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Oießemr Anzeiger.
Erscheint täglich, mit AuS- nähme Sonntags.
Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.
* Das Breve Clemens' XIV., die Aufhebung des Jesuitenordens betreffend, erscheint angesichts der brennenden Zeitsragen inter.ssant und wichtig genug, um einen Auszug desselben zu veröffent- lieben. — Nachdem der Papst daran erinnert hat, daß eine Aufhebung geistlicher Orden schon von mehreren seiner Vorgänger verfügt worden sei, fährt er fort:
„Diese und andere Beispiele, welche allen Menschen von der höchsten Bedeutung und als entscheidend erscheinen, vor Augen habend, haben wir keine Mühe und Nachforschungen gescheut, um alles zu entdecken und zu prüfen, was fick auf den Ursprung, die Fortschritte und den gegenwärtigen Zustand des regulirten Ordens, gewöhnlich Gesellschaft Jesu genannt, bezieht."
Nun wird auf die Geschichte des Zesutten-OrdenS näher eingegangen und alsdann heißt es:
„Es liegt aber auch am Tage und die Ausdrücke der apostolischen Verort' nungen erweisen es, daß man beinahe seit dem Ursprünge dieser Gesellschaft die Keime der Zwietracht und Eifersucht gahren sah, nicht allein unter ihren Mitgliedern selbst, sondern auch mit den übrigen regulirten Orden, der Weltgeistlich, keit, den Akademien, den Universitäten, den öffentlichen Lehranstalten, und sogar mit den Fürsten der Staaten, in welche sie ausgenommen waren, und daß diese Streitigkeiten sich bezogen bald auf die Art und die Natur ihrer Gelübde, die Zeit ihrer Zulassung, die Macht, aus dem Orden zu vertreiben, die Ausnahme in die heiligen Grade ohne Priestertitel und ohne feierliche Gelübde, entgegen den Decreten des Tridentintschen Conciliums und denen unseres Vorgängers PiuS V. heiligen Andenkens; bald auf die absolute Gewalt, die der General sich beilegte, bald auf verschiedene Artikel der Lehre (Streitigkeiten), welche auf die Ausnahmen und Befreiungen sich bezogen, welche von den Ortsord'.narien und andern Kirchen- oder weltlichen Obern als ihre Gerichtsbarkeit und ihre Rechte brein- trachtigend dargestellt wurden; und endlich erhoben sich gegen die Mitglieder der Gesellschaft schwere Klagen, welche den Frieden und die Ruhe der Christenheit nicht wenig trübten.
Viele von mehreren Fürsten unterstützte Klagen wurden g<gen die Gesell schüft gerichtet und Paul VI., Pius V., SixtuS V. vorgetragen."
Nachdem Clemens XIV. hiernach an den vergeblichen Versuch erinnert hat, welcher von Philipp II. von Spanien gewacht wurde, um die Anklagen gegen die Gesellschaft zum Stillschweigen zu bringen, heißt es weiter:
„Wir hatten, gewiß mit dem tiefsten Schmerzgefühle, zu bemerken, daß diese Mittel und viele andere seither getroffene Vorkehrungen beinahe gar keine Einwirkungen und Kraft bethätigten, um diese vielfältigen Störungen, Unruhen und Klagen gegen die besagte Ges.llschaft wegzuräumen und zu zerstreuen; daß es fruchtlos blieb, was hiefür unsere Vorgänger thaten (Urban XIII. u. A ), welche in der Kirche den so heiß ersehnten Frieden herzustellen suchten und mehrere höchst heilsame Anordnungen erließen, sowohl über die Untersagung weltlicher Geschäfte, deren sich die Gesellschaft angenomwen hatte nicht allein bei Gelegenheit von Missionen, sondern auch ohne diese, als auch über ihre schweren Veruneinigungen und Streitigkeiten mit den Ortsordinarien, den regulirten Orden, den frommen Stiftungen und den Körperschaften jeder Art, welche in Europa, Asien und Afrika sich befinden, wodurch das Heil der Seelen in die größte Gefahr gerathen ist und worüber die Völker ihr Staunen laut äußerten; denn auch die Deutung und Ausübung heidnischer, in einzelnen Gegenden beobachteten Sitten nahmen sic in die Hand und setzten dagegen diejenigen bei Seite, welche von der allgemeinen Kirche angenommen sind; sie überließen sich der Ausübung und Interpretation von Gesinnungen, welche der apostolische Stuhl aus Gründen als schändlich und als der bessern Ordnung der Sitten offenbar schadend erklärt hatte. Endlich haben sie in noch andern Gegenständen von nicht minderem Gewichte, und in solchen, die vorzugsweise für die Erhaltung der Reinheit der christlichen Lehren bestimmt waren, sich verfehlt, durch welches alles in der jetzigen Zeit sowohl als in der vor uns gewesenen eine Menge Nachtheile und Schwierigkeiten sich erhoben, wie denn auch aus solchen allein die Unruhen und Tumulte in den katholischen Ländern und die Verfolgungen der Kirche in mehreren Provinzen Asiens und Europas entsprangen....
Der apostolische Stuhl hat so wenig Trost gefunden, als die Gesellschaft eine Hilfe und die Christenheit einen Vorthetl durch die letzten apostolischen Briefe, in welchen der Gesellschaft Jesu mancherlei Lobeserhebung und Bestätigung zu Theil geworden ist; die sie auch, um mich eines Ausdrucks unseres Vorgängers Gregor X. auf dem allgemeinen Concil von Lyon zu bedienen, von unserem unmittelbaren Vorgänger, dem Papste Clemens XIII., glückseligen Andenkens, mehr erpreßt, als erhalten hatte.
Nach so vielen und heftigen Stürmen hofften alle rechtschaffenen Menschen den heiß ersehnten Tag bald anbrechcn zu sehen, welcher volle Ruhe und Frieden bringen sollte; allein während unser Vorgänger Clemens XI. auf dem Stuhle des heiligen Petrus saß, brach eine noch heftiger bewegte und schwierige Zeit herein, denn die Klagen steigerten sich von Tag zu Tag. An mehreren Orten erhoben sich Ausstand, Tumult, Zwiespalt und schändliche Auftritte, welche, das Band der christlichen Liebe auflösend, ja zerschneidend, die höchste Gefahr drohten und unter den Gläubigen den Geist der Parteisucht, des Haffes, der Feindschaft aufs heftigste anfachten. Die Gefahr stieg auf eine» so hohen Grad, daß selbst diejenigen, deren altherkömmliche Ergebenheit für die Gesellschaft überall, gleich einem ererbten Rechte, anerkannt war, unsere sehr geliebten Söhne in Jesu Christo, die Könige von Frankreich, Spanien, Portugal, Sicilien, sich genöthigt sahen, die Mitglieder
der Gesellschaft aus ihren Reichen, Staaten und Provinzen zuruckzuschicken und auszutreiben, glaubend, baß dieses äußerste Mittel nicht zu umgehcn sei, wenn nicht unter christlichen Völkern dem Kriege, unseligem Streite und gegenseitiger Zerfleischung im Schooße der Kirche, unserer heiligen Murter, Tbür und Thor geöffnet sein sollte. Diese unsere in Jesu Christo innig geliebten Söhne waren aber der Ueberzeugung, daß auch dieses Mittel nicht von Dauer und geeignet sein könne, die Christenheit in ihrer Gesamwtheit zu einigen, wenn nicht die Ge- sellschast ganz und völlig ausgehoben und erloschen sei, und trugen daher dem genannten Papste Clemens XIII., unserem Vorgänger, ihren Wunsch und ihr Begehren vor; und ihr Ansehen, ihre Bitten, ihre Wünsche vereinigend, baten sie ihn, dieses einzig wirksame Mittel anzuwenden, um ihren Unterthanen fortdauernde Sicherheit, um der allgemeinen Kirche Jesu Christi ihren Fortbestand zu stchern und zu gewähren.
Der der ganzen Welt so unerwartete Tod dieses Papstes aber verhinderte den Fortgang der Sache. Als wir durch die göttliche Gnade den Stuhl Petri erhielten, so wurden auch an uns dieselben Wünsche, Begehren und Bitten gerichtet; auch mehrere Bischöfe und andere durch ihre Würben, ihre Gelehrsamkeit und ihren Orden ausgezeichnete Personen haben uns mit ihren Wünschen und Ansichten bekannt gemacht.
Um jedoch in einer so hochwichtigen Sache möglichst sicher zu gehen, glaubten wir einer langen Zeitfrist zu bedürfen, nicht allein, um sorgfältige Nachforschungen anzustellen, um mit mehr Reife zu überlegen und mit der giößten Klugheit zu erwägen, sondern auch, um den Vater des L.chtes mit fortgesetztem Seufzen und Bitten um seine Hilfe und besonderen Beistand anzuflehen, wozu sich noch cas Gebet und die frommen Werke der Gläubigen, an die wir uns gewandt Hatter, anschloffen.
Nach so zahlreichen und nothwendigen Mitteln, voll Vertrauens, von dem heiligen Geist gestärkt zu sein, genöthigt durch die Pflicht unseres Amtes, welche uns aufs strengste auffordert, mit aller Kraft die Ruhe des christlichen Staates zu unterhalten, zu einigen und zu befestigen, und alles zu entfernen, was ihm die geringste Gefahr brohen kann; ersehend überdies, daß die besaatp Gesellschaft Jesu eben so wenig genügende und heilsame Kräfte als die großen Vortheile gewähren kann, welcher wegen sie bestätigt und mit so vielen Privilegien versehen wurde, und daß selbst, wenn sie bestehen bleibt, es außerordentlich schwer, wo nicht rein unmöglich ist, der Kirche wahren und bleibenden Frieden zu schaffen; bestimmt, um durch diese mächtigen Gründe und gedrängt durch andere, welche uns die Gebote der Klughett und eine richtige Leitung der Kirche an die Hand geben, welche wir jedoch im Innersten unseres Herzens bewahren; folgend den Fußstapfen unserer Vorgänger, besonders Gregor's X. bet dem General-Concil von Lyon, weil es sich um eine Gesellschaft handelt, deren Ordnungen sie in die Zahl ter Bettelorden setz-n, Alles begreiflich erwogen, aus gewissem Wissen und apostolischer Macht: Heben auf und unterdrücken hiermit die besagte Gesellschaft. Wir entkleiden sie aller und jeder Aemter, jedes Dienstes, aller Verwaltung; wir benehmen ihr ihre Häuscr, Schulen, Collegien, Hospitien, Güter, an welchem Orte, in welcher Provinz sie gelegen seien, oder ihr angehören; wir entziehen ihr alle Statuten, Gebräuche, Decrete, Gewohnheiten, Verordnungen, sie mögen durch Eidesleistungen, durch apostolische Genehmigung oder auf andere Weise ihr geworden sein, eben so alle und jede Bewilligungen, welches Namens sie seien, wie wenn sie sämmtlich hier namentlich angeführt und Wort für Wort hier angehängt wären, unangefehen alles Bindenden, der Decrete, Formeln und sonstigen Inhalts.
Wir erklären demnach für auf ewig aufgehoben und erloschen jeowede Gewalt des Generals, der Provincialen, Visitatoren und aller andern Obern der besagten Gesellschaft, sowohl in geistlicher als in weltlicher Beziehung."
Zum Schlüsse endlich heißt es:
„Wir ermahnen alle christlichen Fürsten, gegenwärtigem Erlaß die vollste Wirkung durch Anwendung der Macht und Gewalt, welche ihnen von Gott geworden ist, zu verschaffen, zu Schutz und Vertheidigung der heiligen römischen Kirche, zur Darstellung ihres Gehorsams gegen den apostolischen Stuhl, und solche Verfügungen inSgesamwt zu treffen, welche während der Vollstreckung unseres Willens Ruhe und Frieden unter den Gläubigen erhalten und jedem Streit und Unwillen begegnen...."
Gegeben zu Rom unter dem Ringe des Fischers, den 21. Juli 1773, im fünften Jahre unseres Pontißcats."
Können die Tendenz und die Wirksamkeit des Jesuiten-Ordens eine schärfere Beurtheilung und Abfertigung erfahren, als dieses Breve sie ausspricht? Clemens, vom heiligen Geiste gestärkt, verurtheilt die Jesuiten als die Störenfriede in Kirche und Staat und hebt ihren Orden für immer auf; Pius IX. lobt sie als die Wohlthäter der Menschheit.
Deutschland.
Mainz, 9. Mai. In der leidig und bedächtig sich entwickelnden Angelegenheit einer neuen Städteordnung hat nunmehr auch der hiesige Gemeinderath seine Stimme zu dem demnächst dem Plenum der Delegirten der acht in der bestehenden Verfassung mit besonderem „Wahlrecht" (zu den Landständen) bedachten Städte vorzulegenden Entwurf abgegeben. Neben den Principien größerer Selbstständigkeit der Gemeindeverwaltung und Schulleitung ist nun auch die active und passive Wahlfähigkeit „aller Ortsbürger" ohne weitere als die gewöhnlichen Beschränkungen,
' Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. LIL. Montag den 13. Mai 1872.
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