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3M5" Des Himmelfahrtstages wegen wird die nächste Nummer dieses Blattes erst Freitag den 10 d. Mts. ausgegeben. Die Expedition.

Preis vierteljährig 6 st. 12 fr. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 st. 27 fr.

(Wener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Sonntags.

Expedition: Canzleiberg, Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.

Nr. 108. Mittwoch den 8. Mai 1872.

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Amtlicher T h e i l.

Betreffend: Die Einsendung der Rechenschaftsberichte. Gießen, am 6. Mai 1872.

Die Großherzogliche Kreis - Schul - Commission Gießen

an die Schulvorstande des Kreises.

Unter Bezugnahme auf Art. 40 des Edicts über das Volksschulwesen vom 6. Juni 1832 fordern wir Sie auf die vorgeschriebcnen Rechenschafts­berichte und Schulprüfungsprotocolle. insoweit dies nicht bereits von Einzelnen von Ihnen geschehe» ist, innerhalb 8 Tagen an uns einrusenden.

I. V. d. D.: Kekulö, Kreisassessor.

Politischer Theil.

Deutschland.

Hanau, 5. Mat. Ein dahier kürzlich gestorbener reicher Privatmann, Namens Eh. Weishaupt, hat unter anderen Legaten auch ein solches von 7000 fl. zu einem Fond für ein dem deutschen Kaiser auf hiesigem Marktplatze zu errich­tendes Standbild ausgesetzt.

Berlin, 4. Mat. Nachdem die mit dem 1. Juli d. I. eintretende Herab­setzung des Porto's für Correspondenzkarten auf V2 Sgr. ungeordnet worden, soll auch eine Aenderung des Formats dieser Postkarten eintreten, weshalb durch Ver­fügung vom gestrigen Tage die Oberpostdircctionen veranlaßt worden sind, die Lieferanten von Postdruckmaterialien darauf aufmerksam zu machen. Bei der größeren Verbreitung der Feuer- und Hagriversicherungsanstalten ist Anweisung gegeben, daß die Bezirksregierungen solcher Landestheile, in welchen das Der- sicherungewesen nicht gehörig gepflegt wird, den Grundbesitzern eindringlich vor- stcllen, welche Gelegenheit sich ihmn bietet, die durch Feuer und Hagelschlog ent- stehenden Verluste alzuwenden, zumal bei Hagel- und Feuerschaden der Erlaß an Klaffcnsteuer im Allgemeinen nicht mehr etntreten soll, derartige Nachlässe also nur noch ganz ausnahmsweise stattfinden werden.

Berlin, 5. Mai. Ueber die Wendung, welche die beabsichtigte Ernennung des Cardinals Fürsten Hohenlohe genommen, schreibt man derKöln. Ztg." aus Berlin: Als ich Ihnen vor acht Togen einige Betrachtungen über die Ernennung des Cardinals Hohenlohe zum deutschen Botschafter in Rom sandte, unterließ ich es, die Eventualität ins Auge zu fassen, daß der Cardinal durch den Papst zurück- gewiesen werden könne. Ich wollte nicht wenn der Ausdruck hier erlaubt ist den Teufel an die Wand malen. Nun ist es wirklich geschehen. Der Papst weigert sich, dem Cardinal die Autorisation zur Annahme des deutschen Bot- schasterpostcnS zu geben. Wir werden dafür wohl manche gelehrte und ungelehrte Ausführung zu hören bekommen. Die Gründe, welche den Papst zu dieser Wei­gerung blstimmten, können nicht persönlicher Natur sein. So viel man hier weiß, ist ihm die Persönlichkeit des Cardinals keine unangenehme. Die Meinungsver­schiedenheiten, welche zwischen dem Papste und dem Cardinal bkstehen mögen, haben das Wohlwollen des Papstes für seinen ehemaligen Cameriere segreto, wie man hört, nicht wesentlich beeinträchtigt. Die Gründe können auch nicht in formellen Bedenken gefunden werten. Cardinäle haben zu verschiedenen Zeiten die Stellen von Botschaftern und Gesandten eingenommen. Die Zurückweisung des Cardinals muß also tiefer liegen. Man hat es augenscheinlich in Rom rin- gesehen, daß die Ernennung des Prinzen Hohenlohe zum Botschafter den Beweis liefern würde, daß die ReichSregierung zwischen ultramontan und katholisch zu unterscheiden wisse. Eine solche Unterscheidung wird aber in Rom nicht geduldet. Die Organe des Jesuitenordens verkünden es alle Tage. Nach ihnen ist die katholische Kirche vom Jesuitenorden nicht zu trennen. Wer ein Feind des Ordens ist, soll auch als Feind der Kirche gelten. Der Cardinal Hohenlohe, der von einem Jesuitenorgan, der Schles. VolkSztg., als der verlorene Sohn geschildert wird, weil er kein Anhänger der Jesuiten ist, durste nicht mit dem ganzen schweren Gewicht eines deutschen Botschafters in Rom einziehen, sondern soll als Büßen­der an die Pforten desGesü anklcpfen. Er wird sich hüten, dies zu thun. Wir aber in Deutschland wissen nun, woran wir sind, oder besser gesagt, wir sehen wieder einmal, daß die Herrschaft des Ordens noch in ungeschwächter Kraft im Vatikan waltet. Wir sehen, daß der Jesuitenorden noch ferner sortfahren wird, einen altersschwachen Mann zum willenlosen Werkzeuge zu benutzen, um mit dem ganzen Apparate der katholischen Kirche den Krieg gegen den modernen Staat zu führen. Wir meinen, daS deutsche Reich braucht darüber nicht sonderlich zu erschrcckkn. Ob die Kirche dabei gkwinnen wird, ist eine andere Frage.

Berlin, 6. Mai. Das Deutsche Reich besitzt nach neuerlichen Erhebungen in runder Summe 60,000 Volksschulen, in denen 6 Millionen Schüler unterrichtet werden. Auf je 1000 Einwohner entfällt ungefähr eine Schülerzahl von 150. Dieses durchschnittliche Verhältniß wird in Braunschweig, Oldenburg, Sachsen rmd Thüringen beträchtlich überschritten, insofern hier auf je 1000 Einwohner

175 Schüler kommen; dagegen in Mecklenburg (ouf je 1000 Einwohner 120 Schüler) und Bayern (ouf je 1000 Einwohner 126 Schüler) nicht erreicht. Gymnasien gibt es in Deutschland 330, Progymnasien 214, Realgymnasicn 14, Real- und höhere Bürgerschulen 483. Die Gesammtzahl der Schüler auf diesen höheren UnterrichtSanstalten beläuft sich auf 177,400. Universitäten zählt das Deutsche Reich 20 mit 1624 Lehrenden und 15,600 Studirenden. Polytechnische Schulen gibt es 10 mit 360 Lehrenden und 4500 Studirenden.

Berlin, 6. Mai. Gutem Vernehmen nach wird der Kaiser der Straßburger Bibliothek die vielen kostbaren Doubletten seiner Bibliothek, sowie derjenigen Friedrich Wilhelms IV., überweisen.

Berlin, 7. Mai. DieNordd. Allg. Ztg." meldet, daß das Befinden des Reichskanzlers zu ernsten Besorgnissen keine Veranlassung gebe, sofern nur die von den Aerzten für unabwrislich erklärte Ruhe rechtzeitig vergönnt werde.

Berlin, 7. Mai. Nach Vereinbarung der Delegirten der liberalen Frac- tionen wird die Commission über die Jtsuiten-Priitionen dem RrichStoge einen Antrag unterbreiten, auf Vorlage eines Gesetzentwurfs, wonach die Niederlassung von Jesuiten und anderer verwandter Orden von staatlicher Genehmigung abhängt, sonst dem Strafgesetze verfallt. Der ReichSkcnzler soll ersucht werden, bei den Bundesregierungen eine Verständigung über gemeinsame Grundsätze bezüglich der Zulassung religiöser Orden zu bewirken, um einen Rechtsschutz der Staatsbürger gegen die kirchliche Gewalt herbeizusühren. Die PetitionS-Commission beschließt heute darüber, wie weit der Delegirtenvorschlag annehmbar ist.

München, 2. Mai. Der heute auSgegebeneBayerische Kurier", rin klerikales Lokalblatt, welches aber genaue Fühlung mit Rom zu haben scheint, veröffentlicht ein ihm von dort und zwar, wie er ausdrücklich bemerkt,von bist- unterrichteter Seite" zugekommenes Telegramm:Berliner Telegramme verkündi­gen die Ernennung des Cardinals Hohenlohe zum deutschen Botschafter. Die Nachricht ist entweder falsch oder ein Berliner Fühler. Eine solche Ernennung könnte weder vom Cardinal Hohenlohe noch vom Vatikan angenommen werden." Der Bayerische Kurier knüpft an diese beim Abdruck mit auffellender Schrift her- vorgehobene Nachricht folgende Bemerkungen: Wir wissen hienach, wie die Ant­wort ausfoven wird, welche Fürst Bismcrck auf seine Frage in Rom erwartet. Wenn cs die Aufgabe eines Gksondten ist, der Regierung gegenüber, bei welcher er sich befindet, die Interessen derjenigen Regierung zu vertreten, welche ihn be­glaubigt hat, deren Handlungen zu rechtsertigen, ihre Wünsche vorzutragen u. s. w., so dürste es, wie die Sachen im deutschen Reich und in Preußen augenblicklich liegen, einem Cardinal der römisch-katholischen Kirche in der That unmöglich sein, eine solche Vertretung zu übernehmen. Bei jedem Conflict zwischen Kirche und Staat muß er mit sich selbst in Widerstreit gerathen, der Gesandte muß vertreten, was der Priester verwerfen muß, er muß der Kirche oder dem Staat untreu werden. Die Erfahrungen, welche man in Rom mit den geistlichen Gesandten in vergangenen Zeiten gemacht hat, bestätigen das zur Gumge.

Straßburg. Utber die Veranlassung zu der Schlägerei zwischen Studenten wird derAllg. Ztg." folgendes Nähere mitgetheilt: In derTaverne Alsacienne" am Kleberplatz kneipen mit Vorliebe die Studenten der medicinifchen Fakultät, die ihren Curs erst im Herbst abschließt. Nach der Beleuchtung des Munsters traten deutsche Corpsstudenten in diese Kneipe und wurden alsbald der Gegenstand hä­mischer Bemerkungen und verächtlicher Blicke von Seite der beim Biere fitzenden Studenten der alten Akademie. Natürlich fehlte es nicht an Entgegnungen, von Worten kam es zu Thätlichkeiten, Bierseidel und Stühle flogen hin und her, und in einem Augenblick zeigte das Local den Anblick eines Schlachtfeldes. Die deut- schen Studenten waren in der Minderheit, ober zur rechten Zeit kamen ihnen Ulanen zu Hülfe, die auf der Straße umherschlenderten, und ihre Waffen griffen erfolgreich in die Action ein, die natürlich nicht ohne schwere Verwundungen endete. Das Local dieses traurigen Scandals ist geschlossen, und cs ist leicht möglich, daß man in derselben Meise auch gegen die alte medicinische Facultät vorgeht.