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Aus dem Wahlkreis Friedberg-Büdingen, 2. Januar. In einer von unserer katholischen Geistlichkeit in dem benachbarten Rockenberg in Scene gesetzten Wählerversammlung hat auch Herr Oberrechnungsrath Backo Veranlassung genommen, sich seinen Wählern vorzustellen. Der in Butzbach erscheinendeWett. Bote" bringt nun aus der Feder eines jedenfalls unpar­teiischen Anwesenden in der Versammlung eine Blumenlese ans der Wahlrede des Herrn Backs, die mit Recht eine wahre Kraftbrühe von. schmutzigen Aus­drücken genannt werden darf.

Die Civilehe wird z. B. von Herrn Backs mit dem NamenViehhan­del" beehrt. Die Eheleute können natürlich nach Herrn Backs's Ansicht wieder auseinanderlaufen, wenn sie wollen.

In Folge der fünf Milliarden hätte nach Herrn Backs die Steuerzah­lung für einige Jahre ganz aufhören oder doch wenigstens ermäßigt wer­den sollen.Ist es recht, daß man das Volk täuscht und ihm von den Milliarden nichts zukommen läßt?" sind die eigenen Worte,des Herrn Oberrech- nungsrathes.

Was sagt aber die im deutschen Bundesrathe vertretene Großherzoglich Hessische Regierung zu einem im Rechnungswesen angestellten höheren Beamten, welcher gegen Ueberzeugung und Gewissen, nur um unsere katholischen Mitbür­ger gegen Kaiser und Reich zu fanatisiren, es wagt, denselben vorzuschwindeln, er wolle wissen, wo die Milliarden hingekommen seien? Ein Theil derselben soll in einer Festung liegen (der Name ist dem Redner nicht bekannt) und diene zur Anschaffung von neuen Mordwerkzeugen, denn man scheue keinen neuen Krieg. Hierzu hat man auch neue Blutsteuern geschaffen. Seit dem Jahre 1870 ist Alles schlechter geworden, die Freiheit ist geknebelt,Recht ist nicht mehr im Deutschen Reich", das System der Schulen ist ein gottloses, der Glaube soll vernichtet werden u. s. w.

Es ist fast unglaublich, daß ein Mann, bei dem man doch in Folge seiner Stellung einen gewissen Grad von Bildung voraussetzt, sich unterfangen kann, einer Anzahl von Landleuten solches Zeug vorzuschwätzen.

(Neue Frkftr. Pr.)

Mainz, 2. Januar. Die gestern eingetretene Aufhebung der Bezette- lung und der amtlichen Controle der Wirthschafts-Vorräthe von Wein hat eine bedeutende Reduction des Beamten-Personals und Vereinfachung der Steuer- Verwaltnng mit sich gebracht. Statt der 150 und mehr Orts - Einnehmereien der Provinz Rheinhessen werden von jetzt ab in den fünf Kreisen der Provinz ebensoviele Beamten mit wenigen Gehülsen die Controlirung der Vier- und Branntwein-Steuer besorgen und dafür ausreichen. Hier, als einem Haupt Meinplatz, hat die neue Steuer-Freiheit mit zwei charakteristischen Vorgängen begonnen. Der hiesige Weinhandel hat seine erste Sendung im freien Verkehr gestern dem um das Zustandekommen des neuen Zustandes sehr verdienten Prä­sidenten des ständischen Finanz-Ausschusses, Herrn Metz in Darmstadt, zukom­men lassen. Sie bestand in einem Assortiment von 240 Flaschen der besten Mousseux-, Roth- und Rhein-Weine. Der seither (mit 2300 st. Zapf Gebühr) höchstbesteuerte der hiesigen Wirthe ließ ein bekränztes Faß durch die Stadt fahren (was früher unerlaubt war) und gab dann den Inhalt löblichem Publi­kum preis!

Berlin, 2. Januar. Gegenüber den officiellen Bulletins über das Be­finden des Kaisers fällt eine Notiz derAttg. Ztg." auf, welche besagt:Die Nachrichten über das Befinden des Kaisers lauten unausgesetzt günstig, insofern es sich um die Beseitigüng der katarrhalischen Erscheinungen handelt; leider läßt sich Dasselbe nicht von der Krankheit sagen, deren erste Symptome sich bereits vor Jahresfrist gezeigt haben." (Vor Jahresfrist war von Brust- Waffersucht die Rede.) DieSpen. Ztg." bringt folgende Mittheilung: Der Reichskanzler Fürst Bismarck hat dem Wunsche des Königs entsprochen, indem er thatsächlich den Vorsitz im preußischen Staatsminisierium ergriffen hat. Mit welchen Vorgängen der Wunsch des Monarchen im Zusammenhänge steht, ist nicht zu unserer Kenntniß gelangt. Aber wir können füglich anneh­men, daß durch den Vortrag des Minister-Präsidenten nicht nur eine Reihe anderweitiger Vorträge erspart, sondern auch die schriftlichen Berichte des Staats-Ministeriums in kürzester Form erledigt werden." Im Cultusmini- sterium sind in diesen Tagen vier Gesetz-Entwürfe fertig geworden, welche die Mai-Gesetze zu declariren und zu ergänzen bestimmt sind. Dieselben werden im Staatsministerium voraussichtlich rasch erledigt und alsbald an den Land­tag gelangen. Das eine betrifft die Umwandlung der Geldstrafen in Gefäng- nißstrafen. Die vom Bundesrathe ausgesprochene Ansicht, daß die Enscha digungs-Forderung der hessischen Negierung für die dein Mainzer Universitäts Fonds entzogenen, zur Festung gehörigen Grundstücke auf dem Wege des Ver­gleichs zu erledigen sei, wurde von dem hessischen Vevollmächiigten unter Wah­rung des Standpunktes der hessischen Regierung acceptirt.

Berlin, 3. Januar. Der Kaiser hat sich in den letzten Tagen, so schreibt dasDeutsche Wochenbl.", sehr viel wohler befunden, als je seit seiner Erkrankung. Für Diejenigen, welche die Gewohnheiten Sr. Majestät kennen, ist es ein unzweifelhaftes Zeichen dieser Besserung, daß derselbe am Neujahrs­tage wieder die militärische Kleidung angelegt hat, nachdem er während seiner Krankheit im Hause bürgerliche Tracht getragen hatte. Wenn auf den Um stand Gewicht gelegt wird, daß Se. Majestät dem Ordensfeste nicht beiwohnen kann, so ist dagegen zu bemerken, daß bekanntermaßen das königliche Schloß selbst für Gesunde allerlei Tücken hat, und daß die Genesung Sr. Majestät eine ganz vollständige und gesicherte sein müßte, ehe er sich dem Aufenthalt in diesen ehrwürdigen, aber auf durchaus robuste Naturen berechneten Räumen wieder wird aussetzen können.

Von Wieck auf Rügen und von Prerow auf dem Darß treffen trau rige Berichte ein über die Angst, welche die Bewohner bei den letzten Stür­men haben ausstehen müssen. Glücklicher Weise sind ihnen die Schrecken des vorigen Jahres erspart geblieben; aber bittere Klagen erschallen, daß die Regie- rung inzwischen nicht mehr für den Küstenschutz gethan habe. Sie kann frei­lich nicht überall auf einmal helfen, doch giebt es einzelne Punkte, wo durch Aufschub der nöthigen Uferbauten diese erschwert, ja, unmöglich gemacht wer­den. So hat sich bei Wieck im November 1872 die See einen Durchbruch durch den sog. Bug gebahnt, der im Anfang leicht zu stopfen war, jetzt aber voil jeder Flut weiter und tiefer aufgerissen wird.

Berlin, 5. Januar. DerReichs-Anz." meldet: Der erneute Erkäl­tungszustand des Kaisers ist nunmehr fast vollständig beseitigt und schreitet die Herstellung der Kräfte in wahrnehmbarer Weise fort.

Kassel, 5. Januar. Die Appellation zweier niederhessischer Pastoren gegen ihre Absetzung wurde zurückgewiesen, weil der Instanzenweg (über das Consistorium) verschmäht war.

/rflitkrcicö.

Paris, 3. Januar. Das Kriegsgericht von Versailles hat gestern sechs Todesurtheile gegen Communisten gefällt. Vier andere wurden zu «je einem Jahre verurtheilt.

TerOrdre" zeigt an, daß am Todestage Napoleon's 111. in fünf Pfarrkirchen Trauergottesdienste abgehalten weiden. Es sind dies die Pfar­reien der Tuilerieen, der Ministerien, der Plutokratie, der Hallenweiber und des Faubourg du Temple und Quartiers Papincourt (Arbeiter-Viertel.) Eben so theilt cs mit, daß in Chiselhurst am Jahrestage durchaus Niemand empfan­gen werde, und die Kaiseriil imb der kaiserliche Prinz den Tag in der streng­sten Zurückgezogenheit zu verbringen geteilten. DasPays"' zeigt auch an, daß in der Pfarrkirche zu Biarritz am 9. Januar ein feierlicher Trauergottes­dienst für das Seelenheil Napoleon's 111 stattfinden wird.

Das Palais des Herzogs Karl von Braunschweig wird zum Verkauf ausgeboten.

Am Neujahrstage haben sich nicht weniger als sieben Personen in Paris erhängt.

Herr von Kergorlay, Präsident sämmtlicher Ackerbau-Vereine Frank­reichs, ist gestorben.

Paris, L Januar. Die Nationalversammlung gönnte sich, nachdem ge im Handumdrehen vorgestern 80 Millionen neuer Steuern bewilligt hatte, acht Tage Ferien. Die Arbeiten des neuen Jahres sollen mit der Discussion des Gesetzes über die Maires eingeweiht werden. DasJournal de Paris" ermahnt, die siebenjährige Präsidentschaft nun ernstlich zu nehmen und vom Unterwühlen der bestehenden Ordnung abzustehen. Es mag Grund zu dieser Ermahnung vorhanden fein, da die Union zum Jahresschluß erklärte, die An­hänger des Königthums hätten weder ihre Plane aufgegeben, noch ihre Cohä- sionskraft verloren. Sobald diese Agitation wieder Staub aufwirbelt, muß es auch im Cabinet zu offenem Zwiespalt zwischen den Ministern de Fourton, de Larcy und den Orleanisten kommen, und dabei könnten nur die Bonaparti- sten gewinnen. Die Republikaner lachen über die wiederholten Versicherungen der Broglie'schen Blätter, daßein herzliches Einvernehmen" im Cabinet herrsche.

Spanien

Madrid, 3. Januar, Abends. Nach einer Debatte, welche von 2 Uhr Nachmittags bis 4 Uhr Morgens währte, ist das Ministerium gestern mit 120 gegen 100 Stimmen geschlagen worden. Castelar reichte sein Entlassungsgesuch ein. Salmeron saß ans dem Präsidentenstuhle, als ein Officier eintrat, wel­cher ein Schreiben des General-Capitäns Pavia überbrachte, worin die Cortes aufgefordert wurden, sich aufzulösen. Salmeron und Andere baten darauf Castelar, die Negierung wieder zu übernehmen. Castelar weigerte sich. Eine Compagnie Gensd'armen trat darauf in den Saal und veranlaßte die Abge­ordneten sich zu entfernen. Pavia stand mit seinem Generalstabe und aufge­protzten Kanonen vor dem Cortespalaste. Die Bildung eines neuen Ministe­riums wird erwartet. Man glaubt, dasselbe werde aus Conservativen und Nadicalen (früheren Progressisten) unter dem Vorsitze des Marschalls Serrano zusammengesetzt sein; auch Carvajal und Maisonnave, zwei conservativ-republi- kauische Mitglieder des Ministeriums Castelar, würden bestimmt in dasselbe eintreten.

Barcelona, 2. Januar. Die gesammte Gensd'armerie ist concentrirt, da man ernstliche Unruhen befürchtet. Die Druckerei des Jntransigenten- Blattes Estado Catalan, welches gestern zum blutigen Ausstande aufforderte, ist militärisch besetzt.

Jlußüinö.

Moscau, 3. Januar. Nach hierher gelangten Nachrichten wird das deutsche Kronprinzen-Paar nach Beendigung der Vermählungsfeierlichkeiten un­sere Stadt besuchen.

Vermischte-.

Ein entsetzliches Unglück ereignete sich am ersten Weihnachtsfeiertage auf dem Bahn- Hofe zu Sorau. Ein l8jähriges junges Mädchen vom taube wollte den um 6 Uhr früh von dort nach Berlin abgehenden und sich eben in Bewegung gesetzten Localpersonenzug besteigen, in welchem sich bereits ihre Eltern und Schwester Behufs einer Besuchsreise nach Sommerfeld plaeirt hatten, als sie in ihrer Hast das Trittbrett verfehlte, das Gleichgewicht verlor und unter die Naber des Trains fiel. Sie stieß lang anhaltende, tief erschütternde Schmcrzensschreic aus und war dann mit einem Male still. Nack dem Passircn fand man die Leicke in furchtbarer Entstellung auf dem Strange liegen, und muß der Tod sie in ganz kurzer Zeit ihren qualvollen Leiden entrissen haben.

Auf dem berliner Weihnachtsmarkt trat der-Kronprinz an den SpicizcugSkram einer alten Verkäuferin, wo er Einiges aussuchte und schließlich auch nach dem Preise einer kleinen Gelenkschlange fragte. Die Alte, welche keine Ahnung von ihrem hohen Kunden hatte, forderte 3 Sgr., worauf der Kronprinz lächelnd2 gute" bot.Ach," erwiderte jene,Sie sind sonn hübsches Herreken und wollen mir noch eenen Sechser abknappsen bei die schlechte Zeiten, wo wir keene Geschäfte machen, weil sie uns von'n Schloßplay nach dem Lustgarten versetzt haben." In dem Augenblick trat die Frau KronpHinzessin heran und nahm den Arm ihres Mannes, der, nachdem er der Alten 1 Thlr. auf den Tisch gelegt und die gekauften Sachen an sich genommen, sich laut lachend mit seiner Frau entfernte. Als ein Nachbar der Alten zuricf:Das war ja der .Bonprinz.'" sagte diese:Herr Jott, ich falle uf den Rücken, na man jut, bet ick ibn anständig behandelt habe."

Ein berliner etwas wunderlicher Gelehrter erhielt kürzlich von einem ehrsamen Handwerksmeister von altem Schrot und Korn eine treffende Antwort, welche ihn - wie der Professor selbst erzählt gehörig zurechtwies. Der Meister war bestellt, um Maß zu einem Paar Stiefel zu nehmen, und wurde zu dem Gelehrten geführt, welcher, ganz in sein Studium vertieft, an einem Stehpult arbeitete; endlich nahm er Notiz von dem Wartenden, entkleidete einen Fuß von dem Hausschuh und hielt ihm denselben, ohne sich umzudrehen, hin.Bin ich denn ein Hufschmied?" fragte der Schuhmacher, und flugs machte der Profeffor Front.

Der Tod bat Berlin wieder einen seiner bekanntesten Mitbürger geraubt. Corn- mercienrath I A. Gilka erlag am 22. v. früh seinem langen schmerzlichen Leiden. Aus un­scheinbarem Anfang entwickelte sich seine geschäftliche Laufbahn zu jenem Weltrenommd, welches die Vorzüglichkeit seiner Destillate ihm schaffte. Ehrende Anerkennung wurde ihm nicht allein auf allen Industrie-Ausstellungen, mehr noch durch die siegreiche Concurrenz auf dem Welt­märkte selbst gegen SüdfrankreichS anerkannte Fabrikate.

Aus Kurhessen wird der Wes.-Ztg. geschrieben:Vor einiger Zett las man in