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Rouher, dem flch Einsicht und Fähigkeit nicht absprechen läßt, zur Genüge er­fahren hat.

So fand Thiers in der Versammlung Niemanden vor, der ihm die Spitze hätte bieten können, und daraus ergab sich von selbst, daß er thatsächlich nicht der Diener, nicht das Organ der Versammlung sein konnte, sondern seine persön- liche Bedeutung wies ihm eine Stelle neben der ganzen Versammlung an. Vertrat die Versammlung das Land, so konnte Thiers ganz denselben Anspruch erheben; denn die öffentliche Meinung hatte ihn so entschieden als den Regenten Frank­reichs bezeichnet, daß die Versammlung, sie mochte wollen oder nicht, der öffent­lichen Meinung Folge leisten und ihm die Stelle des Staatsoberhauptes über­tragen mußte.

Daraus entwickelte sich rasch ein scharf ausgesprochener Dualismus, den Thiers, selbst wenn er sich der Versammlung hätte unterordnen wollen, ein parla­mentarisches Regime unmöglich gemacht hätte. Aber er wollte gar nicht; seine Neigungen stimmten vollkommen mit den Erfordernissen der Lage überein.

Und zugleich mit den Neigungen und Anlagen der Franzosen, die, wie sehr sie sich auch einbilden, Republikaner zu sein, doch, ohne es zu ahnen, sich immer in der Richtung auf die Diktatur bewegen. Es war daher vollkommen erklärlich, daß das Land in allen Kämpfen zwischen Thiers und den Parteien der Versammlung für Ersteren, der den Franzose» in concentrirter einheitlicher Form der Nationalsouverainetät zu vertreten schien, Partei nahm. Die Hand- greiflichen Fehler der Majorität bestärkten die Nation in dieser Richtung. Je mehr die Versammlung sich diScreditirte, um so höher stieg das Ansehen Thiers', um so näher wurde es ihm gelegt, sich eine persönliche Alleinherrschaft zu schaffen, die sich von der absoluten Monarchie nur durch eine zeitliche Begrenzung unterscheidet.

Um diese Stellung zu behaupten, mußte er vor Allem darauf Bedacht nehmen, sich keiner Partei zu eigen zu geben, und auf der anderen Seite mit keiner unwiderruflich zu brechen, all' zu demüthigen, und doch keiner die Hoffnung abzuschnciden, daß auch ihre Wünsche und Interessen im Rathe des Präsidenten Gehör und Berücksichtigung finden würden.

So arbeitete sich Thiers hindurch durch eine Reihe von Conflicten bald mit dieser, bald mit jener Partei, aus denen allen er gestärkt hervorging. Denn einerseits zeigte sich bei jedem Zusammenstoß, daß die feindliche Partei nicht stark genug sei, um ihn zu stürzen, daß sie seinen Sturz nicht einmal wünschen durfte, weil sie schlechterdings nicht wußte, wen sie an seine Steve setzen sollte; andererseits versäumte er, ohne sich um den Aerger seiner Bundesgenossen zu kümmern, niemals, dem geschlagenen Feinde die Hand zu reichen, ihn huldreich vom Boden zu erheben und ein kräftiges Trosteswort zu spenden. Er wollte über den Parteien stehen und er stand wirklich über ihnen; denn in der heute besiegten Partei hatte er morgen einen Bundesgenossen, wenn er den bisherigen Verbündeten entgegentreten mußte, weil ihn ihr Drängen, den gemeinsam er- sochttnen Sieg in ihrem Parteiinteresse auszubeuten, lästig wurde.

Seine neuesten Wanderungen überbieten an Keckheit und Verschlagenheit alles bisher von ihm Geleistete. Er muthet der Linken zu, ihre politische Ehre preiszugeben, ihre besten Ueberlieferungen und Grundsätze zu verleugnen. Die Linke läßt sich fangen, sie opfert ihre handelspolitischen Grundsätze und hilft ihm, seine Steuerprojecte durchbringen. Damit glaubt sie Thiers sicher in Händen zu haben, aber sie täuscht sich, Thiers hatte sie tu Händen. Sie hatte sich com- promittirt und einen Beweis von politischer Schwäche und Haltungslosigkeit abgelegt, der ihr in Zukunft möglicher Weise noch theuer zu stehen kommen kann. Es giebt gewisse Principien, die eine Partei nicht über Bord werfen darf, wenn sie sich nicht vorwerfen lassen will, daß sie eine grundsatzlose Partei ist.

Die Erbitterung der Rechten hatte gegen den Schluß der Session hier einen ungewöhnlich hohen Grad erreicht. Bald aber sahen wenigstens die gemäßigteren Conservativen ein, daß es Thiers gar nicht so schlimm mit ihnen meine. Thiers war wieder der liebenswürdige alte Herr. Natürlich. Es fiel Thiers ja gar nicht ein, die Sache der radikalen Republikaner zu führen, und sich etwa an der Agitation für Auflösung der Versammlung zu betheiligeu. Stirbt die Versamm- lung an Altersschwäche, gut. Weshalb aber sollte Thiers ihr Ende beschleunigen? Grade, daß die Radikalen die Ferien benutzen wollen, um einen Sturm gegen die Versammlung zu erregen, bestimmte ihn, seine Organe anzuweisen, daß sie der Auflösungsbewegung entgegentreten.

Thicrs will die Konservative Republik." Was er, was überhaupt die Franzosen darunter verstehn, dürfte sich definitiv kaum definiren lassen: sie meinen damit eben nur das Gegentheil von der radikalen, von der Gambetta'schen Republik. Betont Thiers grade das WortRepublik", so führt er die Linke, wohin er will, betont er das Wortkonservativ", so betrachtet wenigstens der gemäßigte Theil der Rechten ihn als den Vorkämpfer der guten Sache. Jetzt legt er, nachdem er die Linke ausgebeutet, plötzlich wieder den Ton aufkonservativ", und sofort tritt wieder eine Verschiebung der Parteiverhältnisse ein.

St.-Marc-Girardin hat ganz gewiß die Lage richtig characterisirt, wenn er behauptet, daß Thiers die Linke dupirt habe: das konnte man auch schon vor der Veröffentlichung von Girardin'S boshaftem Schreiben merken. Ob aber Girardin klug daran gethan hat, dies so offener Weise auszusprechen, ist eine andere Frage. Er will den Präsidenten dadurch in Verlegenheit srtzen und die Linke ärgern, und den Zweck hat er natürlich erreicht. Wäre er aber ein ernsthafter Politiker, so würde er dem Kitzel widerstanden und nicht in einen Proceß ein- gegriffen haben, der einen den gemäßigten Parteien sehr günstigen Verlauf zu nehmen versprach. Die Veröffentlichung des Schreibens kann Herrn Thiers möglicher Weise nöthigen, eine neue Frontveränderung, diesmal nicht zu Gunsten der konservativen Miltelparteien, vorzuberciten.

Deutschland.

Berlin, 17. Aug. Eine reichsfeindliche ultramontane oder socialdemokra- tische oder auch polnisch-separatische Presse in Oesterreich-Ungarn sowohl wie im neuen deutschen Reiche gefällt sich darin, an der Befürchtung festzuhalten, daß die bevorstehende Monarchenbegegnung nicht blos eine Friedensdemonstration bleiben, sondern eine neue Reactionsperiode eröffnen und eine Herstellung der heiligen Allianz bedeuten werde. Hiergegen erinnert die WienerN. fr. Pr." ganz gut an die hiesige Jahn-Feier. Sie schreibt u. A.:Die den Siürmen von 1848 folgende Reoetionsepoche ging vielleicht in Gestattung und Förderung der Seelen­knechtung noch zurück hinter die Schmachzeit, welche die Erinnerung an den Aus- schwung in den Freiheitskriegen zu tilgen bemüht war: doch sie betrachtete hun-

dert Dinge, vor welchen während der Herrschaft der heiligen Allianz die Staats- lenker Europas bebten, als ungefährlich, nicht zu verbieten, als natürliches Men­schenrecht. Um ganz zu ermessen, wie weit wir vorwärts gekommen sind, muß mau ein halbes Jahrhundert zurückdeuken können, muß man die Zeit der heiligen Allianz miterlebt haben, als alle edlen Geister, augeekclt und verzagend, sich von den politischen und nationalen Angelegenheiten abwendeten und in der Kunst Trost und Vergessen suchten. Damals, als Jahn, der fanatische Royalist, von Gcfängniß zu Gefängniß geschleppt, in Ketten geworfen wurde, und alles Wirken für die Menschen abschwur; als die Demagogenhetzen die Blüthe der deutschen Jugend vom grünenden Stamme unseres Volkes in den Koth rissen; als die Hoffnung von Deutschlands Zukunft in den Kerkern verkam oder in der Der- borgenheit kleiner Städte hinwelkte; als in Spanien die Freiheit in den Blut­strömen ihrer Bekenner erstickt wurde, in Frankreich die Ultras ihre Orgien feierten, in Neapel Der Constitutionaiismus in den letzten Zuckungen lag: damals wagte die überschwängliche Hoffnungssrligkeit nicht, die Gestaltung Der Dinge zu erhoffen, die wir heute erleben und nur durch den Vergleich mit Der Vergangenheit vollauf würdigen können, und selbst die allvertrauende Jugend löste ihren Bund in schmerz­lichem Verzagen: Und Gott hat es gelitten, Wer weiß, was er gewollt! Heute aber ist nicht nur dem einstigen Gefangenen, dem Jnternirten ein Denkmal gesetzt, auch der dem Vater charactergleiche Sohn desselben Fürsten, der gerade v n volksthümlichsten Männern der Freiheitskriege tief abgeneigt war, ruft den Jüngern Jahn's das einst als hochverrätherisch verfolgte und bestrafteGut Heil!" zu. Und dieser Gruß ist beinahe selbstverständlich, regt Niemand zu Verwunderung oder gar Begeisterung an. Er paßt in die Zeit, die Verhältnisse, die Stimmun­gen; er ist ein unauffälliges, aber gerade darum bedeutsames Zeichen der Zeit. Wohl ohne daß der Absender es wollte und ahnte, hat das Gasietner Telegramm an die zum Weihefeste in Berlin Versammelten die ohnedies geheuchelten an die Zusammenkunft Der Kaiser von Oesterreich, RußlanD und Deutschland ge­knüpften Befürchtungen vor Wiederkehr der heiligen Allianz schlagender widerlegt, als alle Artikel der liberalen Presse Europas es konnten." Hoffentlich wird der Verlauf der bevorstehenden Hof- und Militärfeste demnächst alle die Befürchtungen, welche merk­würdigerweise die doch sonst in dieser Richtung leicht mißtrauische öffentliche Mei­nung in England noch gar nicht beunruhigten und bisher hauptsächlich nur im Lager der schwarzen Rückschrittler oder der rothen Umstürzler sich regten, völlig Niederschlagen. Zu diplomatischen Staatsactionen, zu Conferenzen und Protokollen wird es gar nicht kommen; allein den vereinzelt auftretenden entgegengesetzten Gerüchten fehlt jede Glaubwürdigkeit.

Frankfurt/ 18. August. Der Raubmörder Völcker, welcher zum Tode ver- urtheilt, vom Kaiser aber zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt worden ist, ist aus dem Gefängniß entsprungen und hat man bis jetzt noch keine Spur von demselben entdeckt.

Köln, 17. Aug. Dem Superior des hiesigen JesuttenhauseS, Herrn Pater Rive, wurde, derKölnischen Volkszeitung" zufolge, heute von der Polizeibehörde folgendes Schreiben zugestellt:

Köln, 17. August 1872. In Verfolg meiner Verfügung vom 7. d. M. werden Sie benachrichtigt, daß nach Anordnung der königlichen Negierung hier- felbst vom 17. d. M. die hiesige Niederlassung der Gesellschaft Jesu binnen vier Wochen aufzulösen ist. An die in dieser Niederlassung vereinigten Angehörigen oes Ordens lasse ich daher hiermit die Aufforderung ergehen, Das OrDenSkloster innerhalb vier Wochen zu verlassen. Von der erfolgten Räumung des Klosters werde ich mich nach Ablauf dieser Frist überzeugen.

Der königl. Polizeipräsident, DevenS.

An den Superior Der Gesellschaft Jesu, Herrn Rive, Hochwürden, hier.

Breslau, 19. August. Der 13. allgemeine deutsche Genoffenschaftstag ist gestern unter äußerst zahlreicher Betheiligung eröffnet worden. Zu Präsidenten wurden Nizze (Nibnitz), Laßwitz (Breslau) und Stromeyer (Constanz) gewählt.

Oesterreich.

Wien, 16. Aug. Zur Einwanderung der Jesuiten meldet diePresse": Die Zahl der beunruhigenden Meldungen Über die Invasion der Jesuiten nimmt stetig zu. So viel bisher sicher gestellt erscheint, wurden von österreichischen Pro­vinzen namentlich Galizien, Mähren und Vorarlberg und vermuthlich auch bereits Böhmen mit Ansiedelungen von aus Deutschland ausgewiesenen Mitgliedern des Jesuitenordens heimgesucht. Trotz der Instruction des Ministeriums an die Statt­halter verlautet jedoch bisher auch nicht das Geringste über ein behördliches Ein­schreiten gegen die unheilvolle Ueberflutung. Da die Regierung keine weiteren Schritte macht, so hat ein bekannter Ex-OfficiosuS der Sache sich bemächtigt und gibt die Elfindung zum Besten, es sei eine Nachtragsinstruction an die Statt- Halter erlassen worden dcs Inhalts, sie mögen das Fremdengesetz unter Umgang- nahme von Der Berichterstattung an das Ministerium gegen die Jesuiten ohne weiteren Verzug und ohne weitere Rücksicht in Anwendung bringen. Es scheint, daß das Ministerium in Der Thal nichts mehr zu unternehmen gedenkt und mit feinem Erlasse an die Landeschefs, so wie mit Der genannten Erfindung des ent­lassenen Officiösen sich zufrieden gibt.

Frankreich.

Paris, 16. Aug.Le Soir" bringt eine Mittheilung über die Festungs­arbeiten in Belfort, die mit einer ähnlichen derAgence HavaS" übereinstimmt, wonach nur geschieht, was die Regel ist, daß jeder mit einer Besatzung belegte Platz im Zustande der VertheidigungSfähigkeit sein soll. Die französische Regierung hat, wie es scheint, einen Sachkundigen nach Belfort geschickt, der am 12. August die Arbeiten der Deutschen in Augenschein nahm. Dieser Offizier vom Genie, welcher unter Oberst Denfert zu Belfort in Garnison stand, theilt demSoir" mit:Die Belagerung von Belfort und Die sechSzig Tage des Bombardement- von Fort und Stadt hatten Fort und Wälle zerstört, alle Vertheidigungswerke und alle zur Kasernirung der Truppen bestimmten Gebäude. Als die Preußen nach Dem Waffenstillstände einzogen, führten sie in Eile einige DertheidigungS- arbeiten aus, um Den Platz gegen einen Handstreich zu decken. In der Convention über die Räumung des Gebietes wurde vereinbart, daß Belfort der letzte occupirte Punkt sein solle. Der Effectivstand Der Okkupationsarmee verdammt Belfort zu

einer zahlreichen Besatzung. Die Deutschen, die Dem Zufalle nichts Überlassen, haben den Platz, was ihnen vertragsmäßig zusteht, in vollkommenen Vertheidi- gungsstand gesetzt. Forts, Wälle, Vorwerke, Alles wird auf Kriegsfuß hergestellt aber kein Werk gebaut." Aus diesen Thatsachen, welche die französischen Blätter leicht erfahren konnten, erhellt also die gänzliche Grundlosigkeit der Beschuldiguu-

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