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Gießener Anzeiger

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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen

1872

Dienstag den 18. Juni

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5 Jahre schon als ein großes Zugeständniß an die Neuerer; er hätte am liebsten 8, 9, 10 Jahre gefordert. Da er aber damit nicht durchbringen konnte, so war er wenigstens entschlossen, an den 5 Jahren unbedingt festzuhalten und alle auf Herabsetzung der Dienstzeit abzielenden Amendements aufs Aeußerste zu be­kämpfen. -

Und Herr Thiers hat seinen Willen durchgesetzt! Die Einen ließen sich durch seine Beredtsawkeit verführen, die Andern durch seine Drohungen terrori- stren, noch Andere stimmten für die 5 Jahre, weil sie da« Princip durchlöchern wollten, dem sie nur mit Widerstreben und weil die vox populi rS forderte, bei» gepflichtet hatten.

Aller Wahrscheinlichkeit noch wird dieser erste große Erfolg de-Herrn ThierS für den weiteren Verlauf der Verhandlungen entscheidend sein. Denn hat man den ersten Schritt gethan, so muß man auch den zweiten thun. ES ist, wenn man an der sünfjährigco Dienstzeit sefihält, unvermeidlich, daß vermittelst Gestattung drs NummernauetauschcS die Stellvertretung durch eine Hinterthür wieder in dir Armee eivgeführt wird, woraus ja Thiers' ganze Taktik htnauSläust. Herr ThierS hat die Amendement« au- dem Felde geschlagen, welche daraus berechnet waren, die allgemeine Dienstpflicht überhauptmöglich zu machen. Wa« bleibt jetzt ander» übrig, al- unter anderem Namen die Stellvertretung zuzulafsen? Will man das nicht, so steht man wieder vor dem Confliet mit Thier«, und muß zugleich die bereits gefaßten Beschlüsse, welche auf Zulassung der Stellvertretungen htndrängrn, wieder rückgängig machen.

Mit ganz besonderem Nachdruck aber hat sich Thier- gegen ein anderes mit der allgemeinen Wehrpflicht zusammenhängende« Institut au«gesprochen, gegen die Etntheilvng der Armee in Provinzialeorp«. Diese Eintheilung würde nach Thier« einen Rückschritt bis in die Zeit von 1789 bedeuten. Oder sollen wir ruft er aus wirklich vom Departement wieder zur Provinz zurückgreifen? Uebri» gens ist, was ThierS militärisch gegen die Eintheilung in Regionalcorps einwendet, durchaus unerheblich. Seine hauptsächlichsten Bedenken sind politischer Natur und entspringen der fanatischen Verehrung de« CentralisationSprincipS, in dessen ton» sequenter Durchbildung er die höchste Errungenschaft der Revolution und des ersten Kaiserreiches sieht.

Nun ist man sich aber in Frankreich de- engen Zusammenhang«, der zwischen dem Provinzialsystem und der allgemeinen Dienstpflicht besteht, sehr wohl bewußt; und Roudot, einer der einsichtsvollsten Deputirten, hat denn auch da« Amendement gestellt, daß die Armee in Provinzialcorps eingethetlt werde. Die Erörterung dieser Frage ist nun, wohl weil man einen neuen Zusammenstoß in diesem Augen» blick vermelden wollte, vorläufig vertagt worden. Daß aber ThierS, wenn sie zur Berathung kommt, Alles einsetzen wird, um das alte System aufrecht zu erhalten, unterliegt keinem Zweifel. Und wird dies aufrecht erhalten, so thäte man am besten auch den Namen der allgemeinen Dienstpflicht, der dann nur wie zum Hohn in dem Gesetze paradiren würde, zu streichen.

Was Thiers will, ist die alte Beruf-- und Angriffsarmee mit verbesserter Organisation und durch massenhafte Rekrutirung verdoppelte Stärke. Den ersten Schritt zu seinem Ziele hat er gcthan, und daß die Versammlung ihm beim zweiten und dritten Schritt größere Hindernisse in den Weg stellen werde, alr beim ersten, ist unwahrscheinlich.

Zu welchem Zweck aber schmiedet Herr Thier- diese furchtbare Waffe?

Derselbe erscheint täglich, mit Ausnahme Sonntags, und kostet für die Abonnenten in der Stadt Gießen vierteljährlich 1 fl. 12 kr., frei in s Haus geliefert. . . »

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Deutschland.

Darmstadt, 16. Juni. In der Großherzoglichen Münze, woselbst in der Woche vom 7. blö 13. April d. I. mit dem Prägen von Zwarijtgmarkstücken be-

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Sonntags.

Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.

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H ^Wie rastlos hat er gegen das Princip der allgemeinen Dienstpflicht geeifert, wir beredt bei jeder sich bietenden Gelegenheit die älteren HeereScinrichtungen ver- tbkidiat! Hier aber mußte er doch die Erfahrung machen, daß fline Energ e gegen das Schlagwort des Tages nicht« ausrichtete. Er mußte die allgemeine Dienstpflicht zugestehen im Prineip nämlich; aber um sie durch eine Hinter- thür wo möglich wieder herauszuschaffen. ,

Die strenge Durchführung des PrincipS der allgemeinen Dienstpflicht hat eine verhältnißmäßig kurze Dienstzeit im stehenden Heere zur Voraussetzung. Es bedarf gar nicht erst des Beweise«, daß bei einer langen Dienstzeit die allgemeine Dienstpflicht einen so furchtbaren Druck auf die öfnaitn- auf alle volkswirthschaftlichen Verhältnisse, auf die Interessen der Familien und der Einzelnen auSüben wird, daß auch ein geduldigeres Volk als da« französische ste auf die Dauer nicht würde ertragen können. Die 5 Jahre Dienstzeit der Commissionsanträge standen daher in offenbarem Widerspruch wit dem Princip de« ersten Artikels, wa« die Anhänger der allgemeinen Wehrpflicht sehr wohl erkannten. Gerade im Interesse der Durchführbarkeit des PrincipS wurde denn auch das Amendement gestellt, die Dienstzeit bei der Fahne um 3 Iah" zu ver- kürzen. An diesem Punkte nun setzte ThierS den Hebel an. E» brachte btt

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* Die französische Heeres-Organisation, wie sie in dem neuen Gesetze ihren Ausdruck findet, beruht auf dem Princip der allgemeinen Dienstpflicht. Die ersten Artikel des Gesetzes stellen sie als Grundlage der Hceresverfossung auf; die Stellvertretung ist abgeschafft, kurz, Frankreich schließt sich den Staaten an, die die Sicherheit des Landes dem Volke in Waffen, nicht einer vom Volke sorgfältig geschiedenen Berufsarmee anvertrauen.

So fordern es die ersten Artikel des Gesetzes. Aber leider hat die allgc- meine Wehrsflicht als bleibendes, grundlegendes Institut in Frankreich nur sehr wenig warme Anhänger. Die Mehrzahl derer, welche in den populären Ruf ein- gestimmt Haden, betrachtet sie nur unter dem Gesicktspunkt der möglichst massen­haften Rekrutenoushebung: der Gedanke, daß die Armee zugleich eine Schule für das ganze Volk sein soll, leuchtet den wenigsten ein ; an dem Verständniß für das Mesen dieser großen Einrichtung gebricht es fast gänzlich.

Nun hat aber außer sehr vielen lauen Liebhabern da« Princip der allge­meinen Dienstpflicht auch einen sehr entschiedenen Gegner, und dieser Gegner ist bei weitem klüger und verschlagener, als alle warmen und lauen Liebhaber; außer» dem ist er Präsident der Republik, derMann der Situation", von Vielen sehr ungern auf seinem Posten gesehen, aber selbst von diesen wenigstens für ein noth- wendiges Uebel gehalten, das man gar nicht beseitigen kann, ohne ver Dersomm- lung selbst das Lebenslicht aurzublasen. Und dieser Präsident ist dabei eben so zäh in seinen Meinungen und Dorurtheilen, wie schlau in der Durchführung seiner Pläne. Er gehört zu den überaus wenigen Staatsmännern, die über alle wesent­lichen Punkte der Politik heutigen Tages noch genau eben so denken, wie sie vor 40 Jahren gedacht haben. Herr ThierS hat sehr wohl viele Thatsachen anerkannt, die er aber nicht rückgängig machen konnte; aber nichtsdestoweniger betrachtet er jede Abweichung der historischen Entwickelung der inneren und äußeren Staats- Verhältnisse von seinen Ansichten als einen groben Schnitzer der Weltgeschichte, und vcrsäumr es auch nicht, der Geschichte gelegentlich ihre Thorheit vorzuhalten, daß sie sich mit solchem Schwindel, wie Nationalitätenkrom u. s. w., vorwitziger Weise abgegeben hätte, statt vor jeder großen Evolution seinen Rath einzuholen, der sie vor so manchem Jrrthum, so mancher horrenden Sotisse bewahrt haben $ Nun geht Herr ThierS zwar nicht so weit wie die Curie, den einfältigen Streichen der Weltgeschichte ein starres non possumus entgegenzusetzen. Dazu ist er zu geschmeidig; er sucht sich mit den vollendeten Thatsachen abzufinden, vielleicht nicht ohne Vorbehalt für künftige Zeiten, aber doch mit ziemlich freundlichem Gesicht und leidlicher Grazie. Wo aber noch keine vollendete Thatsache vorliegt, da ist er so zäh und geschickt, daß, wer mit ihm zu thun hat, nicht genug aus seiner

gönnen wurde, sind bis zum Ende der verflossenen Woche (15. Juni) also im v 8 Zeitraum von 10 Wochen, im Ganzen 105,850 Stück oder 2,117,000 Mark Er betrachte diejauSgeprägt worden.