entwürfe«, welche Ihnen bereits in der eben verflossenen Session zugegaugen sind, andere tzes.rtzgeberische Aufgaben von Bedeutung zu unterbreiten. Sie wissen bereits aus der früheren Vorlage des Staatshaushaltsetats von 1873, daß die Finanzlage Preußens eine durchaus befriedigende ist, daß nicht allein die Milte! vorhanden sind, um den auf dem Gebiete der Staatsverwaltung hervorgetretenen Ausgabebedürfnissen in weitem Umfange gerecht zu werden, sondern auch um er- hebliche Summen zur Bildung von ProvinzialfondS, zur Gewährung von Wohnangegeldern, Zuschüssen an Staatsbeamte und zur außerordenllichen Tilgung von Staatsschulden zur Verfügung zu stellen. Zugleich gestattet die Finanzlage, an der Absicht festzuhalten, den weniger wohlhabenden Etnwohnerclassen eine umfassende Steuererleichterung zu Thetl werden zu lassen; ein Gesetzentwurf wegen Abänderung des Gesetzes vom 1. Mai 1851, betreffend die Einführung einer Claffen- und classificirtc» Einkommensteuer, wird Ihnen unverzüglich zugehen. Es werden Ihnen Vorlagen gemacht werden, welche bestimmt sind, d^e Beziehungen des Staates zu den ReligionSgesellschaften nach verschiedenen Richtungen hin klar zu stellen. Vor Allem werden Sie wiederum mit der Umgestaltung der bisherigen Kreiseinrichtungen befaßt werden. Die Regierung Sr. Majestät ist fest durch- drungen von der Nothwendigkeit, die Reform, deren Ausführung durch Bereitstellung der dazu erforderlichen Geldmittel erleichtert wird, als Grundlage der Lösung mannigfacher anderer Aufgaben des Staates ins Leben zu rufen. Es wird Ihnen ein Entwurf der Kreisordnung vorgelegt werden, in welchem unter Festhaltung der wesentlichen Grundlagen des früheren Entwurfs eine Reihe von solchen Veränderungen vorgeschlagen ist, deren Nothwendigkeit oder Zweckmäßigkeit fich aus den bisher stattgefundencn eingehenden Berathungen ergeben hat. Die Regierung Sr. Majestät hofft zuversichtlich, eine allseitige Vereinbarung über diesen Entwurf zu erreichen, und ist entschlossen, die Durchführung der bedeutsamen Aufgabe durch alle Mittel, welche die Verfassung der Monarchie an die Hand giebt, zu sichern. Im Namen Sr. Majestät des Kaisers und Königs erkläre ich den Landtag der Monarchie für eröffnet."
Berlin, 12. Novbr. Bei der Eröffnung des Landtages im Weißen Saale des königl. Schlaffes waren etwa 100 Mitglieder beider Häuser, darunter die Präsidenten derselben, anwesend. Geheimrath Zitelmann überreichte dem Grasen Roon die Thronrede. Nach Verlesung derselben brachte der Präsident des Her- renhauses, Graf Stolberg, ein dreifaches Hoch auf den Kaiser und König aus, in welches die Versammlung lebhaft einstimmte.
Berlin, 12. Novbr. Sitzung des Abgeordnetenhauses. Dieselbe wird um 2 Uhr durch den Präsidenten v. Forckenbeck mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser und König eröffnet. Nach der Bildung eines provisorischen Bureaus er- folgt die Verloosung in die Abtheilungen, wobei die Anwesenheit von 245 Mitgliedern constatirt wird. Morgen um 11 Uhr findet die Wahl des Präsidenten und der Schriftführer statt.
Berlin, 12. Novbr. In dem Prozesse Kozmian contra „Nordd. Allg. Ztg." erfolgte heute das erstinstanzliche auf Freisprechung lautende Erkenntniß. — Das Herrenhaus wählte den Grafen Stolberg mit 79 von 85 Stimmen zum Präsidenten, den Geh. Justizrath Plötz mit 77 von 85 Stimmen zum ersten Vtcepräsioenten. Graf Brühl wurde in engerer zweiter Wahl mit 41 gegen 38 Stimmen, welche auf Berwuth fielen, zum zweiten Vicepräsidenten gewählt. Nächste Sitzung morgen.
Berlin, 12. Novbr. Die Bestätigung Hobrecht's (Berlin) und Richters (Memel) als Mitglieder des Herrenhauses ist vom Könige vollzogen worden. — Die „Spen. Ztg." meldet den gestern erfolgten Abschluß der vertraulichen Con- ferenzen über die Kreisordnung und die Durchberathung der Conferenz-Refultate in der heutigen Sitzung des Staatswinisteriums. Der Ausgang der Eonferenz wird von parlamentarischer Seite als befriedigend bezeichnet und auch die Fortschrittspartei werde sich zum KreiSordnungS - Entwurf im Ganzen zustimmend verhalten. ,, , ,
Frankfurt, 11. Novbr. In der gestrigen sehr zahlreich versammelten Landesversammlung der hessischen Fortschrittspartei wurde der Erlaß eines Wahlaufrufs beschlossen. Derselbe gibt in warmen Worten der nationalen Gesinnung der Mitglieder der hessischen Fortschrittspartei Ausdruck und fordert entschiedenes Auf- treten der hessischen Regierung in dem Kampfe gegen den UltramontaniSwuS. Das neue Ministerium wird daran gemahnt, seine freiheitlichen Zusagen zur Wahrheit zu machen. Als erste Erfordernisse einer Besserung im Innern werden bezeichnet Selbstständigkeit der Gemeinden und Bezirke, Vereinfachung der Staats- Verwaltung, Erlaß eines zeitgemäßen Kirchen- und Schulgesetzes, vor Allem aber und als die nothwendigste Bürgschaft einer aufrichtigen Reform Beseitigung der Anhänger und Werkzeuge der gestürzten Ministerien Dalwigk und Bechtold aus den Reihen des hessischen BeamtenstanveS. Die weiteren Gegenstände der Verhandlungen waren vertraulicher Natur. Dieselben bezogen sich meist auf die bevorstehende Wahlcampagne. (D. Pr.)
Paderborn, 8. Novbr. Die famosen Pastoralbriefe spuken wieder. Nach der „Germania" hat auf die Seitens des Herrn Bischofs an das hiesige Kreisgericht ergangene Aufforderung zur Herausgabe der mit Beschlag belegten Pastoralbriefe das gedachte Gericht nach Verlaus von vier Wochen erwidert, daß diese Dokumente sich zur Zeit im Besitz» unseres Herrn Staatsanwalts befänden. Die „Germania" ist natürlich über diese Gefangenschaft ihrer geistlichen Freunde sehr erbost.
Dresden, 11. Novbr. Bei der gestrigen Vorstellung im Hoftheater wurde das Jubelpaar, sowie das deutsche Kaiserpaar mit je dreimaligem Hoch von der Festversammlung begrüßt. Der gestrigen Galasoiree bei dem KcicgSwinistrr wohnten der Kaiser, die Kaiserin, der deutsche Kronprinz, der König von Sachsen, das sächsische Kronprinzeupaar, Prinz und Prinzessin Georg und sämmtliche hier anwesende Fürsten bei. Die Abreise der kaiserlichen Gäste erfolgt heute Abend um 6 Uhr, vorher ist Familiendiner bet der Königin-Wittwe Marie.
Aus Bayern, 9. Novbr. Dr. Sigl hat nunmehr ave Hände voll zu thun, um der harlbedrängten Dame Spitzrber betzustehcn. Er beschuldigt die Regierung der Einseitigkeit, weil dieselbe vor den Dachauerbanken warne, während sie doch noch nie vor den „Geld-Juden" gewarnt habe, die den Leuten Vie Haut über den Kopf zögen. Daß diese doch auch mehr als 100 pCt. aus dem Geld zu ziehen verstanden, gehe schon daraus hervor, daß nach Verlauf weniger Jahre seit ihrer Zulassung in München, halb München ihnen gehöre. Der ganze Unterschied bestehe darin, daß die Juden den ganzen Gewinn für sich behalten, während die Spltzeder fast alles dem Arbeiter, dem Dienstboten, dem kleinen Handwerker überlasse. Herr Sigl behaupte, ferner, die Spitzeder'sche Bank stehe fester als je, sie werde sogar höchst wahrscheinlich das sogenannte deutsche Reich
überleben. Er scheint aber doch der Geschichte nicht ganz zu trauen, denn er schließt seinen Artikel mit folgendem Fingerzeig: „Sollte sie (die Bank) aber in Folge der gemeinschaftlichen Anstrengungen der Juden und Fortschrittler und derer, die diesen zuweilen die Kastanien aus dem Feuer zu holen, die Neigung haben, zusammenbrechcn, so werden die Interessenten der Bank jedenfalls wissen, an wen sie sich zu halten haben." Daß die Utzten Augenblicke diesem Schwtnd- lerinstitut gekommen sind, geht aus folgender Notiz der Münchener „Neuesten Nachrichten" hervor, welche unterm 7. d. Mts. ichreiben: Heute Mittag kurz nach 1 Uhr ließ ein erheblicher Zusammenlauf vor dem Hause Nr. 7 b an der Frauenstraße, woselbst bekannrlich eine Dachauerbank etabltrt ist, sowie das Er- cheinen mehrerer Gendarmen auf einen ungewöhnlichen Vorgang schließen. Bald klärte sich der Sachverhalt auf, die DachauerbankinhabertU Pauline Dosch wurde von Polizeibeamten aus dem Hause geführt und, wie man bemerken konnte, mit Büchern und Schriftstücken, welche zweifelsohne in Beschlag genommen worden waren, per Droschke zur Polizei transportirt.
München, 12. Novbr. Der Erlaß eines Nothgesetzes wegen der Spitzeder'- chen Bank wirb überflüssig, weil heute über tieselbe die Gant erklärt wurde. Die Ueberschuldung beläuft sich auf mehrere Millionen Gulden.
München, 12. Novbr. Soeben hat sich eine Gerichts-Commission zu der Dachauer Bank der Fräulein Adele Spitzeder begeben, um Einsicht von der Ge- chästsführung zu nehmen. Die Straße, in welcher die Bank liegt, ist militärisch abgesperrt.
Frankreich.
Pans, 9. Novbr. Der „Rappel" bestätigt heute, daß die Regierung auf die 3 Mtlliarden-Anleihe 1750 Millionen erhalten hat, wovon bis jetzt 800 an Deutschland gezahlt sind. Bis zum 31. December sollen noch 200 Millionen abg tragen werden, so daß am 1. Januar 1873 die dritte Milliarde vollständig bezahlt ist und dann noch 750 Millionen für die vierte Milliarde übrig sind. Wie der „Rappel" hinzufügt, erhält die Regierung am 11. November und am 11. December zwei neue Einzahlungen, so daß sie am 1. Januar die vierte Milliarde in der Caffe haben wird und Anfang nächsten Jahres die Räumung der Departements der Ardennen und Vvgefen erfolgen kann, die bekanntlich bis zum 1. März 1874 hinauSgeschoben war. Dann können auch die Unterhanv- lungen wegen der Garantieen für die fünfte Milliarde beginnen. Wie es heißt, wird die ThierS'sche Botschaft eine ähnliche Mittheilung enthalten und sagen, daß die vollständige Räumung bis Mitte nächsten Jahres wahrscheinlich eine vollendete Thatsache sein wird.
Paris, 9. Novbr. Gestern Morgen um 10 Uhr fand eine Explosion in den Kohlengruben von Blarcy Statt; 33 Bergleute wurden getödtet und 5 verwundet. In der letzten Woche starben in Parts 602 Personen, 52 weniger wie in der vorletzten Woche.
Türkei.
Konstantinopel, 7. Novbr. In einem heute abgehaltenen Ministerrathe wurde beschlossen, in einem großveziriellen Schreiben an den Fürsten Karl von Rumänien alle Forderungen Midhab Pascha's streng aufrecht zu erhalten. Die osficiösen Blätter sprechen sich bitter über die Anmaßungen des rumänischen Ministers Costaforu aus.
Wie dem englischen, so wurde auch den anderen Gesandten mitgetheilt, Mahmud Pascha werde keinesfalls wieder Großvezir werden. Midhad'S Restauration ist nicht unwahrscheinlich; er verkehrt mit Halil Pascha sehr ost.
Konstantinopel, 9. Novbr. Der Sclavenverkthr zwischen Tripolis und Konstantinopel ist sehr lebhaft; ein englisches Schiff kam am Mittwoch mit 20 Sklaven an.
Amerika.
Newyork, 9. Novbr. Nach den nunmehr vollständig vorliegenden Wahlberichten hat der Präsident Grant in 30, Greeley in 7 Staaten der Union gesiegt. __________________________________
Vermischtes.
Die St. Galler Ztg. erzählt folgendes Geschichtchen, das, wenn nicht wahr, doch ganz hübsch erfunden ist. „Ein preußischer Schul-Jnspector", schreibt ste, „kam in eine elsässische Dorfschule. Er wählt sich einen dermtelligeutesten Knaben aus und prüft: „Weißt Du, mein Sohn, wie unser Heiland heißt? — „Jesus Christus. — Wo ist er?" - „Er isch g'schtorbe." — „Wie ist er gestorben?" — „Er isch um- brocht worde." - „Wer hat ihn umgebracht?" - ,,D' Preiße!" Wie da der Preuße aufblitzte! „Was für einen Geist haben Sie in Ihrer Schule?" polterte er dem zitternden Lehrer zu. „Ich werde auf Ihre Entsetzung und auf Ihre Landesverweisung antragen, denn Sie begehen ein Hochverraths-Verbrechen." Des Lehrers H-rau holte den Pfarrer und den Maire herbei. Diese fragten das Kind aus und es fand sich Folgendes: Der Knabe hatte auf den Gemälden des sogenannten „Kreuzwegs" in der Kirche Schergen mit Helmen gesehen, welche den Heiland zur Richtstätte führen. Da er nun zu Hause, bei Verwandten und Bekannten, gegen die Preußen alles Mögliche hatte vorbringen hören, und gesehen, wie dieselben ebenfalls Helme tragen, hat er verwechselt und geschlossen, ohne daß in der Schule darüber verhandelt worden, die Preußen hätten den Heiland getödtet."
Vor dem Essex-Markt-Polizeigericht in Newyork erschien am 20. Septbr. NathanSimon, ein Bürschchen von dreizehn Jahren, unter der Anklage, feme mindestens fünfunddreißig Jahre alte Frau mißhandelt zu haben. Nathan ist em hochaufgeschossener schmächtiger Knabe, der offenbar gegen den Gebrauch von Wasser und Seife große Abneigung hat. Sein Weib ist eine robuste Tochter Israels, die ihren jugendlichen Ehemann gewiß ohne große Anstrengung unter den Arm nehmen und durchbläuen könnte. Warum sie das nicht gethan und vorgezogen hatte, sich von Nathan mißhandeln zu lassen, war der Zuhörerschaft wie auch dem Richter nicht recht einleuchtend. Es kam zu folgendem Dialog: Richter. Wie alt bist Du, mem Junge? Nathan. Dreizehn Jahre, mein Herr. Richter. Wie lange bist Du verheirathet^ Nathan (schluchzend). Ein Jahr. Ich will mich aber jetzt scheiden la sen; ia das will ich. ^Richter. Warum schlägst Du Deine Frau? Nathan (Muth fassend). Sie giebt mir nichts zu essen; sie sagt, sie sei eifersüchtig auf mich; das bringt mich von (Sinnen. Richter. Ich glaube es nicht und sage Dir, wenn Du nochmals wegen einer solchen Affaire vor mich gebracht wirst, so werde ich Dich in das Kinder-Asyl schicken. (Zu Frau Simon). Madame, führen Ste den Jungen nach Hause und sorgen Sie, daß sein Gesicht gewaschen wird.
Börsenberichte.
Frankfurt a. M., H. November. Die Einflüsse des Geldmarktes machten fich beute, nachdem die englische Bank ihre DtSconto am Samstag auf 7 % erhöht hatte, beim Herannahen des Medio, sehr fühlbar. Die Nachricht von einem daS Geschäftsviertel zerstörenden Brande in Boston, der zweifellos schädigend auf den internationalen, besonders englischen Handel einwirkev wird, sowie der äußerst schwierige Geldstand an hiesigem Platze erschütterten die auf günstige


