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Gießener Anzeiger.
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Mnzeige- und Z^mtsklait für den Kreis Liessen.
Freitag öcii 15. Mai
politischer Theil.
Englische Ueberhebung.
Erst jetzt werden die jüngsten Vorgänge im Hanse der Lords dnrch die englische Presse besprochen und so geringe Wichtigkeit wir der Interpellation Nussel's und der Beantwortung derselben durch den Earl of Derby auch bei- messcn können, so ist die Behandlung, welche das Thema Seitens der Presse erfährt, doch zu charakteristisch, als daß wir nicht nochmals auf dasselbe zurückkommen sollten.
In einer Betrachtung darüber pflichtet die „Morning Post" dem Earl von Derby in der Ansicht bei, daß dem jetzigen Anscheine nach Gründe vorhanden seien, die eine Störnng des öffentlichen Friedens besorgen lassen. „Während dem großen Staatsnianne, dessen politischer Lieblings-mollus operandi Krieg ist", — sagt das Blatt — „gestattet wird, die Action und Geschicke irgend einer der hauptsächlichsten Militärmächte in der Welt zu controliren, müssen solche Gründe stets existiren. Aber es bedarf zum Kampfe Zweier und es kann, wie wir glauben, keinen größeren Jrrthum geben, als zu denken, daß Frankreich irgend eine bestimmte Absicht hat, Deutschland wieder zu bekämpfen. Die Rüstungen Frankreichs beweisen mir, daß es wieder stark zu sein wünscht. Es folgt daraus nicht, daß es darauf hinzielt, seine Stärke zum Umstoß der Entscheidung des letzten Krieges zu gebrauchen. Daß es darauf hinzielt, seinen gewodnten Platz unter den Großmächten einzunehmen, ist unbestreitbar, und nichts könnte natürlicher und legitimer sein. Aber die vorsätzliche Absicht zu hegen, eine Macht anzugreifen, die, wie es durch Erfahrung weiß, einer solch ungeheuren militärischen Energie wie Deutschland fähig ist, würde einen Grad von blinder und verzweifelter Thorheit argumentiren, die Frankreich beizumessen nicht gerechtfertigt wäre. Wir können völlig begreifen, daß Fürst Bismarck nervös, ängstlich und unangenehm berührt ist von dem Anblick des wie ein Phönix rasch und fast aus der Asche seines großen Zusammensturzes emporsteigenden Frankreichs; und Frankreich nicht wirklich permanent gelähmt zu haben, ist in Wabrheit ein Beweis des Mißlingens auf seiner Seite, und für einen Mann seines Temperaments mag ein Gefühl des Mißlingens unerträglich sein. Es ist daber begreiflich, daß der deutsche Kanzler sein Werk als halbvollbracht angesehen und sich darnach gesehnt haben mag, den Versuch zu machen, es zu vollenden, während Stärke und Gelegenheit disponibel seien. Es würde unerträglich sein, daß ihm gestattet werden sollte, Frankreich einen Streit aufzudrängen zur Vollendung des Werkes, eS für immer zu zertrümmern, und es ist nicht anznnehmen, daß Europa die Verübung eines so großen Unrechts ruhig mit ansehen wird." „Wenn die continentalen Angelegenheiten wirklich drohend sind" — sagt die „Post" am Schluffe ihres Artikels — „könnte nichts gefährlicher sein, als das Vorhandensein irgend welcher irrigen Meinungen be treffs der Absichten irgend einer der Großmächte. Tie Negierung von England sollte es klar machen, was England nicht zugeben wird. Es sollte bekannt sein, daß, komme was wolle, wir unsere Vertrags-Verbindlichkeiten ans- führen werden; und es sollte ferner bekannt sein, daß England entschlossen ist, nun, da es eine Negierung hat, der es in Sachen auswärtiger Politik trauen kann, seinen Platz in den Räthen Europas einzunehmen, und all' den Einfluß und die Gewalt, die es besitzt, zur Aufrechthaltung des Friedens und der Verhinderung von Gewaltthätlgkeit und Unrecht auszuüben."
Eine anmaßendere Sprache, wie die des englischen Toryblattes, kann schwer gedacht werden. Es ist wirklich erheiternd, nach den bereits der Geschickte angehörigen Vorgängen der letzten Jahre dem deutschen Reichskanzler die Neigung zu einer Offensive für den Krieg mit Frankreich zu imputiren und dieses selbe Frankreich, das „nach Berlin" marschiren wollte, um sich dort „Revanche für Sadowa" zu holen, d. h. Revanche für eine Verletzung seiner Eitelkeit, dieses Frankreich, das uns zum Kriege für unsere Selbstständigkeit zwang, das nach dem Kriege ein Rachegeschrei erhob, das erst allmälig schwächer wurde und jetzt allerdings einigermaßen verstummt ist, — als Fnedensengel darznstellen, der nur gezwungen und zwar von des deutschen Kanzlers Ehrgeiz gezwungen, die Waffen ergreifen würde. In Wirklichkeit leistet dieser Artikel eines einflußreichen und vielgeleseuen Blattes von Absurdität das Mögliche. Nicht dieses eitle, hoffärtige Frankreich, das sich einbildete, die Welt beherrschen und ihr Gesetze vorschreiben zu dürfen, das stets seine Nase in jeden europäischen Brei steckte und überall intervenirte: im Orient, in Mexico, in Italien und endlich auch in Deutschland, nicht dieses Frankreich, sondern Deutschland, das sich um seine Nachbarn nicht kümmerte, sondern nur den Wunsch hegte, ungehindert seine eigenen Angelegenheiten zu ordnen, — soll eine Drehung für den europäischen Frieden sein und der deutsche Reichskanzler, der diesen deutschen Herzenswunsch erfüllen half, der die seit drei Jahrhunderten dem Vaterlande entfremdeten Provinzen dem Deutschen Reiche wiedergewann, der Mann, dessen Leben und Streben ungeahnte Erfolge hatte, — er soll, geneigt durch seinen Mißerfolg Frankreich gegenüber, das sich wider seinen Willen gleich einem Phönix ans der Asche erhebe, auf einen neuen Krieg zur völligen Niederwerfung Frankreichs sinnen! Bis dahin ist die Insinuation der „Morning-Post" einfach absurd, aber nun wird sie zugleich unverschämt, denn das conservative Blatt ermahnt nun England, etwas Derartiges unter keinen Um
ständen zu dulden. Als ob England nur entfernt die Macht oder den Einfluß hätte — wenn dem wirklich so wäre, wie das englische Blatt es schildert - den Entschließungen einer continentalen Macht, wie Deutschland es ist, hindernd in den Weg zu treten. Diese Herren der englischen Presse nehmen — sie sind leider von Seiten unserer Staatsmänner zum Nachtheil der deutschen Preffe bei jedem Anlaß stark verwöhnt worden! — den Mund gewaltig voll. Mögen te immerhin, wir haben eine solche Sprache nicht zu fürchten.
Daß übrigens nicht überall in England so gedacht wird, wie dies dieser Artikel fast glauben ließe, zeigt eine Besprechung des gleichen Themas durch den „Saturday Review", der wir das Folgende entnehmen: „Es ist nicht nothwendig, über Lord Nussel's prahlerische Annahme, daß der Einfluß Englands außerordentlich groß in Europa ist, zu commentiren. Ein in den Traditionen einer früheren Generation erzogener Staatsmann mag wohl entschuldigt werden, wenn er sich noch immer dem erfreulichen Glauben hingiebt, der in,feinen jungen Tagen universal gehegt wurde. England ist weit reicher und bevölkerter, als in den Tagen von Lord Ruffel's Jugend, aber die nationale Stärke ist nicht länger zu dem Zwecke organisirt, um die Politik des Conti- nents zu controliren."
Deutschland.
Berlin, 10. Mai. Die „Germania" glaubt ihre Leser bereits im Voraus gegen den Eindruck eines Rührstückes abhärten zu müssen, welches die Regierung in Scene setzen soll, um die bereits jetzt auf Grund der Maigesetze mit Gesängnißhaft belegten Bischöfe der „Wohlthaten" des Kirchendienergesetzes theilhaftig werden zu lassen, indem sie bei dem Kaiser darauf antrage, die Betreffenden zu „begnadigen." Abgesehen davon, daß der Ausdruck „Begnadigung" ein etwas pathetischer ist für die Niederschlagung der Geldbußen, zu denen die Geistlichen auf Grund der Maigesetze verurtheilt worden sind, wird die „Germania" Zeit haben, sich zu überzeugen, daß sie ihr Pulver zu früh verschossen hat, da die preußische Regierung doch wohl das Inkrafttreten der im Landtage in Berathung befindlichen Gesetze, namentlich desjenigen über die Verwaltung erledigter katholischer Bisthümer abwarten wird. Bezüglich des Kirchendienergesetzes verlautet nachiräglich, daß der Bundesrath bei der Annahme desselben auf Anregung des bayerischen Bevollmächtigten constatirt hat, daß durch dieses Gesetz das verfassungsmäßige bayerische Reservatrecht in Beziehung auf Heimaths- und Niederlassungs-Verhältnisse nicht berührt werde.
— Tie Nachricht, daß die preußische Negierung beabsichtige, die Reichsmarkrechnung mit dem 1. Januar 1875 einzuführen, überrascht in sofern, als bisher angenommen wurde, daß das Neichskanzler-Amt die Absicht habe, die Einführung der Neichswährung im gejammten Reichsgebiete zu dem bezeichneten Termin zu beantragen. Wie man hört, ist indessen von dieser Absicht Abstand genommen worden, mit Rücksicht darauf, daß es nicht möglich sein werde, bis zum 1. Januar 1874 die erforderlichen Vorräthe von Reichsmünzen zu beschaffen. Nach Art. 1 des Müi.zgesetzes sind bekanntlich die Landesregierungen ermächtigt, vor Einführung der Reichswährung im Reiche, für ihr Gebiet die Reichsmarkrechnung im Verordnungswege einzuführen. In Norddeutschland hat diese Maßregel eine vorwiegend calculatorische Bedeutung.
Berlin, 11. Mai. Tie deutsche Telegraphen-Verwaltung geht, wie man wissen will, mit großen Plänen zur Erweiterung ihres Betriebes um, welche einer gänzlichen Reorganisation gleichkommen. Dem nächsten Reichstage dürste ein bezüglicher förmlicher Organisationsplan vorgelegt werden.
— Vor drei Jahren faßte der Reichstag den Beschluß, das Reichskanzleramt zu ersuchen, dahin zu wirken, daß die akademische Gerichtsbarkeit aufgehoben werde. Wie jetzt hiesige Blätter melden, soll im Herbst dem Reichstage eine diesen Gegenstand betr. Vorlage zugehen.
— Tie in der nächsten Zeit außer Cours zu setzenden Zündnadelaewehre sind von unserer Regierung in ihrer Gesammtheit an die chinesische Regierung verkauft worden und gelangen in dem Maße, in welchem jetzt die Mauserge- wehre in Cours kommen, zur Ablieferung. Ebenso hat die Regierung mit Herrn von Carsten-Lichterfelde einen Vertrag abgeschlossen, wonach er für drei Millionen Thaler außer Cours zu setzendes Artillerie-Material erworben hat, welches gleichfalls in dem Maße, in welchem neues Material an die Stelle des alten tritt, abgelieferr und bezahlt wird. Die Regierung hat sich jedoch in Betreff des Weiterverkaufes die Einholung ihrer Genehmigung für jeden einzelnen Kaufvertrag ausbedungen.
München, 10. Mai. In Berlin ist nunmehr die Genehmigung der Pläne für die neuen Forts bei Ingolstadt nach den Vorschlägen des bayerischen -Kriegs-Ministeriums erfolgt. Demgemäß wird außerhalb Unsernherrn am rech- > ten Tonauufer ein großes Sperrfort der Donauthalbahn angelegt. Außerdem i kommen am linken Donauufer als weiter vorgeschobene Vorwerkgürtel auf die ! Höhen von Stamham, Katharinenberg und Geimersheim je ein großes Vor- iwerk, sohin auf dem linken Ufer vier Werke mit dazwischenliegenden Feldwer- ;ken zu stehen. Die Festung Ingolstadt wird sonach, wenn der doppelte Gürtel


