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Gründe in'S Feld führen konnte, und mit der maßlosen Erhöhung des Heeres- budgets war eigentlich Alles entschieden. Die Versammlung hatte sich bis zu einem gewissen Grade die Hände gebunden; mit jeder Niederlage, mit jeder Nachgiebigkeit nahm ihre Widerstandskraft ab. 3®ar sträubte sich noch das Gewissen der meisten Abgeordneten gegen Vorschläge, die ihren Grundsätzen völlig widersprachen, und nicht einmal eine wesentliche Steigerung der Einkünfte in Aussicht stellten. Aber diese Bedenken waren nicht ernst genug, um der Taktik des Präsidenten zu widerstehen. Es zeigte sich wieder einmal an einem schlagenden Beispiele, daß, sobald Partei- und persönliche Rücksichten in'S Spiel kommen, sachliche Erwägungrn in Frankreich jede Geltung verloren haben.

Die Linke ist die entschiedenste Gegnerin der Thiers'schen Steucrprojecte, aber ihr augenblickliches Jntensse läßt es ihr wünschenswert!) erscheinen, ihre Intimität mit Thiers zur Schau zu stellen. Das gab den Ausschlag. Aller­dings sprachen auch sachliche Gründe dagegen, über die Finanzfragc mit ThierS in Händel zu gcrathen. Indessen die Möglichkeit, auf anderem Wege, als au dem der Besteuerung der Rohstoffe, Rath zu schaffen, war, wie sehr sich die Versammlung auch bereits fcstgefahren hatte, doch noch immer vorhanden: selbst ein Zurückgreisen auf die Einkommensteuer, ja eine Herabsetzung der Ausgaben, war immer noch nicht ausgeschloffen. Aber die parlamentarische Situation machte e» räthlich, Thiers zu Willen zu sein: also fort mit allen kleinlichen Bedenken sachlicher Natur! Was wollen volkswtithschaftliche Grundsätze besagen, wenn man den politischen Gegnern einen Streich versitzen kann!

Ohne Zweifel hat die Linke schlau operirt, ob aber auch mit weitsehender Klugheit, daß wird sich früher oder später zeigen. Im Lande sind die Beschlüsse, welche Frankreich in Europa isoliren, seine Industrie und seinen Handel ohne Zweifel schädigen werden und dabei doch keineswegs dem Staatsschatz einen reichen Gewinn versprechen, durchaus nicht mit Beifall ausgenommen worden. Wen wird man für die verhaßte Steuer verantwortlich machen? ThierS schwerlich. Denn dem hat die öffentliche Meinung längst ein Privilegium auf seine finanziellen Schrullen erthetlt. Aber von den liberalen Parteien, von der Linken, hatte man doch Besseres erwartet. Mit welchem Rechte kann sie die Führung des Landes beanspruchen, wenn sie nicht einmal die moralische Kraft besitzt, die werthvollstrn Errungenschaften des Kaiserreichs zu schützen? E- würde uns durchaus nicht wundern, wenn sich in der republikanischen Partei bald die Einsicht Bahn brechen sollte, daß man sich mit den Voten vom 20. und 22. Juli nicht nur eine Volks- wirthschastlichc Sünde, sondern auch vom Parteistandpunkte aus einen politischen Fehler hat zu Schulden kommen lassen.

Deutschland.

Gltßeu, 28. Juli. Zur Feier des ^Jubiläums der Universität München sendet un tre Universität die beiden Professoren Lutterbeck und Stahl.

Mainz, 24. Juli. Die Socialdemokraten haben ihre schon seit einiger Zeit angekündigte öffentliche Versammlung zur Besprechung dcS Jesuitrngesetzes und der Max Hirsch'schen Jnaalidenkasse am vergangenen Sonnabend abgehalten. Die Hitze und der Durst waren jedoch in demHeiligenge!st"-Saale so arg, daß ich Ihnen nicht darüber berichten kann, was Sic sicherlich nicht bedauern werden. Charakteristisch war dir große Eitelkeit und Arroganz der einzelnen Sprecher; sie füllten sich offenbar verletzt, daß sie nicht mehr allein die Märtyrer der neuen Zeit, die von den grausamen Bourgeois unschuldig Verfolgten sein sollten, sie suchten deshalb auch die ganze Strenge de- JesuitcngesetzkS als eigentlich nur gegen ihre Partei gerichtet barzustellrn, man wolle nur an den Jesuiten versuchen, wie weit man mit AuSnahmcgesctzrn gehen könne, um dann wieder über sie mit dem ganzen Ingrimm herfallen zu können. Erhielt ein Redner nicht den gewünsch­ten Beifall, jo kamen dann die Kraftstcllcn angezogen, die, mit donnernder Stimme hinauSgeschrten, ihres Eindruckes sicher sein durften:Krieg den Palästen, Krieg bis zum Messer allen Blutsaugern,"die Geldsäcke sollen froh sein, daß die Jesuiten den Arbeitern noch etwas Religion beigcbracht, denn wenn die Arbeiter keine Religion hätten, so hätten sie den Geldsäcken schon längst die Hälse abge- schnitten." Ein naiver Fabrikant von hier, Herr Strack, wollte die volkSwirth- schädlichen Anschauungen der Socialdemokraten diScutiren, doch antwortete ihm ein Redner darauf: der Herr wssc noch gar nicht, was Capital sei, und er wolle demselben in einer demnächst abzuhaltenden Versammlung einen Vortrag darüber halten. Ein anderer meinte, der betreff,nde Herr Fabrikant möge sich doch zu ihm bemühen, rr wolle ihn über die Productivassociat onen ausklären. Herr Buchdruckereibksitzer C. Wallau, unser neuer Bürgermlister, ist ein allgemein ge- achteter und geschätzter Mann. Als tüchtiger Schütze und Sänger schon seit Jahren an der Spitze unseres Vcreinslebens stehend, erfreut er sich des persön- lichrn Vertrauen- und der wirklichen Zuneigung vieler unserer achtbarsten Mit- bürger in hohem Grade. Sr ist Deutschkatholik, doch von versöhnlicher Gemüths- stimmuna, und glauben wir, daß seine Wahl eine sehr geeignete war.

Berlin, 26. Juli. Das Jksuitengesetz, schreibt dieC. S.", ist, und nicht nur wegen der stillen Zeit in der Politik, auf der Tagesordnung. Wt. man auf einer Seite dassclbe als zu hart auf's heftigste angrcift, so wird cs auf der andern als nicht streng und durchgreifend genug verurtheilt. In diplo­matischen Kreisen allerdings deurtheilt man dass.lbe ziemlich nüchtern. Man würde vorgezogen haben, wenn seitens de- deutschen R.ichs der Papst ersucht worden wäre, in dies.m Falle die Initiative zu ergreifen und den Orden der Jesuiten, wie vor etwa einem Jahrhundert Cltmcns XIV., aufzuheben. Erst trenn er, wie wohl anzunehmen. dt.se Anforderung abgelehnt, hätte Deutschland selbständig vorgehen sollen. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Anschauung Manches für sich habe. Allein ob damit mehr erreicht worden wäre? __ $n

ö treff des Vorgehens gegen die renitenten katholischen Bischöfe scheint man in denselben Regionen der Ansicht, es sei besser, ollen B.schösen ohne Aus­nahme die Anerkennung zu entziehen, sonach reinen Tisch zu machen, und alsdann mtt denjenigen, welche den LanveSgesctz n unbedingt sich zu unterwerfen fe.erlichst und b ndenv erklären, neue Abkommen zu treffen. Auch sei es jedenfalls besser, das Abgeordnetenhaus streiche im Etat rinfach die Temporalien und übe. lasse es alsdann der Reg elung, den nachgiebigen B schüfen das Einkommen neu zu gewazren und die Summen als Etateüderschrcrtung nachträglich zu liquidiren. Uns scheint rem allerdings die Tdat'ache entgegenzustehrn, daß bisher nur ein Söi(trf sich in vollständiger Obstinazirät der Regierung gegenüber blfinret, während die übrigen doch wen'gstens immer noch lavircn.

Vom Senate der Münchener Unive>si,är sind außer dm deutschen auch die englischen und skancinavischen Unrvrrsitäten zur Teilnahme am Jubiläum ein-!

geladen, und ist bis jetzt von Leyden und Sdinburg lebhafte Detheiligung zu- gesagt worden. Die Ordnung des Festzuges ist dahin festgesetzt, daß derselbe von den CorpS eröffnet wird, um dann der Reihe nach der akademische Gesang­verein, die Professoren - Deputationen der fremden Universitäten, der Akademien, Lvceen, Gymnasien u. s. w., die Ehrengäste aus anderen Berufskreisen, die Münchener Gemeindccollcgien, dann die Studenten-Deputationen der auswärtigen Universitäten, hierauf die sogenanntenFreien Vereinigungen" der Münchener Universität, wie dieAdelphia", nach diesen die übrigen Obscuranten, dann die katholischcn Studentenvereine" mit und ohue Farben und zum Schluffe die BurschenschaftAlgovta" folgt. Jeder studentischen Cooperation schließen sich die Philister derselben an, derAlgovia" außerdem die einstigen Mitglieder jener inzwischen eingegangrnen 1848er Verbindungen, welche seinerzeit Satisfactionen mit Waffen gegeben haben, so insbesondere die Arminia, Euthymia, Marcomania und Naffavia. Für die Fahrt nach Landshut sind zwei Extra - Bahnzüge in Aussicht genommen. In dieser Stadt wird ein Festzug auf die Trausnitz ver­anstaltet, welcher unterwegs bcim Monumente Ludwig des Reichen behufs einer, den Manen des Stifters der Universität durch eine Ansprache zu bringenden Huldigung anhält. Auch hat sich in München ein WohnungScomite gebildet mit der Aufgabe, den auswärtigen Theilnehmern Wohnungen nachzuweisen. Gegen 700 Zimmer mit über 1000 Betten sind bis jetzt von den Wohnung-Inhabern zur Vermiethung an Fcstgäste angeboten worden. Der Ausschreibung der Fest- commission gemäß werden vom 29. bis 31. Juli WohnungSnachweisungen den Gästen in den Bahnhöfen ertheilt werden. Wohnungsbestellungen sind an daS Wohnungscomite im Odeon oder an Professor Dr. Hermann Seuffert, Brienner- straße 45, zu adresstren.

Coblenz, 27. Juli. Gestern haben die kaiserlichen Majestäten das zu Ehren der tm Feldzug von 1866 gefallenen Krieger hierselbst errichtete Denkmal besichtigt. Das Diner wurde im Schloßgartm eingenommen, und wohnten die Majestäten dem hierauf folgenden Gartenfeste bei. Heute erfolgt die Abfahrt über Eltville nach Schmalbach.

Straßburg, 23. Juli. Die französischen Zeitungen fahren fort, täglich Deutschland zu veschimpfen, Frankreich zu vergöttern und das neue Reichsland als ein armes, verlassenes Kind darzustellen, das in einem Zwinger unter der Obhut eines teuflischen Wütherichs schmachtet. Um dieses Bild besser an den Mann zu bringen und es glaublicher zu machen, häufen sie Lüge auf Lüge. Namentlich befleißigen sie sich, den Leuten einzureden, daß die Elsässer schaarenweise nach Frank­reich ziehen und sich dort ganz überglücklich fühlen. Daß aber von den Elsaß- Lothringern, welche seit einem Jahre auSwanderten, wohl ein Zehntel wieder zurückgekomwen ist, daß die bis jetzt Außengebliebencn zum größten Theil in Noth und Elend schmachten, und endlich, daß von den vielen Elsässern, welche vor Kurzem noch bei der französischen Armee standen, wenigstens neun Zehntel ihren Dienst verlassen und in ihre Heimath zurückgekchrt sind, oder bald zurückkehren werden, davon scheinen die braven französischen Zeitungen nichts zu wissen. Da­gegen erzählen sie täglich furchtbare Geschichten, die sich bei uns zutragen sollen, so z. B. wie die Deutschen die armen Elsässer schinden und plagen, auSpeitschen und aussaugen. Ich bin so ein wenig Liebhaber von Tragödien, muß aber ge­stehen, daß, seit dieverhaßten Preußen" im Lande sind, ich noch keine derartige Schauergeschichten erlebt habe.

Frankreich.

Paris, 23. Juli. Die Nationalversammlung schreitet, nachdem sie einmal in den sauren Apfel dcr B.steuerung der Rohstoffe gebissen, rasch zum Ziele; die ArncndementS auf Milderung der von ihrer Commission vorgeschlagenen Bestim­mungen wurden der Reihe nach verworfen, so heute die zu Gunsten von Wolle und Seide. Dagegen scheint man eben nur so weit auf die Finanzpolitik des Präsidenten der Republik eingehen zu wollen, als es sich um Bewilligung der von Thiers so starr verfochtenen 200 Millionen handelt. Ein Antrag auf Besteuerung der aus dem Auslände eingeführten Pferde mit 50 FrcS. dos Stück wurde ver­worfen, obgleich man geltend machte, daß die einheimische Pferdezucht sich dadurch heben würde. Nicht minder bezeichnend ist der von namhaften Mitgliedern des linken Centrums in den Büreaux auSgcsprochene Wunsch, ThierS möge die ange­kündigten Andeutungen über seine innere Politik erst der Permanenzcommission, welche während der Ferien die Nationalversammlung vertritt, eriheilen. Es ist möglich, daß ThierS diesem Wunsche nachkommen wird, da seine Politik bei der Unbistimmtheit seiner Stellung zu den Parteicn ihre Rechnung findet. Auf ter anderen Seite wird, je unklarer die Situation, die Agitation während der Ferien desto lebhafter werden.

England.

London, 23. Juli. Die auf den Güterexpeditionen der London- and Norv- westeisendahn in Liveipool beschäftigten Arbeiter, mehr als 1000 an ter Zahl, ebenso die Arbeiter auf der Aorkshire- und Lancash^re-Eisenbahn, habrn ihre Ar- beit eingestellt und verlangen, daß ihr Lohn von 24 Sch. die Woche auf 27 Sch. "böht werde. Da die Dircctionen diescm Verlangen nicht nachgeben zu köaueu erklären, steckt der Verkehr tn der so großen und verkehrFeichrn Handelsstadt.

Bei der zweiten Sitzung der britischen Abtheilung de<" Internationale war­ten folgende Resolutionen gefaßt: 1) politische Gleichheit, begründet auf Stimm- be,echtigung aller Erwachsenen mit verhältnißmäßiger Dertretun'g; 2) Jeder soll verpflichtet sein, jedes bcliebige Staatsamt zu bekleiden; 3) Erklärung des Bodens

za Nationaleigenthum; 4) Abschaffung aller erblichen Titel und Vorrechte; 5) Ab- Ichaffung des bisherigen Systems der FriedenSgerichte; 6) Religiös.« Gleichheit und Abschaffung der StaatSkirchen. In Bezug auf die Arbeitsfrage wurde eine Resolution gefaßt, daß der Congreß die Nothwendigkeit der ArbtitSlinstki?ungetr als Waffen gegen die Arbeitgeber zugestehe, gleichzeitig ober als einziges Ziel leder soctalen Reform die gänzliche Abschaffung dcv gegenwärtig bestehendcn Systems betrachte, in welchem nur die Capitalisten produciren und Löhne zahlen, und a« Ltelle dessen gemeinsamer Arbeitszwang cinzuführen sei. Bezüglich der von eng--- llschen und festländischen Blättern verbreiteten Gerüchte von einer bevorstehenden- Spaltung in der Internationale erklärt der Conareß alle derartigen Nachrichten eur durchaus falsch und verpflichtet sich, den Beschlüssen, die auf der Londoner^ Inferenz tm vergangenen Jahre gefaßt worden sind, g treulich nachzuleb n. Die Spaltung in der Internat onale ist dem Dementi des Congr.sses zum Trotz eine Thatsache. Die wesentltchen Sätze, welche in den Resolutionen aufgestellt worden sind, noch widerlegen zu wollen, hi.ße Wasser ins Meer tragen.