an die Stände auszuarbeiten. Diese Nachricht wird in den Kreisen, welche die Einführung der Civilehe namentlich gegenüber den Uebergriffen der ultra- montanen Geistlichkeit bei gemischten Ehen als unerläßlich bezeichneten und deshalb so energisch auf Vorlage eines desfallsigen Gesetzes drängten, mit Ge- nugthuung entgegengenommen werden. Man betrachtet es als selbstverständlich, daß der preußische Entwurf, wie er aus der Berathung des Abgeordnetenhauses hervorgegangen ist, bezw. hervorgeht, zu Grunde gelegt wird, jedoch unter dem unbedingten Ausschluß der Geistlichen von der Civilstands-Buchführung, gegen welchen sich bei uns ein Grund nicht geltend machen läßt.
Berlin, 6. Januar. Die letzten Vorgänge in Spanien zeigen wieder, wie berechtigt der Standpunkt der Mächte war, nach welchem die Anerkennung der Republik die Befestigung derselben und der Negierung voraussetze. Wegen des Virgin ins scheinen einige spanische Blätter, schwerlich die Regierung selbst, noch mit einigen Entschädigungen für das Schiff oder bergt sich beschäftigt zu haben, was das letzte ablehnende Telegramm aus Washington veranlaßt haben wird. Von einer „Vermittlung" ist weniger als je die Rede. Im Uebrigen konnte von der Rückgabe des Schiffes nach dem Wortlaut des Protokolls vom 29. November niemals ernstlich gesprochen werden, und es bedurfte dazu nicht des Untergangs oder des Scheiterns des Virginius, dessen Gespenst wohl nicht mehr lange umgehen wird.
Berlin, 6. Januar. Eine heutige lieberale Wählerversammlung des ersten hiesigen Reichstag-Wahlbezirks stellte Herrn Simson wegen seiner hohen Verdienste um das Deutsche Reich mit 115 gegen 55 Stimmen als Wahlcan- didaten auf.
Berlin, 7. Januar. Die „Prov.-Corresp." schreibt in einem die Wahlen und bie deutsche Wehrverfaffung besprechenden Artikel: Wenn das deutsche Volk die Sicherheit des Friedens, den Schutz seines Besitzes und das Gedeihen seiner Arbeit sich selber verbürgen wolle, so werde es bei den Wahlen nur solchen Männern sein Vertrauen schenken, welche die Regierung auf allen Gebieten der nationalen Politik und namentlich in der ungeschmälerten Erhaltung der deutschen Wehrkraft und in der Wahrung der geistigen Güter der Nation zu unterstützen entschlossen sind-
Berlin, 8. Januar. Die „Nordd. Allg. Ztg." mahnt zu den Wahlen, nicht zu unterschätzen, was Frauen unter Leitung der Priester bedeuten. Ausländische Gegner und innere Feinde rechnen darauf. Den katholischen Frauen ist glaubhaft gemacht, daß die Religion bedroht sei, in dieser Vedrängniß wirken sie auf die Männer. Wo es sich um ultramontane Wahlen handelt, da üben die Frauen ein indirectes Wahlrecht aus. Mit dem päpstlichen Pantoffel im Bunde steht der Frauen-Pantoffel, die clericale Partei sei die Pantoffel- Partei. Der Kampf der Priesterschaft gegen unseren Staat und dessen Lebensinteresse sei zugleich ein Krieg der Weiber gegen Männer. Auf der einen Seite stehen Priesters Weiber und Pantoffel-Helden, auf der anderen Seite deutsche Männer. Drüben ist der Pantoffel das Feldzeichen, hüben der deutsche Adler. Unter seine Fittige geschaart, wollen wir Männer stehen, nicht unter dem Pantoffel.
Vom Rhein, 5. Januar. Die altkatholische Bewegung hat, wie man der „Augsb. Allg. Ztg." schreibt, in der Nheinprovinz und dem angrenzenden Theiie von Westphalen (der Grafschaft Mark) in dem abgelaufenen Jahr bedeutende Fortschritte gemacht. Zu den bereits bestehenden großen Gemeinden in Köln und Krefeld ' sind in diesem Jahre zwei ansehnliche Gemeinden mit vollständig ^organistrter Seelsorge hinzugekommen, zu Essen und zu Bonn, außerdem noch Gemeinden, für welche noch kein besonderer Geistlicher hat gewonnen werden können, in denen also bis jetzt nur periodisch Gottesdienst gehalten wird, zu Boppard, Witten. Dortmund und Hagen. Neuerdings ist Duisburg hinzugekommen, und in der nächsten Zeit wird in Koblenz und Düsseldorf der erste altkatholische Gottesdienst gehalten werden. Seit der Anerkennung des Dr. Neinkens als altkatbolischer Bischof nimmt die Organisation der Altkatholiken auch allmählig eine festere Gestalt an; die Gemeinden werden demnächst auf den Antrag des Bischofs auch staatlicherseits als Pfarreien und ihre Seelsorger als Pfarrer anerkannt werden.
München, 8. Januar. Dr. Anton Ruland, hervorragender ultramontaner Landtags-Abgeordneter und Ober-Bibliothekar in Würzburg, ist heute Morgen an der Cholera Hierselbst gestorben.
München, 8. Januar. Die Prinzessin Gisela, Gemahlin des Prinzen Leopold von Bayern, ist heute von einer Prinzessin glücklich entbunden worden.
Heidelberg. Herr Professor Erdmannsdörfer in Breslau ist an die Stelle des nach Berlin abgehenden Herrn Professor v. Treitschke berufen und hat den Ruf angenommen.
Frankreich.
Paris, 6. Januar. Der „Monde" kündigt an, der Bischof von Straßburg wird einen Hirtenbrief erlaffen, um alle Elsäffer Katholiken aufzufordern . nur für ernsthafte Katholiken zu stimmen.
— Der Exkönig von Neapel ist in Paris angekommen.
Spanien
Madrid, 7. Januar. Don der Belagerungs-Armee vor Cartagena wird gemeldet, daß ein Pulver-Magazin in dieser Stadt durch eine Explosion zerstört worden sei.
England.
London, 6. Januar. Die Ucberführung der Leiche des Kaisers Napoleon nad) der Cbiselhurster Grabcapelle wird unter zahlreicher imperialistischer Betheiligung nächsten Freitag, als am Jahrestage seines Todes, erfolgen.
— Gestern führte ein pcnsionirter Ofsicier ein ungefährliches Attentat gegen den Herzog von Cambridge aus.
Dänemark.
Kopenhagen, 7. Januar. Die Antwort des Königs auf die Adreffe des Volksthings bedauert das Mißverhältniß zwischen der Dauer der Reichs
tags-Session und dem Resultat der Reichstags-Arbeiten und erklärt, daß der gegenwärtige Conflict nicht die wesentliche Veranlaffuug der socialen Gährung sei, auf deren Beseitigung durch Beförderung der Bedürfnisse und des Wohls aller Volksklaffen die Regierung ihr Hauptaugenmerk richte. Der König lehnte es ab, eine Neubildung des Cabinets vorzuuehmen, hoffend, daß der Patriotismus der Parteien deren zur Wohlfahrt des Vaterlandes nothwendige Einigung herbeiführen werde.
Jhißfanö.
Petersburg, 4. Januar. Der Herzog von Edinburg, Verlobter der Großfürstin Maria, wurde, als er heute Nachmittag hier eintraf, vom Kaiser und dcsien Söhnen am Bahnhofe empfangen. Dieselben waren in Marine- Uniform (denn Prinz Alfred ist nicht nur Capitän der englischen Marine, sondern auch Chef der kaiserlich russischen zweiten Flotten-Compagnie des Schwarzen Meeres.) Die Musik spielte das God save the Queen, und das Publikum begrüßte den Schwiegersohn des Kaisers mit stürmischem Zuruf.
Asien.
Penang, 5. Januar. Die Holländer haben das Feuer auf den Kraton am 3. d. Mts. eröffnet. Die Cholera tritt dem Vernehmen nach sehr heftig in dem holländischen Lager auf und herrscht eine große Sterblichkeit unter den eingeborenen Truppen.
Lokal- Rotiz.
Gießen, 9. Januar. In den letzten Tagen sind hier einige falsche badische Zehn-Guldcn-Banknoten ausgegeben worden. Die Polizei forschte nach einer neuen Falschmünzer-Bande, wurde aber bald gewahr, daß es von den Banknoten waren, welche der hier wohnhaft gewesene Photograph Perger aus Elberfeld im Jahre 1870 gefertigt batte lwas ihm eine 3jährige Zuchthausstrafe eingetragen), und daß die jetzt abermals verbreiteten falschen Banknoten von dem Aetuariatsgehülfen U. aus den Stadtgerichts-Acten entwendet worden sind. Der letztere ist gestern früh in's Gefangniß abgeführt worden.
Verwischtes.
Berlin, 5. Januar. Gestern Abend wurde vor dem Hause Friedrichsstraße 63 ein Mädchen, das ihrem Liebhaber den Abschied gegeben hatte, von dem Verschmähten auf öffentlicher Straße erstochen. Der Meuchelmörder versuchte, auf den ihn verfolgenden Polizeibeamten ein Pistol abzufeuern, das jedoch des Zieles verfehlte. Ebenfalls gestern, so hieß es, versuchte ein Bäcker auf seinen Meister einen Anfall, welcher glücklicher Weise vereitelt wurde.
— Aus Wiek auf Rügen wird geschrieben: Einen so schaurigen Weihnachtsabend, wie in diesem Jahre, haben wir bis jetzt noch nicht erlebt. Nachmittags gegen 3 Uhr fingen die Fluthen mit solcher Schnelligkeit an zu steigen, daß um 4 Uhr scbon das Wasser in einige tiefer gelegene Gärten und Häuser trat upb wir auf Rettung unserer Hobe bedacht sein inußicn. Der Sturm allein hatte diese Wasiermasie nicht herbeigeführt. Die uns gegenüberliegende Düne, der „Bug" genannt, hatte im Novembersturm vorigen Jahres einen Durchbruch erlitten und hierdurch stürzte nun die See mit großer Gewalt herein, füllte gar bald unseren engen Boden und überfluthete, Verderben bringend, die angränzenden Ufer. Unsere Regierung hat bisher verabsäumt, diesen Durchbruch zu stopfen, obgleich es jetzt noch mit geringen Mitteln zu bewerkstelligen wäre. Jede Fluth reißt dieses Lock weiter und tiefer und macht dadurch die Ausführung schwieriger. Wir anliegenden Küstenbewohner erkennen die für uns hieraus erwachsende Gefahr sehr wohl — am grünen Tisch in Stralsund scheint man sich aber nicht gleiche Sorge zu machen, da für Schutz- und Dünenbauten auf Rügen biS jetzt noch nicht das Allerwenigste gethan ist."
Selters, 2. Januar. Die gefährliche Sitte des Schießens in der Neujahrsnackt hat diesmal in dem benachbarten Flecken Herschbach ein blutiges Opfer gefordert. Ein 37jähriger dortiger Bürger (®), Vater von drei Kindern, der seither an der Sieg als Bergmann gearbeitet, war aus Veranlassung der Weihnachtszeit zu seiner Familie heimgekehrt und hatte — Niemand hatte davon Kunde — mehrere Dynamit-Patronen mitgebracht. In der Neujahrsnacht beim Kartenspiel in einem Wirthshause sitzend, verließ er dasielbe mit der 12. Stunde und warf eine angezündete Dynamit-Patrone auf die Landstraße vor dem Wirthsbause. Ein Donnerschlag, Hereinfahren der Fensterscheiben und Auslöschen der Lampen im Wirthshause war das Werk <ines Augenblicks. Eine große Einwühlung in der harten Sceinmasse der Landstraße, 16 Fuß vom Wirthshause entfernt, bezeichnet eben noch die Stelle der verheerenden Explosion. Obgleich von Wirth und Mitgästen ernstlich gewarnt, geht der Bergmann heim, um seiner Frau „das Neujahr onzuschießenwirft hinter sein Haus eine Dynamit - Patrone, geht ins Haus und zündet in dem Hausflur die Zündschnur einer dritten an, um die Patrone auf die Straße zu schleudern. Da bemerkt er die sich nahende Polizeimannschaft, die den Donnerschlägen nachgegangen war, und will die brennende Zündschnur löschen — und die Patrone explodirt zwischen beiden Händen. Beide Hände sind bis oberhalb der Handgelenke weg- geschmettert; zwei blutende, unförmliche, zerfranste Stummel lasten kaum ahnen, daß sie jemals die Träger zweier Hände gewesen. Stücke Fleisch und Knochensplitter hängen an den Wänden und der Decke des Hausflurs, die zum Glück, weil auch die Küche in sich schließend, groß genug war, um zu verhindern, daß nicht auch das ganze Häuschen in die Luft flog. Thüren und Wände zeigen Vejchädtgungen.
Gladbach. Ein Pröbchen des verbohrtesten Fanatismus erlebten wir in den letzten Tagen in unserm j guten Gladbach. Eine hiesige Kunsthandlung hatte in ihrem Schaufenster eine größere Photographie nach dem bekannten Bilde von Karl Becker ausgestellt: „Franz nimmt Abschied vom Bischof von Bamberg." Das Bild stellt die Scene aus Goethe's Götz von Berlichingen dar, wie Franz sich von dem Bischof von Bamberg, welcher, umgeben von seinem Hofstaate, mit der sich an seinem Hofe aufhaltcnden Adelheid v. Walldorf Schach spielt, durch einen Handkuß verabschiedet. Trotzdem nun mit großen Lettern der obige Titel sich unter dem Bilde gedruckt befindet, versammelte sich, namentlich Mittags und Abends, ein immer mehr anschwellender Haufe von Arbeitern vor dem Schaufenster, durch besten Drohrufe, das Fenster einzuwerfen, der Inhaber des Gesckäfls sich veranlaßt sehen mußte, das Bild um des lieben Friedens willen aus dem Schaufenster zu entfernen. Und was war bet Grund des ganzen Seandals? Die Leure glaubten und erzählten Einer dem Andern, das Bild stelle dar, wie Se. Heiligkeit der Papst einer Schauspielerin die Cour mache, und wie der Teufel in Gestalt eines Guitarre spielenden Ritters dicht dahinter stehe.
— Eine humoristische Scene spielte sich in der letzten Sitzung des berliner Arbeitervereins ab. Der durch sein ercentrisckes Wesen bekannte Dersammlungsrhetor Nathan Schlesinger bat nämlich am Schlüsse der Sitzung um das Wort und begann folgende Rede: „Meine Herren! Ich muß Sie um Entschuldigung bitten, daß man mich in den letzten Sitzungen so sehr vermißt hat" — „Ich muß dem Herrn Redner bemerken," unterbrach ihn der Vorsitzende, „daß der Vorstand den Herrn durchaus nicht vermißt hat" — „Ja, aber die Versammlung kann mich doch vermißt haben," replicirte der Redner. — „Ja, bann muß ich die Versammlung darüber befragen. Diejenigen, welche Herrn Schlesinger in den letzten Sitzungen vermißt haben, bitte ich die Hand zu erheben." Keine Hand rührte sich, tiefe Stille herrscht einen Moment im Saale, aber gleich darauf brach ein homerisches Gelächter los, unter besten Schutz Herr Schlesinger den Saal verließ.
— Von einem Schackspieler, der einen glücklichen Zug gethan hat, berichtet der D. B.-Eour. wie folgt: „Die ständigen Besucher der Stebely'schen Gonbitorei am Gendarmen- markte von vor zehn Jahren erinnern sich eines alten Herrn, der sich täglich zur bestimmten Zeit dort cinfanb, um seine Partie Schach zu spielen. So machte er dort die Bekanntschaft eines durchaus nicht in guten Verhältnissen lebenden andern jüngeren Herrn, der zu gleichem Zweck die Eonditorei besuchte. Das Schachspiel dieses irnvonirte dem alten Herrn so gewaltig, daß er ihn bat, täglich Sein Partner zu sein, und wirklich fand man sich regelmäßig jeden Tag zur selben Zeit am Schachbrett zusammen. So ging es wohl ein halbes Jahr hindurch, bis der alte Herr eines TageS ausblieb. Am nächsten Tage wiederholte sich das Ausbleiben und so vergingen Wochen, ohne daß man wußte, was die Unterbrechung des sonst so regelmäßig ge-


