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prrtS vierteljährig 1 fL 12 ft. nit Bringerlohn. Durch die Post btzogen vierteljährig 1 fl. 29 kr.

Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Äut» nähme Sonntags.

Expedition: C an z lei berg, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

srr. 213.

Freitag den 13. September

1872.

Der Congreß der Internationalen

ist rasch zu Ende gekommen; aber es scheint nicht, daß diese rasche Erledigung der Geschäfte als die Folge und das natürliche Resultat harmonischer Stimmungen gedeutet werden Faun.

Im GegentheU: die Frage der Organisation spielte die Hauptrolle und die Verhandlungen haben gezeigt, daß innlrhalb der revolutionären Propaganda tim tiefe Spaltung eingetreten ist, welche durch die gefaßten Beschlüsse vielleicht nur verdeckt, aber nicht überrunden ist.

Persönliche und sachliche Motive haben dieselbe erzeugt.

Schon seit langer Zeit herrscht eine persönliche Rivalität zwischen Karl Marx, dem, wenn auch nicht nominellen, doch faktischen Chef der Internationalen und dem Revolutionsfanatiker Bakunin, welcher die Internatioualr, durch Ver­legung d«S Generalraths nach seinem Wohnsitz Genf, in seine Gewalt zu bekommen trachtete.

Natürlich laßt sich eine solche persönliche Concurrcnz nicht zum Austrag bringen, ohne daß prineipielle Dorwände in den Vordergrund geschoben werben. Bakunin warf sich zum V.rtreter des FoderativsystcmS auf, welches namentlich bei den Arbeitern der romanischen Race großen Anklang fand und auch auf dem Congresse von den Spaniern lebhaft verfochten ward; während Marx die stricte' Centralisation reprasentilt, welche die absolute Unterordnung der Arbeiter unter das von ihm ausgestellte Gesetz fordert.

Dieser prineipielle Gegensatz war geschärft worden durch den Einfluß, welchen die Flüchtlinge der Pariser Commune allmählig auf den Generalrath auszuüben begannen; indem sie sich darauf stützten, der Internationalen eine Richtung auf die acluelle Politik zu geben, was bei Bildung der Internationalen durchaus nicht im Plane lag und der ganzen Auffassung des Dr. Marx widerspricht.

Gleichwohl hat er in letzter Z it doch schon so weit nachgeben müssen, daß in der letzten Generalrathssitzung die Bildung einer politischen Arbeiterparte, beschlossen ward.

Offenbar ist der Bakuninschen Partei durch diese Entscheidung noch nicht genügt worden, welche sich des Generalraths ganz und gar entledigen wollte, wie die geg-n denselben auf dem Congreß erhobenen Anklagen der spanischen Delegirten beweisen. Indeß hat sich die bisherige Organisation doch noch stark genug gezeigt, um den Generalrath zu retten; dessen Sitz aber nach Newyork verlegt werden wird. Ob diese Btstimmung des DomicilS dem wegen Beibehaltung des Generalraths gefaßten Beschluß nicht praktisch seine Bedeutung rauben wirb kann erst die Folge lehren.

Dem Gedanken, einen über die ganze Welt ausgebreiteten Proletarierbund zu stiften, kann eS gleichgültig scheinen, von welchem Punkte der Welt aus die Impulse gegeben werden und die Ausführung überwacht wird, und es wag in den politischen und socialen Zuständen Nordamerikas, welche sich mit Mormonis­mus und Sklaaenthum in der doppelten Form, des als Pnvateigemhum und des ohne die nöthigen soc alen Voraussetzungen in das politische Staatsbürger- thum entlassenen Negers, vertragen, für die focialisiifchen B'strebungen viel Verlockendes liegen; es ist aber auch möglich, baß bem Congreßbeschluß grade der Hintergebanle zu Grunde liegt, dem Generalrath formell Recht zu geben, aber durch seine Versetzung nach Newyork der Revolutionspropaganda freie Hand gewinnen zu lassen.

Freilich scheint es, als hätte dann die Personenfroge anders entschieden werben müssen, man hätte den Russen Bakunin nicht als Verräther, als Agent Provokateur ausstoßen dürfen.

Wir wissen natürlich nicht, ob er ein solcher ist; es giebt Unerklärl'chkeiten in seinem Leben genug, über welche man nur mit Hulse von mißlichen Voraus­setzungen hinwegkommen kann und die Revolutionäre von P-ofession haben es in der Art, ihre Fäven nach allen Seiten hin auszuspinnen, sei es aus Vorsorge des gemeinen persönlichen E gennutzrS, sei es, weil sie aus der Leichtigkeit, mit welcher sie d»e Massen zu betrügen wissen, das Selbstvertrauen ziehen, auch nach anderer Seite hin täuschen zu können.

Darum lntgeht keiner der revolutionären Agitatoren dem zeitweiligen Vorwurf der D riätherei und es ist eben obzuwarten, ob der vom Congrlß gegen Bakunin geschleuderte Brennstoff in den Gemüthern derer zünden wird, weiche auf die Verheißungen Bakunin's vertrauen. Wichtiger aber ist es, daß Marx und Engels aus dem Generalrath auvscheiben, wtlche bisher als Leiter desselben galten und demselben durch die Ueberlegenheit ihrer geistigen Eigenschaften, M intellektuell n wie der moralischen ein Prestige gaben, welches die von ihm be­drohte Welt am meisten aneifannte, indem sie die Nothwenbigkeit verstand, sich dagegen zu äußern.

Wenn der Austritt dieser beiden Männer nicht bloS ein fingirter ist, um mit größerer persönlicher Sicherheit von London aus den Generalrath und mittele desselben die angebahnte sociale Revolution zu leiten, so können diese Fanatiker einer kulturfeindlichen Idee nur zurückgetrcten sein, weil si> begreifen, daß die Herrschajt sich aus ihren Händen zu entziehen beginnt, sei es ihre Herrschaft über daS Z'el oder über die Mittel der Bewegung.

Es ist möglich, doß sie fürchten, die Iuternationale werde durch Verlegung deS Geniralrathg ihre Kraft verlieren; es ist auch möglich, baß sie sich überzeugt haben, die sociale Bewegung nicht wkhr vor dem Etnmünden in ben ^trvn» politischer Revolutionszuckungen bewahren zu könntn.

Keinensalls dürste es gerathen scheinen, auS den Beschlüssen des Congnsscs vorzeitige Hoffnungen zu schöpfen, indem man dieselben als Acte des an^sich selbst verzweifelnden revolutionärtn Gedankens auffaßt.

Deutschland.

Darmstadt, 11. Sept. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 7. September den Docenten am polytichntschen Institut zu Prag, Eduard Schmitt, zum ordentlichen Professor m der philosophischen Facultät der Londesuniversität, insbesondere für das Fach der Bau- und In- genieurwisscnschaften zu ernennen und in der gedachten Eigenschaft zu berufen.

Berlin, 11. September. Die Konferenzen zwischen ben drei Reichskanzlern wurden auch vorgestern im Laufe des Nachmittags und des Abends fortgesetzt. Es ist selbstverständlich, schreibt dieD. R. C.", daß wir uns auch nicht den Schein geben wollen, als ob wir darin, was in diesen Conferenzen verhandelt wurde, eingeweiht sind. Das geht aber auch anderen Correfpondenten so, und wenn hie und da sich einer oder der andere Vieser Herren den Schein zu geben sucht, als wisse er mehr als alle anderen von den Dingen, welche Unter den Linden oder auf dem Pariser Platz ober endlich in der Wilhelmstraße berathen wurden, so kann man immer mit Bestimmtheit annehmen, daß bas immer blasse Renommage und mehr oder weniger geschickte Combinationen sink, was diese Herren miitheilen. Die Conferenzen, wie sie eben seit Sonnabend begonnen und stattgefunben haben, sind durchaus nicht als Conferenzen in bem Sinne zu bezeichnen, wie man ihn eben bei diplomatischen Verhandlungen anwendet; die Conferenzen zwischen ben leitenden Staatsmännern der drei gewaltigsten Groß­mächte des Continents sind im Grunde genommen weiter nichts, als einfache vertraulichen Besprechungen, die nicht einmal unter den Dreien zu gleicher Zeit, sondern die größtentheilS zu zweien mit einander geflogen wurken. Es find eben weiter nichts als gegenseitige Verständigungen zwischen den drei Reichekanzlern über die ob- schwebenden helvorrogcnden politischen Fragen. In wie allgemeinen Zirkeln sich diese Besprechungen gedreht haben, und wie wenig man berechtigt ist, sie mit dem concreten Begriff die diplomatischen Conferenzen zu belegen, geht aus der ein­fachen Thatsache hervor, daß bei diesen PourparteS nicht ein einziges Mal proto- collirt woiden ist. Cs sind hierbei ferner keine gemeinsame Beschlüsse gefaßt worden und am allerwenigsten Verträge geschlossen; die Besprechungen fanden größtentheilS zwitschen Fürst Bismarck und Fürst Gortschakoff oder zwischen letzterem und dem Grafen Andrassy oder zwischen Fürst Bismarck und dem Grafen Andrassy statt. Daß man hierbei sich mit der Orientfruge beschäftigt hat, und daß man hierbei der Stellung Frankreichs gedacht hat, ist selbstverständlich, ebenso wie es leicht einleuchtet, daß die Angelegenheit des Papstes und vi'jenige der Internationalen bei dieser Gelegenheit berührt worden ist. Die ganze Zusammen­kunft der Kaiser u> d ihrer Reichskanzler hatte einen weit hervorragend allgemeinen Charakter und kann deshalb auch nur von dem allgemeinen Gesichtspunkt aus betrachtet werden. Sie war für jeden der drei theilnthmenden Staaten von höchster Wlchtigkeit, ja ein hervorragendes Bedürfntß. Oesterreich bedarf mehr als einer der beiden anderen Staaten den Frieden; Rußland, daß seit dem Krimftiege gewissermaßen in den Hintergrund gedrängt, erhält durch die Drei- Kaiser - Zusammenkunft wiederum seine frühere Stellung in dem europäischen Staatenverhältniß und Deutschland, daß zu seiner Consolidirung ebenfalls des Friedens dringend bedarf, resp. grade in diesem Fall Preußen bleibt die Ehre, viele Drei-Kaiser Conferenz hervorgerufen, das Frievenswerk angebahnt zu haben. Ist nun auf dem vorgezeichneten Wege zwischen den drei Ministern ein Lerstänb- niß herdeigksührt, welches den Frieden garantirt, schon durch sich selbst und ohne daß es notbwendig geworden wäre, einen Vertrag abzuschließen, so kann jeder der drei Monarchen mit Befriedigung auf die Resultate der verflossenen Woche zurück­blicken; und dies letztere ist ter Fall. Sowohl bei den Kaisern, als auch bei der.n obersten Ministern herrscht, wie wir von gut unterrichteter Stelle hören, eine allgemeine Befriedigung sowohl über den Emvfang als über den Aufenthalt Hierselbst, wie auch endlich über die Resultate der Zusammenkunft. Letztere werden voraussichtlicy lange zum Heile des Friedens Europas ihre Nachwirkung üben.

Prinz Albrecht von Preußen (Vater) ist Sonnabend Abend halb 8 Uhr von einem Schlaganfall betroffen worden. Die in Folge desselben eingetretenen Lähmungs-Erscheinungen des Sprachorgans und der rechten Seite sind leider dis jetzt noch nicht zur Besserung gelangt; doch hat der Krankheitszustanb feine »eitere Verschlimmerung erfahren. Der Prinz hatte noch die große Parade und die Fahrt nach dem zoologischen Garten mitgemacht. Wie erinnerlich, wurde Prinz Albrecht von demselben Nebel zum ersten Male gleichfalls bei einer großen Berliner Festlichkeit, dem Truppeneinzuge, heimgesucht.

Fürst Bismarck wird, wie wir hören, bereits Ende dieser Woche nach Varzin zurückkehren. Geh. Legationsrath Bucher wird den Reichskanzler auch Diesmal wiever dahin begleiten. Ende nächst n Monats, heiß! es, werte der Fürst sich noch auf kurze Zeit nach seinen lauendurgischen Besitzungen begeben.

Berlin, 11. September. Der Kaiser von Oesterreich trat Abends 8 Uhr die Abreise nach Wien vom Görlitzcr Bahnhof an, wohin ihn Kaiser W'lhelm geleitete. Auf ter Fahrt nach dem Bahnhof wurden die Monarchen von tem ikhr zahlreichen Publikum aufs Wärmste begrüßt. Am Bahnhof waren die L Prinzen, sowie die anwesenden Füisten, die obersten Hoschargen und die > Generalität anwesend. Die Verabschiedung trug den herzlichsten Charakter.