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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit 'Aus­nahme Sonntags.

Expedition: Canz lei berg, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsölatt für den Kreis Kielen.

Nr. ISO.

Samstag »en 29. Juni

1872.

Amtlicher

T h e i l.

Gießen, am 25. Juni 1872

Bet reffend: Die Voranschläge der Gemeinden des Kreises Gießen für 1873.

an die Grojjher?oglichen Bürgermeistereien.

Die Stellung der rubricirten Voranschläge in Erinnerung bringend, bestimmen wir zugleich den Einsendungstermin auf den 30. August d. I.

Wir mache» hierbei auf die darüber bestehenden allgemeinen Vorschriften abgedruckt in den 469 bis 498 von Küchlcr's Handbuch auf- merksamLund verweisen außerdem auf unser Ausschieiben vom 25. Juni 1870 in Ansehung des für die Eiunahmeüberschüsse zu beobachtenden Verfahrens.

Im Weiteren ist anzufügen , daß diesmal das Vermögensverzcichniß, Beilage 2 nach § 34 der Voranschlagsinstruction zergliedert aufzustellen ist Und die eingetrctenen Ab- und Zugänge in dem Berathungsprotocoll zum Vermögensstande genau und ausführlich nachzuweisen und zu begründen sind, sowie daß die Kosten des Bezirksbauaufsehcrinstituts fortan getrennt von den sonstigen Kreiskassebeiträgen unter der neu zu bildenden Rubrik 162 vorgesehen werden sollen.

Auch bemerken wir noch, daß bisher vielfältige Verstöße gegen die Bestimmungen des § 9 der bereits allegirten Instruction zu desiderireu waren, indem die vorgeschricbenen Fristen oft nicht eingehalten wurden und der Voranschlagsabschluß somit verfrüht erfolgte.

Sie wollen hierauf Ihr Augenmerk richten und Sorge tragen, daß dergleichen Anstände künftig vermieden werden.

v. Röder.

Politischer

T h e i l.

Deutschland.

Berlin, 26. Juni. DieSpen. Ztg." schreibt:Die Angaben über den Personalstand des Jesuitenordens, wie sie gewöhnlich Vorkommen, und in der Schrift von Dr. v. SchulteDie neueren katholischen Orden und Congregationen" stehen, beruhen auf alteren Angaben, weshalb es erwünscht sein wird, die neuesten zu erfahren. Nach dem Catalogus provinciae austriacae-hungaricae Socictatis Jesu pro 1871 (Wien, Mechiiaristen-Druckerei) zählte der Jesuitenorden 1871 in 22 Provinzen 8809 Mitglieder; obenan steht die Provinz Castilierr mit 744, die zweitgrößte ist Deutschland mit 738, Oesterreich.Ungarn hat nur 451, seit Anfang 1872 aber 456. Innerhalb der deutschen Provinz gibt es nur in Preu- ßen und in Regensburg Jesuiten; außerdem gehört Feldkirch in Vorarlberg zur deutschen Provinz. Zählt man demnach etwa 30 auf Feldkirch, 20 auf Regens, bürg, so bleiben für Preußen allein gegen 700. Es ist zu verwundern, daß die ultramontonen Redner im Reichstage über diese Statistik so schlecht unterrichtet waren."

Berlin, 27. Juni. Im Allgemeinen verlautet über die dem Grafen Arnim nunmehr ertheilten Instructionen, baß dieselben in der That den Grafen zu weit- gehenden, an die äußerste Grenze der Nachgiibigkeit streifenden Concessionen unter gewissen Voraussetzungen ermächtigen. .Europäische Staatsmänner und Missions. chess, d. h. Gesandte, freuen sich der Haltung Deutschlands, dem sie zugethan sind; andere Missionschefs, denen man eine ausnehmende Preußenfrcundlichkeit nicht nachsagen kann, sollen bis zur Verlegenheit überrascht sein, und die mäch. tigen inneren Feinde des jungen Reiches nehmen mit Erstaunen wahr, wie leicht es der deutschen Regierung wirb, ihnen eine gefährliche Waffe nach der anderen aus der Hand zu winden. Die Instructionen für Herrn von Arnim lassen nach der Versicherung Eingeweihter einen raschen günstigen Verlauf der Unterhandlungen vorhersehen, und wenn Thiers nur ein wenig guten Willen zeigt, so wird der für Frankreich so verhängnißvrll gewesene Monat Juli nicht verstreichen, «ohne daß eine Verständigung herbeigeführt ist, welche nach den erbittertsten Feinden Deutschlands, Preußens, des Reichskanzlers bas Geständniß abzwingcn muß, Deutschland strebe durchaus nicht darnach, eine bominircnde Stellung in Europa einzunehmen und verfolge noch vielweniger bas Ziel, Frankreich bis zur Ohnmacht zu schwächen und zu einer Macht zweiten Ranges zurückzubrängen.

Das kaiserliche Generalconsulat zu New-Pork hat dem Reichskanzleramt eine ausführliche Mittheilung darüber zugehen lassen, welche Punkte bei telegraphischen Requisitionen nach den vereinigten Staaten von Nordamerika behufs Verfolgung flüch- tiger Verbrecher zu beachten find. Das Reichskonzleramt hat in Folge dessen den Bundesstaaten von diesem Berichte mit dem Ersuchen Kenntniß gegeben, die sämmtlichen Gerichtsbehörden demgemäß zu instrutren und sie anzuweisen, bei tele­graphischen Requisitionen genau nach den in dem Consulatsberichte ausgestellten Punkten verfahren, da die Nichtberücksichtigung derselben Weiterungen und er­hebliche Kosten veranlassen würde.

Berlin, 27. Juni. Seitens des Bischofs Erementz ist neuerdings ein fernerer Schritt geschehe?, um noch nachdrücklicher seine Versöhnlichkeit zu bekunden. So­mit erklärt sich auch das langsamere Vorgehen ter Regierung in dieser Angelegen- heil, welche insofern einen Fortgang genommen hat, al- jetzt vom Cultusministcr schriftliche Vorschläge dem Staatsministerium unterbreitet worden sind. Die ent­scheidende Sitzung des letzteren, an welcher auch der gegenwärtig in Bremen weilende Finanzminster Theil nehmen wird, dürfte noch im Laufe dieser Woche statifinden. Mit Rücksicht darauf und namentlich auf den oben gedachten neuesten Schritt des Bischofs ist auch die Reise des Geheimen Oberregierungsrath-Wagener nach Varzin, wahrscheinlich bis noch dem Ministerrathe, verschoben worden.

Berlin, 28. Juni. Dem gestrigen Vortrag von Schulze-Delitzsch über die Berliner Wohnungsfrage wohnten über 2000 Personen bei. Die Versammlung

beschloß gegen 5 Stimmen die Annahme einer Resolution, welche lautet: Es sei im Anschluß an die Vorschläge von Schulze-Delitzsch der Vorstand der Berliner OrtSvereine mit dem Vorgehen zur Gründung bon Baugenossenschaften zu beaus- tragen und demselben das Recht zur Eooptation von Fachmännern zuzugestehcn.

München, 25. Juni. Die vom Erzbischof von München am 16. Juni in den sämmtlichen hiesigen Kirchen vorgenommene PeterSpfennigsammlung für den Papst hat etwa 1400 st. ergeben ein dürftiges Resultat. Wenn man die Katholiken Münchens auf 140,000 Köpfe annimmt, so trifft auf 100 Katholiken ein ganzer Gulden, oder auf je einen Katholiken 2 Pfennige.

Stuttgart, 28. Juni. Die in Eßlingen gehaltene Wanderversammlung ver evangelischen Geistlichen Württembergs aller theologischen Richtungen beschloß, daß die Kirche die obligatorische Civilehe nicht provociren, aber, sofern dieselbe un­ausbleiblich fei, die Gemüther versöhnend darauf vorbereiten solle.

Straßburg, 26. Juni. Bekanntlich ließ am 11. Juni ein französischer Eabinetscourier auf seiner Durchreise nach Wien am hiesigen Bahnhöfe zu einem Angriff gegen ehemalige französische Soldaten und zu thätlichem Widerstande gegen eine Patrouille verleiten, was seine Verhaftung zur Folge hatte. Es wurde ihm damals, auf Verwendung der französischen Mitglieder der Liquidationscowmission, die Fortsetzung der Reise nach Wien gestattet unter der Bedingung, daß er sich an einem bestimmten Tage hier wieder stellen werde. Er hat dies in der That, wie dieStraßb- Z." meldet, vor einigen Tagen gethan; gestern wurde gericht­lich gegen ihn verhandelt. Er erhielt eine Gesängnißstrafe von acht Tagen.

Oesterreich.

Wien. Das Neue Wiener Tagblatt, das längst schon von der Bulle er­zählte, die der Papst in Rom erlassen hat, um das Conclave noch in Gegenwart der Leiche (praesente cadavere) anzubcfehlen, berichtet heute:

Bisher vollzog sich die Papstwahl dergestalt, daß die Cardinäle sich erst nach Beerdigung des Papstes im Conclave versammelten, daß in der Regel im Vatikan Statt findet, aber auch zu Zeiten in den luftigeren Räumen des Quirl- nals sich versammelt hat. Das Letztere ist gegenwärtig freilich unmöglich, da der König von Italien die Gastfreundschaft kaum so weit treiben dürfte, den Emi­nenzen in seinem Palaste Quartier anzubietcn. Die drei Tage, die zwischen dem Tode des Papstes und seiner Beerdigung streichen, gewähren den fremden Cardi- nälen Zeit, sich auf die Reise nach Rom zu begeben. Die Erzbischöfe von Wien, Salzburg, Lyon u. A. m., die alle Cardinäle sind, brauchen nicht einmal solange, um nach Rom zu kommen. Nun besteht allerdings die Vorschrift, daß das sonst gegen die Außenwelt unerbittlich verschlossene Conclave seine Pforten auch den nachträglich ankommenden fremden Cardinälen öffnen muß, von denen manche, wie z. B. der katholische Primas von Irland, durch enorme Distanzen von verewigen Stadt getrennt find. Aber die in Rom weilenden Cardinäle haben es immer in ver Hand, dadurch, daß fle sich rasch einigen, ihren auswärtigen Brüdern einen Strich durch die Rechnung zu machen und einen Papst zu wählen, bevor diese selbst, wenn sie mit der größten Beschleunigung reifen, in Rom ankommen können. PiuS IX. ist selbst auf solche Weise gewählt worden, wenigstens wird versichert, daß ein österreichischer Cardinal, der das österreichische Veto gegen den Cardinal Mastai Ferretti in seinem Portefeuille hatte, sich auf der Reise verspätete und in Rom anlangte, als ein Cardtnal-Diakon just vom Balkon des Vatikans urbi et orbi verkündete: Annuncio vobis gaudium magnum, habemus Papam .... qui sibis imposuit nomen Pii IX.! Das mag freilich eine unangenehme Ueber- rafchung gewesen sein! Die allerncueste Bulle des Papstes hat ja ganz offenbar den Zweck, das, was wir von der Wahl Pius' IX. erzählten, für die Zukunft wahr zu machen. Gesetzmäßig soll es 70 Cardinäle geben, gegenwärtig find aber nicht weniger al« 22 CardinalShüte ohne Träger. Von den restirenden 48 Cardinälen müssen die sechs Cardinalbischöfe und die sechs Cardinalpriester vor-