Gießener Anzeiger
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Anzeige- und Mntsölatt für den Kreis Hiessen
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Montag den 9. Februar
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Nicht mit leichtem Herzen, wie jener französische Minister, läßt sich die
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DeutfcöCanö.
Darmstadt, 7. Februar. Die vor einiger Zeit mit Bestimmtheit auf getauchte Nachricht, daß die Kirchengesctze in aller Kürze den Ständen vorge- legt werden würden, bestätigt sich nicht. Nicht nur, daß noch Verhandlungen darüber schweben, ob die betreffenden Bestimmungen in ein einziges Gesetz vereinigt oder in Gestalt mehrerer Gesetze vorgelegt werden sollen, sondern es hat sick auch begreiflicher Weise nach den Vorgängen in Preußen die Frage aufgeworfen : ob nicht die einschlägigen Geldstrafen an einzelnen Orten durch andere Strafarten zu ersetzen seien, sowie, ob es nicht zweckmäßig erscheine, die in Preußen in Aussicht stehenden Ergänzungen zu den Kirchengesetzen abzuwarten, um daun eine couforme Gesetzvorlage zu machen. Bi« die'Verhandlungen der Ministerien über diese Punkte geschloffen sind, werden noch Wochen vergehen. — Andererseits verlautet, daß das Gesetz über die Einführung der Civilehe und Civilstandes-Buchführnng in nächster Zeit zur Vorlage an die Kammern kommen werde.
Berlin, 5. Februar. Heute früh verschied hier plötzlich der berühmte Germanist, Professor Moriz Haupt, nachdem er gestern noch eine Vorlesung gehalten. Der Verstorbene war am 27. Juli 1808 in Zittau geboren, studirte von 1826 bis lö3O in Leipzig, fuugirte bis zu seiner wegen politischer Thätig- keit ausgesprochenen Amtsentsetzung 1831 als Docent, wurde 1853 als Nachfolger Lachmaun's zum ordentlichen Professor der classischen Literatur in Berlin ernannt und war seit 1861 beständiger Secretär der Akademie der Wissenschaften.
^scheint täglich, MU Bi* nähme Somitags.
EMedttion: Lan-leibera.
Lit. B. Rr. 1.
Kaiser und Papst.
In der Vorhalle der St. Marcuskirche in Venedig bezeichnen drei rothe Platten die Stelle, wo nach langen Kämpfen Kaiser Friedrich Barbarossa sich vor dem Papste Alexander als Besiegter zu Boden warf, um ihm den Fuß zu küssen. Da setzte im Taumel des Triumphes der Papst seinen Fuß auf den Nacken des Kaisers, indem er die Worte des Psalmisten anführte: „Auf Löwen und Ottern werde ich gehen und treten auf Löwen und Drachen!" „Nicht vor Dir", sagte der Kaiser, „beuge ich mich, sondern vor Petrus!" „Vor mir und vor Petrus!" antwortete der übermüthige Alexander III. unc wiederholte die angeführten schmähenden Worte.
fürstliche Person aus den Nheinlanden mit anderen Gesinnungsgenossen nach Nom, und diejen gelang eS, auf dem Vatiean die deutschen Angelegenbeiten in em anderes Llcht zu rücken. '
Der Kampf war jedoch überhaupt nicht zu vermeiden, seit Pius IX. sich durch das vaucauische Coneil für unfehlbar hatte erklären lassen, freilich nur auf dem Gebiete des Glaubens und der Sitte; aber der SyllabuS zeigt, daß sich dieses Gebiet so ziemlich über Alles erstreckt. Die Unfehlbarkeit wurde nothweudig ja auch über die ganze Vergangenheit, die lange Neihe von Päp- ften erstreckt und so alle ihre Ansprüche und Aussprüche neu bekräftigt. Unsere Beit m die des finstersten Mittelalters, in die Zeiten eines Gregor VII., Jn- iiocenj III. und Bonifacius VIII. zurückzuschrauben, das wird beim doch ein unmögliches Unternehmen sein. Der Kaiser von Oesterreich erklärt sofort nach dem 18. Juli 1870 das Concordat von 1855 für aufgehoben, da die Stellung der Bischöfe gegen den jetzt unumschränkten Papst ganz verändert sei. Ueber- haupt wird das Vorgeben Oesterreichs, das sich anschickt, die kirchlichen Verhältnisse in ganz ähnlicher Weise wie Preußen zu ordnen, am meisten dazu beitragen, Vorurtheile und Mißverständnisse zu zerstrcneu. Wir muffen es den Gegner» der Maigesetze einräumen, daß der Staat, d. h. der König und beide Häuser des Landtage«, die Greuzlinie zwischen Staat und Kirche einseitig, d. h. ohiw Zustimmung der Kirche, geordnet haben. Wer alle Umstände in Erwä- g»ng zieht, der wird zur Ueberzeugung kommen, Paß es einen andern gangbaren Weg nicht gibt. Freilich muß man die Möglichkeit einräumen, daß der Staat sein Geletzgebungsreckt zur Beeinträchtiguug der kirchlichen Interessen mißbrauche. Wir glauben aber nicht, daß er es bisher gcthaii habe. Der Staat fordert bei uns nichts für sich, als was früher auch bei uns Rechtens gewesen ist und was in anderen Staaten, katholischen wie protestantischen, noch heutigen Tages Recht und Brauch ist. Die Oesterreicher sind noch nicht befriedigt turch die jetzt von der Regiermig beim Reichsrath eingebrachten kirchlichen Gesetzvorlagen, und doch diese geben den, Staate größere Rechte, als er bis jetzt bei uns in Anspruch genommen hat. Bischof Rudigier 'von Linz sagt zwar, das Concordat gelte noch von A bis Z, aber werden die österreichischen Bischöfe m diesem Sinne handeln? Werden auch sie den österreichischen Gesetzen einen trotzigen Ungehorsam entgegenstellen, oder werden sie sich, was viel wahrscheinlicher ist, fügen? Und werden denn die preußischen Bischöfe fortfahren, sich auf eine ganz besondere Art von Gewissen zu berufen und durch fortgesetzten Ungehorsam den Staat, der Ungesetzlichkeit gar nicht dulden kann, zu immer durchgreifenderen Maßregeln drängen? Erzbischof Ledochowski meint »war in seinem letzten Hirtenbriefe, Gottlosigkeit, Glaiibenslosigkeit und Verkehrtheit hätten die ganze Welt ergriffen, aber bis jetzt scheint uns die Ver
kehrtheit auf seiner Seite zu sein. (Köln. Ztg.)
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der Streit zwischen Kaiser und Papst, der sofort nach Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches sich erneuert hat, auf ähnliche Weise mit der Demüthigung der weltlichen Gewalt unter die Herrschaft des Papstes enden? Wir glauben es nicht. Weder unser Kaiser, noch sein Reichskanzler sehen danach aus, als würden sie sich auf den Nacken treten lassen. Sie haben den Kampf mit der den Gehorsam aufkündeiideu Geistlichkeit mit Entschlossenheit aufgeiiommen, und am Dienstag Morgen ist der Erzbischof von Posen und Guesen, Graf Ledochowski, ücks Gefängniß abgeführt. Die Verhaftung hat viel weniger Aufsehen erregt, als 1837 die Verhaftung des Erzbischofs Droste- Wschcriug von Köln. Der Fall ist auch ein sehr verschiedener. Der Erzbischof Clemens August wurde in die Festung Minden abgeführt, weil er sich hartnäckig weigerte, ein Versprechen zu erfüllen, welches er vor seiner Erhebung auf den erzbischöflichen Stuhl ertheilt hatte. Er führte gewisse Gründe an, weshalb er an die Erfüllung dieses Versprechens, das gegen sein Gewissen gehen würde, sich nicht gebunden erachte, und es tauchten damals viele Streitfragen auf, inwiefern der Staat ohne Urtheil und Recht den Erzbifchof gewaltsam aus seinem Sprengel abzuführen berechtigt sei. Heute liegt die Sache anders und sehr einfach. Niemand kann das gute Recht des Staates in Zweifel ziehen. Er leiht seinen weltlichen Arm nur der Vollziehung der gerichtlichen Urtheile. Der Erzbischof Ledochowski ist wegen wiederholten Ungehorsams gegen die Gesetze zu bedeutenden Geldstrafen verurtheilt, und da er sie entweder nicht bezahlen konnte oder nicht bezahlen will, so tritt die Verwandlung der Geldstrafen in Gefängniß ein, wie in einem solchen Falle bei jkdem anderen Verurtheilten. Alle preußischen Staatsbürger sind vor dem Ge- fktze gleich, und die Negierung hatte gar kein Recht, den Erzbischof nicht zu verhaften, den Urtheilsspruch der Gerichte unausgeführt zu lassen. Das hätte 'nur geschehen können, wenn sich der Verurtheilte an die Gnade Sr. Maj. des Königs gewandt hätte. Die Begnadigung würde ohne Zweifel nur dann er- fclgt sein, wenn der Erzbischof versprochen hätte, inskünftige sich den gesetzlichen Vorschriften zu unterwerfen. Das wollen aber die preußischen Bischöfe nicht. Sie wollen verfuchen, ihren Ungehorsam siegreich durchzuführen, wenn auch mit schwerer Schädigung der niederen Geistlichen und der Laien. Sie hoffen, die Verwirrung werde so groß werden, daß die Regierung erschreckt nicht^mehr wagen würde, die Gesetze zu vollziehen. Das wäre das schwerste Unglück für jeden Staat, am meisten für den preußischen, der seinen besten Vorzug in strenger Gesetzlichkeit erblickt. Es sieht auch gar nicht danach aus, als ob die Negierung sich von dem Wege Rechtens werde abschrecken lassen. Bis jetzt ist streng nach dem Gesetze verfahren. Die Regierung ist sogar da-
,lir. .. t011 zurückgekommen, den Erzbischof von Posen in Frankfurt a. d. O. seine
eit zur f 0ftan t'f: W verbüßen zu lassen — wobei nur die Absicht zu Grunde lag, dem Prä-
r^11 rffaM1 S1 Ch' f Iatcn ein besseres Gefängniß zu gewähren. Er ist nach Ostrowo abgeführt,
Elches im Sprengel seines Gerichtes liegt, und so ist ganz ordnungsgemäß ver- n Heidivsött Men. Inzwischen geht der Proceß des Erzbischofs vor dem kirchlichen Ge- ich^lwf seinen gewiesenen Weg und wird ohne Zweifel mit der Absetzung Ks Bisckofs enden. Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen aber wird ge- ;tW° 1 N>e jetzt eine ähnliche Maßregel aus Brasilien gemeldet: der den Landesge-
rnorifo PCI1 ha^M^en leistende Bischof Olinda ist auf Befehl des ober-
"^ll Gerichtshofes verhaftet worden, und zwar gleichfalls ohne daß der öffent- W Friede im Mindesten gestört worden wäre.
1!n(Nicht mit leichtem Herzen, wie jener französische Minister, läßt sich die i>.1 U ^gicrung in diesen weitaus sehenden Kamps mit den Bischöfen ein. Er ist ihr plodK oiifgetrungen worden, so gut wie der französische. Man hat oft darüber ge-
“ptitfen, wer den Kampf angefangen habe. Man kennt darüber das Wort des iffre^ Nlichskanzlers; als er ans Frankreich zurückgekehrt sei, habe er gefunden, daß
Ultramontanen gegen das Deutsche Reich mobil gemacht hätten. Sie hat- : sich allerdings mit den Welfen in Hannover, mit den Anhängern des ehe
Anligen Kurfürsten von Hessen, mit allen Particularisttn und särnmtlicheu
1C: en ®eWe4l861 finden des Reiches verbündet. Preußen stand mit der römischen Curie, gegen ürttf m höchstens durch zu große Nachgiebigkeit gefehlt hatle, noch auf gutem
‘ru lin^ ließ Fürst Bismarck damals in Rom freundschaftliche Vorstellun-
SfU machen beim Staatssecretär Cardinal Antonelli. Sie wurden auch freimb;
aufgenommen. Der Cardinal versicherte, diese Lage der Dinge sei ihm
Berlin, 7. Februar. Nachdem die an Dr. (Simson gesandte Deputation denselben zur Uebernahme des Reichstags-Präsidiums nicht bewegen konnte, da Dr. Simson durch Gesundheits-Rücksichten verhindert wird, ist von dessen Präsidentschaft Abstand und Forckenbeck als Präsident in Aussicht genommen. . . . Die Wahl Hohenlohe's zum ersten und Hänel's (fortschrittlich) zum zweiten
Sie wurden auch freund-1 Vice-Präsidenten ist wahrscheinlich.
bei. Dillge sei ihm Lautenburg, 5. Februar. Die hiesigen Lehrer stehen unter scharfer W tiiserh Mt bekannt gewesen; der päpstliche Stuhl wünsche nicht, daß die Katholiken Contiole. Von Zeit zu Zeit erscheint nämlich der Polizeidiener Rieger in den V V' Kot politische Partei bildeten. Kurz, damals mißbilligte er das Vorgehen Schulklassen und forscht im Auftrage seines Chefs nach, welche Lehrer fehlen •* - *er Ultramontauen auf politischem Gebiete. Indessen reifte eine deutsche welche krank sind 2C. Der Lehrer Lange hat nun an den Magistrat nachstehen


