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Gichener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Hua* nähme Sonntags.
Expedition : Canz letb er Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kietzen.
Mr» 2f»7,. Mittlvoch dm 13. November 1^72*
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/Gießen, 11. November. Zur Landtagswahl. Gestern fand dahier eine offen ltlche Versammlung von Urwählern aus fast allen Thecken Oberheffens zum Zwecke der Verständigung über die bevorstehenden Lauttagswahlen statt. Dem Vernehmen nach wird ein eingehender Bericht über das Ergebnis der Verhandlungen in diesen Blättern erscheinen; wir beschränken uns daher auf die Bemerkung, daß der einleitende Vortrag des Präsidenten, Hofgerichts-Aovocaren Dr. Eckstein, sowie die geistvolle Rrde des Professors Dr. Onken mit ungetheiltern Beifall ausgenommen wurden, und daß sich eine erfreuliche Uebereinst mmung aller An- wesenden über die Grundsätze, welche bei der Wahl von Abgeordneten zu befolgen sein, kundgab.
Gleichzeitig mit dieser Versammlung tagte im Landsbcrg zu Frankfurt die hessische Fortschrittspartei in vertraulicher Berathung; an dem weitaus größten Theile der Bewohner unserer Provinz ging dies Ereigniß unbeachtet und spurlos vorüber.
Die nächsten Tage schon werden die Parteien zum Wahlkampfe gerüstet finden. Wie derselbe verlaufen wird, darüber hat uns oie verflossene Woche bereits hinlänglich aufgeklärt. Schon bei dem ersten Versuche, der von Gießen aus gemacht wurde, selbstständig in die Wahlvervegung einzugrerfen und sich direct, ohne Vermittelung einer Partei, mit den Notabeln der Provinz tn Benehmen zu fetzen, schlugen einzelne Preßorgane, einen Ton an, der nichts weniger als anständig genannt zu werden verdient.
Allen voran die „M a i n z e i t u n g", das Organ des engherzigsten Darm- städter Localparriot smus, dessen Einfluß in dem größten Theile unserer Proviin nachgrade auf den Nullpunkt hcradgrsunken ist. Mit unbegreiflicher'Verblendung wendet sich jenes Blatt gegen die eigenen Parteigenossen und indem cs alle Männer aus Gießen und ben anderen Dtäbten der Provinz, welche zu gemein- fchaftlichem Handeln sich vereinigt haben, gleichsam über einen Kamm scheert, denuncirt sie dieselben der öffentlichen Meinung als „hirnverbrannte, unverbesser- liche Particulariflen, armselige Politiker, revolutionäre Bande, ehrgeizige Streber" u. dergl. mehr.
Kaum besser ergeht es unsren Bestrebungen in der zu Frankfurt erscheinenden „Deutschen Presse." W,r bedauern, daß sich dieses sonst gut reeigirte, in neuerer Zeit hier gern gelesene und grade von hier aus »etter empfohlene Blatt zur Verletzung der Bewohner unserer Provinz hergegeben hat. Von einem verbissenen Eoirefpondrnten aus einer benachbarten Stabt bedient, ist dasselbe offenbar über Die eigentliche Sachlage nicht hinreichend unterrichtet. —
Halten w.r diesen theilS böswilligen, theils thatsächlich unrichtigen Unter- stellungen einfach eine wahrheitsgetreue Darstellung des SachverhUtS gegenüber!
Die bitteren Erfahrungen, welche die Provinz Oberhcffen seit einer langen Reihe von Zähren gemacht hat, so oft sie ihre Vertretung in der zweiten Kammer der Stände in die Hände von Männern legte, welche dte Bedürfnisse der Provinz entweder nicht verstanden oder durch Paiteirücksichten und Parteibiöc plin gebunden, nicht geltend wachen vurften, — diese Erfahrungen wußten naturgemäß allen voruriheilefreien Männern unserer Provinz die Ueberzeugung ausbrängen, daß es unumgänglich erforderlich sei, mit der seitherigen Hebung zu brechen. Nicht jetzt erst ist der Entschluß gereift, dahin zu wirken, baß vorzugsweise solchen Männern die Vertretung unterer Provinz anvertraut werde, welche neben dem Willen auch die Fähigkeit besitzen, Die Wohlfahrt ihrer Wahlbezirke zu fördern; diese Absicht bestand schon lange, ohne daß man sich über die Mittel zu deren Durchführung einigen konnte. Nunmehr schien aber Der richtige Moment gekommen zu sein, und da zögerte man in Gießen nicht, Die Bewegung energiich in Angriff zu nehmen.
Nicht kleinliche Gesichtspunkte, nicht persönliche Rücksichten sind es indessen, die Den Ausschlag gaben. Zn erster Linie stellt man an Die vorzuschlagenden Candidaten Die Anforderung, Daß sie treu zum deutschen Reiche und Der Dadurch neu geschaffenen Ordnung der Dinge stehen, daß sie Den inneren freiheitlichen Ausbau unserer Verfassung fördern, zur Revision unserer Gemeinreoersassung, zur Regelung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche und im Sinne bis Fortschritts ihre Zustimmung geben, und Daß sie sich endlich Den allgemeinen Znterissen unseres engeren Vaterlandes und Den besonderen berechtigten Interessen Der beiden Schwesterprovinzen nicht verschließen. Zn zweiter Reihe fordert man gewissenhafte Arbeiter; man will keine Vertreter, Die ihre Stellung zu nutzlosen politischen Demonstrationen und zur Opposition aus Grundsatz mißbrauchen. Erst wenn diese Erfordernisse vorhanden sinb, wird man bei gle.cher Befähigung Der auftretenden Candidaten Den Angehörigen dieser Provinz Den Vorzug geben.
Es ist gar feinem Zweifel unterworfen, daß sich in Oberhessen Männer finden, welche jenen Anforderungen vollständig Genüge leisten uno man würde kaum in einem Falle nöthig haben, solche auswärts zu suchen.
Man hält hier — wie sonst überall in Obtcheffen — die Fahne de-
FortschrittS hoch! Aber grade weil man dies thut, wendet man sich an alle patriotische und liberal gesinnte Männer der Provinz ohne Unterschied, welcher besonderen Parieirichtung sie im Uebrigen angehören. Grade dieses Zusammenwirken aller liberalen Parteien hat von jeher im politischen und speciell parlamentarischen Leben Großes hervorgebracht. Man ist hier nicht gesonnen, der Rücksicht auf Parteiführer Die bessere Ueberzeugung zu opfern. Die Herren, welche der beginnenden Wahlbcwegung seither entgegengetreten sind, mögen sich die Sache zweimal überlegen, ehe sie die Spaltung in Der Partei zu einer unheilbaren machen und dadurch vielleicht revolutionären Elementen zum Sieae verhelfen. e
Aller Anstrengungen des Parteiterrorismus ungeachtet wird Oberhessen zuversichtlich seine wahren Freunde herauszufinden wissen.
Darmstadt, 11. Novbr. Der AufsichtSrath der Bank für Handel und Industrie beschloß mit Rücksicht auf Die Ausdehnung Der Geschäfte Der Abteilung Öerfin und Die bevorstehende Errichtung mehrerer neuer Commanditen weitere 10,000,000 Gulden Aktien mit Dividende von 1873 zu emittiren und solche Den derzeitigen Aktionären und zwar 2 neue auf 5 alte zum Cours von 150 pCt. zur Verfügung zu stellen.
Berlin, 9. Novbr. Der Minister. Conseil bei Sr. Majestät dem Könige hat gestern Nochmittag 3 Uhr in Gegenwart des Kronprinzen Statt gefunden, nachdem Die Mitglieder des Staats-Ministeriums sich vorher um 2 Uhr in Dem H^el des Handclsministers zu einer Conferenz versammelt hatten, und hat bis gegen 6 Uhr gedauert. Se. Majestät hat, wie man virnimmt, den aus dieser Ernferenz und den früheren Berathungen des Staats-Ministeriums heroorgegan- genen Beschlüssen seine volle Zustimmung ertheilt. Die Kreisordnung wird mit einigen geringen Abänderungen in Der Fassung, wie sie aus den Berathungen des AbgeorDnetenhauses hervorgegangen ist, nach Eröffnung Der neuen Session, und jtoar zuerst im Abgeordnetenhause wieder eingebracht werden. Der Minister des Innern, welcher wohl zu diesem Zwecke bereits heute den Präsidenten des Abgeordnetenhauses v. Forckenbeck empfing, wird mit verschiedenen aus den wichtigsten Fraktionen dieses Hauses gewählten Vertrauensmännern zunächst Die neue Vorlage durchberathen, um Der Zustimmung Des Hauses Desto sicherer zu sein. Während deffsn wird der Pairsschub erfolgen. Wenn man sich fragt, woher das Herrenhaus Den Muth nahm, eine Vorlage wie Die Kreisordnung zu verwerfen, auf welche das Ministerium ein so großes Gewicht legt, und zwar ein Ministerium, Da« Denn doch am Ende so konservativ ist, wie es heuizutage in Preußen mög- "ch, so muß man wohl als Hauptursache betrachten, daß unsere kleinen Herren sich über Die Entschiedenheit an höchster Stelle täuschten. Wenn eine oder die andere heilsame Kopfwäsche vorher statt nachher erfolgt wäre, so würden unsere l-ippe und Kleist-Retzow vermuthlich nicht die Mehrheit im Herrenhause erlangt haben. Besonders rechneten unsere Hochtories Darauf, daß, wie sie meinten und sagten, der Kaiser eine unüberwindliche Abneigung gegen einen PairSschub hege $*un, jeder besonnene Regent wird zu einer solchen äußersten Maßregel nicht am- ders als im Nothfalle schreiten; aber hier haben unsere Unverbesserlichen einen solchen Nothfoll herbeigeführt. Denn es handelt sich nicht blos um die Kreis- ordnung, sondern um eine Menge nothwendiger Gesetze, Die damit untrennbar zusammenhängen. Als eine Nebenursache des Falles Der Kreisvorlage betrachten Manche die Abwesenheit des Fürsten Bismarck und hätten feine Ucberfunft von ^arz>n gewünscht. Zu Diesen gehörte auch der Minister des Innern, Graf Eulenburg, und schrieb in diesem Sinne an den Reichekanzler. Herr v. Bismarck M sich aber Damals noch nicht geneigt finden, dieser Aufforderung zu folgen, und soll ziemlich spitzig geantwortet haben. Der Kaiser wird die neue Session am Dienstag nicht in Person eröffnen, schon mit Rücksicht darauf, Daß er erst am Montag Abend von Dresden zurückkehren wird und man Sr. Majestät keine unnöthige Anstrengung zumuthen möchte. Die Thronrede wird schon auSaearbei- tet, und so ist Allcs in einen festen, klaren Gang gebracht.
Berlin, 10. Novbr. Zwei japamsische Geistliche halten sich gegenwärtia hier auf, um sich über Die christliche Religion zu unterrichten. Herr Prediger Dr. Lisco halt ihnen Die betreffenden Vorträge, in welchen hauptsächlich die charakteristischen Verschiedenheiten Der christlichen Confesstonen erörtert werden.
Berlin, 12. November, Mittags. Der Landtag Der preußischen Monarchie lsi soeben durch Den KriegSminister Grafen Roon eröffnet worden. Die von Demselben verlesene Rede lautet: Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Hausern des Landtags! Se. Majestät Der Kaiser und König haben wich zu beauftragen geruht, Den Landtag Der Monarchie in Allerhöchstihrem Nomen zu eröffnen. Da Die Hoffnung gescheitert ist, Die Reform Der Kreisverfaffunaen, "och Wiederaufnahme Der im Juni vertagten Session, zum Abschlüsse zu bringen, pot Die Regierung Sr. Majestät es für geboten erachtet, Die in dieser Beziehung fruchtlos gebtiebene Session zu schlichen, um in einer neuen jene wichtige und dringende Aufgabe zur Lösung zu bringen und Ihnen neben denjenigen Gesetz-
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