Einzelbild herunterladen

den Sieg über etwa noch vorhandene einzelne Bedenken davontragen; aber für den Verlauf der ersten Session des Landtages ist die Verspätung dieser dringlichen Vorlage doch recht bedenklich. Die Position der Negierung und der Mehrheit des Abgeordnetenhauses gegenüber den Uliramontanen wird geschwächt, wenn jene nicht mit der Vorlage in der Hand beweisen können, daß der Staat nicht blos unschuldig ist an dem durch den Ungehorsam des Elerus gegen die Mai­gesetze eingebrochenen Chaos, sondern daß er auch sofort das Seinige thut, um durch e ne gesetzliche Negierung das gefährdete Familien- und Eherecht zu sichern. So lange zu dieser Sicherung nicht Hand angelegt wird, hat die ka­tholische Bevölkerung Preußens allerdings Ursache, gegen den Staat Klage zu erheben, der durch seine Gesetze Couflicte hervorruft und dann doch zögert, den einzelnen, an dem Couflicte nicht schuldigen Bürger vor Schädigung in seinen wichtigsten Rechtsverhältnissen zu bewahren "

Berlin, 9. December. Zum Civilehe-Gesetzentwurf wird, gutem Ver­nehmen nach, sofort nach dessen Einbringung von liberaler Seite der Antrag gestellt werden, das Aufgebot abzuschaffeu. Das Aufgebot, welches in Eng­land und Amerika niemals bestanden hat, ist eine rein kirchliche Einrichtung, welche von den Päpsten vorgeschrieben wurde, als sie die Eheverbote wegen Verwandtschaft und Schwagerjchaft bis auf vier Grade ausdehnten und daher die Brautleute selten mit Bestimmtheit wußten, ob ihnen nicht ein Eheverbot entgegenstehe. Die Vorschrift des allgemeinen Landrechts, wonach ein Aufge- bot an jedem Orte stattzufinden hat, würde schon jetzt für die Arbeiter zu großen Härten führen, wenn sie von dem Geistlichen streng beobachtet würde. Die Gerichte rc. werden aber gleiche Nachsicht nicht üben.

Der KrakauerCzas" läßt sich in seiner letzten Nummer zur Amts­entsetzung des Grafen Ledochowski schreiben:In der amtlichen Sphäre wird also die unmittelbare Thätigkeit des Grafen Ledochowski demnächst ihr Ende erreichen, gleichviel, ob er des Landes verwiesen oder zu Gefängniß verurtheilt werden wird; aber es beginnt die Thätigkeit der Gnesener und Posener Doin- capitel. Die Negierung wird sie auffordern, ihr einen Candidaten in Vor­schlag zu bringen. Es ist klar, daß die Capitel dieses nicht thun werden, weil sie nicht anerkennen können, daß der erzbischöfliche Stuhl vaeaut sei und sie werden sich auch fernerhin nach den Aufträgen und Befehlen richten, welche ihnen der Erzbischof senden wird, gleichviel^ ob er frei oder gefangen, im Lande oder jenseits der Grenzen wohnen wird." DerCzas" meint, daß hier­aus die wichtige Rolle erhelle, welche den beiden Domcapiteln für die Zukunft vorenthalten ist, und die sieim Kampfe, welcher bis jetzt unter der Leitung des Primas, oder vielmehr in der Verfolgung, deren Opfer er hauptsächlich geworden ist", spielen wird.

Berlin, 10. December. DerProv.-Corresp." zufolge ist die Anklage­schrift gegen den Erzbischof Ledochowski abgefaßt und wird unverweilt an den Gerichtshof gelangen.

Oesterreich.

Linz, 7. December. Bischof Rudigier verweigert dem verstorbenen Reichsraths - Abgeordneten Baron Weichs das kirchliche Begräbniß. Die Deutsche Ztg." bemerkt dazu:Wir hoffen, daß die Regierung diese unver­schämte Herausforderung des Linzer Bischofs mit einer kräftigen That beant­worten werde."

Schmerz.

Bern, 9. December. Eine Verordnung der Berner Negierung verbietet den abgesetzten jurassischen Geistlichen jede geistliche Verrichtung in allen der Staatsaufsicht unterstehenden Localitäten und belegt den Mißbrauch des Privat- Gottesdienstes zur Störung des confessionellen Friedens mit Geldbuße bis zu 200 Frcs., unter angemessener Erhöhung im Rückfälle.

Bern, 10. December. Hier ist das Gerücht verbreitet, daß der Bun- desrath beschlossen habe, dem päpstlichen Nuntius seine Pässe zuzustellen; der diesbezügliche Beschluß solle aber erst Sonnabend veröffentlicht werden.

Frankreich.

Paris, 9. December. DerJndöped." schreibt man von hier: Eine Krisis ist fast unvermeidlich Angesichts der royalistischen Petitions-Bewegung. Es finden täglich Zusammenkünfte der Legitimisten in Versailles statt, welche Chambord's Proclamirung zum König erstreben. Alle Geschäfte liegen total darnieder.

Trianon, 9. December. Proceß Bazaine Lachaud verliest ein Attestat des Prinzen Friedrich Karl vom 28. November d. I., worin dieser bezeugt, daß Bazaine niemals zu den deutschen Vorposten gekommen sei. Lachaud ver­liest ferner ein vom 6. December datirtes Schreiben des Prinzen, worin dieser versichert, daß er für Bazaine eine große Achtung empfinde. Lachaud weist nach, daß der hohe Mannschafts-Stand und der Mangel an Lebensmitteln in Metz nicht erlaubt hätten, einen Durchbruchs-Versuch zu machen; diese Um­stände hätten gerade die Unterhandlungen nothwendig gemacht. Bezüglich der Mission Boyer's in Versailles constatirt Lachaud, Boyer sei einzig und allein einer militärischen Convention wegen dorthin gegangen; Fürst Bismarck habe die Frage verrückt und auf politisches Gebiet hinübergeführt; es habe sich nicht um die Restauration des Kaiserreichs, sondern darum gehandelt, eine von Frankreich anerkannte Regierung zu finden, welche sowohl für die sociale Ord­nung, als auch Preußen gegenüber die nothwendigen Garantieen bieten könnte; denn Preußen habe zum Unglück die Macht gehabt, seinen Willen aussprechen zu können. Lachaud wirft sodann der Anklage vor, daß sie Das, was an der Haltung der Kaiserin so hoch bewunderungswerth gewesen sei, nicht genug her­vorgehoben habe, tlnd fügt hinzu, das sei nicht eine Sache der Politik, son­dern der Erkenntlichkeit. Hieran anschließend entwickelt Lachaud < Längeren die Bemühungen der Kaiserin gegenüber dein König Wilhelm und dem Fürsten Bismarck.

Trianon, 9. December. Proctß Bazaine. Lachaud widerlegt die An­klage des Verraths gegen Bazaine und sagte:Es ist eine Stimme, die hier gehört werden muß, obgleich sie die Stimme eines Feindes ist. Ich spreche zu den Generalen, welche wissen, daß Ehre überall zu Hause ist." Er verliest einen Brief des Prinzen Friedrich Karl vom 28. November, der also lautet; Mit gegenwärtigem Schreiben erkläre ich, daß der Marschall Bazaine wäh­rend der Belagernng von Metz niemals nach meinem Haupt-Quartier Vorny gekommen ist. Ich habe den Marschall Bazaine zum ersten Male nach der

Capitulation von Metz gesehen." Lachaud verliest darauf ein anderes von Der» lin den 6. December datirtes Schreiben, welches der Prinz Friedrich Karl ihm ans eigenem Antrieb übersandt habe. Dasselbe lauter:Ich erkläre, daß ich für den Marschall Bazaine unbegrenzte Achtung empfinde, besonders vor seiner Energie, mit welcher er die fatale Capitulation von Metz verzögert hat." Der Brief wurde mit tiefem Stillschweigen ausgenommen.

Trianon, 10. December, Mittags. Proceß Bazaine. Lachaud be­spricht die Fahnen-Angelegeuheit, sagt, daß die von Bazaine gegebenen Befehle nicht ausgcführt worden seien, richtet dann einen Angriff gegen das Verhalten des Generals Soleille und schließt seine Verrheidigungsrede, indem er betont: Die Armee habe nicht im offenen Felde capitulirr, hierauf setze der Art. 210 des Militär-Strafgesetzbuches die Todesstrafe, derselbe sei hier nicht anwend­bar. Die Sitzung wird bis Nachmittags halb 2 Uhr vertagt. Man glaubt, das Urtheil werde heute Abend gefällt werden.

Spanien»

Madrid, 10. December. Die Regierung hat ein Telegramm aus Washington empfangen, welches die Abschließung eines Uebereinkommens über Zeitpunkt und Formen der Rückgabe desVirginiuS" meldet.

England.

London, 10. December. Bei der in Exeter stattgehabten Wahl wurde der von den Conservativen aufgestellte Candidat Mills gewählt- Es herrscht große Aufregung.

DieTimes" veröffentlicht ein Telegramm aus Philadelphia vom gestrigen Tage, welches den Abschluß eines Uebereinkommens meldet, nach dem derVirginias" und die überlebende Mannschaft desselben am 18. d. Mts. ausgeliefert werden sollen.

Dänemark.

Kopenhagen, 9. December. Heute Mittag haben die Setzer der Reichstags-Duchdruckerei die Arbeit eingestellt. Man erwartet einen allzemer- nen Strike der bei den Zeitungen beschäftigten Setzer.

Jiußlanö.

Petersburg, 9. December. DerRuff. Invalide" meldet: Bei dem gestrigen Diner im Winter-Palais brachte der Kaiser einen Toast auf daS Wohl der Ritter des St. Georgen-Ordens aus. Der Feldmarschall v. Manteuffel erwiderte im Namen des Deutschen Kaisers und der deutschen Armee mit einem Toast auf das Wohl des Kaisers Alexander II.

flnieuiüa.

New - 9. December. Auf die Anerbietungen mehrerer Perso­

nen, sich als Freiwillige in die Armee einreihen zu lasten, erwiderte General Sherman, er glaube nicht, daß es zum Kriege kommen werde; der Krieg werde übrigens von der Regierung nicht gewünscht.

Vermischtes.

Frankfurt, 9. December. Die gestern Abend im Saale derHarmonie" abgehaltene Fraucn-Versammlung verlief in der einmüthigsten Weise. Ueber 500 Frauen, welche der an sie ergangenen Einladung mittelst Karten gefolgt waren, füllten den Saal. Da, wo sonst in den Bersammlungen zur Leitung der Geschäfte Männer sitzen, hatte ein provisorisches Fraucn-Comite Platz genommen, aus dessen Mitte jüngst zwei Damen nach Kassel gereist waren, um sich mit den dortigen Frauen zu benehmen, und dadurch die Ueberzeugung gewonnen hatten, daß auch hier ein derartiger Verein wie in der Residenz des ehemaligen Kurfürsten ins Leben gerufen werden könne. Ein Statuten-Entwurf wurde dcßhalb auSgearbeitet und in der heutigen Versammlung ohne Widerspruch angenommen. Der Zweck des hiesigen Vereins ist Beschränkung der willkürlichen Preis-Steigerung der nothwendigen Lebensmittel und Erzielung billiger Markt­preise. Der Vorstand veS Vereins besteht auS 25 Mitgliedern und wird morgen bereits seine Thätigkeit beginnen. Jedes Mitglied, cs sind deren über 500 eingezeichnet - hat sich den vom Vorstand festgesetzten Marktpreisen unterwerfen- Der Beitrag der Mitglieder zu den

Kosten ist allmonatlich ein beliebiger. Aus dem Vorstand wird noch ein engerer Ausschuß ge­wählt, welcher während der Marktzeit hauptsächlich zur Entfaltung seiner Thätigkeit berufen ist. Die jedesmal festgesetzten Preise werden durch Anschlags-Zettel in der Nähe des Marktes be­kannt gemacht. Für morgen wurde oer Preis deS Pfd. Butter auf 36 fr. und der Eier auf 2 fr. das Stück festgesetzt. Man gab sich gegenseitig das Wort, zu keinem anderen Preise, selbst auf die Gefahr hin, keine Butter und Eier in dem Haushalt zu haben, zu kaufen.

Frankfurt, 10. December. Auf den Buttermarkt waren heute Morgen Aller Blicke gerichtet. Die Frauen deS hiesigen Verbandes stellten sich recht zahlreich ein. Die ersten, welche kamen und auf eine Forderung "von 42 kr. für das Pfund Butter 36 kr. boten, wurden zwar ausgelacht und von müßigen Gaffern und schreienden Hockinnen verfolgt; als aber immer mehr Vercinsmitglieder erschienen, änderte sich die Situation, und es schloffen sich den Biete­rinnen zu 36 fr. noch andere Frauen an, die bis jetzt noch nicht dem Verein angchören. Einige Butterhändler und Händlerinnen gaben ihre Waare wirklich zu 36 fr., andere thaten es nicht. An Eiern scheint fein Bedarf gewesen zu sein, denn wir bemerkten nicht, daß um sie ernstlich gebandelt wurde; einige Händler forderten für zwei Stück 7 kr., gingen aber schließlich *uf 5 kr. zurück, ohne ein Geschäft zu machen. Das Angebot lautete stets 4 kr.

Ueber den grausigen Untergang des Passagier-DampfersDille du Havre" liegen in englischen Blättern' ausführlichere Berichte vor, die des Entsetzlichen genug bieten, ohne den Stempel der Erdichtung so augenfällig an der Stirne zu tragen, wie der dramatisirte Sensations-Bericht desTempS." DieVille du Havre" verließ New-Zork mit 313 Personen, darunter 89 Passagiere erster Claffe, an Bord und hatte von Anfang der Reise an biS zum 20. November in dichtem Nebel zu segeln Am 20. begann der Nebel zu verschwinden, am 21. sah man endlich wieder einen klaren gesternten Himmel, und Mannschaft wie Paffagiere athmeten erleichtert auf. Der Capitän, welcher auf der ganzen Fahrt keinen Augenblick das Deck verlaffen hatte, getraute ficb endlich, zu Bette zu gehen, und überließ um 12 Uhr das ^Schiff dem zweiten Officier. Die Passagiere schliefen und Alles schien in Ordnung zu sein, als plötzlich um 2 Uhr ein fürchterlicher Krach, der das gigantische Schiff in allen seinen Theilen erzittern ließ, dem Schlaf grausam ein Ende machte. Manner, Weiber und Kinder stürzten in Nacht-Gewändern auf's Deck, und da sahen sie ihr Schiff mit einem anderen wie zusammen­gewachsen und hörten das Wasser in den Dampfer rauschen. Es war das Glasgower Schiff Loch Earn," welches mit derVille du Havre" in Collision gekommen war, ihr ein 12 Fuß tiefes Loch gerissen und 30 Fuß von den Panzerplatten zertrümmert hatte.. In Folge der außerordentlichen Gewalt des Zusammenstoßes stürzten der Haupt- und Bcsan-Mast und tvdteten eine Anzahl von Personen im Sturze. Die Meisten auf dem Schiffe wußten in ihrer Ver­zweiflung nicht, was sie anfangen sollten. Einige sielen auf ihre Knie und beteten, Andere gingen, da sie das Schiff förmlich sinken fühlten und die schaurige Musik des hineinrauschenden Wassers hörten, in die Eajüten zu ihren Familien und sanden mit den Ihrigen den Tod. Kein Geschrei, kein Gewimmer wurde gehört. Die Katastrophe war so plötzlich, daS Ende stand so schrecklich nahe, daß nur stumme Verzweiflung herrschte. Zwölf Minuten nach dem Zusammen­stöße und dieDille du Havre" war gesunken mit Mannschaft, Passagieren und Gütern. Nur zwei Boote hatten in der fürchterlich kurzen Zeit in die See gelassen werden können, und einige Matrosen batten sich in denselben gerettet. Die wurden auf demLoch Earn," der sich in­zwischen befreit hatte, ausgenommen, und die Boote des Glasgower Schiffes begaben sich nun daran, die mit den Wogen Kämpfcnvcn zu retten. Vom Decke selbst so schnell sank der verunglückte Dampfer wurde nicht eine einzige Person gerettet. Leider war für die Boote nicht viel zu thun. Von den 313 Menschen an Bord des Paffagier-Dampfers überlebten nur