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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme SonntagS.

Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kietzen.

Nr. 233. Montag den 28. Oktober 1872.

STRoft-offitttAott /tttf Sott fSltofiptlor 9ftt2oinor werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch bei allen Post- ^efreuungen aus oen Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.

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Amtlicher Theiß»

General - Versammlung

des Vereins zur Unterstützung von Invaliden und von Hinterbliebenen gefallener hessischer Soldaten vom Feldzug des Jahres 1866.

Die Mitglieder und Freunde des vorgenannten Vereins werden hiermit zur Theilnahme an der

Mittwoch den 30. October d. I., Nachmittags 4 Uhr,

in dem unteren Saale des hiesigen Rathhauses stattfindenden ordentlichen General-Versammlung für das Jahr 1872 ergebenst eingeladen.

Den Gegenstand der Tagesordnung bilden:

1) Die Entgegennahme des Rechenschafts-Berichts des Vorstandes über die Geschäftsführung im Jahr 1871;

2) die Vorlage der von dem Verwaltungsrath geprüften und abgeschlosienen Vereins-Rechnung für das Jahr 1871;

3) die Beschlußfassung über Anträge, welche von Seiten einzelner Mitglieder (§ 11 des Statuts) an die General-Versammlung gerichtet werden.

Darmstadt, den 11. October 1872. Der Vorstand des Vereins.

Der Vorsitzende: Der Schriftführer:

Hahn. Dr. E. Iaup.

Die Lage der Dinge in Frankreich.

Herr Thiers scheint das Schaukelsystem, mittelst dessen er bisher die Parteien tm Zaume hielt, auch noch durch Einmischung internationaler Beziehungen unter­stützen zu wollen.

Wir haben gesehen, wie er, durch die Seebäder gestärkt, sich zutraute, mit der Majorität der National-Versammlung fertig werden zu können, indem er dem Drängen der Radikalen nach Auflösung jener nachzugcben schien und wie er, erschreckt durch die Rede von Grenoble, rasch wieder seinen Frieden mit der Rechten machte, aber doch nicht, ohne den Radicalen neue Bürgschaften wegen Erhaltung der Republik zu geben.

Wir haben aber auch gesehen, wie er sich die Acußerungen eines russischen Staatsmannes zu Nutze macht, um ein LeumundSzeugniß für feinekonservative Republik" zu gewinnen; während er zugleich die Revanchepolitik die Hand reichte, indem seine bevorzugten Organe mit den radicalen wetteiferten, um auS der Optionsbewegung in gehässigster Weise Kapital zu schlagen.

Es fragt sich invrß, ob ein solches System auf die Dauer haltbar ist und jedenfalls zeigen die Thatsachen, daß es nicht verfolgt werden kann, ohne imme. neue Schwierigkeiten herbeizuführen.

Gewiß ist es Herrn Thiers unmöglich, die Revanche-Politik, in welcher nun einmal der französische Patriotismus seine Befriedigung sucht, offen und mit Energie entgegen zu treten, selbst abgesehen davon, ob er nicht innerlich mit ihr einverstanden ist. Als Regent Frankreichs kann er sich dem nationalen Pathos nicht entziehen und die deutsche Politik ist gewiß zu einsichtig und selbstbewußt, um dem Präsidenten der französischen Republik nicht mit Rcclamationen zur Last zu fallen, sondern geneigt, den Bedürfnissen seiner inneren Politik Rechnung zu tragen. Gewiß aber kann sie um der schönen Augen des Herrn Thiers willen nicht zugeben, daß unter der Revanchepolitik und den wüsten Expektorationen die deutsche OccupationSarmee leide. In der That aber scheinen die Hetzereien und die schamlosen Verleumdungen der Pariser Presse in den noch occupirten Departe­ments Verhältnisse ganz unerträglicher Natur herbeigeführt zu haben; dies beweist der von dem Maire von Nancy in einem Schreiben an den Grafen St. Ballier niedergelegte Protest gegen die Ausschreitungen der Presse, welche er der lieber- treibung oder gradezu der Lüge zeiht.

Offenbar sind dieseweisen und patriotischen" Kundgebungen des Herrn Bernard bestellt und die vertrauten Organe Thiers beeilen sich, dieselben der Oeffentlichkeit zu übergeben und ihnen noch einigefromme Wünsche" mit auf den Weg zu geben.

Aber ist Herr ThierS bereits so weit gebracht, sich auffromme Wünsche" beschränken zu müssen, wenn es gilt, den Beziehungen zu Deutschland einen muth- willig oder boshafter Weise eingedrückt'» Stachel zu benehmen, während er sich sagen muß, daß die deutschen OccupationStruppen indirekt der Ruhe Frankreichs von unermeßlichem Nutzen sind? Wagt er es nicht mehr, von den Hülfsmitteln, welche ihm der Belagerungszustand an die Hand giebt, Gebrauch zu machen, nm der staatsgefährltchen Preffe Zügel anzulegen, oder ist er gutmüthig genug, daß die verständige und patriotische Einsprache des MairS von Nancy auSreichen werde, um die Leidenschaften wieder zur Vernunft zu bringen?

Wir fürchten sehr, daß Herr ThierS fick mit einer solchen Voraussetzung täuschen wird und daß er bald genug in die Lage kommen wird, entweder mit aller Energie seine Wahl treffen zu müssen,'oder gewärtig zu sein, aus dem Sattel gehoben zu werden.

Offenbar fängt das bisherige System an, seine Dienste zu versagen und der Ausfall der jüngsten Wahlen sollte ihn darauf aufmerksam machen.

Seit der Herstellung des Friedens haben die französischen Wahlen unaus­gesetzt die Tendenz nach dem Radikalismus gezeigt, und obwohl sich Herr. Thier- herzlich darüber freuen mag, daß bei den jüngsten Nachwahlen seine entschiedensten Feinde, die Bonapartisten, unterlegen, so fiel doch der Sieg den radicalen Candidaten zu.

Die Tendenz der französischen Wahlen mag unsinnig sein, umsomehr, al- die Rede von Grenoble gezeigt hat, wie unduldsam der Radikalismus ist und wieviel Schlimmeres er einer großen Gesellschaftsklasse vorbereitet; aber erklärlich wird sie zum großen Theil aus dem Schaukelsystem des Herrn ThierS, welcher durch abwechselnde Ermuthigung bald der einen, bald der andern Partei beide zu einer Steigerung ihrer Aspirationen verführt, bis die entschlossenste das Schicksal thatsächlich herausfordert.

Im Augenblicke sind die Dinge nicht so weit gediehen; aber sie gehen täglich einen Schritt weiter und muffen sehr bald zur Katastrophe führen, wenn Herr Thiers nicht wenigstens zu einem bestimmten Entschluß bezüglich der con- stitutionellen Frage gelangt, vorausgesetzt, daß er noch die Macht in Händen hat oder in Händen behält, seinen Entschluß durchführen zu können.

Es ist anzunehm n, daß in der National-Versammlung sich eine Combination der verschiedenen Gruppen vollzogen hat, welche eine Constituirung Frankreich« im Sinne des Herrn Thiers günstig ist, d. h. welche cine Consolidirung der sogenannten konservativen Republik will. Die letzten Wahlen aber haben wiederum bewiesen, daß der Radicalismus an Anhängern gewinnt und daß, wenn man daran dächte, eine Constituante auf Grund neuer Wahlen einzuberufen, kein schützen­der Damm mehr vorhanden fein wird, um daß Hereinbrechen der Fluth zu hindern, deren verheerender Gang nicht zu berechnen ist.

Herr ThierS wird zu bedenken haben, daß die kleinen Künste des Parla­mentarismus, deren er sich bisher mit ebenso viel Geschicklichkeit als Glück bedient hat, in einem elementaren Kampfe versagen; er wird daher das Aeußerste thun müssen, um dessen Ausbruch zu hindern und er verkennt die Hülfsmittel, reren er sich mit Erfolg bedienen könnte, wenn er mit mehr Schlauheit als staatsmännischer Einsicht der Preffe die Zügel schießen laßt, um seine Stellung der deutschen Politik gegenüber zu compromitiiren.

Deutschland.

Darmstadt, 24. October. Die zweite Kammer beendigte in ihrer heutigen Sitzung dte Vorlage in Betreff der Gehalte der VolkSschullehrer. Zunächst handelte e- sich um die Gehalte der Vicare, die nach Beschluß der Kammer drei Viertel des Gehalts der betreffenden Stelle, mindestens aber 400 fl. betragen sollen, nachdem ein von Curtmann gestellter Antrag, den Vicaren, welche Stellen länger als fünf Jahre verwalten, von fünf zu fünf Jahren Alterszulagen von 50 fl. bis zum Betrag von 100 fl. zu gewähren, gefallen war. Die angestellten Lehrerinnen wurden den Vicaren ebenfalls gleichgestellt, obwohl Dernburg die« für unbillig erachtete und sie den angestellten Lehrern nicht nachgestellt haben wollte. Darüber, ob die zu gewährenden AlterSzulagen vom Staat ober der betreffenden Gemeinde zu tragen seien, entspann sich eine längere Debatte, in welcher für den Antrag der Mehrheit des Ausschusses, Uebernahme auf die StaatScasse, die Abgg. Kritzler, Golvmann, Becker, K. I. Hoffmann, Metz, Schäfer und Keil (Fürth) eintraten und geltend machten, daß sie die Gemeinden nicht unter dem zufälligen