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Preis vierteljährig 1 fl. 12 fr. mit Bringer lohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl 29 fr.
Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme Sonntags.
Expedition: Canzleiberg, Sit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 192.
Samstag ien 17. August
1872.
Brodpreife vom 17 bis 23. August 1872,
nach eigener Erklärung der Bäcker:
2 Kilo gemischtes Brod 20 kr. 1 Kilo gemischtes Brod 10 fr. 2 Kilo Roggenbrod: erste Sorte 17 fr., zweite Sorte 15 fr.
Deutschland.
Mainz, 13. August. Ein heute dem Kreisamt mitgetheiltes Reskript d-s Ministeriums verfügt die Auflösung der hiesigen Jesuiten-Niederlaffung, untersagt jede OrdenSthätigleit jedes einzelnen Paters und befiehlt die Ausweisung der nicht hier Heimathberechtigten. Zuw Dollzug dieser Anweisung aber wird es schwerlich kommen/ da, dem Vernehmen nach, der Bischof seine Lieblinge in den Welt- priesterstand der Diöcese Mainz ausgenommen und ihnen die zur Seelsorge nöthige kanonische Jurisdiction und Vollmacht ertheilt, sie auch förmlich in ter Pfarrkirche zu St. Christoph bestallt hat. — Als Illustrationen zu unseren kirchenpolitischen Zuständen und der Geltung der alten Gesetze, von denen es in den Erwägungsgründen eines uns eben vorliegenden Urtheils des hiesigen Bezirksgerichts heißt: „Die Gesetze des Landes k unen keine religiöse Orden" — und zu dem neuen Reichsgesetze können die Wallfahrten und Feste dienen, zu denen, ähnlich wie zu den Kirchweihen „sämwtliche Wirthe", jetzt sämmtliche Pfarrer elvladen, mit dem Bemerken, daß „zahlreiche (!) Priester aus dem Ordens- und Weltklcrus Gelegenheit bieten zur heiligen Deichte", wie zu lesen in der Einladung zum berühmten Rochusfeste bet Bingen. Verbeten werten „ungezogene Religionsspötter, welche ferne bleiben mögen." Daß die weingefüllten Krügelchen mit dem Bilde des Heiligen, die Bratwürste auf den Traubenblättern und der Reiz der Gegend nicht minder als die Ablasse zu dieser „Wallfahrt" cinladen, ist freilich eine gar bekannte Sache. Gleichzeitig ist auf dem dem Rochus»Berg benachbarten Laurenz-Berg eine Wallfahrt, bei welcher auch Ordenspriester Beichte sitzen und auch „vollkommene Ablässe zu gewinnen" sind. Auch die Jesuiten sitzen ungstört in den Beichtstühlen, und es scheint die „preßhaste" Zeit in unserem Lande sie wenig zu berühren. Solch einen geistlichen Vater von mehreren Mitgliedern der Studenten oder Jünglings - Kongregationen (di? in Gymnasium und Realschule ungehindert weiter bestehen) wie den Commandeur von seinen Adjutanten begleitet zu sehen, gehört auch zur Illustration hiesiger Zustände. (Fr- I.)
Berlin, 13. August. Die „Volks. Ztg." schreibt: „Der Subscriptions- eancan der französischen Anleihe erhält noch ein für die Betheiligtcn eben so theureS als peinliches Nachspiel. Einige der Herren BanquierS, welchen die zwar krummen ober doch immerhin noch erlaubten Wege der Spekulation zur De- frierigung der Geldgier nicht ausreichen, haben bei ihren Riesenzeichnungen auf die Anleihe sich des unerlaubten Mittels fingirtcr Wechsel zur CautionSbestellung bedient. Nachdem das französische Gouvernement gleich Anfangs eine solche Zeichnung eines Kopenhagener „WelthaufeS", Gedalier u. Co., im Betrage von 600 Millionen Francs onnuBirt hat, steht das gleiche Schicksal — wie man sich an g'striger Börse erzählte — den Zeichnungen einer hiesigen Bank bevor. D-r Chef derselben bettelt jetzt in Paris um eine milde Praxis in ter Angelegenheit und prostituirt sich auf diese Art doppelt in den Augen unserer Besiegten. In Geldsachen scheint nicht bloS die Gemüthlichkeit, sondern auch der letzte Rest von Scham aufhören zu sollen."
Heber die „Kundgebungen der ultramontanen Presse" schreibt die „Provin- zialeorrespondenz":
Vor Kurzem hatte die Schlesische Volkszeitung einen Anlauf genommen, als wollte sie den Standpunkt der deutschen Katholiken gegen die maßlosen und widersinnigen Hetzereien der Jesuitenblätter vertreten. Der schwache Versuch wurde bald ausgegeben, und daö Breslauer Blatt bemühte sich schließlich, indem es seine eigenen Ansichten verleugnete, den offenbar gewordenen Zwiespalt im ultramontanen Lager zu vertuschen. Es versicherte sogar, von einem Widerspruch der katholischen Organe unter sich nichts zu wissen, und erklärte die Meinungsverschiedenheiten in den wicht gsten Fragen über das Vcrhältniß zwischen dem römischen Stuhle und dem deutschen Reiche für etwa eben so gleichgiltig, wie die Frage, ob Kautschuk oder Gummi vorzuziehen sei. Trotzdem hat die Schles. Volkoztg. sich neuerdings wieder veranlaßt gefunden, gegen eine schamlose Kundgebung der ultramontanen Presse in die Schranken zu treten. Die Civilta cattolica, ein von den römtschen Jesuiten geleitetes Blatt, war in einem Aufsatz über die italienisch-preußische Allianz mit folgenden Aeußerungen hervorgetreten: „Die Allianz zwischen Jlalren und Deutschland ist für Beide ein Unglück. Was Italien betrifft, ist die Sache leicht begre-fl'ch. Die Allianz mit Deutschland hat ihm die Feindschaft Frankreichs zugezogen. Im Fall eines Krieges kostet es Frankreich nichts, dem Königreich Italien in einem Athemzug ein Ende zu machen, und Preußen kann es nicht ver- hindern.... Wenn also das Königreich Italien zerriss-n und zertrümmert ist, könnte es dann wohl Soldaten schicken, um Preußen zu Helsen? Und wenn diese Soldaten sich auch auf den Weg machten, um Preußen zu Helsen, wahrend ihr eigenes Land zertrümmert wird, würde Frankreich nöthtg haben, denselben seine eigenen Soldaten entgegenzusetz.n? Ein solcher Krieg wurde ja hin politische , sondern ein religiöser sein, und sofort nach seinem Ausbruche wurden wir sehen, wie die Kreuzfahrer der ganzen Welt Frankreich zu Hilfe eilen wurden. Fran - reich würde sofort zu seiner Hilfe eine Armee haben, gebildet von Belgiern, Hol- ländern, Italienern, Engländern, Oesterreichern, Spaniern, überhaupt von Allen,
welche ein Herz haben, ihr Leben für Golt preiszugeben. Wer nicht perfönlich zu Hilfe kommen könnte, würde mit Gebet, mit Geld, mit seiner Theilnahme für Frankreich eintreten. Frankreich würde die Hilfe und Gunst oller Katholiken der Welt an seiner Seite haben und unter den Fittichen der göttlichen Vorsehung kämpfen. Die Sache des revolutionären Italiens, mit welcher Preußen die seim'ge verbunden hat, bedeutet offenbar Krieg gegen Gott und feine Kirche. Es wird also, wenn einmal der Krieg losgeht, alle aufrichtigen Katholiken gegen sich haben, die eigenen Unterthanen nicht ausgenommen, welche wissen, daß man Gott über Alles lieben muß, und sich an Christi Wort erinnern: Wer Vater und Mutter wehr liebt als mich, ist meiner nicht werth. So wird der treulose Bund sich gegen diejenigen wenden, welche ihn geschloffen haben. Mögen die Gottlosen nur lachen, aber das Wort des Papstes wird nicht auf die Erde fallen, daß der Stein vom Berge rollen und dem Koloß die Ferse zerschmettern wird." Diese Aeußerungen sind in ihrer vollen Tragweite verstanden worden, wenn man auch in üblicher Weise den Versuch machte, den Sinn der letztangeführten Stellen durch allerlei Deutungskünste zu verdunkeln. Noch dem ganzen Zusammenhänge kann die Drohung mit dem Ungehorsam der eigenen Unterthanen sich nur auf Preußen beziehen; der letzte Theil des Artikels spricht von den Folgen des Bündnisses für Preußen, wahrend der erste Theil lediglich von Italien handelt. Solche Ungeheuerlichkeiten waren denn auch der Schles. VolkSztg. zu stark, die sich zu folgender Erwiderung emporrafft?: „Wenn die Civilta wirk! ch das Alles und zwar in dieser Verbindung und in diesem natürlichen Sinne gesagt hat, so find wir, nicht zum ersten Male, mit ihr durchaus nicht einverstanden. Angenehm ist uns freilich, daß sie uns in der Auffassung des päpstlichen Ausspruches vom Steinchen u. s. w. insofern Recht gibt, als auch sie unter dem Kolosse offenbar das neue deutsche Reich versteht. Auch hat sie vollkommen Recht, wenn sic glaubt, des heiligen Vaters Aeußerung werde nicht auf die Erde fallen, sondern sich aus eine für Preußen schreckliche Weise bewahrheiten, zur Strafe dafür, daß Preußen sich mit dem sacrilegischen Italien verbunden und Arm in Arm mit diesem gottverhaßten Staate den Krieg gegen Gott und seine Kirche zu führen unternommen habe. Allein in der Art und Weise, wie das geschehen wird, irrt sich der Herr Pater.....
Der Krieg Deutschlands gegen Frankreich wird niemals ein religiöser fein, sondern stets ein politischer, und unter den Freiwilligen, die den Franzosen gegen Preußen zu Hilfe eilen, wird sich hin deutscher, kein preußischer Katholik befinden. Die preußischen, die deutschen Soldaten, Gemeine und Offiziere, welche in religiöser Beziehung der katholischen Kirche angehören, werden die Verbindung bedauern, welche ihr Staat mit Italien eingegangen ist; sie werden bedauern, daß ihr etwaiger neuer Sieg über Frankreich die Lage des heiligen Vaters zu Rom indirect verschlimmert oder doch nicht verbessert; aber keiner von ihnen wird deswegen fahnenflüchtig, eidbrüchig, hochverräterisch handeln, sondern nach besten Kräften des Leibes und der Seele auf die Herren Franzosen einhauen, auch wenn letztere lauter weiß-gelbe Fahnen vor sich hertragen sollten.... Gort der Herr wird seinen Statthalter nicht im Stiche lassen; er wird seine Kriege zu führen wissen, so gut wie zu den Zeiten Napoleon'S I.; aber der Weg des Hochverraths und der Fahnenflucht ist nie der Weg Gottes, wenn es auch zweitausend Jesuiten und nicht bloS Der kriegerische Artikelschreiber in seiner römischen Zrlle versichern sollten...." So die Schles. VolkSztg., welche doch wenigstens eine Ahnung davon hat, daß die Kundgebungen der Civilta dazu angethan sind, deutsches B ut in Wallung zu versetzen. Freilich wird man von dem schlesilchen Katholikenblatte keinen nach, haltigen Widerstand gegen die deutschfeindlichen Bestrebungen der ultramontanen Führer erwarten dürfen, da ein solcher nur auf dem Boden sittlichen Ernstes und entschieden nationaler Gesinnung aufkvmmcn könnte. Man muß vielmehr darauf gefaßt fein, schließlich wieder an Kautschuk erinnert zu werden. Indessen bleibt der Zwischenfall immerhin deachtenSwerth, weil er beweist, daß die Jesuiten in Rom gegen Deutschland eine Sprache führen, bei der selbst ihre eifrigsten Freunde auf deutschem Boden sich eines Anflugs von Schamröthe nicht erwehren können.
Gleichfalls spricht sich die „Provinzialcorrefpondenz" über dre Auswanderung aus Deutschland folgendermaßen aus:
Während in allen Theilen Deutschlands Auswanderungsagenten unablässig bestrebt sind, durch Versprechungen und Vorspt gelungen jeder erdenklichen Art Leichtgläubige zur Uebeisiedelung in ferne Lande zu verleiten, ergibt sich aus zuverlässigen Berichten die Gewißheit, daß die-Auswanderer sich m^ist gröblich getäuscht finden und in der neuen Heimath einem traurigen Schicksal verfallen, auch wenn sie dort mit rüstiger Arbeitskraft und selbst mit einigem Vermögen ange- kommen waren. Die Warnung vor diesen Gefahren kann nicht eindringlich genug wiederholt werden und verdient auch in Bezug auf die AuSwanderungSpläne Beachtung, als Deren Ziel neuerdings brasilianische oder auch kanadische Provinzen gepriesen werden. Es ist in der Ordnung, daß alle Wohlgesinnten in Der Presse und im bürgerlichen Leben ihren Einfluß aufbieten, um solchen Unternehmungen nach Kräften entgegenzuwirken und bisherige Vaterlandsgenossen vor gewrffenloser Ausbeutung zu bewahren. Ganz als selbstverständlich muß es gelten, daß von Seiten der Behörden dem AuSwanderungStreiben in keiner Weife Vorschub geleistet werde. Da versucht worden ist, Elementarlehrer durch Zusicherung von Vortheilen


