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Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme Sonntags.
Expedition: Canzletberg, Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsötatt für den Kreis Kießen.
Mv. 2^0. Samstag dm 12. Octobcr 1872,
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Brodpreise vom 12. bis IS. Gctober 1872,
nach eigener Erklärung der Bäcker:
2 Kilo gemischte« Brod 19 kr. 1 Kilo gemischtes Brod 9»/, kr. 2 Kilo Roggenbrod: erste Sorte 16 kr., zweite Sorte 14 kr.
Das Ergebniß der Itationalitätswahl
iw den Reichslanden liegt jetzt in seinen HauptzügtN vor. Die Gesammtzahl der bei den Behörden angemelveten OptionSerklärungen für die französische Nationalität beträgt 164,633. Die Zahl der wirklich Ausgewanderten läßt sich bis jetzt noch nicht mit Sicherheit feftstellen. Nach ungefährer Schatzung sind von denOptiren- Len etwa 38,000 ausgewandert, wozu noch die früher ausgewanderten bis zum 1. März 1871 in Elsaß ansäßigen Franzosen in der Zahl von 12,000 kowwen.
Die Zahl derer, die für Frankreich mit Worten optirt hat, ist demnach allerdings groß, aber doch nicht über Erwarten groß. Es war seit Monaten eine ungemein rührige Agitation in den Reichslanden tn’6 Werk gesetzt, die nur den Zweck verfolgte, möglichst viele Erklärungen für die französische Nationalität zu Wege zu bringen. Diese Agitation hatte vollkommen freies Feld. Denn die deutschen Behörden enthielten sich grundsätzlich jeder Ccercitivwaßregel; sie beschränkten sich darauf, durch die Preffe oder auch wohl gelegentlich auf dem Wege mündlicher Belehrung die Bevölkerung über die Bedeutung der abzugebenden Erklärung aufzuklären und besonders darauf hinzuweisen, daß jede Eiklärung für Frankreich an sich bedeutungslos und null und nichtig sei, daß sie eine Bideutung erst durch die Uebersiedelung nach Frankreich erlange, daß, wer sein elsässisches oder lothringisches HeimathSrecht festhalten wolle, nicht Franzose werden könne, sondern nach Rechten und Pflichten Bürger des Deutschen Reiches bleibe.
An Belehrung also hat es nicht gefehlt. Was aber vermag die wohl- wollcndste Belehrung von Seiten der Behörden einer unausgesetzten aus die Leidenschaften speculirenden, mit allen Waffen der Lüge und des Truges ausgerüsteten demagogischen Agitation gegenüber, wenn nicht in den Kreisen des Volkes selbst der Strömung sich eine Gegenströmung entgegenwirft. Eine Gegenströmung aber konnte sich unter den obwaltenden Umständen gar nicht bilden. Sie hätte sich nur entwickeln können unter der Voraussetzug, daß die Mehrzahl der eingeborenen Bewohner des Reichslandes bereits in begeisterte Verehrer der neuen Verhältnisse umgewandelt wären. Daß dies aber nicht der Fall ist, war nicht nur allgemein bekannt, sondern es verstand sich im Grunde ganz von selbst. Vergessen wir doch nicht, daß die Reichslonden erst seit anderthalb Jahren wieder zu Deutschland gehören. Wie hätte in dieser kurzen Spanne Zeit sich bereits eine deutsche Partei bilden können, die sich nicht nur in den neuen Zustand fügt, sondern auch handelnd für ihn einzutreten Neigung hat. Wer im März 1871 erwartete, daß im October 1872 die Elsässer bereits den inneren Umwandlungeprozeß, der ihnen zugewuthet wird, vollzogen haben und zu guten Reichsbürgern, zu Feinden des Franzosenthums geworden sein würden, — wer diese Hoffnung gehegt hat und dieselbe jetzt getäuscht sieht, der kann eben nur sich selbst und seinen sanguinischen Optimismus anklagen. Er hat, mit Verkennung aller Gesetze der Völkerpsychologie, das Unmögliche erwartet, denn es ist gradezu unmöglich, daß eine Bevölkerung, die politisch bereits vollständig mit Frankreich verschmolzen war, deren höhere Klassen meist auch in Sitte und Bildung zu Franzosen geworden waren und sich ganz dem centralrstrenden, jede provinzielle und nationale Eigenthümlichkeit absorbiren- deu Einfluß der französischen Hauptstadt unterworfen hatten, — es ist unmöglich, daß eine solche Bevölkerung in Jahresfrist sich von der Macht der fremden Elemente befreit, die den deutschen Kern ihres Wesens verhüllt Haven. Wir finden es, wie wir stets vor übertriebenen Hoffnungen gewarnt haben, jetzt auch ganz natürlich und selbstverständlich, daß aus der Mitte der Bevölkerung heraus eine thätige Reaktion gegen die Wühlereien der fanatischen Franzosenfreunde nicht zum Durchbruch gekommen ist. Die weit überwiegende besonnene Mehrzahl hat sich keineswegs durch die Wühler zu einem unsinnigen Schritte verleiten lassen, aber eben so wenig hat sie sich veranlaßt gesehen, thätig den Wühlereien enkgegenzu- arbeiten.
So hatten denn die französischen Agitatoren, unterstützt von der rührigen und fanatischen ultramontanen Partei, leichtes Spiel, und es kann durchaus nicht Wunder nehmen, daß es ihnen gelungen ist, über 160,000 Bewohner des Reichslandes zu einer deutschfeindlichen Demonstration zu verleiten, zu einer Demonstration — denn darauf läuft doch die Erklärung für die französische Nationalität, wenn sie nicht mit der Uebersiedelung nach Frankreich verbunden ist, lediglich hinaus. Und dabei ist diese Demonstration vollkommen ungefährlich, da sie auf die persönliche Lage des Demonstrirenden gar keine Wirkung ausübt; sie nützt ihm nicht; aber sie schadet ihm auch nicht. Er bleibt, was er war, deutscher Reichsdürger, und als solcher wirb er natürlich behandelt werden. Seine Erklärung wird als nicht geschehen angesehen. Für'S Erste wirb er sich derselben vielleicht rühmen; nach einigen Jahren wirb er wahrscheinlich ganz zufrieden damit sein, wenn Niemanb mehr von seinem ungefährlichen Heroismus spricht.
Anders ist es mit denjenigen, die der Erklärung die Auswanderung haben folgen lassen. Diese haben allerdings ein Opfer gebracht. Sie haben ihre Heimath aufgegeben und müssen sich eine neue Heimath suchen. Ein Theil dieser unglücklichen Opfer einer gewissenlosen Agitation hat Europa verlassen, um sich jenseits des Oceans ein neues Daheim zu gründen. Die Mehrzahl von ihnen ist aber nach Frankreich gewandert, um dort ihr Glück zu versuchen. Ob sie dort aber das gesuchte Glück finden werden, ist noch dem, was über das Loos ihrer vorangegongkneu Landsleute verlautet, sehr zweifelhaft. Gepriesen werden sie in Frankreich hinreichend werden; auf thatkräftigen Beistand von Seiten dec Lande- leute ihrer Wahl dürfen sie sich aber keine großen Hoffnungen wachen. Dem Franzosen gilt die ganze OptionSangelegrnheit als eine großartige Demonstration. Sobald der Esset dieser Demonstration vorüber ist, verfliegt auch das Interesse für die elsässischen Ankömmlinge. Man hat die' früher Eingewanderten nur als Dekoration bei patriotischen SensationSscenen verwerthet und sie im Uebrigen darben lassen, und mit den gegenwärtig Hinzugekommenen wirb man es schwerlich besser machen.
Es ist daher in der That sehr wahrscheinlich, daß, wie die „Elsässer Correspondenz" vernimmt, von ben Ausgewanderten Diele bereits den Wunsch nach Rückkehr hegen. Es wirb dem auch, wie das Blatt hinzufügt, Nichts entgegen- fiehen, wenn sie deutsche Staatsbürger werben und alle Verpflichtungen als solche übernehmen. Denn dos versteht sich ja von selbst: wer nach vorübergehendem Aufenthalt in Frankreich seinen bleibenden Wohnsitz wieder in die R.ichslande verlegt, erklärt sich damit auch wieder für die deutsche Nationalität, und nur unter dieser Voraussetzung kann ihm die Rückkehr zu bleibendem Aufenthalte gestattet werben.
Die Zahl der 38,000 Emigranten wird sich also voraussichtlich noch vermindern. Aber selbst angenommen, baß dies nicht geschehe, wäre das reelle Ergebniß der Optionsbewegung für Deutschland keineswegs unbefriedigend. Der materielle Schaden, den die Provinz durch den Verlust von 38,000 Bewohnern erfährt, wird bald genug durch den Zuwachs aus anderen Provinzen ersetzt werden. Eine Stockung der industriellen Tätigkeit hat sich nirgends bemerklich gemacht. Die geistige Ausbildung ist — bank der Thätigkeit der deutschen Behörden — im erfreulichen Fortschreiten begriffen. In allen diesen Verhältnissen wird die Verminderung der Bevölkerung, vielleicht Metz und dessen Umgebungen ausgenommen, nicht die geringste Veränderung hervorbrmgen.
Die Zahl von 38,000 Auswanderern bleibt entschieden hinter den Erwartungen der Agitatoren zurück. Sie beweist nicht, daß die Bevölkerung die neuen Zustände unerträglich findet, sondern im Gegentheil, baß die Masse sich in die Verhältnisse gefunden hat. Das Neue consolidirt sich kräftig, und ;e weiter die Consolibirung fortschreitet, uw so mächtiger wird sie ihren Einfluß auch aus die Stimmungen geltend machen.
Deutschland.
Aus Oberhessen, 9. Okt. Das politische Stillleben in unserem Lande hat die längste Zeit gedauert. Die berufene Mainzer Rede unseres neuen Minister- Präsidenten war ein Mort zu seiner Zeit. „Viel Schutt ist Hinwegzuräumen, mehr Licht und Luft muß geschaffi werben." Das fühlt unb weiß man bei uns seit Jahren und die Hoffnung ist erwacht, daß es sich endlich bei uns bessern werden. Die neuen Ernennungen bezeugen guten Willen und geschickte Wahl. Und als der Abgeordnete Dernburg jüngst in öffentlicher Versammlung der neuen Regierung sein unb seiner Freunde von der Fortschrittspartei volles Vertrauen votirte, da konnte er es thun ohne Gefahr eines Widerspruchs von liberaler Seite. Es ist unmöglich, hier zu verkennen, was wir dem neuen Reiche banken. Solch einen Umschwung glaubten unsere Radikalen früher nur von einer Barrikaben- schlacht nach Pariser Muster sich versprechen zu können. Die untrennbare Einheit der nationalen und der liberalen Sache hat sich hier wieder einmal schlagend erwiesen, gerade wie in Bayern bet Gelegenheit des heiteren Ministeriums v. Gaffer. Aber viel Arbeit, viel Mühe wird die Reform unseres kleinen Staats- wesens kosten, und ohne harte Stöße selbst innerhalb des Lagers derer, die sich jetzt gegenseitig ihres Vertrauens versichern, kann es kaum abgehen. In einem Lande, wo feit Anfang der fünfziger Jahre die Gesetzgebung auf staatsrechtlichem Gebiete fast vollständig gestockt hat, mußte nach unb nach eine Ungeduld groß werden, aus der sich ein gewisser Radikalismus ver Forderungen mit Nothwenbig- keit erzeugt. Es kann nicht vermieden werben, baß eine besonnene, maßvolle Re- sormpolitlk aut solchen Forderungen in Conflict geräth, unb gleich bei dem Wahlgesetz, das noch mit diesen Ständen vor ihrem Verscheiden vereinbart werden soll,


