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Deutschland.
Darmstadt, 20. Febr. Die heutige Sitzung der zweiten Kammer wurde mit der Verlesung neuer Eingaben und Berichterstattungen der einzelnen Ausschüsse eröffnet Unter ersteren ist eine solche üb?r Abschaffung der Weinsteuer und eine vom Adg. Finck, die Erhöhung der Schullehrergehalte betr. Antragsteller schildert den Mangel an Volksschullehrern, der jetzt schon fühlbar, und setzt die Folgen eines solchen Mangels auseinander. Diesem könne nur vorgebeugt werden, wenn ma r die Lehrer stelle, wie es ihnen zukomme. Die Lage dieser doch so durchaus nothwendigen Claffe sei eine so bedauerliche, daß sich nur noch selten junge Leute entschließen könnten, sich dem Lehrerstande zu widmen. Ja sogar diejenigen älteren Lehrer, welche seither junge Leute für die Seminarien vorbereitet hätten, thäten das nicht mehr, denn sie wollten an dem Unglücke derselben keinen Antheck haben. Durch diesen letzten Umstand sei es durchaus nöthig geworden, entweder eine Prä- paranden-Anftalt zu errichten oder gute Lehrer durch Prämien zu ermuntern, junge Leute zum Seminar vorzubereiten, um die nöthige Anzahl Volksfchullehrer zu erhalten und dem Lande die Verlegenheit zu ersparen, seine Schulen schließen zu müssen, weil keine Lehrer vorhanden seien. Er ersuche deshalb die Regterung, recht rasch etwas zu thun, um diesem Uebelstanve zu steuern. Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildet die Vorlage des Ministeriums der Finanzen, die Herstellung von Bureaulocalitäten in dem Stationsgebäude der Main-Neckar- Bahn zu Darmstadt, hier die Erbauung eines Gebäudes für Beamtenwohnungen betr. Der Ausschuß beantragt die Genehmigung der Regierungsvorlage. E- soll hierfür ein Betrag von 21,800 fl. aus den Mitteln der Eisenbahn-Schulden- tilgungScaffe entnommen und demnächst dem hessischen Baucapital zugeschrieben werden. Die Kammer nahm diesen Antrag ohne Debatte einstimalig an. Von Seiten der Regierung war den Ständen ein Gesetzentwurf vorgelegt worden, betr. die Abänderung des Art. 6 des Gesetzes vom 6. Sept. 1856 wegen Zusammensetzung der beiden Kammern der Stände und der Wahlen der Abgeordneten. Diese Vorlage war durch die Mandatsniederlegung des Abgeordneten der Stadt Gießen, Aug. Heß, hervorgerufen worden; Heß erklärte jedoch später, er habe sich wieder entschlossen durch Zureden seiner Wahlmänner, als Abgeordneter weiter zu fun- giren. Berichterstatter Adg. Zentgraf glaubt, im Falle die Wiederaufnahme des Mandats von Seiten des Adg. Heß von der Kammer angenommen würde, es am Besten sein würde, die Berathung über diese Vorlage zu vertagen, da die Regierung zugesichert, daß den Ständen über ein neues Wahlgesetz Vorlage gemacht werden solle, und alsdann würden derartige Anstände auch beseitigt werden. Die Kammer erklärt sich einstimmig für die Fortdauer des Mandats und für Vertagung der Gesetzesvorlage. Die definitiven Nachweisungen über die Einnahmen und Ausgaben der StaatSschuldentilgungS - Caffe für die Provinziolstraßen und Neubauten der Provinzen Oberhessen, Starkenburg und Rheinhessen in den Finanz- prrioden 1857/59, 1860/62 und 1863/65 werden als richtig anerkannt. Bet der Berathung über den Antrag der Abgg. Goldmanü und Finck, die Rückerstattung der von den KreiScassen in Sübheffen den Familien der zum Dienste einberufenen Reserve- und Lunowehrmannschasten gewährten Unterstützungen betreffend, erklärt RegicrungS-Commiffär v. Lehmann, die Kreisämter seien aufgefordert, über den fraglichen Gegenstand zu berichten. Bei der Größe und Schwierigkeit des zu bewältigenden Gegenstandes seien alle Berichte noch nicht eingelaufen, die Regierung würde jedoch nach Ankunft der Berichte brr Kammer die betreffende Vortage machen. Den letzten Gegenstand bilden Beschwerden von Bad Nauheim und Treis a. d. L., die Ausführung des Friedens - Vertrags vom 3. bis 12. Sept. 1866, insbesondere die fernere Verpflegung der Geisteskranken in den an das Großherzogthum Hessen abgetretenen Gebütstheilen betreffend. Der Ausschuß beantragt , der Beschwerde keine Folge zu geben. Abgg. Kraft und Curtmann glauben, daß man hier Gnade für Recht müsse ergehen lassen, und stellen den Antrag, die Kammer solle die Regierung ermächtigen, dieselbe möge die beiden Gemeinden für die betreffenden Irren nicht mehr bezahlen lassen, als sie zu zahlen schuldig gewesen, wenn die Kranken sofort nach dem Uebergang des Gebiets an das Großherzogthum Hessen nach Hofheim gekommen und dort verpflegt worden wären, und möge die Regierung die hiernach zu viel bezahlten Gelder zurückerstatten. Dieser Antrag sowohl, als auch der Ausschußantrag wurden angenommen , da ein rechtlicher Grund den Gesuchen Folge zu geben, nicht vorhanden sei.
Berlin, 19. Febr. In Emden haben angesehene Männer am vergangenen Freitag, wie wir der Ostfriesischen Zeitung entnehmen, ihre Mitbürger zu einer Bürgerversammlung im Belvedere eingeladen, um durch eine öffentliche Erklärung den unheilvollen Einflüssen entgegenzutreten, die auch in der Provinz Hannover so thätig sind, daS Zustandekommen des neuen Schulaufsichts-Gesetzes zu verhindern. In dem Aufruf heißt es weiter: „Zeigen wir, daß wir gewillt sind, die nationale deutsche Politik Bismarcks auch auf geistigem Gebiete zu unterstützen, daß die Agitation in der Provinz Hannover gegen bas Gesetz nicht im Volke wurzelt, baß bie EentrumSpartei Winbthorst - Mallinckrodt in ihr keine Stütze findet!"
Berlin, 21. Febr. Die „Prov.-Corr." schließt einen Artikel über den Sieg des nationalen Rechts in Süddeutschland: Die süddeutschen Staatsmänner halten sich durch ihre loyale Erklärung in vollem Einklänge mit dem Geist der abge- schloffenen Verträge, wie mit den Vorschriften der Reichsverfassung, und beweisen, daß sie die Kraft und bas Recht der nationalen Bewegung achten; sie zeigen ein richtiges Verstänvniß dafür, daß die Einzelstaaten für ihre berechtigten Ansprüche unv gesunde Entwicklung keine bessere Bürgschaft finden, als die innige Lebensgemeinschaft mit dem deutschen Volke. — Bezüglich des Schulaussichtsgesetzes schreibt dasselbe Blatt: Das Herrenhaus wird sich der Erwägung nicht entziehen können, daß es sich um ein Gesetz handle, welches die verfassungsmäßigen Beziehungen des Schulwesens zur Kirche ausdrücklich bestätigt unv welches von der Regierung für unerläßlich erachtet wird, um durch eine nachdrückliche Handhabung der ihr zustehenden Befugnisse staatsgefährliche und deutschfeindliche Bestrebungen nieder- zuhalten.
Berlin, 22. Febr. Die Morgenblätter enthalten die von amtlicher Seite ihnen zugegangene Mittheilung, daß gestern Vormittag ein ehemaliger Apotheker aus Posen verhaftet worden ist, welcher im dringendsten Verdacht steht, ein Attentat gegen den Reichskanzler beabsichtigt zu haben. Der Verhaftete ist Pole und fanatischer Katholik, diente längere Zeit bei den päpstlichen Zuaven, verweilte in de» letzten Monaten bei einem Posener Domherrn und traf hier Sonnabend ein, nachdem er in Posen bie Drohung geäußert, baß in Berlin bald Alles anders werben würde. Derselbe wurde in seiner hiesigen Wohnung bei dem Küster der
durchschauen lassen; daß die Atmosphäre von dem unsichtbaren Terrorismus derer erfüllt ist, die hier ihre Heimath unb Allmacht haben. Man kam mit der vollen freudigen Thatkraft an, und nun erst enthüllt sich die passive Rolle, zu der die Meisten verurtheilt sind; man kam mit offener ehrlicher Zuversicht, und nun erst gewahrt man, daß List und Gewalt die Herrschaft üben. Der Verfasser beklagt sich nicht, er führt diese Eindrücke nicht weiter aus, aber zwischen den Zeilen lesen wir doch sein innerstes Gefühl. Und wer verstünde nicht dieses Gefühl vollkommen, wenn wir uns so plötzlich mitten in der Fremde gewahren: man könnte es Heimweh nennen, hätte bas Wort nicht einen so weichen Klang.
In Vieser Stimmung tauschte Friedrich die ersten Besuche aus, beim Car- dinal Hohenlohe, bei den bayerischen Kirchenfürsten und auch bei mehreren fremden Prälaten. Ueberall derselbe Eindruck und dieselbe Beklommenheit, überall die gleichen Fragen, auf welche Niemand eine Antwort hatte. Bis jetzt waren Methodus und Ordo die einzigen Aktenstücke, die über das Concil erschienen waren, und wer sie mit der Praxis und Geschichte früherer Concilien verglich, mußte sich sofort sagen — daß für die Möglichkeit eines Gewaltstreichs vortrefflich gesorgt war. Eine bange Verstimmung gewann die Oberhand unter jenen Bischöfen, die mit innerem Ernst an eine große weltgeschichtliche Aufgabe heran getreten waren.
Unter dem Kanonendonner der Engelsburg fand am 8. December bie feier- liche Eröffnung statt; am 10. war bie erste Generalcongregation gehalten. Die Eindrücke, die sie hervorrief, waren wenig glückverheißend, denn die realen Macht- Verhältnisse traten sofort mit brutaler Deutlichkeit zu Tage. Wie ein gedungenes Söldnerheer stand die Mehrheit in geschloffener Reihe, und verwirklichte die Ge- schäftsordnung in einer Weise, daß an eine freie ehrliche Berathung nicht mehr zu denken war. Aus sämmtlichen Commissionen sah sich die Minderheit geradezu hinausgedrängt, die Glieder derselben waren noch ohne jede Organisirung, und dazu jene Aula, die selbst das Wort derjenigen unverständlich machte, deren Geist man nicht verstehen wollte. Ein Protest gegen bie GcschäftSorbnung, der von Stroßmayer und 14 Franzosen unterzeichnet war, blieb ohne jede Beachtung, Vie Dinge kamen rasch in das erwartete Geleise. Mit Entsetzen frug man sich, bu:ch wessen Inspirationen solche bedenkliche Maßregeln zur Ausfindung der Wahrheit statuirt worden waren — aber die Jesuiten waren mit der Antwort schnell zur Hand, und priesen laut die Inspiration des heiligen Geistes.
Ein Gutes hatte indessen diese rücksichtslose Taktik doch, indem sie bie Min- berheit zur raschen Organisirung zwang. Vom 7.—25. December versammelten sich die deutschen Bischöfe der Opposition bei Msgr. Nardi, bis mit einemmal ein Wink aus dem Vatikan dazwischen trat und in jäher Weise jene Zusammenkünfte schloß. Man verfuhr dabet höchst summarisch. Nardi hatte kaum mehr Zeit, den Bischöfen abzuschreiben, und der Bediente Schwarzenbergs blieb vor dem Thore stehen, um die Einzelnen, die kamen, wieder nach Hause zu schicken.
Allmählich war auch das erste Schema de fide bekannt geworden, das von den Jesuiten Schrader und Franzelin gefertigt war, unb die scholastische Manier der Schule aufs breiteste zur Schau trug. Wer nur halbwegs auf Bildung Anspruch hatte, lehnte sich offen gegen die Mängel jenes Machwerks auf; ja Cardinal Rauscher soll erklärt haben: er würde es zwar in seinem Seminar haben lesen lasstn, wenn es die Arbeit eines Seminaristen wäre, aber es einem Concil zu proponiren, das sei denn doch zu stark. Diese Stimmung trat auch in Der Sitzung vom 28. December sehr unverhohlen zu Tage. Von 14 angemelbeten Rednern kamen 7 zum Worte, ohne daß nur ein einziger zu Gunsten der Vorlage sprach, obwohl fünf Italiener unter ihnen waren. Mit vorgestrecktem Kopf lauschten bie Legaten, denen die Leitung der Verhandlungen übergeben war, Cardinal Bilio war wüthend, denn ihn, den Vorstand der dogmatischen Commission, betraf ja die Niederlage.
Natürlich ward das Ergebw'ß dieser Sitzung allenthalben als ein Ereigniß ersten Rangs betrachtet, man wiederholte sich jeden Satz, man beglückwünschte sich voll Hoffen; die Situation schien mit eincmmal verändert. Es war ein kurzer Lichtblick; bald verdunkelte sich die Lage aufs neue, und die Zukunft erwies, daß dieses Dunkel undurchdringlich war. „Ich möchte auf diesen ersten Erfolg nicht gar viel bauen", schrieb Friedrich in sein Tagebuch. Trotzdem hatten sich die Verhältnisse wenigstens äußerlich gelichtet und festere Form gewonnen; die Majorität warb durch die Erbitterung noch unbeugsamer verbunden, und trat mit ihren Planen deutlicher hervor, aber auch die Opposition, die etwa au- 120 bis 130 Bischöfen bestand, rückte enger zusammen, und concentrirte das „bange Gefühl", das sie anfangs geleitet hatte, auf ganz bestimmte Beschwerden. Dann kamen die Zeitungen aus Deutschland und die eigenen Schriften einzelner „Väter", man faßte die „Freiheit" des Concils und die „schmähliche Behandlung", die man dort erfuhr, energischer ins Auge, nicht minder die Gefahren einer drohenden Acclamation. Es mußte sich endlich feststellen, ob die weltlichen Mächte auf jede Vertretung in ihren eigensten Lebensfragen verzichten wollten, deren sich das Concil bemächtigt hatte. Wenn man in den ersten Wochen noch auf einen modus vivendi unter den beiden Parteien hoffen durfte, so war jetzt jede Illusion dieser Art zerstört. Die Majorität war keine Partei, sondern es war eine Verschwörung, die von den ersten Intriganten der Welt geleitet ward unb vor keiner Gewaltthat zurückschreckke. Jener infernale Hochmuth, der daS sacrificum intellectus so gern begleitet, gewann schnell die Oberhand in den Verhandlungen, und wessen ehrlicher Sinn sich noch dagegen sträubte, für den hatten bie Jesuiten Mittel, um ihn mürbe zu machen. Die Lage ward unerträglich. Obwohl ja ein Concil berufen wirb, um die christliche Wahrheit zu finden und festzustellen, so widerstrebte man doch allem mit cynischer Gewalt, was diese Wahrheit etwa hätte entschleiern können; man that es nicht heimlich, sondern offen, unter den Augen aller Mächte, und den Kirchenfürsten, die man berufen hatte, in« Angesicht. Schon oben wurde erwähnt, daß die Minorität aus allen Commissionen verdrängt war, ihre Proteste blieben ohne Antwort, ihre Redner wurden unterbrochen und förmlich von der Tribüne herabgeworfen, seit man in der Sitzung vom 28. December den Eindruck gewahrt hatte, welchen ihr Wort gemacht. Osficiell war jede Versammlung der liberalen Bischöfe verboten, aus den Archiven und der Bibliothek des Vatikans durfte nicht ein einziges Buch, nicht eine Urkunde mitgetheilt werden, die auf Concilien Den mindesten Bezug hatte, und keine Schrift, welche die Gründe gegen die Unfehlbarkeit berührte, erhielt das Imprimatur Der Curie. Das waren Die Wege, um Die reine unverfälschte Wahrheit zu ermitteln.
(Fortsetzung folgt.)
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