Kaiser Franz Joseph umarmte und küßte wiederholt den Kaiser Wilhelm und den Kronprinzen.
Berlin, 11. Sept. Die heutige „Provinzialcorrespondenz" schreibt über die Drei-Kaiser-Zusammenkunst: Die Vereinigung der drei Kaiser in der Hauptstadt des neuen deutschen Reiches ist die gewaltigste und wirksamste Kundgebung einer ernsten und entschiedenen Friedenspolitik, ohne jeden politischen Hintergedanken, ohne bedrohliche Richtung gegen irgend wen. Deshalb findet die Zusammenkunft aufrichtige Theilnahme und Zustimmung auch bei den nicht unmittelbar vertretenen Regierungen und Völkern, welche ihrerseits den Werth des Friedens für sich und für die europäische Entwickelung zu schätzen wissen. Was der deutsche Kaiser vom ersten Tage nach der glorreichen Wiederaufrichtung des deutschen Reiches als die höchste Aufgabe desselben verkündigte, nämlich: „ein zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens zu fein," — das haben jetzt die drei Kaiser der großen Reiche des europäischen Festlandes als ihre gemeinsame Aufgabe erfaßt und erkennen lassen, und dadurch dem segenverheißenden Streben eine unerschütterliche Sicherheit der Erfüllung gegeben. Unserem Kaiser und dem deutschen Volke darf es zu hoher Genugthuung gereichen, daß diese neue gewaltige Vereinigung für den Völker- srieden ihren Kern und Mittelpunkt in der neu erstandenen Macht des deutschen Reiches und in dem allseitigen Vertrauen zu der Politik desselben hat. Es ist eine Thatsache, wie sie im Laufe der Weltgeschichte selten vorgekommen ist, daß eine unerwartet durch einen erschütternden Siegeszug errungene Machtstellung sofort eine so rückhaltlose Anerkennung und Zustimmung zu ihren Bestrebungen seitens der großen Nachbarstaaten gefunden, wie sie dem jetzigen deutschen Reiche zu Theil wird. Man darf darin zunächst ein offenes Zeugniß dafür finden, daß Deutschlands Sache bei der jüngsten großen Entscheidung eine gerechte war, vor Allem aber ein Zeichen des festen Vertrauens der großen Mächte zu dem Ernst und der Aufrichtigkeit der friedlichen Richtung der deutschen Politik, wie sie von dem Oberhaupte des neuen Reiches vom ersten Augenblicke an verkündigt worden ist. „Der Geist, welcher in dem deutschen Volke lebt, — so sprach unser Kaiser zum ersten deutschen Reichstag, — nicht minder die Verfassung des Reiches und feine Heercseinrichtungen bewahren Deutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche Deutschland für seine eigene Selbstständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker, der schwachen wie der starken." Daß die europäischen Mächte diesem Geiste der deutschen Politik von vornherein volles Vertrauen entgegenbrachten, das war schon in dem Verhalten derselben während der letzten Kriegsmonate hervorgetreten. Der- geblich suchte Frankreich damals bei allen Großmächten der Reihe nach Eifersucht und Sorge wegen der deutschen Siege und der daraus erwachsenden Störung des sogenannten europäischen Gleichgewichts zu erwecken, nirgends konnte solche Be- sorgniß Wurzel fassen. Noch während des Krieges wurde zwischen Oesterreich- Ungarn und dem deutschen Reiche der Grund zu der aufrichtigen und innigen Annäherung gelegt, die sich seither in hoffnungsreicher Weise befestigt hat, und der Kaiser von Rußland benutzte seinerseits jede Gelegenheit, um seine herzliche Theil- nähme an den deutschen Siegen und Erfolgen mit Wort und That zu bekunden. Und das Vertrauen, welches die beiden alten Kaiserreiche dem neuen deutschen Reiche entgegentrugen, hat seine Kraft und Bedeutung auch darin bewährt, baß es dazu beigetragen hat, die alten freundlichen Beziehungen zwischen Oesterreich und Rußland sichtlich zu beleben und zu befestigen. Es war eine neue Täuschung der Feinde Deutschlands, daß sie wähnten, die Annäherung an Oesterre.ch-Ungarn müsse eine Erkaltung der Beziehungen zu Rußland zur Folge haben. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß Deutschlands Friedenspolitik auf einem umfassenden und allseitig festen Grunde angelegt ist, so ist dies durch die neuesten Anzeichen, welche in der Drei-Kaiser-Woche ihre letzte Bestätigung gefunden haben, für Jedermann ersichtlich geworden. Je bedeutsamer hiernach die Thatsache der Drei-Kaiser-Vereinigung an sich selbst ist, desto weniger liegt Anlaß vor, nach besonderen politischen Zwecken derselben im Einzelnen zu fragen und zu forschen. Die vertrauensvolle Einmüthigkeit der drei Monarchen für die Wahrung und Befestigung des europäischen Friedens ist der Grund, auf welchem die Zusammenkunft beruht, und die offene Bekundung dieser Einmüthigkeit ist an und für sich eine große politische That, deren mächtiger Eindruck unfehlbar dem Frieden bienen wirb. Gewiß werden drei mächtige Kaiser von der persönlichen Bedeutung wie Alexander, Franz Joseph und Wilhelm, und drei Staatsmänner, wie Fürst Gort- schakoff, Graf Anbraffy und Fürst Bismarck nicht acht Tage lang im täglichen engeren Verkehr vereinigt sein, ohne daß ihre grundsätzliche Uebereinstimmung über die allgemeinen Ziele der Politik sich auch in der vertraulichen Besprechung der verschiedenen Seiten der thatsächlichen Politik und einer möglichen künftigen Gefährdung des Friedens betätigen sollte; aber zu bestimmteren diplomatischen Ver- einbarungcn würde ein Anlaß nur vorliegen, wenn von irgend einer Seite der Friede thatsächlich bedroht erschiene, was glücklicherweise nicht der Fall ist. In solchem Sinne sagte Kaiser Alexander von Rußland den donischen Kosacken beim Abschiede: er begebe sich in das Ausland zur Sicherung des Friedens, der jedoch zur Zeit nicht bedroht sei. Unser Reichskanzler Fürst Bismarck hat die Bedeutung der fürstlichen Zusammenkunft so eben dahin zusammengefaßt: die bloße Thatsache derselben werde überall als ein den Frieden verbürgender Abschluß der bisherigen großen Ereignisse angesehen werden, und der allgemeine Glaube an den Frieden sei ja besonders sür die emporblühende Gewerbthätigkeit fast eben so wichtig, als die Erhaltung des Friedens selbst. Er durste hinzufügen, daß diese Bedeutung der Drei-Kaiser-Zusammenkunft auch von der Bevölkerung gefühlt und anerkannt zu werden scheine. So dürfen denn die drei Monarchen, welche in diesen Tagen sich angesichts Europa's und unter freudiger Zustimmung ihrer Völker die Hand für den Dölkerfrieden gereicht haben, mit hoher Genugthuung auf diese ihre segenverheißende That blicken.
Berlin, 12. September. Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander, die Großfürsten Nicolaus und Wladimir reisten heute früh 7 Uhr gemeinschaftlich ab. In der Begleitung des Kaisers Wilhelm auf seiner Reise nach Marienburg befanden sich der Kronprinz und Prinz Earl. Auf dem Ostbahnhofe waren Prinz Albrecht Sohn, die Großherzoge von Baden und Weimar, die obersten Hof- Chargen, die Generalität und das russische Botschaftspersonal zur Verabschiedung anwesend. Beide Kaiser fuhren gemeinschaftlich nach dem Bahnhof und wurden trotz des regnerischen Wetters und frühen Morgens von zahlreichen Menschenmassen mit den wärmsten Zurufen begrüßt. Der Großfürst-Thronfolger reiste bereits gestern Abend zu feiner Gemahlin nach Kopenhagen ab.
Frankfurt, 12. September. Gestern Vormittag tagten hier etwa 60 evangelische Geistliche aus dem Großherzogthum Hessen. Gegenstand der Berathung
bildete die „Gehaltsfrage." Auch in dem evangelischen Seelsorgerstand des Groß- herzogthums hat sich die Ueberzeugung Bahn gebrochen, baß die dermaligen Gehaltsverhältnisse der Art sind, baß man „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel" habe. Eine ziemlich bedeutende Anzahl Pfarrstellen im Lande sind noch nicht einmal mit 600 fl. botirt. Die hessische Regierung hegt nun selbst die Absicht, nachdem sie die Unzulänglichkeit der Gehalte erkannt, dieselben in der Weise aufzubeffern, daß der Miniwalgehalt eines Pfarrers mindestens 800 fl. betragen soll. Dies würde 115 Pfarreien des Landes zu Gute kommen. So dankbar die Absicht der Regierung auch anerkannt wurde, so fand sich doch nach reiflicher Erwägung, daß das in Vorschlag gebrachte Aufbesserungsmittel unzulänglich sei und den Verhältnissen nicht entspreche. Die Versammlung ging von der Ansicht aus, daß ein Minimalgehalt von 1000 fl. nur die Grenze für das Minimalgehalt bilden könne; doch soll der Geistliche nicht auf dieser Stufe für sein ganzes Leben stehen bleiben, sondern wie an Jahren, so auch in seiner Einnahme vorwärts schreiten. Zu diesem Zwecke wurde eine Gehaltsscala mit fünfjährigen Adschnitren zu 150 fl. bis zu dem Zeitpunkte vorgeschlagen, wo 1800 fl. bezw. ein Maximalgehalt von 2000 fl. erreicht sein werde. Um die Sache in Fluß zu bringen, wurde eine Petition an den Lanbesherrn und eine Vorstellung an die Stände beschlossen. (5r. I.)
Essen, 7. Sept. Die „Germania" bringt den Wortlaut eines Protestes, den der Superior der hiesigen Jesuiten im Vereine mit seinen zehn Patres gegen das nunmehr an ihnen zur Ausführung gelangte Jefuitengesetz erlassen hat. In dem Proteste heißt es:
Treu den Constitutionen und Traditionen der Gesellschaft Jcsu, widersetze ich mich auch der Anwendung dieses Gesetzes nicht; aber ich protestire gegen ein Vorgehen, welches ich durch keinerlei strafbare Handlung veranlaßt zu haben mir bewußt bin; ich protestire gegen die Beeinträchtigung meiner in der Verfassung des Staates, dem ich angehöre, begründeten staatsbürgerlichen Rechte und Freiheiten, welche ich lediglich, ohne baß ein Strafgesetz entgegenstand, ausübte, aU ich in die Gesellschaft Jesu rintrat und so lange ich bisher in derselben lebe; ich protestire mit einem Worte gegen alle an mir verübten und noch zu verübenden RechtSentziehungen und lege ausdrückliche Verwahrung ein gegen alle Folgen, welche bas Verfahren gegen mich für meine persönlichen und Vermögensrechte haben könnte, wobei ich mir ausdrücklich vorbehalte, diese etwa beeinträchtigten Rechte, wann und wie cs mir geeignet erscheint, auf dem Rechtswege wieder zur Geltung zu bringen. Was endlich die an mich ergangene Aufforderung betrifft, selbst die Kirche für den öffentlichen Gottesdienst zu schließen, und diese Schließung durch Plakat anzuzeigen, so muß ich dazu meine Mitwirkung versagen, da ich nicht in der Lage bin, einen öffentlichen Gottesdienst aufzuhebcn, der im Namen und Auftrage der erzbischöflichen Behörde durch die von dem hochwürdigen Herrn Pfarrer und Defiurtor Fischer geschehene Weihe seinen Anfang genommen hat.
Breslau, 12. September. In der gestrigen Sitzung der Katholikenversammlung wurden Anträge angenommen, betreffend die Gründung eines Lokal- comites des BonifaciuSvereins und die Bildung von Standes- und Familien- Einigungen. Die Versammlung nahm darauf eine Reihe von Anträgen beS Domherrn Moufang (Mainz) über die sociale Frage an, welche sich beziehen auf die Gründung von Einrichtungen, um die Arbeiter der Verarmung zu entziehen, Errichtung von Pfandleihanstalten und Sparkassen und Bildung von Vorschuß- und Consumvereinen auf chiistlicher Grundlage. Endlich wird die Betheillgung an dem Raphaelvereine zum Schutze der Auswanderer dringend empfohlen.
München, 9. Sept. Der „Volksbote" fährt mit anerkennenswerther Zähig» feit fort zu predigen, daß nur ein Ministerium der äußersten Rechten Bayern noch retten könne; er hofft noch immer; bas „Vaterland" in seinem gewohnten Pessimismus glaubt nicht an ein solches Ministerium, sondern cs setzt seine Hoffnung blos darauf, daß, wenn die Dinge so fortgehen wie bisher, im bayerischen Volk der Zorn, der Groll und der Haß gegen Preußen immer mehr wachsen, daß der Tag kommen wird, wo dem bayerischen Löwen die beschnittenen Krallen wieder nachgewachsen sind, wo dem bayerischen Volk das Herz und der Kopf wieder warm wird. „Und wenn dann — so schließt Sigl — baS heiße Blut und der gerechte Zorn über seine Bedrücker dem katholischen Volke, welches sein Vaterland über Alles liebt, wieder L-ben und Thatkcaft und Selbstvertrauen gegeben hat, dann ist unsere Zeit gewiß gekommen, bann wird ein katholisch, patriotisches Ministerium der Besten von uns das Volk zum heiligen Kampfe führen für Freiheit und Vaterland und dann wird wieder seine Wunder thun von einem Ende Bayerns zum anderen der Kampfruf: Lieber bayerisch sterben, als kaiserlich verderben!"
Bei der Sedanfeier in Passau war das bischöfliche Palais am reichsten beflaggt. Der „Volksbote" bemerkt hierzu: Der obere Stock in demselben scheint wieder stark illuminirt zu sein. (Wie respektvoll und schmeichelhaft für den geistlichen Oberhirten!)
Aus dem Ober-Elsaß, 8. Sept. Die Grenzstadt Markirch (St. Marie aux Mines) ist zu Anfang der vergangenen Woche der Schauplatz einer außer- ordentlich heftigen Agitation und arger Exceffe gewesen. Es versammelte sich nämlich dort eine größere Anzahl junger Elsässer, welche ihrem Heimathlande den Rücken kehren und sich nach dem benachbarten französisch gebliebenen St.-Die zur LooSziehung begaben. Eine beträchtliche Menschenmenge gab ihnen bis an die Grenze und darüber hinaus das Geleite. Was sich dabei ereignet haben muß, läßt sich aus einer Proklamation des Maire von Markirch schließen, worin es heißt: Zwei Klaffen von Bürgern wohnen augenblicklich in unserer Gemeinde: die Einen haben für die französische Nationalität optirt, die Andern wollen auch in Zukunft im Elsaß wohnen bleiben. Den Letztgenannten, welche an der Aufrechthaltung des öffentlichen Friedens direkt interessirt sind, haben wir Nichts zu sagen; dagegen ersuchen wir die Ersteren inständigst, in Erwägung zu ziehen, daß lärmendes Demonstriren und das Zerstören der neuen Grenzpfähle ihren ehemalt- gen Mitbürgern außerordentlich schadet. Diejenigen, welche weggehen, sind gedeckt; sie brauchen Das, was sie zerstört, nicht zu bezahlen, und werden von den Folgen, welche ihre Handlungen nach sich ziehen, Nichts zu leiden haben; doch ist dies gerade ein Grund, Andere nicht zu compromittiren.
Frankreich.
Paris, 11. September. Die „Presse" berichtet, daß die Regierung Befehl gegeben habe, die Arbeiten, welche von den Militär-Ingenieuren an der französischen Seite des Mont-Cenis-Tunnels begonnen waren (Minengalerien) einzustellen. Diese Arbeiten seien ganz ohne Wissen der Regierung begonnen worden und hätten auch nicht die Bedeutung, welche denselben in den Journalen beigelegt worden fei.


