werben." Die Diplomatie weiß also, wenn das „UniverS" wohl unterrichtet ist, worauf sie sich bei der nächsten Papstwahl gefaßt zu halten hat.
Paris 9. Juni. In politischen Kreisen erregt die plötzliche Annäherung nicht aertngeS Aufsehen, die sich auf Grund eines konservativen Programms zwischen Legitimisten und Imperialisten eben vollzieht. Die Legitimisten, welche in der Provinz über nahezu 90 Organe verfügen, unv die Kaiserlichen, denen etwa 100 Blätter zu Gebote stehen, wollen gemeinsam vorgehen, um namentlich die Orleanisten mit Wucht zu bekämpfen. Die öffentliche Erklärung des Herzogs von Aumale in seiner letzten Rede zu Gunsten der dreifarbigen Fahne scheint den ersten Anstoß zu dieser ungewöhnlichen Coalition gegeben zu haben, besonders seitdem der Graf von Paris es abgelehnt, sich öffentlich von Aumale zu trennen und jetzt nach dessen Erklärung dem Grafen Chambord einen Besuch abzustatteu.
Paris 9. Juni. Die Militärdebatte hat Allen etwas gebracht: Gambctta den Ruruf der Majorität, Trochu die Herstellung seines Rufes als militärische Capacität und Thiers den gewünschten Erfolg. Nach der Rebe des Präsidenten der Republik hatten Trochu'S Vorschläge nur noch 228 gegen 462 Stimmen. Thiers fühlte sich unv warf mit militärischen Details um sich wie em alter Mar- schall von Frankreich. Dabei war er so bescheiden, zu äußern, „wenn er Herr der Geschickt des Landes wäre, so"... und „es sei nicht wahr, baß bas preußische Militärshstem das französische besiegt hätte, blos die preußische Regierung habe die französische besiegt." Diese und ähnliche Leckerbissen wurden von den Zuhörern verschlungen: sie fühlten ihre Selbstherrlichkeit und ihre Unbesiegbarkeit, denn die besiegte Regierung wurde weggejazt und so hat das unbesiegte Frankreich seine Ehre wieverhergestellt. Thier«, der den Chauvinismus gehätschelt hat wie sein Adoptivkind, hatte die kaiserliche Regierung „mit Thränen beschworen, keinen Krieg anzufangen, selbst Louvoi« wäre in acht Tagen nicht schlagfertig gewesen." Thiers verstand es sogar, die PrusstenS zu loben und dabei den Franzosen so zu schmei. cheln, daß sie staunend seinen Redekünsten folgten. Und dann wie überraschend, wie geistreich: „Man spricht von Völkern in Waffen; aber wo gibt es bewaffnete Völker? Bei den Barbaren, bei den Wilden; die erste kriegerische Nation der Welt, die Römer, hatten in den Zeiten ihrer höchsten Macht nur 300,000 Mann unter den Waffen. Das Zeitalter, wo sie noch alle bewaffnet waren, war das, wo sie noch Vieh und Weiber stahlen!" Wie beweiskräftig für ein französisches Herz: die Römer hatten nur 300,000 Mann, um die Welt zu bezwingen, und Thier« will da« Doppelte, das Dreifache für das moderne Römervolk zugestehen! „Oder bildet man sich etwa ein, m Deutschland sei Jedermann bewaffnet? Das ist ein großer Jrrtbum!" Diese Art, zu überzeugen, hat etwas Naives, unv voch ist sie voll Berechtigung; denn Thiers ist ern Mann, der seine Franzosen kenn unv mit der Nationalversammlung zu reven weiß, wie Ver Fuchs mit den Gänsen. Unv nun die merkwürvige Epifove aus der Kriegsgeschichte Napoleon «, wie er seine Austerlitzer ausbildcte, diese Eisenleiber! Man wird überrascht wie in einem Kaleidoskope, natürlich muß man den kindlichen Sinn zu diesen Erlustigungen mitgebracht haben; kritisch verfahren darf man nicht. Und doch hat Thiers mit seinen Ideen und seinen Schönrednereien für sein Land und seine Epoche nicht ganz Unrecht; er kennt die Bourgeoisie und ihren Widerwillen gegen die Wehr- pflicht, er kennt den Adel und dessen Untauglichkeit, als Kitt der Masse zu dienen, und er kennt die Liebhaberei der Burschen vom Lande, welche, sobald sie die Genüsse der Hauptstadt gekostet haben, ihren Lebenszweck im Casernenleben finden. „6m Volk in Waffen" ist ein deutscher Begriff, der in keinen französischen Kopf richtig hineingeht; daher konnte der alte Schlaukopf unter dem lachenden Beifall seiner Zuhörer spötteln: „Frankreich ist dem Zauber der Redensarten zu sehr unterworfen und mau führt es mit Worten an der Nase herum, bald mit „libertö“, die zum Despotismus, bald mit „ordre“, die zum Verderben, balv mit „fraternitö“, die zu Skptemberscencn führt, und jetzt ist la nalion annüe Move." Doch genug der Leckerbissen aus der famosen Rede, deren Wirkungen nur richtig gewürdigt und deren Zauber erst bann vollkommen empfunden wirb, wenn man sich ganz auf Den französischen Standpunkt zu versetzen und mit fran- zöfischen Augen zu lesen weiß.
Paris, 9. Juni. Der Plan über die neuen Befestigungen von Paris liegt Thiers jetzt vor. Die Forts, welche die Hauptstabt beschützen sollen, liegen in einem weiten Umkreise um dieselbe herum. Versailles befindet sich in der Ver- theibigungslinie. Der Beschluß, welchen die Commission Bamberger Betreff« ber Capitulationen gefaßt hat unb nach welchem Herr Keller seinen Bericht abfafsen wird, lautet:
Die National-Dersammlung befiehlt, daß die Berichte, welche die Arbeiten des KriegSratheS über die Capitulationen von Straßburg und Metz refumirt und den motivirten Gutachten als Basis gedient haben, im officiellen Blatte veröffent- licht werden. ,
Die Listen, welche das Pariser elsaß-lothringer Comite tn den Marrtecn aufgelegt hat und welche die Namen der in der französischen Hauptstabt sich auf- haltenben Elsaß-Lothringer enthalten, find jetzt fast alle auSgesüllt, b. h. bie Betreffenden haben sich fast alle für die französische Nationalität erklärt.
Paris, 9. Juni. Der Courrier de France meldet, daß der General Uhrich von dem Krieg«-Minister die Mittheilung erhalten hat, daß er auf seinen Wunsch und auf seine formelle Eingabe in Ruhestand versetzt worben ist.
Paris, 9. Juni. Die Republique Francaise, ba« Organ Gambetta'S, ist albern genug, der clerikal-legitimistischen Union nachzuahmen unb Italien ebenfalls Vor dem Kaiser Wilhelm zu warnen, der drn geheimen Plan habe, sich zum Herrn von Italien aufzuwersen. Die Republique Francaise sieht darin, daß Der „Kaiser Wilhelm" den Prinzen Humbert zum Chef de« 13. Husaren-RegimentS ernannt habe, den ersten Schritt, um den König von Italien zum Vasallen des Deutschen Kaiser« zu machen. E« ist am Ende überflüssig, die Dummheiten, welche Die Republique Francaise auftischt, zu widerlegen, unb e« genügt, einfach daran zu erinnern, daß Der Kaiser von Deutschland nicht allein russischer und österreichischer sonbern auch bayerischer Oberst ist, um selbst dem Unwissenden darzuthun, daß diese Verleihungen von Obersttiteln, die sich die Souveraine zu Theil werden lassen, bloße Ehrende,rigungen sind. Selbstverständlich weist die Republique Fran- rasse bei dieser Gelegenheit wieder darauf hin, daß Italien trotz seiner intimen Freundschaft mit Deutschland wohl wieder bald den Schutz Frankreich« gebrauchen könnte. „Andere Zeiten" — meint dieselbe — „werben kommen, und vielleicht früher, al« da« italienische Königthum e« glaubt. Wir werden dann sehen, wo die wahren Freunde Italien« sind, e« wird dieses sehen unv e« wirb sie aufzu- finden wissen."
Paris, 9. Juni. Die „Republique Francaise" bringt einen aus Straßburg daiirten wülhenden Ausfall gegen General Uhrich. Der Alte ist in den Augen
dieses Straßburger Gambettisten ein unbescheidener Mensch, dem fein Protest wenig Ehre macht, Der zu seiner EntschulDigung in Wirklichkeit nur sein Atter ansühren könne, unD Der vor Dem Kriege selbst um da« CommanDo in Straßburg oder Metz nachgesucht habe, viel weniger aus Patriotismus denn au« Eitelkeit ober Illusion. Die Schamlosigkeit diese« Straßburger« gegen Uhrich geht so weit, baß er ihm zurust: „Hat er nicht, wie so viele Andere, gehofft, daß währenD des Siegesmarfche« auf Berlin der Posten in Straßburg ihm eine angenehme Sine- cure oder neue Ehren, ohne Gefahren oder Strapazen zu bestehen, bringen würde?" Dann wird ihm vorgeworfen, er habe sich weniger um die Ankunft des Feinde« al« um die politische Lage bekümmert, habe die Einwohnerschaft ortwährend mit Lügen gespeist u. s. w. Doch lassen wir dem Straßburger und einem Organe die Gemeinheiten und Schnödigkeiten, die e« dem alten Haudegen an Den Kops schleudert, es sei nur noch Die für Das, was sich als Volksstimme über Den letzten Krieg breit macht, bezeichnenDe Stelle ausgehoben: „General Uhrich verlangt, vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden. Weshalb? Er ist keines Vergehens beschuldigt, Das nach Den Kriegsgesetzen strafbar ist; aber niemals wirD ein KriegSrath ihn von Dem Vorwurfe Der Unfähigkeit fretfprechen, Der weniger noch aus Dem Berichte Des Untersuchungsraths al« au« seinen eigenen Schriften hervorgeht."
Paris, 11. Juni. Gestern verhafteten zu Bayonne Die französischen Be- hörDen den carlistischen Deputirten Uncota von BiScaya und Den cailistischen Ex- Deputirten Ochoa. Dieselben sollen internirt toerDen. Man sagt, Spanien verlange ihre Ausweisung au« Frankreich.
Italien.
Rom. Die VcrhanDlungcn zwischen RußlanD unD Der Curie werken wieder interessante Schlaglichter auf die Ehrlichkeit unD Aufrichtigkeit der Diener der Kirche. Während sie mit Schaudern und Entsetzen jeDen GeDanken an eine Ver- söhnung mit einer katholischen Regierung wie der des König« von Italien von sich weisen, lächeln sie und machen Bücklinge gegenüber einer ketzerischen Regie- rung wie der des Czaaren. Rußland hat nämlich mehrere Concessionen verlangt, um Polen auch religiös zu unterjochen und der Vatican zeigt sich nicht abgeneigt. Das Interesse Der katholischen Kirche ließe zwar eine Weigerung rathsam er- scheinen, aber Die politischen unD weltlichen Rücksichten herrschen auch Diesmal vor.
Rom. Der Eindruck, welchen hier Der ebenso glänzende als sreunDschaft- liche Empfang de« italienischen Kronprinzen und seiner allgemein verehrten Gemahlin am kaiserlich Deutsehen Hose hervorgerufen hat, wird hier sowohl auf Die Lage Des Ministeriums als auf Die öffentliche Meinung einen entfchieDen günstigen Einfluß ausüben. Ohne Diesem jedenfalls sehr bezeichnenden Austausch persön- licher Freundschaftsbezeugungen Die Tragweite Diplomatischer Plane zuschreiben zu wollen, wird derselbe dennoch dazu geführt haben, ber öffentlichen Meinung hier eine entschievene Haltung vorzuzeichnen und die Ueberzeugung, daß Die Zukunft Italiens unD dessen Entwicklung an Deutschland die sicherste Stütze finden müsse, festere Wurzeln schlagen zu lassen. — Während nun allmählich aus dem priesterlichen Rom eine moderne Hauptstadt emporstrebt, und zwar gerade auf jenen Hügeln, welche in der Blüthezeit des kaiserlichen Rom die größten öffentlichen und reichsten Privatgebäude trugen, isolirt sich der Vatican mit jedem Tage mehr und selbst da« Nichtabhalten der vorzüglichsten Kirchenfeste, welches noch im vorigen Jahr wie eine Lücke empfunden wurde, beginnt nun tn dem Wirbel des ge- schäftlichen Lebens uns einer thätigen Entwicklung nicht mehr beachtet zu werden. Das träge Mönchsleben und da« lebendige Streben der Neuzeit bieten hier gegenwärtig die auffallendsten Gegensätze. Man braucht blos in einigen der italieni- scheu Ministerien zu thun zu haben, um die Räume, welche noch vor einigen Monaten einigen untätigen Mönchen gedient Haden unD alle Spuren Der 93er- nachlässigung, De« Verfalles unD Der Unreinlichkeit funDgaben, nunmehr zu Den reinlichen, bequemen, mit allen Erleichterungen Der Wissenschaft ausgestatteten Aemiern umgestaltet zu erblicken, welche statt zwanzig oder dreißig melancholischen Cönobiten mitten in dem bevölkertsten Theile der Stadt ein Asyl größerer oder geringerer Büßfertigkeit zu gewähren, vielen Hunderten von thätigen Staats- dienern gestatten, Die Geschäftszweige eines ganzen Reiche« zu besorgen. — Obwohl Den über ein ernsteres Unwohlsein De« Papstes ausgestreuten unD von einigen raDicalen Blättern perioDisch wiederholten Nachrichten kein Glaube beizumessen ist, so kann dennoch nicht geläugnet werden, das Pius IX. während Der letzten Monate stark eingesunken ist unD sichtlich an Kraft verloren hat. Die Spaziergänge in Dem vaticanischen Garten werden seltener, woran Da« ganz außerordentlich unstete Frühjahrswetter nicht allein Die Schuld trägt.
England.
London, 9. Juni. Kirk meldet telegraphisch au« Zanzibar: Livingstone lebt in Unyanyembed, besuchte da« Nordende De« Tagangikasee's.
Local-Notizen.
GjxßkN. Die Main-Weser-Bahn hat einige dankenSwcrthe Erleichterungen des Verkehr« eintreten lassen, indem sie Schülerbillets, Abonnementskartcn und RundreisebilletS auSgibt. Die Sckülerb.stets kästen die Hälfte des gewöhnlichen Fahrpreise« in 3. Claffe. und aus ÄbonnementS- karten, welche für drei Monate gelten, werden 40 Procent Rabatt bewilligt. RundreisebilleiS geben die Stationen Gießen und Frankfurt nach Bremen, Hannover und Harburg aus, und zwar mit achttägiger Gültigkeit und 20 Procent Ermäßigung für die 1. und 2. Elaste und 2ö Procent für die 3. Elaste. Ferner von Frankfurt über Gießen und die Lahnbahn mit drei Tagen Gültigkeit von Gießen und den längs der Bahn liegenden heffen-darmstädtifchen größeren Stationen nach Darmstadt mit zwei Tagen Gültigkeit, von Cassel, Marburg, Gießen ic. >c. nach «voden, Mainz Biebrich, Wiesbaden, Bingen und Worms. Außerdem find in dem Reglement, da« bei den Stationen für 1 fr. zu erhalten ist, noch eine ganze Reihe von Rundreisen aufgeführt, die bei entsprechender Giltigkeitsdauer sich bis an den Bodensee, nach Köln und Westpbalen erstrecken. Schließlich ist noch zu bemerken, daß für geschlossene Gesellschaften eine Ermäßigung bis zu 50 Procent bewilligt wird.
Vermischtes.
Darmstadt, 9. Juni. Derschiebene Zeitungen berichten von einem neuen Raubmorbaniall au« Dem ODenwalb. Ein junger Mensch soll zwischen Michel- staDt unD Rehbach von Drei Strolchen angefaDen, beraubt unb Dann, nachbern sie ihm Drei Stiche beigebracht, in« Wasser geworfen »erben fein, woran« er sich glücklicherweise später mit Hilfe eine« vorübergehenben Mannes herausgeholfen habe. Ist bie Nachricht wahr, woran nach Uebereinstimmung ber Nachrichten kaum zu zweifeln, bann wäre es wirklich für bie Behörben angezelgt, mit Den energischsten Mitteln vorzugehen. Die Gerüchte vergrößern selbstverständlich und
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