Regierung und durch die so bewirkte Begründung eine- festen gesetzlichen Zustandes der französischen Agitation eines der Hauptaiittel entzogen, durch welches sie bisher vorzugsweise auf die Bevölkerung einzuwirken versuchte. Auch sprechen die früher in den Rheinlanden, den polnischen LandeStheilen, und noch 1866, resp. 1870 in Frankfurt a. M. und den norddeutschen Distrikten gemachten Erfahrungen durchaus für ein derartiges Verfahren. Es sind im letzten Kriege bei den Dienstpflichtigen der zuletzt genannten LanveStheile beinahe, gar keine Desertionen vorgekommen, und kann die Einbürgerung der deutschen Wehrpflicht dort jetzt als vollkommen vollzogen angesehen werden. Das Gleiche darf vielleicht bereits binnen wenigen Jahren auch für die deutschen Gebiete der neuen Reichslande angenommen werden. Diesen gegenüber fallen hingegen die eigentlich französische» Gebiete kaum noch ins Gewicht. Es gehören von den 1,598,566 Einwohnern der neuen deutschen Reichslande 266,000 der französischen Nationalität an. Die Jahres- quote an Rekruten würde sich demnach für dieselben, bei 1 Procent für die drei Jahrgänge der aktiven Dienstpflichtigen, auf 886 Mann berechnen, und selbst mit der vollen Verwirklichung der zwölfjährigen Dienstpfl cht würden sich der deutschen Armee erst 10,632 Mannschaften der französischen Nationalität eingcfügt finden. Auf 1.200,000, oder nach zwölf Jahren sogar 1,600,000 Mann würde dieser Bruchtheil indeß ein so verschwindender sein, um kaum noch eine Bedeutung zu besitzen. Bei einem etwaigen neuen Kriege mit Frankreich dürfte es außerdem sehr leicht sein, für diese kleine Zahl eine anderweitige Verwendung zu finden. Ein Nachtheil kann in der Einstellung dieser französischen Mannschaften also absolut nicht erblickt werden, wohl treten andererseits hingegen die Vortheile der Aus- dehnung der Wehrpflicht auf die neuen Reichslande so bestimmt hervor, um dem entschiedenen Vorgehen hiermit in jeder Weise das Wort reden zu müssen.
Der Kaiser hat, wie verlautet, noch einmal eine Berichterstattung von sämmt- ltchen deutschen Truppentheilen eingesordert, in wie fern bei der Verleihung des Ordens des Eisernen Kreuzes vielleicht der Eine oder der Andere, welcher einen begründeten Anspruch auf denselben haben sollte, übergangen worden sei. Es sollen dann noch einmal an die Gesammtheit aller Truppentheile nach Prüfung dieser Berichte Verleihungen stattfinden, dann aber soll die Verleihung als definitiv geschlossen erklärt und demnächst eine Zusammenstellung und Veröffentlichung aller verliehenen Eisernen Kreuze 1. und 2. Klaffe erfolgen.
Berlin, 7. Febr. Der Bischof von Straßburg hat, wie die Spener'sche Zeitung meldet, hiehcr berichtet, Cardinal Antonelli habe eröffnet, daß die Curie das Concordat von 1801 nicht mehr als zu Recht bestehend ansehe. Die Reichs- regicrung theilt zwar diese Rechtsauffassung nicht, sieht indeß demnächst Verhandlungen über eine Neuordnung der Beziehungen zwischen dem Staate und der Kirche in Elsaß-Lothringen entgegen.
Berlin, 8. Februar. Die neuen Jnfanteriegewkhre werden, wie die „Voss. Z." vernimmt, noch im Laufe dieses JayrcS an die Regimenter der deutschen Armee, an die hiesigen Garderegimenter bereits vom nächsten Monat ab, vertheilt werden. Der Lauf derfelbeu ist broncirt, Caliber und Kugel konform dem Chasse- potsystem und das Gewicht um 1^ Pfund leichter als das der Zünvnadelgewehre. An Stelle des bisherigen dreikantigen StichbayonnetS wird ein Haubayonnet treten.
Berlin, 8. Febr. Das Abgeordnetenhaus begann heute die Debatte über da- SchulauisichtSgefetz. Zum Wort gemeldet sind 23 Redner für, 17 gegen die Vorlage. Für die Vorlage sprechen Richter (Sangershausen), Virchow, Lasker; dagegen sprechen Reichensperger (Olpe) und Windthorst. Morgen wird die Debatte fortgesetzt. Bei Beginn der Sitzung brachte der Minister für die landwirth- schaftlichcn Angelegenheiten einen Gesetzentwurf ein, betreffend die Aufhebung des Jagdrechts auf fremdem Grund und Boden in den kurhessischen, den ehemals groß- herzoglich hessischen LandeStheilen und Schleswig-Holstein.
Pleß, 8. Febr. Bei der heute stattgehabten Nachwahl zum Reichstag wurde der Ge,stl. Rath Müller mit 9151 Stimmen gewählt. Sein Gegenkandidat, Herzog v. Ratibor, erhielt 8385 Stimmen.
Stuttgart, 9. Febr. Der „Schwäbische Merkur" faßt das Resultat der letzten Kammerverhandlung dahin zusammen: „Die Kammer hat der zwischen dem Bundeörath, dem Reichstag und der württembergischen Regierung feststehenden Ansicht auch ihre Autorität hinzugesügt. Württemberg hat jetzt in feinen officicllen Organen erklärt, daß cs unter dem Beitritt zum Reich auch die reichsgetreue Fortentwickelung des Reichsrechts verstehe."
München, 9. Febr. Der Jnitiativ-Antrag wegen der bayerischen Reservatrechte wurde mit 75 gegen 73 Stimmen von der Abgeordnetenkammer ab- gelehnt.
Oesterreich.
Olmüy, 5. Febr. Eine GerichtS-Commission begab sich in Begleitung des Staatsanwaltes heute von hier nach Prcßnitz zur Untersuchung der durch den Erzbischof von Olmutz im dort'gen Matrikclbuche veranlaßten Streichung der daselbst eingetragenen Clvilehe. (N. Fr. Pr.)
Belgien.
Brüssel, 9. Februar. Der „Jndeprndance" schreibt man aus Versailles: In Reglkrungskreisen werde man immer üverzeugter, daß kein anderer Ausweg vorliege, als die Auflösung der Kammer oder die definitive Proclamirung der Republik.
Frankreich.
Paris, 6. Februar. Wenn die Hetzereien gegen die in Frankreich ansässig gewesenen und nach dem Kriege zurückgekehrten Deutschen sich nicht mehr oder doch nur selten in die Ocffentlichkeit wagen, so bauern Haß und noch mehr Mißgunst gegen dieselben immerhin in weiten Kreisen fort, und eS wird den Zurückgekehrten der Aufenthalt hier nach Möglichkcit verbittert. Vielfach kommt es noch vor, daß Leute, die sich auf der Straße oder im Estaminet deutsch unterhalten, verächtlichen Reden und selbst Mißhandlungen ausgesetzt sind, und zahlreich sind die Geschäfte, wo die französischen CommiS, Gehülfen ober Arbeiter dem Principal entschieden entgegentreten, wenn er neben ihnen wieder Deutsche ansttllen will. Und doch bedarf das GeschästSleben anO namentlich die Fabrikation von gewissen LuxuS- gegenstänben die deutsche Arbeit gegenwärtig noch mehr als vor dem Kriege, und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat die Gewerbthätigkeit von Paris, die wäh- rend der zweimaligen Belagerung fast ganz zum Stillstand verurtheilt war, eine Pause von circa sirben Monaten einzubringen und Bestellungen auszuführen, wie sie in einzelnen Branchen bisher nur selten in solchem Maße eingingen. Sodann
aber hat ihr die Betheiligung eines großen Theils der Fabrikarbeiter an dem Aufstand des 18. März v. I. und den darauf folgenden Kämpfen viele Kräfte für immer, d. h. durch den Tod der Betreffenden, andere für längere Zeit entzogen. Eine sehr erhebliche Zahl von Arbeitern ist, zur Einsperrung oder zur Deportation verurtheilt oder wartet in Versailles oder auf den Pontons noch auf das Eine oder das Andere. Viele andere fleißige und geschickte Hände haben sich während des Bummlerlebens in der Nationalgarde das Arbeiten abgewöhnt. In gewissen Fabrikationszweigen endlich, so vor Allem in der Manufaktur feiner Tapeten und in der Kunsttischlerei, die im Faubourg St. Antoine ihren Hauptsitz hat, waren vor dem Kriege die Deutschen gar nicht zu entbehren, und ähnlich verhielt sich'S und verhält es sich noch jetzt mit den zahlreichen Commissions- und Speditionsgeschäften, die ebenfalls zur bei Weitem größeren Hälfte in den Händen von Deutschen sind. In allen diesen Richtungen befindet sich, da von den circa 70,000 Deutschen, die sich vor der famosen AustreibungSordre in Paiis aushicl- ten, schwerlich mehr als die Hälfte zurückgekehrt ist, das arbeitende und probu- cirende Paris in starker Verlegenheit. Man sieht auch hier, daß die Dinge in der Regel stärker als die Leidenschaften der Menschen sind, und Mancher, der unüberlegt jener Ordre Beifall zurief, wird jetzt an sich selber gewahr, daß er und Seinesgleichen gescheidter gethan hätten, sie nach Kräften zu bekämpfen.
England.
London, 9. Febr. Eine Depesche der „Times" aus Washington vom 8. meldet, die Regierung der Vereinigten Staaten sei entschlossen, keinen ihrer aufgestellten Ansprüche zurückzuziehen, dagegen Alles dem Schiedsgericht anheimzustellen.
Rumänien.
Bucharest, 8. Februar. Im Senate und in der Kammer wurde über mehrere gegen die Regierung gerichtete Angriffe und Interpellationen Uebergang zur Tagesordnung beschlossen. Die Kammer hat die Vorlagen in Betreff der Stempel und Taxen angenommen. In der Sitzung des Senats erklärte die Regierung auf eine Interpellation, daß die rumänische Eisenbahngesellschaft die rumänischen Bahnen durch wen immer ausbauen und betreiben lassen könne. Der Senat erklärte sich mit dieser Mittheilung für zufriedengestellt.
Türkei.
Konstantinopel, 5. Febr. Gestern fand hier eine Demonstration zu Gunsten der drei verbannten bulgarischen Bischöfe statt. Circa 2000 Bulgaren zogen vor das Regierungsgebäude und verlangten vom Vezir, daß die Bischöfe aus dem Exil zurückgerufen würden. Der Vezir versprach, die Angelegenheit einer nochmaligen Prüfung zu unterziehen.
Amerika.
Newyork, 6. Februar. Die gemäßigte Sprache der englischen Thronrede bezüglich der Alabamasrage ist hier sehr günstig ausgenommen worden.
Newyork, 8. Fcbr. Die Journale besprechen heute den Stand der Alabamafrage. Die „Abendpost" meint, ein ernster Conflict liege außer dem Bereich der Wahrscheinlichkeit. Die Regierung möge in der Angelegenheit ein festes loyale- Derhalten beobachten, dann werde Amerika aus den Verhandlungen mit einem großen moralischen Siege hervorgehen.
Local- Notizen.
Gießen, 10. Febr. Eine glückliche Operation gelang Herrn Medicinalrath vr. Stammler. Derselbe nahm nämlich einem im alten Arresthause bdinirten Dienstmädchen eine Nähnadel ander Seitengegend heraus, welche dasselbe vor längerer Zeit geschluckt hatte.
Börsenberichte.
Frankfurt a. M., 9. Februar. Schon gestern Abend fing die Stimmung der Bourfiert an, sich von dem mittägliche« Schrecken zu erholen und die Abendcourse gestalteten sich wesentlich besser, besonders da auch Wien und Berlin festere Schlußnotizen sandten. Die Speculation ward aber vollends beruhigter, als die Newyorker Course fast unverändert eintrafen und auch zahlreiche Newyorker Privatdepeschen der ganzen Alabamagrschichte wenig oder keinen Werth beilegten. So eröffnete denn die heutige Börse bei sehr guter Haltung und hinsichtlich der Spielpapiere bei circa 5—6 fi. höheren Eoursen, die sich freilich im Laufe des Geschäfts nicht hallen konnten, sondern nachgeben mußten. Nichtsdestoweniger find die Eours« dieser Papiere schließlich doch ca. 4—5 fl. höher als gestern. Am deutlichsten war die Besserung bei den Anlagepapiercn zu bemerken, von denen in erster Reihe deutsche Bahnen, wie bayerische Ost-, hessische Ludwigs- und Oberhessea gefragt waren. Auch österreichische Babnpapiere wurden besser, durchschnittlich 5 Procent, auch Prioritäten, welche überhaupt am wenigsten durch den gestrigen Stoß gelitten, beliebt und wareis für Elbthal, Saalbahn, Ebensee sdie sich sogar gestern 1 Procent Hausse machten), und 5proc. Lombarden ziemlich viel Kaufaufträge vorhanden. — Banken erholen sich gleichfalls und waren namentlich englische Wechölerbank, Frankfurter Bankverein und Wechslerbank, Oesterreich.-deutsche sehr fest. Von Staatspapieren waren 4l/zproc. und 5proc. Bayern im Umsatz, wie auch 5proc. Ungarn, letztere höher bezahlt. — Loose in regerem Verkehr als gestern und Raab-G>azec, Ungarn, und von kleineren Sorten Meininger und Mailänder 10-Francs besser. Amerikanische Werthe durchgehends höher, 1881er Staatenbonds lOOVz, 1882er 95%—96 auf sehr gute Londoner Anfangscourse, 6proc. Stadt Newyork 973/4. Oregon 733/4—74. Central Pacific, die für den Januar eine Mehreinnahme von 100,000 Dollars aufweist, steigend.
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Sonntag den 11. Februar. Friedrich Zülch W'ttwe auf dem Seltersweg, Heinrich Plank in der Neustadt und Martin Lenz am Markt.
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der evangelischen Gemeinde zu Gießen.
Am 11. Februar:
Gottesdienst.
\ Morgens: Pfarrer Landmann.
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Die Pfarrgeschäftc für die Woche vom 11. bis 17. Februar 1872 besorgt Pfarrer Landmann.
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