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Mnzeige- und WmtsßW für den Kreis Kressen.

Nr. 8Y. Mittwoch den 9. April 88-2.

Ü m t f i <| e r T fj e i L

Gießen, am 4. April 1873.

Betreff end: Feueroisitations-ProtocoUe von 1873.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises, mit Ausnahme derjenigen zu Albach, Burkhardsfelden, Dors-Gill, Eberstadt, Ettingshausen, Gießen, Hattenrod, Münster, Nieder-Bessingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Oppenrod und Steinbach.

Wir erinnern Sie an die Einsendung der rubricirten Feuervisitations-Protocolle binnen acht Tagen.

v. Röder.

Gießen, den 5. April 1873.

Das Groß herzogliche Rentamt Gießen

an sammtliche Großherzoglichen Bürgermeistereien des Rentamts-Bezirks.

Wir ersuchen Si", in Jh.en Gemeinden albalb bekannt machen zn lassen, daß die Bezahlung der Forst- und Feldstrafen von der I. Periode 1873 bis zum 15. d. Mts. ohne Kosten hierher geschehen kann.

L y n ck e r.

politischer Theit.

Die Universität Gießen.

Wir entnehmen folgenden H. Hoffmann unterzeichneten Artikel dem Franks Journ." und denselben in allen seinen Theilen billigend, empfehlen wir ihn der Aufmerksamkeit unserer Leser:

In hiesigen Kreisen unterhält man sich vielfach über die unverständigen oder übelwollenden Artikel, welche seit längerer Zeit und namentlich neuer­dings wieder über die Gießener Universität in mehreren Zeitungen erschie­nen sind, besonders von Darmstadt aus; ja diese geberden sich jetzt so, als wenn sie die Ansichten des Finanz-Ausschusses der zweiten Kammer darstellten. Es wäre im höchsten Grade bedauerlich, weuu dort solche Ansichten Platz grei­fen könnten. Da soll die Negierung ernstlichst angegangen werden, daß sie der Misere der Landes-Universität ein Ende mache, und zwar vor Allem durch glänzende Berufungen. Dies beruht aus vollständiger Unkenutniß Die Regie­rung hat es an Berufungen und oft sehr glücklichen seit lange nicht fehlen lassen, auch kein Geld gespart, wenn es sich um Zurückhaltung Wcgbe- rufener handelte. Aber man verlange doch nichts Unmögliches. Heidelberg be­zahlte einem bekannten Professor 4000 st. Gehalt nebst freier Wohnung, und doch hat man ihn vor Kurzem für Berlin gewonnen. Es ist überhaupt den chatsächlichen Verhältnissen gegenüber ein Jrrthum, durch uoch so glänzende Vocatiouen unsere Universität wesentlich heben zu wollen, worunter man nämlich die Vergrößerung ihrer Studentenzahl und nicht ihre Stellung in der Wissenschaft zu verstehen scheint. Denn kein Verständiger wird sich einbilden, daß derzeit unsere Universität schlecht besetzt, daß hier die deutsche Wissenschaft nicht auf ihrer vollen Höhe vertreten sei. Dafür geben die von jeher und auch heute noch so häufigen Berufungen nach auswärts (mit oder ohne Erfolg) einen genügenden objektiven Anhaltspunkt. Jhering (abgegangen 1868) hat die Zahl unserer Juristen weder vermehrt, noch vermindert; sie betrug z. B. im Som mer 1867 : 50, gegenwärtig 75. Schrader hat die theologischen Hörsäle nicht wieder bevölkern können, welche überall in der Welt licht werden; wo finden wir den rechten Anti-Darwin oder Anti-Strauß? Unter C. Heyer schwankte die Zahl der Forstleute von 53 (1847) bis 10 (1855); unter G. Heyer von 59 (1863) bis 15 ^1868) Jetzt sind deren 19 hier. Weit leichter ist es, die Zahl dcr Studirenden zu verminderu. Die Mittel sind: man discreditirt die Universität in der öffentlichen Meinung, insbesondere bei unschlüssigen El­tern, welche in der Regel die Verhältnisse nicht selbstständig zu beurtheilen ver­mögen. Ferner: man cassirt die katholisch-theologische Faculrät. Damit sinkt die Zahl von 80 bezüglichen Studenten (1848) sofort auf Null (1851 und weiterhin.) Ferner: man errichtet eine Concurrenz-Anstalt in Darmstadt. Da­mit finit die betreffende Studentenzahl (Architekten) von 32 (1866) auf 5 (1872); und man vertreibt damit zugleich Docenten wie Clebsch, Hemzerling u. A. Und dann wundert man sich schließlich über Abnahme der Studenten­zahl, deren Maximnm überhaupt die Zahl 570 (Sommer 1847) niemals (we­nigstens soweit bekannt ist) überschritten hat; das Mittel von 1823 bis 1866 beträgt 402. Ebenso wirkt die Errichtung concnrrirender chemischer Laborato­rien: Liebig, der einst vor 68 Chemikern und Pharmaceuten docirte (1843), hatte deren im Winter 1849 nur 35. (Gegenwärtig sind 39 hier.) Oder: Die Errichtung von reich fundirten und vollständigen Forst Instituten, wie Mün­chen, mit territorialem Stndienzwang, der in ganz Deutschland, außer bei uns, obwaltet. Welchen Einfluß ein solcher Zwang hat, sehen wir hier an den Pharmaceuten. Seit dieselben die Freiheit genießen, mit Gültigkeit für zanz Norddeutschland auch in Gießen examinirt werden zn können (1870), ist

die Zahl derselben von 5 auf (gegenwärtig) 24 gestiegen, großenteils Auslän­der. Man sollte überhaupt, wenn man in solchen Dingen mitreden will, wissen, daß Gießen unter allen Universitäten zuerst und allein schon 1848 den territo­rialen Studentenzwang für alle Fächer aufgehoben hat, ja in neuester Zeit so­gar für mehrere Hauptfächer auch den territorialen Examenzwang (für Philo­logen, Pharmaceuten, Medicincr, Veterinäre, Architekten.) Konnte die dadurch verzwanzigfachte Concurrenz ohne Einfluß bleiben auf die Gesammtfrequenz? Und dazu noch der tiefe Zug unserer Zeit nach den großen Städten, die sich bei Studirenden ebenso fühlbar macht, als im Handwerk und auf dcm Laude. Endlich ist nicht zu übersehen, daß man Jahrzehnte lang unsere Universität hinter anderen in einzelnen Richtungen zurückhielt durch Nichtverwilligung der erforderlichen Summen für den Bau von Instituten, deren die anderen Univer­sitäten sich seit lange erfreuten. Es ist überhaupt ein Jrrthum, den Werth einer Universität nach der Studcntenzahl bemessen zu wollen. Welcher Ver­nünftige denkt in Basel (mit 157 Studenten), Freiburg (226), Kiel (112) daran, von einemtiefen Verfall" zu reden? Das deutsche Volk sollte doch endlich auch in weiteren Kreisen wissen, daß keine unserer Universitäten entbehrt werden kann; daß wir ihnen von Luther bis auf die Gegenwart unsere ganze Culturresorm und nationale Bedeutung wesentlich mit zu verdanken haben. Aber wie soll man einem Unverständigen klar machen, daß ein Lehrer des Sanskrit nothwendig und mit 2000 fl. und mehr zu besolden sei, der doch kaum irgendwo mehr als 23 Zuhörer zu haben pflegt? Ist denn nicht das Studium, die wissenschaftliche Arbeit, die Thätigkeit im Forschen und Publict- rcn, die Betheiligung an dem Aufbau der Wissenschaft und der Wahrheit im Großen (und nicht blos für Anfänger) von gleicher Wichtigkeit, wie das Do- ciren, und aller Unterstützung würdig? Und kann dies irgendwo so erfolgreich betrieben werden, als eben an einer Universität? Können wir wirklich in un­serem Vaterland eine beliebige Anzahl dieser Mitarbeiter auf dem Gebiete des Wissens und der Aufklärung so ohne Weiteres entbehren? Die Zeichen der Zeit könnten in der That eines Besseren belehren? Und geht denn selbst auch nur die Qualität des Unterrichts irgend wie parallel mit der Zahl der Hören­den? Man sollte doch einsehen, daß beim klinischen Unterricht 20 Auskultan­ten am Krankenbette mehr lernen, als 100, und daß in einem chemischen Labo­ratorium mit 150 Laboranten diese sehr wenig von dem Docenten haben können, dessen Name sie dahin gezogen hat. Und dasselbe gilt für philologische Seminarien u. f. w. Es ist allerdings leichter, durch fortgesetzte Verläumdung oder unverständiges Reden einer solchen Ansicht schweren Schaden zuzufügen, als durch stille und unermüdliche Thätigkeit dieselbe in die Höhe zu bringen und in competenten Kreisen in geachtetem Ansehen zu erhalten. Durch ano­nyme, namentlich übelwollende Artikel wird dcr guten Sache sicher nicht ge­dient Statt der schuldigen Pietät führt häufig ein der Uuiveisität feindseliger Sinn die Feder, mit der Absicht oder dem Erfolg, in ungünstigem Sinne auf das urtheilslose Publikum zu wirken, und auf die Gefahr hin, die Ansichten dcr Mitglieder der Landesvertretung, deren viele solchen Fragen ohnedies ferne stehen, in einer für die höchste Bildnngsanstalt des eigenen Landes entschieden nachtheiligen Weise durch irrige Angabe« und falsche Voraussetzungen zu prä- occupiren. Besser gar keine öffentliche Besprechung, als eine solche hinter dem Visir! Also cui bono ? Wir wünschen nicht Euer Lob und verdienen und fürchten nicht Eueren Tadel. Laßt uns in Frieden unseres ernsten Berufes warten, das Uebrige wollen wir schon selbst besorgen. Man wird doch nicht ernstlich erwarten, daß eine für 3 400 Hörer organisirte und berechnete An­stalt in einer kleinen Stadt wie Gießen durch irgend welche künstliche Mittel