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Expedition: Canzletbrrg, Llt. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Areis Kiessen.
§?r. 2-^7. Nllttlvoch öcn 22. Octobcr 18V3.
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In dem Budget des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen pro 1873 ist theits zur Verwilligung von Stipendien für den Besuch der Ackerbau- schulen zu Friedberg und Alsfeld, theils zur Verwilligung von Prämien an Lehrer des Kreises für die Leitung landwirthschäftlicher Fortbildungsschulen die Summe von 200 fl. vorgesehen. Jene Prämien, welche sich bis auf 50 fl. belaufen können, sind für junge, dem Kreis Gießen angehörige, Leure bestimmt, deren künftiger Beruf der Betrieb der Landwirthschaft sein wird, und die das 14. Lebensjahr zurückgelegt haben, die anderer Vorkenntnisse aber nicht bedürfen, als wie sie die Volksschule gewährt. Eltern solcher junger Leute, welche die von dem Bezirksverein in Aussicht gestellte Beihülfe in Anspruch nehmen, werden aufgefordert, sich bis zum 13. November l. I. bei dem Unterzeichneten zu melden.
Anmeldungen für Verwilligung von Prämien für Leitung von landwirthschaftlichen Fortbildungsschulen innerhalb des Kreises Gießen können bis Ende December l. I. bei dem Unterzeichneten eingereicht werden.
Gießen, den 17. October 1873. Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.
v. Röder..
Dem Unterzeichneten ist durch das Curatorium der Ackerbaujchule zu Friedberg eine Anzahl Prospecte über den Wintercursus dieser Anstalt mitgetheilt worden, welche an Interessenten auf Anmelden durch das Bureau Großherzoglichen Kreisamts dahier abgegeben oder per Post zugesendet werden.
Gießen, am 17. October 1873. Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen:
v. Röder.
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politischer Theis.
Eine Monarchie ohne Monarchisten
sich warten lassen.
Der Genannte besitzt, wie aus seiner Führung sowohl bei den Berathun-
stets als eine principielle Schrulle.
Man wird angesichts der sich entwickelnden französischen Verhältnisse an jenes royalistische Dogma unwillkürlich erinnert. Jeder Tag bringt neue Beweise dafür, daß die Nation von der legitimen Monarchie nichts wissen will — thut nichts, man muß das Volk gegen seinen Willen in die beglückende monarchische Ordnung hineinzwingen, ja, wenn es sein muß, hineinschießen. Ein bedeutungsvolleres Desaveu, als die Wahlen vom 12. d. Mts. kann man schwerlich für eine Partei ersinnen, denn es will doch in der That etwas bedeuten, wenn angesichts der sog. Verhandlungen mit Henri V. in Salzburg, das französisch Volk überall da,'wo ihm die Gelegenheit gegeben ist, seine Stimme abzugeben, sich im republikanischen Sinne ausspricht — allein das thut Alles
einziehen müssen. Es hält allerdings außerordentlich schwer, ein sicheres Ur- ^rheil sich über die nächste Zukunft Frankreichs zu bilden, da fast täglich sich
Eines aber darf ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden. Das ist die Haltung der bonapartistischen Gruppe in der Versailler Versammlung. Sie ist allerdings der Zahl nach nicht bedeutend, wohl aber ist sie durch die Qualität in .)ohem Maße beachtenswerth. Haben doch die Bonapartisten, unter der Führung Rouher's, den 24. Mai erst möglich gemacht; ihnen muß vor Allem der Löwenantheil an Thiers' Sturz zuertheilt werden. Und nun hat Rouher mit aller Entschiedenheit sich gegen die royalistischen Bestrebungen erklärt. Es gilt, so hieß es in der bemerkenswerthen Ausführung des Ex-Vicekaisers, die Rettung der modernen Gesellschaft, die Rettung des den Franzosen über Alles theueren Princips der socialen und religiösen Gleichberechtigung. Und diesmal hat dieser schlaue bonapartistische Parteiführer die Wahrheit gesprochen; er hat mit seinen Worten eine sehr empfindliche Seite der Franzosen berührt; die royalistischen Jntriguanten werden an dieser, vielleicht einzigen Errungenschaft der vielen französischen Revolutionen unfehlbar zerschellen. Ein legitimes Kö- nigthum mit dem allgemeinen, gleichen und directen Wahlrecht ist ein Unding, und ohne dasselbe ist es eben in Frankreich eine Unmöglichkeit.
Dcutfrölänö.
Gießen, 21. Oct. Die „Neue Franks. Presse" schreibt: Ihr Cor- respondent kann es nicht unterlassen, im Hinblick auf die bevorstehende Reichs- tagswahl eine kurze Vergleichung der beiden Männer anzustellen, welche s. Z. in dem dritten oberhessischen Reichswahlkreis als betreffende Candidaten auftraten. Bekanntlich ging Herr Graf Friedrich von Solms-Laubach siegreich aus der Wahlurne hervor, obschon sich der Gegencandidat Herr Professor D r. O n ck e n zu Gießen, namentlich in den Städten des Vogelsbergs: Schotten, Alsfeld, Lauterbach rc. zahlreiche Sympatlneen erworben hatte. Wir wollen hier nicht nntersuchcn, aus welchem Grunde insbesondere die ländliche Bevölkerung deni in Oberhessen sehr begüterten Herrn Grafen von Solms- Lanbach ihre Stimme bei der Wahl eines Reichstagsabgeordneten gegeben hat, wohl aber constatiren, daß sich die etwa an diese Wahl geknüpften Erwartungen bis jetzt in keiner Weise erfüllt haben. Für die Wahl des Herrn Grafen zum Reichstagsabgeordneten spricht, unseres Erachtens, so gut wie gar kein
Feinde der republikanischen Staatsform überhaupt pflegen stets mit dem die politische Oberfläche verändert; soviel kann man jedoch getrost behaupten, vernichtenden Dictum bei der Hand zu sein, sobald es gilt, eben jene (gnirid^-bie Sache Chambord's hat in den letzten Tagen erheblich an Aussichten verlo- tung als eine unberechtigte und unhaltbare hinzustellen, daß eine Republik ohne reu. Die Herren Royalisten in der Kammer hatten eben nicht Courage genug, Republikaner jenem Messer ohne Klinge auf's Haar ähnlich sehe, dem überdiesmmthig zuzugreifen und der homme-principe konnte natürlich kein Theil seines noch das Heft fehle. Sie beobachten dabei eine höchst merkwürdige Taktik; z Systems opfern. So ist denn eine kostbare Zeit unwiederbringlich verstrichen, sie stellen nämlich die ideale Republik hin als den Inbegriff aller Übermensch-iHeute find die Republikaner nicht mehr unvorbereitet, nicht mehr machtlos; lichen Tugenden und Vollkommenheiten, als eine Form der Gesellschaft, in der'sie haben ui Thiers' Person wieder ihren natürlichen Sammelpunkt, und alle das Laster nicht existirt und der Egoismus überwunden ist durch den lebenbi- iHandlungen werben nunmehr einem einheitlichen Willen bestimmt. Die Dinge gen Gemeinsiun Aller. Da aber bie jetzige Generation für bies Jbeal noch!si"d in rascherem Flusse und die Entscheidung kann nicht mehr allzulange auf nicht reif, noch nicht gebildet genug ist, so folgt mit Nothwendigkeit, baß bie Republik vorläufig noch eine Unmöglichkeit sei. Insofern jeboch bie Erreichbarkeit bieses Jbcalö erst in unenblicher Ferne zu erhoffen ist, so bebeutet jenes Wort nichts anderes, als bie Einführung einer etwaigen republikanischen Staatsform ad calendas graecas verschieben. Die Monarchie bagegen ist, nach Ansicht Jener wie die Religion für bie berzeitigen Verhältnisse nolhwen- dig, sie entspricht den fehlerhaften Neigungen der Menschen vollkommen, kurz, sie ist ganz bie Staatsform einer nicht wegzubisputirenben Gegenwart; bar um müßten die Freunbe ber Orbnung, bie populären Staatsmänner Europas überall bestrebt sein, bie monarchische Staatsform zu erhalten, bezw. wieber einzuführen. Selbst gegen den Willen des Königs müßte man das Königthum retten, haben französische Royalisten von jeher gesagt. Vive le roi quand meine war einstmals ein geflügeltes Wort; vive le republique quand meine galt ihnen
nichts — vive le roi quand meine.
Jndeß, trotz der anscheinend anhaltenden mildroyalistischen Temperatur, hat sich doch inzwischen, wenn auch nur ganz allmählig und ohne spürbare Windstöße die Luftströmung geändert. Es kann nämlich nicht in Abrede gestellt werden, daß seit dem Wiedererscheinen Thiers auf der politischen Bühne die Dinge eine wesentlich veränderte Gestalt gewonnen haben. Zuvörderst hat die Muthlosigkeit und die Apathie ber verschiebeuen republikanischen Parteien einer gewissen Rührigkeit und Energie weichen müssen. Thiers repräsentirt in diesem Augenblicke wirklich bas ganze französische Bürgerthum in seiner gemäßigt republikanischen Gesinnnng. Denn bieje und nur diese allein bedeutet für Frankreich die Fortdauer leidlich geordneter Zustände. Thiers Ansehen ist im Lande groß genug, um die radicaleren Elemente, die sich um Gambetta Grund, grnppiren, zu beruhigen und so die gemüßigt republikanische Bourgeoisie von Der Genannte besitzt, wie aus seiner Führung sowohl bei den Berathun- dem Gespenst der rothen Republik zu erlösen, während alidererseits die Gesin- gen ber Landessynobe, welcher er in ebler (?) Entrüstung stolz den Rucken ge- yungeu dieses Exprasidenteu die Besorgnisse der Allzuschüchternen zu verscheuchen kehrt, als bei der Debatte über das Volksschulgesetz in der ersten Kammer, vermögen. Hat doch selbst Broglie die Fahiie des legitimistischen Königthumswobei er lediglich den hohen Staudesherren zur Zierde (?) gereichte, deutlich


