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Anzeige- und Amtsßtatt für den Kreis chichen.

Ne. Zs Freitag den 9. Februar 1872.

ztiif Son totoßonov 9fniOinpr werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch bei allen Post 2ÖC|tCUUngCn aus VCll ^liynicr ^nzelger Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.

Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Expedition abholen lassen, erhalten denselben für die Monate Februar und März zu 40 fr.

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Amtlikher

T h e i t.

Nr. 5 des Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben am 3. Februar 1872, enthält:

(Nr. 783) Gesetz, betreffend die Einführung von Bestimmungen über das Neichskriegswesen in Elsaß-Lothringen. Vom 23. Januar 1872.

(Nr. 784) Bekanntmachung, betreffend die Abänderung und Ausdehnung des Bahnpolizei-Reglements für die Eisenbahnen im Norddeutschen Bunde vom 3. Juni 1870. Vom 29. December 1871.

(Nr. 785.) Bekanntmachung, betreffend eine Abänderung in Anlage D. des Wahl-Reglements vom 28. Mai 1870. Vom 24. Januar 1872.

(Nr. 786.) Ernennung von Konsuln und Vicekonsuln des Deutschen Reichs.

(Nr. 787.) Ertheilung des Exequatur an den Kaiser!, und König!. Oesterreichisch - Ungarischen Generalconsul zu Bremen, die Kaiser!, und König!. Oesterreichisch- Ungarischen Viceconsuln zu Altoua und Harburg, die Französischen Consuln zu Breslau und Stettin und den Consu! der Republik Paraguay zu Hamburg. '

Gießen, den 8. Februar 1872. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Röder.

Bekanntmachung.

Die Untersuchung der Feuerungsanlagen in den Orten des Dienstbezirks des Bezirksbauaufsehers Hahn in Gemeinschaft mit diesem Letzteren ist dem Maurermeister August Nauheimer zu Gießen übertragen worden, nachdem der Zimmermeister Johannes Alker zu Gießen seinem Ansuchen gemäß hiervon entbunden worden ist.

Gießen, den 5. Februar 1872. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Röder.

Politischer T y e i t.

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Fürst Bismarck gegenüber dem Ultramontanismus.

Daß die Reden, welche der Kanzler des Deutschen Reiches als preußischer Ministerpräsident am 30. und 31. Januar in der Kammer der Abgeordneten zu Berlin gegen das infallibilistische Centrvm gehalten hat, ron noch unberechenbarer Tragweite sind, ist eben so gewiß, als daß darin eine unumwundene KriegSerklä' rung gegen den JesuitiSmus, der nach osficiellen Erklärungen des Papstes und der Bischöfe mit dem jetzigen römischen KatholiciSmus als durchaus eins betrachtet weiden muß, enthalten ist. Dem gegenüber Hot sich offen eine Allianz vollzogen zwischen den Jesuiten im ultramontancn Lager und den Ultras der protestantischen Orthodoxie. Dieser Bund, der lange im Geheimen bestand, wurde nun bekannt gegeben unter beispiellosem Ueberwulh der katholischen Infallibilisten. Mtllinck- rodt, der streitbare Westfale, welchen die Jesuiten nicht um ein Königreich her­gäben, hat in äußerster Intoleranz, aber mit sylabistischer Treue bei der Brüder­schaft dem alten Herrn v. Gerlach ins Angesicht gesagt: daß der Ultramortane nach dem Siege keinen Protestanten mehr dulden werde. Die protestantischen

BundeSg'noffcn müßten dann alle katholisch werden. Auf dieser Seite ist Ent­schiedenheit, siegen oder sterben doch ist man des SiegcS gewiß. Tiefe Leute

haben Fluch gesprochen über alles auf Erden, was nicht glaubt, daß Pius IX.

unfehlbar und auf allen Gebieten des Lebens unverantwortlicher Richter und Herrscher sei, und sie geben ihrem Fluche Kraft in der Prax'S.

Da lebte eine barmherzige Schwester, Augustine Amalie v. Lasaulx, mehr als 30 Jahre den Thaten der Liebe mit einer solchen Reinheit der Gesinnung und in so vollendeter sich selbst vergessender Hingebung und Freudigkeit, daß sie die Bewunderung der edelsten Manner aller Eonfessionen erregte, und daß mit den DankeSthränen der Armen Fürsten und Königinnen ihre Huldigungen ver- einigten. Sie erkrankte lebensgefährlich im vorigen Herbste. Wie aus Liebe be­suchte die Novizenmeisterin aus Trier, die Schwester eines vortragenden Raths im Berliner Cultusmintsterium, die erkrankte Oberin im St. Johann-Hospital zu Bonn, und entlockte ihr am dritten Tage des Besuches das Geständniß, daß sie an die Unfehlbarkeit des Papstes nicht glaube. Darauf reiste die Novizenmeisterin unter Versicherungen der Liebe ab. Noch etwa acht Tagen erschien die Generol- oberin aus Nancy, eine bigotte Französin, unangemeldet an dem Bette der Kranken, mit der AnredeUnglückliche" sie begrüßend, entsetzte sie polternd ihres Amtes und zwang die Standhafte, das Haus zu verlassen. In Vallendar wurde sie, die Sterbende, noch zwei Monate durch Bekehrungsversuche gequält; dann starb sie. Die Nonnen zogen ihr das Ordenskleid aus, und schickten ohne alle Be­gleitung den Sarg über den Rhein nach Weißenthurm, wo die Familiengruft der Verstorbenen sich befindet. Dort am User fand die verlassene Leiche die Fürstin zu Wied, welche den Sarg in ein Haus tragen, öffnen ließ und erschüttert einen Kranz htneinlegte, die Barbarei der Schwestern der Heimgegangenen sühnend durch ihren Samariterdienst. Das ist das Ideal der Behandlung aller Nichtinfallibiii- sten, sobald Herr v. Mallinckrodt gesiegt hat. Also entschieden in ihrem Haffe find die Ultramontanen. Versöhnung gibt es da nicht nur Unterwerfung.

Wie steht es dem gegenüber mit der Kriegserklärung Bismarcks? Sie ist

charaktervoll erfolgt, nicht frivol, sondern erzwungen, wie der Kanzler überhaupt nur von der politischen Nothwendigkeit sich in die Opposition gegen dieKirch­lichen" hat drängen lassen. Jahrelang hat er ein gewiffcs sympathisches Gefühl für sie nicht verläugnen können, was der katholische Ministerialrath Linhof freilich etwas grob aufgefaßt hatte, als er in einer Kammeicommission den Minister­präsidenten für einen Lobredner der Jesuiten erklärte. Bismarck hatte nämlich für den tiefen Spalt zwischen der jesuitisch-rvmomschen Weltanschauung und ter deut­schen Cultur kein Auge, und für den tiametralen Gegensatz der innerhalb der katholischen Kirche einander bekämpfenden Richtungen kein Verständniß. Die politische Riesenaufgabe, welche er sich gestellt, ließ ihm keine Zeit zu Studien auf diesem Gebiete. Er urtheilte daher nach dem Eindruck der Personen. So kam es, daß er nicht bloß den Wahlstreit im Kölner Erzbiethum mit einem ge­wissen Behagen erledigte in der Ernennung Melchers', eines offenkundigen Jesuiten- dieners, sondern ein diplomatisches Meisterstück vollbracht zu haben meinte durch die rasche Besetzung des erzbischöflichen Stuhles von Gnesen-Posen mit der Person des Grafen Ledochoweky, wobei noch Herr v. Mühler sich vergnügt die Hände rieb, weil die Sache so glatt obgegangen sei. Aber der jetzigePrimas von Polen", ein in der Wolle gefärbter Jesuitenzögling, war in der Kirchcndiplomatie glatter als beide. Unterdessen ereignete sich vieles, was dem jetzigen Kanzler hätte Vie Augen öffnen können; allein es scheint, daß er es nicht für möglich gehalten, daß die religiöse Frage bet seinen staatlichen Schöpfungen jemals die Bedeutung erlangen werde, die sie heute hat, unb daß er glaubte, mit leichtem Fuße, wo sie sich ihm etwa in den Weg legen würde, darüber Hinwegschreiten zu können. Da­her äußerte der Schreiber dieser Zeilen bereits vor mehreren Jahren: das man­gelnde Verständniß für die unaufhaltsam in den Vordergrund sich drängende reli­giöse Frage sei die Achillesferse des großen Staatsmannes. Staunen erregt aber das eigene Geständniß des Kanzlers, daß er auch nach seiner Rückkehr aus Frank­reich noch in völliger Unkenntniß der Lage befangen war. Denn er gesteht:Ich hatte gehofft, die Regierung würde ein Stütze finden an einer kirchlichen Partei, die dem Kaiser gebe, was des Kaisers ist..."Als ich aus Frankreich zurück- kehrte, um mich den inneren Aufgaben des Staates zuzuwenden, trat mir die neu* gebildete Fraktion des Centrums in einer Weise gegenüber, daß ich darin nur die Mobilmachung der Partei gegen den Staat erblicken konnte." Er ist also völlig überrascht; er hatte Freunde erwartet und steht vor einer mobilen feindlichen Armee. Es wird jeder gern den Scharfblick des Ueberraschten, der sofort die unerwarteten Feinde als solche erkennt, ehe sie einen Schlag gegen ihn auSsühren können, bewundern. Auch ist das WortMobilmachung der Partei" geistreich und, von dem Standpunkte dessen, der zuerst zum Bewußtsein kommt, daß er hier einen Feind hat, wohl richtig. Indessen faktisch lag die Sache anders. Die Mobilmachung geht dem Kampfe voraus; hier hatte aber ein langjähriger Kamps stattgefunden, ehe jene Fraction des Centrums sich bildete. Die Mobilmachung der Partei geschah in den Generalversammlungen der katholischen Vereine Deutsch­lands; auf diesen wurde fortwährend zu den Waffen gerufen gegen den Staat; auf einer solchen wurden schon beinahe vor einem Decenntum die höheren Unter-