind, aber Jntereffe für Die Zwecke deffelben, für Hebung und Lerbreitun- von Volksbildung haben, dem Verein als Mitglieder beizutreten.
Anknüpfend an den Bericht de» DirectorS Der Fortbildungsschule spricht sich der Dor»
•) Das Demnächst in Kraft tretende neue Sckulgeietz wird durch Einführung der obliga» I torischen Fortbildungsschule diesem Uebelstande bald ein Ende machen.
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