knüpfen an diese Aeußerungen bereits weitgehende Hoffnungen; sie wollen daraus erkennen, daß eine Unruhe über die katholische Kirche gekommen ist, welche aus einem tiefen Gegensatz von Anschauungen entsprungen und schließlich zu sehr auS- einandergebenden Bestrebungen führen muß. Dieser Zwiespalt soll nach den neue- sten Berichten aus Rom sogar bis in d.n Vatikan gedrungen und von dem heil. Vater nur mit äußerster Mühe beschwichtigt worden sein. Diese Hoffnungen scheinen etwas verfrüht zu sein; erfreulich bleibt eS immerhin, baß endlich im katholischen Lager selbst Stimmen laut zu werden anfangen, welche zur Einlenkung in friedlichere Wege mahnen, einem nachgebenden Verhalten Roms das Wort reden und in einer Fortsetzung des begonnenen Kampfes große Gefahren für die römische Kirche voravSsehcn. Daß die Jesuitenorgane über diesen „Verraty" in ihrer Mitte schreien würden, war zu erwarten, um so größere Anerkennung ver- dient es, baß bas genannte Breslauer katholische Blatt sich nicht beirren läßt und muthig, wie es begonnen hat, fortfährt, bie erwachten Bestrebungen bes besser gesinnten TheilcS unter den Katholiken Deutschlands zum Ausdruck ju bringen.
PariS, 17. Juli. Der Papst spricht in seiner jüngsten Aüocution von einer „sogenannten Regierung in Paris." Das Univers batte diese Stelle in seiner Mtttheilung über diese Kundgebung des Papstes unterdrückt, das S.eclr und die Agence HavaS theilen heute bie betreffende Stelle wörtlich mit, und ersteres fragt verwundert, wie Pius IX. wohl bazu komme, eine durch bas allgemeine Stimmrecht errichtete und von allen Mächten anerkannte Regierung nur als eine „sogenannte" zu behandeln. Freilich habe diese Regierung Frankreich nicht in die abenteuerliche Politik stürzen wollen, statt ihres Landes Wunden zu heilen, für den Kirchenstaat das Schwert zu ziehen. „Werden", so fügt das Siecle hinzu, „die Völker endlich einsehen, daß die römische Curie sie stets nur als Packesel betrachtet hat und baß sie ihre Schmeicheleien oder ihre Peitschenhiebe je nach der Willigkeit vertheile, die sie ihr bezeigen? Zum Glück sind bie Zeiten vorbei, wo Rom in seiner Allmacht Könige ein- und absctzte nach Belieben und wo es bie Unterthanen vom Eibe der Treue entband. Die Gendarmen unserer Tage kennen nur bie Befehle ihrer gesetzlichen Regierung, unb der heilige Vater mag sagen so viel er will, baß die Regierung bes Herrn Thiers nur eine „sogenannte Regierung" sei; bie Regierung selbst wirb dadurch kein Haar schlechter!" Das Univers hat riese Bemerkungen des Siöcle sogleich aufglgriffem um zu erklären, baß auch jetzt noch die Regierungen nicht ungestraft den Fluch des Papstes hervorricfen; im vorliegenden Falle aber habe der Papst sagen wollen, daß die Regierung des Herrn Thiers des Namens einer Regierung nicht würdig sei, weil sie Angriffe auf das Piincip dulde, auf dem jede Regierung beruhe; Regierungen, „welche die Attentate Victor Emanuel's in Rom duldeten, feien keine Regierungen mehr", sie sollten aber, statt gegen die Worte des Papstes Einrede zu erheben, Nachdenken und einfehen, baß diejenigen ihre wahren Freunde seien, welche ihnen sagten, baß sie, indem sie so handelten, nur noch sogenannte Regierungen seien. Wie man sieht, haben Thiers und Jules Simon mit allen Rücksichten gegen die Ultramontanen und mit ihrer Aufopferung der Landes- intereffcn dem EpiScopate gegenüber nichts erlangt als Spott und Hobn. Jene gefährlichste aller Wühlereien, weiche den Boden der Regierung untcrminirt, indem sie die Gewissen gegen bie Regierung aufhetzt, geht stolz ihren Gang und täglich wird im Univers, in der Union u. s. w. bie Auflehnung gegen die weltliche Obrigkeit als gutes Werk gepredigt.
Berlin, 18. Juli. Durch Reichsgesetze vom 8. Juli sind in Elsaß-Lothringen das Milttarstrafgefetzbuch und das Jesuitengesetz nebst der bundeSräthlichen Bekanntmachung eingesührt worden.
Hannover, 17. Juli. Wiener Blätter enthalten folgende, von den deutschen Officiösen stillschweigend verläugnete Mtttheilung: „Bei dem gestern Abend statt- gefundenen Festbankette der unisormirten Schützen trank der Bundesvorstand Wiener guf das Wodl der Festgeber, erklärend, die schmählichen, von Leipzig ausgehenden Dceleumvungcn könnten das Fest nicht stören: alle Schützen feien einig in der Anerkennung der korrekt deutschen Haltung der Oestcrreicher, die gerade m den schwersten Tagen trotz erfahrener Unbill bie Liebe zum Reiche bewahrten. (All- eilige Zustimmung.) Fischer (Particularist) trank auf Schwarz- Roth - Gold, dessen Erscheinen leider noch immer Unglück bedeutet habe. Auf 1848 folgte die Reaktion, aus 1862, wo auf dem Schützenfeste zu Frankfurt Die ichwarz-ioth- goldenen Farven wieder erschienen, folgte der Brudermord gegen Oesterreich, auf die iroden schwarz-roth-.tz0ldenen Tage von 1868 in Wien folgte der franzosis-bc Krieg, wo in Versailles das größte Unglück Deutschlands, die Ausschließung der Oesterreicher, besiegelt wurde. Jetzt wehe wieder Schwarz-Roth-Gold, und leider könne er die Festesfreude nicht theilen; unfertig sei der neue Staat und auf zwei, höchstens vier Augen g. stellt. (Beifall und Unterbrechung.) Er habe keine An- erkenuung für das Bismarckthum. (Stürmische Unterbrechung und Beifall.) Man habe Oesterreich h.nabgestoßen, jetzt bemühe man sich freiwillig, das gehe nicht leicht, und wieder zwingen durch Eisen und Blut, davor bewahre uns Gott. Dennoch trinke er auf die heiligen Farben, indem er auf das ersehnte, 'n Freiheit aftarfu einige Reich hoffe- Die Rede tief heftige Debatten und große Auf. regung hervor." (Dem Manne müßte Eis auf den Kopf gelegt werden. D. R.)
Kaiserslautern, 18. Juli. Der Erzbischof von Utrecht hat gestern 35 alt- kathotischc fimeer gefirmt unO eine Trauung vollzog'«. Heute Nachmittag 3 /, Uhr erfolgte die Abreise nach Zweibrücken, wo morgen alikatholischer ®otte«Cienft und Firmung stattfindct.
Belgien.
Rriiffel 20. Juli. Der Strike in Borinage wird als beendigt angesehen. — In Namur hat die permanente Deputation die Stichwahlen unter den Ve- meinderathswahlen annullirt, wodurch Vie liberale Mehrheit tn Frage gestellt ist.
Frankreich.
Paris, 18. Juli. Der in der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung tzattgehadre Zwischenfall hat in den parlamentarischen Kreisen im Allgemeinen einen der Regierung günstigen Eindruck zurückgelaffen.
Paris, 20. Juli. Dem Vernehmen nach wird der deutschen Regierung °m i August Die Anzeige gemacht werden, daß die Regierung bereit (ei, fcie erst Rate der Kriegsentschädigung im Betrage von 500 ™
Räumung der beiden Departement« Marne und Haute. Marn wird fondt am 1. Seid.8beginnen. — Die Wadrscheinlichkeit, daß die Nationalversammlung Auflegung ctr neuen Anleihe vertagt werde, gewinnt an Bestand.
Italien.
Rom, 13. Juli. Gestern halten unsere Minister eine lange Berathung im Palazzo Braschi bis gegen Anbruch der Nacht, und heute wiederum. Es handelt sich um die Erledigung der Frage bezüglich der religiösen Körperschaften in der Provinz Rom. Wenn die Regierung bis jetzt sich von allerlei Bedenklichkeiten obhalten ließ, an diesen ebenso faulen wie empfindlichen Flecken zu rühren, so hat es jetzt die klerikale Partei dahin gebracht, daß nunmehr um so energischer und tiefer eingeschnitten werden wird. Wenn es geradezu die Absicht dieser verblendeten Gesellschaft gewesen wäre, der Regierung jede schonende Rücksicht unmöglich zu machen, so hätte sie ihre Sache nicht besser machen können. Zuerst schickte Seine Heiligkeit eine offene Kriegserklärung gegen den italienischen Einheitsstaat und seine usurpatorische Regierung in alle Welt, erklärt, daß eine Versöhnung zwischen Papstthum und Italien in alle Ewigkeit nicht möglich sei. Darauf läßt eben dieser heilige Stuhl die Bataillone feiner blind gehorsamen Anhänger marschiren, um vor der Hand die muniripalen Aemter zu besetzen mit der offenen und öffentlichen Erklärung, daß es den Umsturz des bestehenden Staatswesens gelte. Denn das ist doch offenbar der Hintergedanke des Hinweises auf den Dispens vom Eide der Treue gegen König und Verfassung, welchen das Gesetz den Municipalbehörden gestattet. Und die erste Erziehung dieses Volkes, dessen Unwissenheit in dieser Weise ausgebeutet werden soll, liegt noch immer zum überwiegenden Theile in den Händen eben jener religiösen Körpeischaften. Gewiß hat Lanza, der Präsident der „usurpatorischen" Regierung, den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er dieses ganze Treiben als eine offene Verschwörung bezeichnet, welche energische Gegenmaßregein nöthig mache. Die Regierung ist entschlossen, diese Klosterfrage in ihrem ganzen Umfange zu erledigen und dem Parlamente gleich bei Wiedereröffnung der Session das betnffrnde Gesetz vorzulegen. Da diese Angelegenheit sehr weit in das Gebiet des öffentlichen Unterrichts hinübergreift, so wird die Wahl der über dieses Departement zu setzenden Persönlichkeit von den Entschlüssen bedingt sein, welche die Regierung in der Klosterfrage nehmen wird.
Rom, 20. Juli. Die Municipalräthe von Rom, Florenz und anderen Städten haben an den König anläßlich des gegen das spanische Königspaar verübten Attentates Sympathie-Adressen gerichtet. — In einer Ansprache, welche der Papst an die von .hm in Audienz empfangenen Beamten der früheren päpstlichen Polizei hielt, empfahl er denselben Die Unterdrückung etwaiger Unruhen bei Den Municipalwahlen, um Die freie Meinungsäußerung und Stimmabgabe sicher zu stellen, wies Die Behauptung, Die Katholiken wollten eine bewaffnete Reaktion, als eine Thorheit zurück und drückte Den Wunsch aus, Die Sache Der Gerechtigkeit und Religion wieder hergestellt zu sehen und seine Tage friedlich zu beschließen.
Spanien.
Madrid, 19. Juli. Der König und Die Königin haben einem Tedeum in der königlichen Capelle beigewohnt. Ueberaü, wo sich der König in den Straßen zeigt, ist er der Gegenstand Der begeistertsten Zurufe. Alle Claffen der Gesellschaft bezeugen ihre Anhänglichkeit und Sympathie für das Königshaus. Die Entrüstung gegen die Mörder ist allgemein. Das Volk wollte selbst an den Mördern Gerechtigkeit ausüben, wurde jedoch von der Polizei daran verhindert. Die Untersuchung ist in vollem Gange. Die volle Strenge des Gesetzes wird gegen die Schuldigen angewandt werden.
England.
London, 19. Juli. Gladstone verlas im Unterhause, Argyll im Oberhause eine Botschaft der Königin, in welcher die Bewilligung einer jährlichen Pension von 1000 Pfund für Die Wittwe des ermordeten Vicekönigs von Indien, Lady Mayo, empfohlen wird.
Türkei.
Konstantinopel, 20. Juli. Der Sultan genehmigte den vom Kbedive vorgelegten JurtsdtctionSgefetzkntwurf, welcher im Wesentlichen identisch ist mit dem von Der internationalen Commission, die im Jahre zu Cairo tagte, anempfohlenen Entwürfe.
Amerika.
Newyork, 16. Juli. Der Finanz-Minister Boutwell hat in Nordcarolina vor einer Versammlung eine Rede gehalten, worin er bervorhob, daß die 93er- söhnung zwischen Dem Norden und dem Süden unvollständig fein werde, bis Die Majorität im SüDen eine Gleichberechtigung aller Menschen anerkannt haben werde. In Bezug auf die finanzielle Lage erklärt er, daß Die Verminderung Der Ausgaben, die Erleichterung Der Steuern und Die baldigst zu erwartende Rückkehr zur Baarzahlung die Wohlfahrt des Landes heben würden. Der Goldverkauf werde in mäßigem Umfange fortgesetzt werden. Er mahnte seine Zuhörer, ihr Vertrauen auf Den PräsiDenten Grant zu setzen, als den Retter des Landes und Der Verfassung.
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