Bonn, 24. Oktober 1872.
Paris,
hält eine Art von Manifest, welches vom Bien Public mit voller Zustimmung
wiedergegeben ver Republik
Leben eines
vorläufig mit dasselbe Bild, doch Umschau Bunde sind? ultramontanen
Bern, 28. Oct. Zu Zürich ist die Auslieferung Netschajeffs erfolgt. Beim Bahnhof machte ein Pole einen Befreiungsverfuch, wurde indeß selber verhaftet.
Sie wieder mit Ehren ein Mit der Theilnahme
Ergebenen Ihr
*) Die Nachricht von einer solchen Beglückwünschung ist inzwischen als irrthümlich bezeichnet worden. Die Red.
halten mögen, mit welchen Elementen Sie Selbst denn nun im Betrachten Sie doch nur Ihre Brüder in den Redactionen der Presse aller Lande. Aber auch sonst werden Sie Ueberfluß an
schlimmen Elementen finden, z. B. in der römischen Curie rc., so daß Sie bei sorgfältiges Nachforschung wohl im Stande sein dürften, uns gegen Eins immer Hundert zu bieten.
Ist es Ihnen gelungen, „die innere Ruhe" durch Aufopferung Ihrer Sub- jectivität zu gewinnen, so wird es Ihnen nicht gelingen, dieselbe zu bewahren. Scheint die Beglückwünschung der sämmtlichen deutschen Bischöfe zu Ihrer Erklärung*) Ihnen dieselbe zu sichern, so wird ein Blick auf Ihre Schrift über Honorius sie Ihnen wieder nehmen. Ihre bessere Subjektivität ist durch den Act der Verzweiflung, wodurch Sie Sich das Messer vom Hals schaffen wollten, nicht getödtet; Sie können Ihre vernünftige Natur eben so wenig vernichten, wie die
Frankreich.
25. Oct. Das heutige „Bulletin Conservateur R6publicain" ent.
trum auf's Schärfste an. Es gibt keine Beschuldigungen, ja selbst grobe Schimpfwörter, mit welchen sie die ehrenwerthen Deputirten, die zu dieser parlamentarischen Gruppe gehören, nicht überhäufen. Mit einer Scharfsichtigkeit, die ihnen sonst nicht eigen ist, haben die monarchistischen und bonopartistischen Journale erkannt, daß ihre furchtbarsten Gegner jene Männer sind, die seit einem Jahre die republikanische Staatsform zur Geltung zu bringen suchen. . . . Die Nation hält das linke Centrum für die fähigste Partei, um den U-bergang von dem, was ist, und von dem, was sein muß, zu bewerkstelligen. Don dieser Partei erwartet man das Programm und die Anwendung des Programms der konservativen Republik, und auf sie rechnet man, wo es gilt, Herrn Thiers bei Gründung einer Regierung zu helfen, die nicht ewig eine persönliche Regierung bleiben kann. Dcßhalb würde auch die Enttäuschung und die Entmuthigung des Lande- groß sein, wenn in den ersten Wochen, welche auf die Eröffnung der Kammer folgen, nicht in genauer Form ein Regierungs-Programm des linken Centrums erscheinen werbe, welches demokratisch und liberal genug sei, damit cs die Billigung der von Albert Grsvy präsidirten Linken erhielte, und parlamentarisch genug, um die neuen Verbündeten des vom General de Chanzy präsidirten Vereins sich endgültig zu gewinnen." Thiers und seine Freunde gehen augenscheinlich mit der Absicht um, die definitive Republik durch die jetzige Versammlung constituiren zu lassen, und wollen deshalb eine Regierungs-Majorität gründen, die aus dem linken Centrum, der republikanischen Linken und den Mitgliedern des rechten Centrums, welche sich Casimir P.rier angeschlossen haben, bestchen würde.
Paris, 27. Oct. Der Vorfall in Chalons wird, wie das Bien Publik sagt, Dank ver Klugheit der deutschen und der französischen Behörden, keine schlimmen Folgen haben und nur zu einer Verdoppelung der Vorsichtsmaßregeln Anlaß geben. — Laut TempS drohen die Baracken, obgleich sie noch gar nicht bezogen sind, bereits den Einsturz. Gestern waren in Chalons 300 Mann Deutsche angekommen und wurden bei den Bürgern einquartiert. Sie befinden sich aber nur auf dem Durchmarsch. Eine gewisse Anzahl Legitimisten begeben sich nach Ebenzweyer zum Grafen von Chambord, um dessen weitere Weisungen für ihr Verhalten während der nächsten Session einzuholen. Morgen werden auf dem Kirchhofe Montmartre die sterblichen Ueberreste Heinrich Heine'- ausgegraben, um nach Hamburg gebracht zu werden. In der letzten Woche starben in Paris 732 Personen, 30 weniger als in der vorletzten.
Paris, 27. Oct. Gutem Vernehmen nach ist der 4. November als der letzte Termin bestimmt, bis zu welchem die Räumung der Departements Marne und Haute-Marne von den OccupationStruppen erfolgt sein soll.
Italien.
Rom, 28. Oct. Das „Giornale di Roma" schreibt: Das von Cardinal Cullen an den Papst gerichtete Ansuchen, dem verfolgten Klerus von Galway
wird. Dasselbe lautet in seinen Hauptpunkten, wie folgt: „Alle feindlich gesinnten Blätter greifen seit einigen Tagen das linke Cen-
gebe, als Gottes Wort zu glauben. Nun aber sind Sie ohne diesen Glauben mit „in sehr verfolgungssüchtigen JnfallibiliSmuS übergegangen", wie ihn die Fuldaer Denkschrift athmet. Ihr „Schrecken", daß demnächst in allem Religions- Unterricht Deutschlands die Jnfallibilität als das Haupt- und Primär-Dogma de« Christenthums werde gelehrt werden", ist vorüber, mit dem „Schmerz der Eltern" deshalb haben Sie kein Mitleid mehr; es rührt Sie nicht, die sittliche Entrüstung der Elter« über die absichtliche Fälschung der Stellen aus der heiligen Schrift, welche ihre Kinder in den Katechismen auswendig zu lernen gezwungen werden (vgl. de« Katechismus für die Erzdiöcese Köln, 1872, S. 69, Fr. 32); es bewegt Sie nicht mehr „die Abschlachtnng" der einzelnen Bischöfe durch die römische Curie, Sie fühlen nicht mehr das an den Hals gesetzte Messer; hin ist Ihre vertraulich so oft geäußerte Freude über die Farblosigkeit Ihres Pastoral- schreiben- vom Ostermontage 1871, womit Rom sich zufrieden gegeben, weil Sie erst, nachdem Ihnen das dritte Mal bas Messer au den Hals gesetzt worden, den Schritt gethan hätten; verloren ist oie Ruhe des Gewissen«. Es bleibt Ihnen nur ver Trost, „das größte Unglück, das Schisma" Ihrerseits vermieden zu haben. Aber, ist der Trost echt? Ganz abgesehen von der neuen, immer tiefer greifen- den Spaltung innerhalb der römisch-katholischen Kirche — haben Sie denn Einheit, wenn Sie nach Ihrer Auffassung 165 Millionen nicht römisch-katholischer Christen al« von „der Kirche" getrennt betrachten müssen? Ist vaS die von Christus gewollte Einheit, welche 170 bis 180 Millionen römische Katholiken äußerlich durch Despotismus zusammentreibt und scheinbar zusammenhält? Ist die Einheit in der Lüge und der inneren Corruption ein Gut oder ein Uebel? Können Sie als fleißiger K'rchenhistoriker auch nur einen Augenblick sich die Illusion wachen, daß die alte Kirche, die Kirche der Väter, die Einoeit in der allgemeinen jurisdictionellen Unterwerfung des Episkopats und der Einzelkircken unter den Bischof von Rom gesucht hätte? Im Schisma ist, wer der Wahrheit da« Zeugniß verweigert und die Bekenner der Wahrheit schmäht und aus der Kirche au-schließen will. Im Schisma find Sie jetzt, Herr Bischof!
Ihr verhängnißvoller Schritt ist Ihnen noch wesentlich erleichtert worden durch die Beobachtung, daß wir in unserer Reformdewegung im Bunde seien „mit zahlreichen uns innerlich heterogenen Elementen." Darauf habe ich zweierlei zu erwidern: Erstens, daß bei jeder geistigen Bewegung heterogene Elem nie sich
da« Schreiben vom 11. November 1870 weiß aber von einem solchen Kampfe i nichts, e« enthält keine Spur von einem GlaubenSkampfe. „Ich kann mir in r Rottenburg so wenig als in Rom verhehlen" — so schreiben Sie —, „daß das i neue Dogma einer wahren, wahrhaftigen, biblischen und traditionellen Begründung ! entbehrt." Ihr Kamps konnte sich nur auf die Alternative beziehen: ob Sie ; gegen den Versuch, die Lüge als Gottes Wort mit kirchlicher Autorität und l Beichtstuhlzwang dem christlichen Volke aufzudrängen, als treuer Hirt das Schwert de« Geist s ergreifen, oder als schwacher Mann durch Resignation das Feld : räumen sollten. Durch Verwerfung veS neuen Dogmas sicherten Sie Sich die । Ruhe des Gewissens. Sie waren Sich so für; bewußt, diese zu besitzen, also wegen de« Inhalts des neuen Dogmas nicht im Kampfe zu sein, daß Sie beteuerten: „Ich will lieber den Stuhl, als die Ruhe des Gewissens verlieren", d. h. Sir wollten lieber Ihr Bisthum Preis geben, als durch Versöhnung mit dem vatikanischen Dekrete die Ruhe Ihres Gewissens. Wenn nun nach Ihrer Erklärung die Versöhnung mit dem vatikanischen Decrete, d. h. also die Aufopferung der Ruhe Ihres Gewissens, Ihnen „die innere Ruhe wieder gebracht hat", so muß jetzt ein Seelenzustand in Ihnen fein, der für und ein unauflös- liches Räthsel bleiben wird; aber fest steht, daß Sie am 11. November 1870 Sich nicht in einem Glaubenskampfe befanden. Aber auch der wirkliche Kampf, den Sie damals zu bestehen hatten, war bereits entschieden; denn Sie hatten „die Norm für Ihre eigene Person" gefunden. „Ich werde" — dies sind Ihre Worte — „das neue Dogma in meiner Diöcese nicht verkünden." Sie wollten „den Stuhl" behalten, aber nicht im offenen Kampfe gegen den römischen Usurpator Ihrer Dröccsanrechtc und der göttlichen Prärogativen, sondern Ihre Losung dabei war: „Zögerung ohne förmliches Schisma"; „die Zögerung schließt aber", so sagten Sie, „die Nichtunterwrrfung ein." Sie kämpften also nicht mit dem Zw ifel, ob Sie Sich unterwerfen sollten oder nicht, sondern Sie waren entschieden entschloffen, Sich nicht zu unterwerfen, um „die Ruhe de« Gewissens" zu bewahren.
Es schien Ihnen damals unmöglich, daß Sie jemals Ihre Ueberzeugung wechseln könnten; Sie sprachen ein hartes Urtheil darüber aus daß „fast der ganze deutsche Episkopat so zu sagen über Nacht seine Überzeugung geändert habe"; Sie fanden den Inhalt des neuen Dogma« nicht blos unwahr, sondern der verderblichsten Art, so daß dadurch „die Kirche in unberechenbarer Weise beschädigt" werde; letztere habe „nie einen herberen und tödlicheren Schlag erlitten", so klagten Sie. Aber freilich, Sie haben ja auch Ihre Ueberzeugung nicht geändert, Sie haben ja nur Ihre „Subjectivität unter die höchste kirchliche Autorität aufrichtig untergeordnet." Sie drücken Sich euphemistisch aus, denn Sie wollen sagen, daß Sie Vernunft und Freiheit dem päpstlichen Absolutismus geopfert haben. Wäre Ihre Ueberzeugung eine andere geworden, so hätte es sich geziemt, in einem „Volksblatte" so zu schreiben: Es ist mir nach fünfmonat- lichem Kampfe endlich gelungen, die Lehre, daß der Papst „aus sich selbst, nicht aber durch die Übereinstimmung mit der Kirche, unverbesserliche Lehr-Entscheidung"
Erbsünde die« vermag; sie wird immer wieder erwachen und jedesmal wird die verlorene „Ruhe des Gewissen«" Sie peinigen, und jedesmal wird es vorbei fein mit „der inneren Ruhe." Den Richterstuhl Gottes, vor dem Sie als „treuer Verwalter" erfunden werden möchten, werden die Sie jetzt beglückwünschenden Bischöfe Deutschlands nicht umstehen; diese haben nicht Macht, Ihnen die innere Ruhe zu sichern.
Sie haben in der erwähnten Denkschrift erklärt: „Wir Bischöfe wissen un« mit dem gesammten Clerus und mit dem gesummten katholischen Volke vollkommen einig im Glauben und in allen Grundsätzen desselben"; in Ihrem Schreiben vom 11. November 1870 aber hatten Sie bezeugt, in Ihrer Diöcese „werde faktisch nur von wenigen Geistlichen infallibilistisch gelehrt, weitaus die meisten ignorirten da- neue Dogma und das Volk kümmere sich, ganz Wenige — besonders Avelige — ausgenommen, gar nicht um dasselbe und fei sehr zufrieden, „daß der Bischof Darüber schweige." Vergleiche« Sie beide Aussagen, und hin ist „die innere Ruhe." In Ihrer Diöcese hat Clerus und Volk sich innerhalb zwei Jahren wenig geändert. Daß die tübinger katholisch - theologische Facultät insgesammt nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes, ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae, glaubt und dagegen lehrt, ist notorisch: versuchen Sie, dieselbe zum Bekennen und Lehren des JnfallibiliSmuS zu zwingen, und ihre innere Ruhe ist bin, wenn Sie auch nur auf zwei Charaktere innerhalb dieser Corporation stoßen. Wagen Sie es, Ihren Pfarrclerus zum offenen Bekenntniß des vatikanischen Dekrete« zu nöthigen, und verloren ist Ihre „innere Ruhe."
Eins haben wir Ihrer Erklärung zu danken. Sie haben den Eindruck der fuldaer Denkschrift für die Staatsregierungen verschärft. Diese werden endlich einsehen, daß es mit der Beförderung „nicht cornprornittirter", „milder", „vermittelnder" Persönlichkeiten auf die Bischofsstühle nichts ist. Weder wird die preußische Staatsregierung den polnischen Monsignore v. Wolanski — der übrigens nicht einmal eine solche Persönlichkeit ist — zum Nachfolger NamszanowS- ki's machen, noch die badensifche Herrn Alzog auf den erzbischöflichen Stuhl von Freiburg setzen. Sie werden überhaupt einsehe«, daß jeder von Rom approbirte Bischof in feinem Lehre« und Handeln keine eigene Ueberzeugung und Gesinnung mehr hat, daß da aller Patriotismus eitel Schein und Trug ist, daß der Herr Bischof Roms Lehren lehrt, Rom« Parolen au-gibt, hart oder milde ist auf Befehl der Curie. Die StaatSregierungen werden endlich erkennen, daß, wer um Bischof zu werden, dem Papste den berüchtigten Verfalleneid leistet, in welchem er sechs Mal diesen seinen Herrn nennt und nur Pflichten gegen diesen beschwört, i — in seinem Innern kein Deutscher mehr fein kann, sondern einzig und allein i ein Organ römischer Interessen in Deutschland.
! Dürfte ich Ihnen, Hochwürdigster Herr Bischof, eine« Rath geben, so wäre i es dieser: entwinden Sie Sich schnell und kühn der kurzen Verirrung und setzen
treuer Arbeit fort für die Wahrheit.
ein viertel Jahrhundert hindurch Ihnen treu Dr. Jos. H. ReinkenS,
Professor der Kirchengeschichte.
Schweiz.
zeitweilig verbinden; Christus mußte seine Jünger ermahnen, Weizen und Unkraut einander wachsen zu lassen, und die apostolische Kircde gicdt uns Zweitens gestatte lch mir die Bemerkung, daß Sie, Herr Bischof,
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