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Die Wiener Weltausstellung. '

Noch vor wenigen Jahren bot das in Wien abgehaltene deutsche Schützen- ' fest den Wienern Veranlassung, ihrer Abneigung gegen Preußen und Norddeutsch- land einen sehr verständlichen Ausdruck zu geben. Der innere Zusammenhang Oesterreichs mit Süddeutschland wurde in sehr demonstrativer Weise hervorgehoben und selbst Herr v. Beust sah stch veranlaßt, diese Tendenzen wenigstens lndirect unter seine hohe Protection zu nehmen. Der Gedanke, daß seit 1866 Süddeutsch, land nur nach Norddeutschland gravitiren könne, datz jeder politischen Verbindung ' zwischen Süd-eurschland und Oesterreich für immer ein Ende gemacht sei, datz Europa in Berlin den staatlichen Mittelpunkt auch Süddeutschlands zu sehen habe, dieser Gedanke lag damals dem Wiener Publikum wie der Wiener Politik noch sehr fern. Noch wurden die todtgeborenen Ideen eines süddeutschen Bundes in Wien und in Paris, in München und Stuttgart eifrig erwogen und besprochen; noch hatte man die Hoffnung nicht völlig ausgegeben, dermaleinst dem Norddeut­schen Bunde eine österreichisch-süddeutsche Conföderation entgegenzustellen. Und wenn auch die aufgeklärte öffentliche Meinung in der Kaiserstadt an der Donau vor allen Wühlereien gegen Preutzen, vor allem Conspirirew mit dem Welfen- thum und Franzosenthum ernstlich warnte, so war doch auch sie Preutzen und seiner politischen Schöpfung gegenüber noch immer von tiefer Mißstimmung erfüllt, und sah es durchaus nicht ungern, wenn sich der weiteren Entwicklung der deut- schen Verhältnisse allerlei Verdrietzlichkeiten und Schwierigkeiten in den Weg stellten.

Es lag das in der Natur der Dinge, denn die Menschen bedürfen der Zelt, um sich in grotze Veränderungen zu finden und mue, den alten Gewohnheiten, Wünschen und Bestrebungen wiedersprechcnde Verhältnisse mit Klarheit und ohne Leidenschaftlichkeit zu beurtheilen. Die Umwandlung der Stimmungell bleibt immer und überall hinter den Thatsachen zurück. Es war den Ocsterreichern nicht zuzu- muthen, dem Verlust, der sich der Vorstellung eines jeden aufdrängte, unbefangen den Gewinn gegenüberzustellen, der sich für Oesterreich aus einer freudigen An­erkennung und richtigen Benutzung der neuen Verhältnisse ergeben konnte. Deutsch­land mutzte einen neuen Beweis seiner Lebenskraft ablegen, die 1866 angebahnte nationale Einheit m-.tzte zu elnem envgiltigen Abschlutz gelangen, ehe Oesterreich sich in ein freundliches, beiden Theilen Gewinn verheitzendes Verhältnitz zu dem neuen Deutschland zu stellen vermochte.

Nachdem der Einigungsprozeß sich vollendet hat, tst unser innerliches Ver- hältnitz zu Oesterreich ein völlig anderes geworden. Schon während wir die Kraftprobe, zu der wir gezwungen waren, ablegtcn, begleitete uns das StammeS- gefühl der Deutschen Ocsterreichs mit warmer Theilnahme und aufrichtigen Wün­schen. Zugleich aber erwachte auch das Bewußtsein, datz die höchsten Interessen der Politlk den Kaiserstaat auf denselben Weg wie die StammeSsympathien wiesen.

Unter dieser doppelten Einwirkung trat bann jene Umwandlung der Stirn- m1innfr,nd her Bertebunacn rwischcn den beiden 'Jla&batidAtn«**, p- -"ll- ukv grunuhofer niä)t gedacht werden kann und wie sie unter entsprechen­den Verhältnissen in der Geschichte wohl ohne Beispiel ist. Die alte, den Gang der deutschen Geschichte durch fast zwei Jahrhunderte bestimmende Eifersucht ist überwunden; die aus dem Kriege von 1866 hervorgegangene bittere Stimmung der Deutsch-Oesterretcher ist gegenseitigem aufrichtigem Wohlwollen gewichen. Für die Gewalt der Thatsachen hat stch rasch ein Verständnitz gefunden, welches das glänzendste Zeugnitz für die innere Berechtigung dieser Thatsachen ablegt.

Die bevorstehende Weltausstellung in Wien wird daher auch ohne Zweifel das Verhältnitz der Deutschen und Oesterreichcr in einem ganz anderen Lichte erscheinen lassen, als seiner Zeit das Schützenfest. Auf dem Gebiete der Gewerbe und Künste herrscht zwischen den verschiedenen Nationen ein reger Wetteifer: jede sucht es der anderen gleich oder zuvor zu ttzun. Dieser Wetteifer soll ja even durch die großen Weltausstellungen angespornt werden; jede Nation soll ihre Schwächen und ihre Vorzüge durch die Vergleichung mit den Leistungen anderer Nationen erkennen; die Fortschritte, die an einem Punkte erzielt sind, sollen für alle Länder ein kräftiger Antrieb zur Nacheiferung werden. Aber den Charakter gehässiger Eifersucht wird dieser Wetteifer in den Künsten des Friedens, dies Ringen um den ersten Rang in den Arbeiten der Civllisation nur da annchmen, wo politische Entzweiung die Beziehungen zweier Nationen trübt und vergiftet.

Zwischen Deutschland und Oesterreich bestehen aber auf politischem Gebiete gegenwärtig die freundlichsten und wohlwollendsten Beziehungen. Und diese Be­ziehungen werden sich auch bei der Zusammenstellung und Vergleichung dessen, was in beiden großen Culturreichen auf dem Gebiete der Industrie, der Land- wirthschaft, der Kunst geleistet ist, geltend machen. Neidlos wird jeder die Vor- züge des andern anerkennen, man wird geben und empfangen, lehren und lernen. Aus den zahlreichen persönlichen Berührungen zwischen den Nationen, die eine der segensreichen Folgen der großen Ausstellungen sind, wird auf allen Gebieten des Lebens ein gesteigerter Verkehr namentlich zwischen Nordbeutschland und Oesterreich sich entwickeln. Man lernt sich kennen, und die persönliche Bekannt- schäft hat die deutschen Stämme stets einander näher gebracht.

Den Erzeugnissen des deutschen Fleißes wird in den AuSstellungSbaulich- leiten ein weiter Raum gewährt werden. Möge die deutsche Industrie unter der Leitung ihres hohen Protektors alle Anstrengungen ausbieten, um dem deutschen Stamm auch auf diesem Gebiete Ruhm und Ehre zu erwerben. Zur Zeit der Pariser Ausstellung lastete der Druck einer ungewissen Zukunft auf der Gewcrd- thätigkeit. Jetzt kann sie sich frei entfalten, und sic würbe ihren Vortheil, wie ihre Pflicht schlecht verstehen, wenn sie es versäumte, sich in der befreundeten Stadt tn vollem Glanze zu zeigen.

Deutschland.

Gießen, 15. April. Auch von hiesigen Katholiken ist eine Petition an den Reichstag abgesandt worden, daß den Ordensmitgliedern des Iesuiten-Ordens als solchen der Aufenthalt und die Wirksamkeit im Deutschen Reiche durch ein Reichs- gesetz versagt werde, und zwar mit Hinweisung auf die Verhältnisse in unserem Großherzogthum. (F. I.)

Darmstadt, 14. April. Die Commission, welche die Grundprincipien der hessischen Stavte-Ordnung beräth, war heute zusammengetreten. Das allgemeine und direkte Wahlrecht, vorzugsweise von Ohly befürwort^, stieß, wie verlautet,

namentlich Seitens der Vertreter Offenbachs, auf heftigen Widerstand. Ja 14 Tagen soll eine grotze Delegirten-Bersammlung statifinden.

Fulda, 12. April. Die Bischofs-Confercnz ist gestern Abend nach Abhal­tung von vrer geheimen Sitzungen geschlossen worben. Heute sind bie Theilnehmer nach ihren Diöcesen wieder zurückgere'st, nachdem sie zuvor, wie wir hören, Ver hiesigen Armenkasse ein namhaftes G.sbenk übergeben haben. Ueber den Verlauf der Berathungen, sowie über die gefaßten Beschluss; verlautet nur so viel, daß die Bischöfe Preußens, wie wir bereits früher mittheilten, ihre Stellung in der kirchlichen Frage in einem Hirtenbriefe oder in einer Denkschrift präcisiren wollen. Auch soll festgesetzt worden sein, von jetzt ab regelmäßige Conferenzen in unserer Stadt abbalten zu wollen.

Berlin, 15. April. Der Reichstag genehmigte in dritter Lesung die Con- sular-Conventiouen mit Italien, Spanien und Nordamerika, letztere mit einem von den Abgg. Schleiden und Kapp beantragten Interpretationszusatze. Des­gleichen wurde der Handels- und Sch fffahrtSvertrag mit Portugal mit einem Zusotzantrag von Rochau und Bennigsen, welcher die Auslieferung der Angehörigen einer Nation an eine andere für unstatthaft erklärt, in dritter Lesung angenom­men. ES folgt hieraus die erste Lesung des Gesetzentwurfs über die Rechtsver­hältnisse der Neichsbramten. Der Antrag Wagner's auf Vorberathung der Para­graphen 61 bis 66 und 70 bis zum Schlüsse durch die Commission und der übrigen Artikel im Plenum wurde angenommen. Schließlich wurde der Gesetz­entwurf wegen Erhebung der Brausteuer nach längerer Debatte der Commrsstoa überwiesen.

Vom Rhein, 12. April. Soeben erhalte ich die Mittheilung, baß der Jesuiten - General in Rom den Provincial der deutschen OroenSprovinz , Pater Faller, seiner Stellung enthoben und den Vater Oswald zum Provrncial für Deutschland ernannt hat. Der neue Provincial hat seinen Wohnsitz in Bona genommen. Auch erfuhr ich Näheres über den Vater und Fabrikanten des neuen Dogma's, den Jesuiten-Pater Kleutgen, einen gebornen Müastcrländer. Die Commission de licke beauftragte nämlich zwei I suiten mit der Ausarbeitung der Constitulio dogmalica de fide, P. Franzelin, Professor der Dogmatik am Colle­gium Roman, und P. Kleutgen; des letztem Elaborat wurde bekanntlich mit un- wesentlichen Modifikationen angenommen. Kleutgen war wahrend des ConcilS der Theologe des Br xner Vlschofö und hielt sich nach demselben längere Zeit in , Brixen auf; jetzt ist er in der sogenannten Residenz der Jesuiten in Görz. Der- > selbe war vor einigen Jahren einmal suSpendirt vom Betchthören und vom Lehr- ; stuhl. Eine Nonne in Rom gerirte sich ä la Maria von Mörl; P. Kleutgen und noch ein Jesuit hatten die Untersuchung zu leiten, wurden indeß von der ' schlauen Nonne hintergangen. Auf dieses hm suependirte der Gerichtshof der Inquisition die beiden klugen Patres vom Beichthören. Kleutgen wurde dagsgen vom Papste wieder reactivirt, indem er bald dessen Aufmerksamkeit auf sich zu , lenken wußte. (A. Ztg )

Aus bem Ermeland, 10. April. DieErmel. Volksbl." veröffentlichru . folgendes Schretven ut» Katsklo Wilhelm an den Bischof Krcmcutz,

Mein Herr Bischof! Aus Ihrem Schreiben vom 22. d. M. habe Ich mit Wohlgefallen ersehen, daß Sie Meiner auch bei Gelegenheit Meines ciesjährigen . Geburtssestes an heiliger Stätte fromm gedacht haben. Indem Ich Ihnen hier­für und für den Mir gewidmeten Glückwunsch verbindlrchst danke, lege Ich Ihnen j die freundliche Bitte an das Herz, mit Mir Ihre Gebete zu Gott dem Allgütigen inbrünstig darauf zu richten, daß Er die Seelen in Meinem Volke gnädig lenke, damit die Bewegung, welche sich vieler Gemüther bemächtigt hat, zum gemein- . samen Heile der Kirche und des Vaterlandes in Flieden sich wieder ausgleiche. ' Berlin. 27. März 1872. Wilhelm."

Karlsruhe, 15. April. Die gestrige Lanvesversammlung der Altkatholiken ! in Offenburg war von über 2000 Theilnehmern besucht und mußte wegen der > Unzulänglichkeit der gemieteten Lokalität im Freien abgehalten werben. Von WlNdscheid (Heidelberg) und Intlekofer (Offenburg) eingeführt, hielten ReinkenS . und Knoodt Vorträge von zündender Wirkung. Specielle Anträge waren nicht i gestellt. Mit einem von Intlekofer ausgcbrachten Hoch auf die Geistesfreiheit und , in gehobenster Stimmung ging die Versammlung auseinander. Keinerlei stören­der Zwischenfall sand statt.

Stuttgart, 15. April, 12 Uhr. Der Landtag wurde soeben durch königl. Reskript vertagt.

München, 15. April. Abgeordnetenkammer. Berathung des Etats des -mSwärtigen Amtes. Freytag beantragt die Einziehung aller außerdeutschen Ge- sandtschasten, außer Wien. Herz beantragt, auch Wien auszuheben. Der Mi­nister-Präsident erklärt, er habe im Ausschuß nicht gesagt, daß die bayerische Di­plomatie jetzt bedeutungslos sei, sondern nur gesagt, daß in Folge der Neugestal­tung der deutschen Verhältnisse die europäischen Fragen kein Gegenstand oer Sehandlung für die bayerische Diplomatie mehr feien. Der Antrag Freytag's wolle die Rcservatrechte im Interesse einer Partei preisgeben, wogegen schon die Rücksicht auf die Ehre und die Würde Bayerns spreche. Beide Anträge werden hierauf abgelchnt, der Antrag von Herz mit großer, der Antrag von Freytag mit kleiner Majorität. Vorher wird der Antrag des Ausschusses auf Neubildung des StaatSratheS trotz des Widerspruches des Minister» des Innern und der Er- , kiärung, daß die Regierung nicht darauf cingehen könne, angenommen.

Schweiz.

Bern, 15. April. Laut osficieller Mittheilung der wurttembergischen Re- 1 g erung an den BundeSrath hat dicselbe das württembirgische Consulat tn Gens aufgehoben.

Belgien.

Brüssel, 15. April. Da Gontaut-Biron den Herzog von Broglte als Bot- 1 schaster in London ersitzen soll, so bezeichnen Pariser Nachrichten Pouyer-Quertiir als künstigen Botschafter Frankreichs in Berlin.

Frankreich.

Paris, 14. April. Da»Journal officiel" meldet, daß der Paßzwang seit dem 20. d. tn den Häfen des Canals und an der belgischen Grenze aufge­hoben ist.

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