(Eingesandt)
Das 25Mrige Stiftungsfest des Turnvereins ;u Gießen am 10. Nsvember 1872.
Mancher, der am verflossenen Sonntag dkachrnittag in der neuen Anlage pro- menirte, mochte sich wundern ob des bewegten Lebens vor der Pforte der Turnhalle und ob der heiteren Klänge, die aus dem Inneren derselben hervordrang. Wer aber Gelegenheit hatte einzutreten und einen Platz auf der Gallerie einzunehmen, der konnte der Zeuge eines regen und lebendigen Treibens sein und eine genußreiche Stunde verleben. Ein Vierteljahrhundert ist nämlich verflossen, und noch etwas mehr, seitdem der hiesige Turnverein gegründet worden ist, und dies gab demselben Veranlassung, ein Stiftungsfest zu feiern und es mit einem Schauturnen zu eröffnen. Und der Verein kann sich sehen lassen mit seinen Leistungen; der Geist, der die Siege in Offenbach, Oberstein, Gießen, Leipzig und London erkämpfen half, ist noch nicht erloschen, das zeigten die nach dem Kommando des Turnwart Nübsamen pünktlich und exakt ausgeführten Freiübungen, die wie die wechselnden Bilder des Kaleidoskops am Auge vorüberzogen, das zeigten ebenso die durchgehends mit Gewandtheit und Sicherheit ausgeführten, von der hiesigen Militärkapelle mit munteren Märschen begleiteten Uebungen an den Geräthen. Gewiß, der Beifall der zahlreichen Zuschauer war ein berechtigter und vom Verein wohlverdienter.
Ein anderes Bild, nicht weniger reich an Farbe, Lust,und Leben bot der Abend. Ein Zug von Hunderten farbiger Lampen, mit Fahnen und Musik, bewegte sich durch die Straßen der Stadt und nach dem Wenzel'schen Garten, wo bei fröhlichem Banket das Fest seine Fortsetzung fand. Schade nur, daß infolge der ungünstigen Jahreszeit und schlechter Witterung so wenig alte Mitglieder aus der Ferne, die alle eingeladen waren, theilnehmen konnten, da sonst das Fest gewiß noch höheren Reiz gewonnen haben würde; daß aber viele von ihnen anwesend waren, das bewies die Menge der eingelaufenen Telegramme und Briefe aus Nah und Fern, die zur Kenntniß der Festversammlung gebracht wurden. Gewiß kann man nicht sagen, daß es beim Banket an Anregung und Unterhaltung gemangelt habe, denn Reden, Gesang und Musikoorträge wechselten reichlich ab. , _ , t ,
In seiner Eröffnungsrede begrüßte der I. Sprecher de? Vereins mit kurzen Worten die anwesenden Gäste, besprach dann die Bedeutung des Tages, die Aufgabe der Turnerei von sonst und jetzt; er wies hin auf die großen weltgeschichtlichen Ereignisse, die sich vollzogen in der Zeit des Bestehens des hiesigen Vereins, die aber auch auf alles Vereinsleben und so auch auf das unsrige abschwächend hätten wirken müssen und knüpfte daran in kurzen Umrissen eine Darstellung der Geschichte des Vereins, aus der wir hier einige der wichtigsten Momente hervorheben wollen: Gegründet wurde derselbe zu Ende des Jahres 1846, erhielt aber eine festere Gestaltung erst mit dem Erscheinen seiner Statuten im darauffolgenden Jahre 1847. Wahrscheinlich war es aber ein in demselben Jahre abgehaltenes Turnfest, welches die Auflösung des Vereins infolge höheren Befehls herbeiführte. Das Turnen selbst wurde indessen von einer- größeren Anzahl gewesener Vereinsmitglieder fortgesetzt bis im Februar 1848 die Nachricht von den politischen Stürmen in Paris und die darauffolgenden Ereignisse die Hoffnung erweckten, daß nun auch für die Turnerei wieder ein neues Leben aufgehen werde. So wurde denn auch im März 1848 ein neuer Turnverein gegründet und derselbe Seitens der Stadt dadurch unterstützt, daß ihm der Platz (da wo jetzt die Realschule steht) zum Turnen überlassen wurde. Ein Turner-Casino bestand von Octobcr 1848 bis Marz 1851; auch wurde einige Zeit ein Liebhaber-Theater unterhalten. Im Jahre 1849 wurde dem Verein von Damen Gießens eine Fahne verehrt und dieselbe am 13. Wat desselben Jahres eingeweibt. Das Jahr 1851 erwies sich dem Verein dadurch als 'ein glückliches, daß ihm von seinem Mitgliede CH. Hast ein Legat von 3000 fl. zugewendet wurde. Zerwürfnisse, die leider später eintraten, wirkten längere Zeit sehr nachtheilrg auf das Vereinsleben, bis dasselbe durch Wiedervereinigung seiner Mitglieder aufs Neue gedeihlich emporblühte. Daß aber in der ganzen Zeit des Bestehens die Pflege der Turnerei selbst immer als die Hauptaufgabe des Vereins betrachtet wurde, zeigt sich am besten aus den Erfolgen, die namentlich seitdem der wackere Turnlehrer Rübs amen als Turnwart in denselben eingetreten, erzielt worden sind. Wer kennt und nennt nicht heute noch die Namen Derer, die auf den Turnfesten in Offenbach, Oberstem, Gießen (Pfingsten 1850), Leipzig und London die ersten Preise gewonnen haben?! Durch diese Erfolge ist der Gießener Verein stets von allen übrigen geachtet und — gefürchtet gewesen. Nach Mittheilung dieser geschäftlichen Notizen und daran geknüpften Ermahnungen, namentlich an die jüngeren Mitglieder des Vereins, zu fleißiger Nacheiferung, schloß Redner mit einem Hoch auf die Turnerei und auf den Gießener , Veiein^insb^ondere^ Deutschland fröhlich beisammen sitzt und Feste feiert, da ist es unmöglich zu schweigen von den großen epochemachenden Ereignissen der neuesten Zeit, die auf die Gestaltung unseres Volkes und Vaterlandes einen so außerordentlichen Einfluß ausgeübt haben. Wie sollte man darum bei einem Feste im Turnerkreise nicht von dem reden, was in der Vergangenheit ja auch die Turner gewollt, ersehnt, wofür! so manche von ihnen auch gelitten haben, und was in unseren Tagen weit über die Wünsche und Hoffnungen jener Zeit erreicht worden ist! Und so war es denn die Aufgabe des II. Sprechers des Vereins, die Einigung aller deutschen Stamme zu einem Volke, die Erhebung eines neuen Kaiserreiches aus der Asche des alten römischen Reiches deutscher Nation, und den Helden zu feiern, der an der Spitze dieses neuen Reiches steht, dem Deutschland vorzugsweise seine Neugestaltung zu verdanken hat, den
Helden, der voranzog in den heiligen Krieg gegen den äußeren Feind, und der auch den Kampf nicht scheut gegen die inneren Feinde des Reiches, die Feinde des Lichtes, der Freiheit und des Fortschritts. Das Hoch auf den deutschen Kaiser Wilhelm fand in der ganzen Festoersammlung einen kräftigen freudigen Widerhall.
Ein Toast den Gästen, insbesondere den anwesenden Mitgliedern des Stadtvorstandes, der sein Interesse für die Turnerei schon in früheren Jahren durch Ueberlassung eines Turnplatzes und in neuester Zeit durch Erbauung der schönen geräumigen Turnhalle bewiesen; sodann den Mitgliedern der Schulbehörde, allen beim Feste gegenwärtigen früheren Vereinsmitgliedern rc. rc. fand seine Erwiderung durch ein Mitglied des Stadtoorstandes in einem Hoch auf die Eintracht und Einigkeit im Verein, durch die allein er erwachsen und gedeihen und seine Zwecke fördern könne.
Die dankbarste Aufgabe für diesen Abend war aber wohl dem Comite-Mitgliede B. zugefallen; denn wer die Geschichte der hiesigen Turnerei kennt insbesondere in ihrer Blüthezeit und die bereits erwähnten Erfolge auf dem hiesigen und auf fremden Turnplätzen, der weiß auch, daß dieselben vorzugsweise an den Namen Rübsamen geknüpft, einzig ihm und seinem Wirken zu verdanken sind. Mitglied B. hatte es übernommen, die Verdienste Rübsarnen's um das hiesige Turnwesen hervorzuheben und den Dank des Vereins ihm auszusprechen, womit er zugleich an Rübsamen die Mittheilung verband, daß der Verein beschlossen habe, ihm seinen Dank und seine Anerkennung demnächst in einem künstlerisch ausgestatteten Ehrendiplom noch besonders zu erkennen zu geben. Ein kräftig ausgebrachtes Hoch auf Nübsamen schloß Bs. Rede; da man aber etwas Gutes hie und da auch wohl zweimal thun kann, so stimmte die Festversammlung auch jubelnd ein, als Rübsamen später nochmals vom Mitgliede K. ein „Gut Heil" ausgebracht wurde.
So flössen die dem Feste geweihten Stunden rasch dahin; Reden, Musik und Gesang, daneben nicht minder Wein und Gerstensaft, die Herr Wenzel beide in aner- kennenswerther Güte seinen Gästen und Turnbrüdern darreichen ließ, hoben die Feststimmung immer mehr, und wenn auch in späterer Stunde die Stimme des Präsidenten nicht mehr zur vollen Geltung gelangen konnte, so .war doch turnerische Zucht und Ordnung soweit vorhanden, daß kein Mißklang die Zufriedenheit trübte, mit welcher die Festgesellschaft allrnählig auseinander ging. So wird das Fest auch Jedem nur in angenehmer Erinnerung bleiben.
Vermischtes.
Darmstadt, 15. November. Gestern ist der zu 27rjähriger Festungöstrafe verurtheilte Studiosus Fayette von Gießen hier eingetroffen, um seine Haft anzutreten. Die Festung Babenhausen ist bereits seit Abschluß der jüngsten Militär-Convention aufgehoben, und bei einer Inaugenscheinnahme der vorhandenen Haftiocalitäten stellte eö sich heraus, daß kein Gefängniß- local vorhanden ist, welches behufs Abbüßung von FestungSacrest benutzt werden kann. Da nun mit Preußen keine Convention abgeschlossen ist. welche die Möglichkeit giebt, eine derartige einem Civilisten zuerkannte Strafe auf einer preußischen Festung abzufitzen, wird man wohl auf die Auskunft verfallen, den seiner Zeit auf eine frivole Weise zum Duell provocirten Studirenden freizulaffen oder alsbald zu begnadigen, und demnächst den Ständen behufs Herrichtung eines Arrestlocals, welches als Festungslocal benutzt werden könnte (hierzu würde z. B. sich der dem berühmten Weiler Zipfen nahegelegene Otzberg sehr empfehlen), Vorlage zu machen.
mtv».#swx*c. * i iöffseMaclirichte^.
r 19. November 1872.
Lpreass. 44/3 % Oblig. 1027g IFrankf. 37a% Obi, 86
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«Darmstädter fl.50Loose 204 n «25 „ 557a
Kurh. 4tz ThJr. Loose 73 Nassau 25 fl. — Bftiunteohweiger 223/4 3% Oldenburg, ä 40Thlr. 377g 40/o bayr. Präxn.-..4nL 1117g 40/0 badische Loose 1095/g Badische fl. 35 Loose 6 93/4
Amsterdam k. 8. 98 i/i
Augsburg k. 8. 100
Berlin k. 8° 1047g
Bremen k. 8. 1757g
Brüssel k. tz. 93 74
Hamburg k. 8. 867a
Leipzig k. 8. 105
London k. 3. 1193/g
Lyon k. 8. —
Paris k. 8. 92?/8
Wien k. 8. 1073/,
ditto m. ß* —
ditto i. 8. 1073/g
Diskonto 5 0/0 fl. kr.
Pr. Friedrdor 9 58—59 Pistolen . . 9 42-44 „ doppelte 9 43—45
Holl. fl. IGSt. S 53—55 Ducaten . . 5 34—36 20 Franken^. 9 2172—227a Engi. Sover. 11 53 -55 Buss, irnpei. 9 43—45 Dollar in Gold 2 25-26
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Dannst. Barkact. 563
Wien Bankactien 1062 Oe&t. Orediiact. 3637a Galizien 245
Ocair. fl. 250 v.- 1854 923/8
1858r Priorität?L 211
1860r Loose 957a
1864r „ 1623/4
NLSgeweLNeeA«zeLger
Versteigerung^
Freitag den 22. d. Mts-, Nachmittags 2 Uhr, versteigert werden und wird bemerkt, daß sich verschiedene Bäume zu Arbeitsholz eignen.
Gießen, den 18. November 1872. Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
Vogt.
Feilgebotenes.
Herde uuh Besen
5383) Die Zwetschenbäume und Ge sträuche, sowie die Einzäunung auf deiw .
ienigen Theile der früher Mortmann'fchenftn den verschiedensten Sorten, namentlich letzt Wagner'schen Besitzung vor dem Neu-idie sich so sehr bewährenden, in jeder Be- wegerthor, welcher in die Straße fällt, sollen! Ziehung ausgezeichneten^
! Regultr - Full - Oefen
f (4869) empfiehlt I. G. D. Bapst.
Besondkre Bekanntmachungen.
Bekanntmachung.
Bei uns lagern etwa sieben Centner ältere j Acten, welche durch Einstampfen vernichtete werden müssen. Zur Versteigerung derselben haben wir Termin auf
Donnerstag den 5. December l. I., Vormittags 10 Uhr, auf unserem Büreau anberaumt.
Gießen, den 18. November 1872.
Großherzogliches Stadtgericht Gießen. , (5374)_________Dr- Muhl.______________
Oberhessische Eisenbahnen.
Die Lieferung nachstehender Schreibmaterialien und Bureaubedürfnisse, als:
Schreibpapier, Conceptpapier, Actendeckel, weiße und blaue, Packpapier (Elephant und Median), Brief-, Geld- und Packet-Couverts, feiner Lack, Packlack, Kordel und Stechgarn, soll auf dem Submissionswege vergeben werden und sind Lieferungsanträge mit Preisangabe versiegelt bis zum 7. Dezember l. I. bei unserer Drucksachenverwaltung, wo die Lieferungsbedingungen, sowie die Größe des zu vergebenden Quantums, eingesehen werden kann, abzugeben.
Gießen, den 13. November 1872. (5378) Die Direktion.
Freitag den 22. und Samstag des 23.
November, von Morgens 9 Uhr an, sollen in der Wohnung des Reinhard Weber zu Heuchelheim erbvertheilungs- halber:
zwei trächtige Kühe, zwei fette Schweine, drei Zuchtschweine und zwei Ziegen, sodann Oeconomiegeräthschaften und Kartoffeln, Dickwurz, Heu, Grummet, Kleeheu und Stroh
meistbietend versteigert werden.
Bemerkt wird, daß am ersten Tage das Vieh zur Versteigerung gelangt.
Heuchelheim, den 19. November 1872. Großherzogliches Ortsgericht Heuchelheim. 5384) Jung.
5137) Gin in bester Lage Gießens gelegenes Haus, 'in welchem feit einer Reihe von Jahren ein Ladengeschäft, welches kein großes Capital erfordert, mit gutem Crfolg betrieben wird, ist mit einer Anzahlung von 3000 Gulden und sonst günstigen Zahlungsbedingungen zu verkaufen.
In Auftrag:
I. Rothenberger, _____________Lindenplatz.______ Frankfurter
Gxport-Bier, sehr kräftig, per Flasche 9 kr , frei in's Haus bei Georg Dö rr.
1 (5337) Kirchenplatz.
5241) Lahrer hinkenden Boten und Landkalendcr, Lichterhalter für Christbäumchen, Schreib- und Zeichnen-Materialen rc. in bekannter Gute, empfiehlt Jul. Hoos, Buchbinder.
_____________vorm Spengel' s Wittwe.
338V) Spiegel, ovale und lange mit Goldrahmen, ein schöner Bronce-Lüster mit 12 Lichtern, mehrere goldene Damenuhren und rothe wollene Bettteppiche, zu verkaufen.
I. Rothenberger, __________________________Lindenplatz.________
Gute Gartenerde
kann abgefahren werden bei
Wilhelm Plank, 5387)____________Gerberei, Reichensand.
5390) Mehrere Kanarienvogelhähnchen sind zu verkaufen. Lit. C. 145.____________
5395) Heute Abend treffen frische
ScSiellfisciie
ein.___________I A. Busch Söhne.
5389) Baierifch
Gxport-Bier
(Culmbach),
per Flasche 10 fr., frei in's Haus, bei __________Georg D ö rr, Kirchenplatz.
5358) Eine große Auswahl schwarzer Schmucksachen zu herabgesetzten Preisen bei Georg Petri, Neuenweg.


