Bischöfe damals keine ganz gleiche Stellung hatten. Tie römische Curie benutzte sehr geschickt das Sonderinteresse, insbesondere den eiteln Ehrgeiz der. letzteren, um jene mit ihren Reformplänen zu vereinzeln und in Mißccedit zu' bringen. Zum Theil hatte auch der Kaiser Schuld, der sich gegen diese Pläne eher ablehnend als fördernd verhielt. Er mochte wohl den Einfluß auf die geistlichen Reichsstände nicht verlieren, den er besaß, so lange sie, wie bisher, vom Papst abhängig und daher in vielen Fällen genöthigt waren, um in Rom etwas durchzusetzen, sich um kaiserlichen Schutz oder Fürsprache zu bewerben. Jndeß die Hauptursache, warum es damals nicht gelang, das katholische Deutschland aus den Fesseln der Ultramontanen zu befreien, ist ohne Zweifel die dichte geistige Finsterniß gewesen, die aus der Bevölkerung desselben lag. „Unter 1000 katholischen Menschen", heißt es in dem Gutachten eines deutschen katholischen Staatsmannes jener Zeit, „würden kaum 10 einen der päpstlichen Macht und den jetzigen kirchlichen Gewohnheiten entgegengesetzten Schritt genehmigen, alle anderen aber offenbar Ketzerei schreien."
Heute steht es in allen diesen Beziehungen weit anders und besser. Die Bischöfe und Erzbischöfe werden nicht mehr durch verschiedene Intereffen getrennt ; Kaiser und Reich sind stark genug und Willens, dem Rationalen wider alles Fremde ziim Siege zu verhelfen; und die große Mehrzahl unserer katholischen Mitbürger, wer zweifelt, daß sie, wenn der deutsche Epijcopat, wie vor einem Jahrhundert erleuchtete Glieder desselben es gethan haben, das vaterländische Interesse, unbeschadet des religiösen, wahren wollten, in treuer Hingebung zu demselben stehen würden!
Scutfdjlanö.
Berlin, 9. Juli. Schmerzlich bewegt meldet die „Köln. Lolksztg." unter dem 3. d. aus Trier: „Zu der vorgestrigen Musterung für Einjährig Freiwillige hatten sich auch mehrere junge Kleriker zu stellen. Die Diakonen F. B- aus Engers, M- D- aus Rockeskyk und P. F. aus Auel und der Snb- diakoii H. Th. aus Neunkirchen wurden als dienstbrauchbar befunden und angewiesen, am 1. October in die Armee einzutreten. Die drei ersten Herren sollen im nächsten Monate die Priesterweihe empfangen. In nächster Zeit muffen noch etwa zehn Diakonen von hier, welche im Frühjahre bereits die Aushebung mitgetheilt haben, auf der General-Musterung erscheinen, um daselbst endgültig über ihre Militär-Verhältniffe entscheiden zu lassen. (Der Militärdienst wird den jungen Klerikern recht wohl thun. Die Red.)
Berlin, 9. Juli. Die Marburger Social-Demokraten Bebel-Liebkuecht'- scher Richtung haben zu dem Coburger Congreß, der am 18. d. statt finden soll, einen Antrag angemeldet, wonach „alle Parteiinitglieder sich als confessionslos betrachten und aus der Landeskirche ansscheiden sollen." Es liegt darin ein Moment, welches zwar auch bisher in der socialdemokratischen Bewegung gelegen hat, bisher aber nicht zur Parteisache gemacht war. Mit der Aufnahme dieses Antrages in das Partei-Programm würde die socialdemokratische Arbeiterpartei also eine ganz neue Seite annehmen. (Bert. Tagebl.)
Berlin, 9. Juli. Es erscheint als ein dringliches Bedürfniß, bei Herstellung der neuen Reichs-Postmarken daranf Rücksicht zu nehmen, daß bie Werthzeichen klar und kräftig gedruckt werden, etwa in der Weise, wie auf den neuesten Ai/z-Groschen-Marken Nicht allein der Verkehr mit der Post selbst, sondern auch die immer umfangreicher werdende Benutzung der Marken als Ersatz des kleinen Geldes bedingen die deutliche Unterscheidung der einzelnen Werthe.
Dcflerreidj.
Ischl, 9. Juli. >Der Deutsche Kaiser kommt hier am 13. Juli Nachmittags 2 Uhr an und reist am 14. Juli Nachmittags 4 Uhr ab. Im Gefolge werden sich befinden Ober-Hofmarschall Graf Pückler, Flügel-Adjutanten Oberst Gras Lehndorff und Major v. Lindeqnist, Leibarzt Dr. v. Lauer, Hofrath Kauzky und ein Secretär. Das Quartier wurde brieflich aus Ems im Hotel „Kaiserin Elisabeth" bestellt.
8chlvkiz.
Bern, 10. Juli. In Folge Inkrafttretens des schweizerisch-deutschen Auslieferungs-Vertrages durch die am 6. d. in Berlin stattgesundene Auswechselung der Ratifications-Urkunden wurde durch bundesräthltches Kreisschreiben den Cantonen mitgetheilt, daß die Auslieferungs-Verträge mit Baden und Bauern keine Geltung mehr haben.
Frankreich.
Paris, 9. Juli. In der National-Versammlung wurde heute folgende Botschaft des Präsidenten Mac Mahon durch den Kriegs-Minister Cissey verlesen:
„Als Sie durch das Gesetz vom 20. November v. I. die auSfübrende Gewalt aus sieben Jahre in meine Hand legten, wollten Sw, indem Sie das Mandat, welches ich Ihrer Abstimmung verdankte, über jede Bestreitbarkeit erhoben, den Intereffen des Landes die Sicherung verleihen, welche nothwendig war und welche die zweifelhaften Institutionen ihnen zu geben nicht ausreichten. Der Beschluß der Versammlung legte mir große Pflichten auf, für die ich Frankreich verantwortlich bin und denen ich mich zu keiner Stunde entziehen darf. Er übertrug mir zugleich Rechte, deren ich mich stets nur zum Heile des Landes bedienen werde. Tie Macht, mit der Sie mich bekleidet haben, hat eine bestimmte Dauer. Ihr Vertrauen machte sie unwiderruflich. Indem Sie den covstitutionellen Gesetzen voranstellten, haben Sie selbst Ihre Sou- veraiiietät einschränken wollen. Dieser Macht, deren Frist nicht verkürzt werden kann, werde ich mich bedienen, um sie zu verthcidigen mit den Mitteln, welche das Gesetz mir darbietet. Ich werde so der Erwartung und dem Willen der Versammlung entsprechen, welche mich auf sieben Jahre an bie Spitze der Regierung gestellt und damit eine starke, feste und geachtete Macht hat schaffen wollen. Aber das Gesetz vom 20. Nov. muß vervollständigt werden. Die! Versammlung, welche der Macht die nothwendigen Mittel zu geben versprochen bat, kann nicht ihre Verpflichtung zerreißen wollen, an die ich sie mit ihrer Erlaubniß beute in dringlicher Weise mahne und deren schleunige Ausführung ich begehre. Das Land wünscht die Organisation der Staatsgewalt, welche die Ständigkeit der Zustände verbürge. Die vorbehalteiien Fragen müssen gelöst werden Eine neue Frist, welche die Unsicherheit verlängert, würde schwer auf den Geschäften lasten und der Wohlfahrt schädlich sein. Der Patriotisnius
der Versammlung wird sich nicht den noch zu erfüllenden Pflichten entziehen. Sie wird dem Lande geben, was sie »hm schuldig ist und was es erwartet. Im Namen der höchsten Interessen beschwöre ich sie, ihr Werk zu vollenden und ohne Zögern die Fragen zu berathen, welche nicht länger in der Schwebe bleiben dürfen. Die Ruhe der Gemüther fordert es, aber in derselben Verantwortlichkeit werden Versammlung und Regierung gemeinschaftlich alle Pflichten erfüllen wollen, welche ihnen werden auserlegt werden. Die gebieterischste Pflicht ist, dem Lande durch fest bestimmte Jrrstltutionen Ruhe, Sicherheit und Zufriedenheit zu geben, deren es bedarf. Ich beauftrage meine Minister, ebne Weilen der Commissioii für die konstitutionellen Gesetze die Punkte zu bezeichnen, auf denen ich hauptsächlich bestehen zu müssen glaube."
Nach Lesung der Botschaft erfolgen Beifallsbezeigungen auf der Rechten und im rechten Centrum. Perier beantragt, die Versammlung wolle die Verfassungs-Commission einladen, ihren Bericht bald zu erstatten. Er sagt, er schätze sich glücklich, in diesem Wunsche sich mit Mac Mahon in Uebereinstim- mung zu befinden, und er betont die Notwendigkeit, die Gewalten Mac Ma- hon'S zu stützen auf eine endgültige Regierungsform. Batbie, der Vorsitzende der Verfassungs-Commission, bekämpft.den Antrag als nutzlos und sagt, du Commission werde wahrscheinlich schon am Montag den Bericht vorlesen. Perier zieht hierauf seinen Antrag zurück.
Die Botschaft hat ihren Eindruck gemacht. Duval bringt einen Antrag auf Auflösung der Versammlung ein, dem zufolge die Wähler zum 25. Octbr. zusammenberufen werden sollen, um eine neue National-Versammlung zu wählen; die gegenwärtige Versammlung soll dann nach Einberufung der neuen aufgelöst werden. Die Versammlung lehnt die Dringlichkeit des Antrags ab. Herve legt einen Antrag vor: Die Versammlung wird sich nicht trennen, 6cdot sie die Reorganisation der Armee sichergestellt hat. Auch hier wird die Dringlichkeit abgelehnt. Die Versammlung beginnt dann die Verhandlungen über das Uiiterosficiergesetz. Dasselbe wird in erster Lesung angenommen.
(ßiigHinh.
London, 10. Juli. Das Unterhaus begann auf den Antrag Gurney s die zweite Lesling des Gesetzentwurfes über die Regulirung des Gottesdienstes. Hall beantragte, von Knatshbull und Hughessen nnterstützt, die Verwerfung des auch von Gladstone bekämpften Entwurfes. Gladstone erklärte, daß, falls der Gesetzentwurf die zweite Lesung passircn werde, er einen Antrag gegen die Comite-Berathung stellen werde; derselbe theilte zugleich mit, daß er mehrere Resolutionen gegen den Gesetzentwurf einbringen werde. Nach längerer Dis- arffion wurde die Derathung auf Montag vertagt.
Lokal-Notiz.
(Ziepen, 11. Juli. Der Schwurgerichtshof dieser Provinz hat in den nachbemerlten Anklagesachen erkannt:
Den 6. Juli, gegen Georg Gerbig von Lauterbach, wegen DiebstahlS, Gefängniß von 1 Jahr und 4 Tagen, sowie Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 2 Jahren
Den 7. Juli, gegen Wilhelm Schmidt von Nieder-Bessingen, wegen Verbrechen- gqm bie Sittlichkeit, Zuchthaus von 1 Jahr.
Denselben, gegen Franz Gräcmann von Nidda, wegen einfachen Diebstahls, Gefäng niß von 14 . Tagen unter Aufrechnung der erlittenen Untersuchungshaft.
Den 8. Juli, gegen Philipp vierau von Daubringen, wegen Verbrechens gegen dir Sittlichkeit, Zuchthaus von 1 Jahr 2 Monaten, an welcher die erlittene Lmonatliche Untersuchungshaft in Abzug kommt.
Denselben, gegen Joh. Heinrich Roth von Friichborn, wegen schweren und einfache» Diebstahls und Urkundenfälschung, Zuchthaus von 2 Jahren b Monaten, unter Aberkennunz der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 3 Jahren.
Den 9. Juli, gegen Heinrich Schäfer von Nieseck, wegen Hausfriedensbruch- und Körperverletzung, Gefangniß von 8 Wochen.
Bezüglich der auf Diebstahl gerichteten Anklage wurde der desfallsige Strafantrag Sei tens der Bestohlenen zurückgenommen.
Den 1 (T. Juli, 1) gegen Katharina Lipp, Ehefrau des Johannes Lipp von Ltndhrim, wegen angeklagten schweren und einfachen Diebstahl-, in welcber Beziehung von den Geschwornen ein „Nichtschuldig" au-grsproche« wurde, auf Freisprechung; dagegen wurde erkannt:
2) gegen Heinrich Kaiser von da, wegen gleichen Verbrechens, tut Einrahmung der früher wegen falscher Anzeige gegen denselben Q<i gesprochenen Strafe, Gefangniß von 6 Monaten.
Den 1 1. Juli, gegen Conrad Frciensehner von Ulrichstein, wegen schweren Diebstall- Zuchthaus von 2 Jahren unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer »oi 3 Jahren.
Wahrend der nächsten Woche werden vor dem Schwurgericht-Hof weiter folgend« Anklagejachen verhandelt werden:
Den 13. Juli, Vormittags 9 Uhr, gegen Georg Gruner von Heldenbergen, tutet! Urkundenfälschung; Vertheid.: Großh. Hofger.-Abvocal Dr. Dittmar.
Den 14. Juli, Vormittags 8 Uhr, argen Regina Rhein von Allendorf im Königreiä Preußen, wegen Kindesmords; Vertheid.: Großh. Hofger. Abvocat Dr. Gutfletsch.
Den 1 5. Juli, Vormltlags 8 Uhr, gegen Georg Wilhelm Weil von Echzell, wegen Meineids; Vertheib.: Großh. Hofger.-Abvocal Dr. Eckstein.
Denselben, Nachmittags 3 Uhr, gegen Adam von der Lahr von Ballmuth, wegir Verbrechens gegen die Sittlichkeit; Vertheib.: Großh. Hofger Abvocat Diery.
Den 1 6. Juli, Vormittags 8 Uhr, gegen Conrad Müller von Cbntemp, im Königreich Preußen, wegen Versuchs ver Verleitung -um Mcineib; Vertheib.: Großh. Hofger.-Avoocit Dornsei ff.
Den 17. und 18. Juli, Vormittag- 8 Uhr, gegen Andrea- Simon unßJSonfoit® von Lauterbach, wegen Meineid-; Vertheib.: die Großh. Hofger. Abvocaten Dr. G utfleisck, Dr. Schüler und Dr. Muhl.
— — Gestern Nachmittag ist in Hassenhausen bet Marburg ein Wolkenbruch gefalle», der sehr großen Schaden angerichtet har.
— — In Nieder Gemünden soll ebenfalls gestern Nachmittag der Blitz eingeschlagen urb gezündet haben. Nähere Nachrichten fehlen noch.
--Der von un- s. Z. erwähnte Unzuchtsfall eine- Bummler- aus dem schön« Daubringen, welche im Oswald'jchen Garten stattfand, endete am 8. d. M. mit Verrt» theilung des Scheusal- zu 1 Jahr 2 Monat Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehr»» rechte auf die Dauer von 3 Jahren vor dem Schwurgericht.
CeCcgraptjifdje Depeschen.
Berlin, 10. Juli. Die „Rordd. Aüg. Ztg." schreibt: Sr. Majestät Schiff Arcona traf laut Telegramm des Korvetten-Kapitäns Reibnitz am 3. Juli in Nagasaki ein. An Bord war Alles wohl. Das Telegramm constatirt bie friedliche, befriedigende Erledigung der Reclamattonen der deutschen Staatsangehörigen auf den Samoa-Inseln, die eben, sowie die Fidschi-Inseln, das Schüs zu besticken beauftragt war.
Kissingen, 10. JuU. Fürst Bismarck fährt täglich vor dem Dincr nach der Salme, um ein Solbad zu nehmen. Eine Annonce in der „Badr- Zeitung ersucht, ihn auf der Promenade mit Grüßen zu verschonen.
P nur grrii tzuidrulk- . hechte ui ju« höft* sucht M l-sung der f Iber eben fab die S Muster ( schkn flntr tvalt ernai disttnients' Wahlgesetz M Aussc! auszrbroä Semit oi tif flamm „XIX. Sü tonaparH cr habt tin
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