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Oichmer Anzeiger.

Erscheint täglich, mit 3ue> nähme Sonntags.

Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kietzen.

Donnerstag deu 7. November

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Bestellungen auf den Gießener Anzeiger ÄSm^*68'®7cl5 aud: bct °en *

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Betreffend: Nachforschungen nach dem verschollenen Kaiserlich Königlichen Husaren- Oberlieutenant Ludwig von Szsll.

Gießen, am 5. November 1872.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises, mit Ausnahme derjenigen zu Annerod, Hausen, Heuchelheim, Lang- Gönö, Leihgestern, Lich, Oppenrod, Reiskirchen und Rödgen.

Wir erinnern Sie an Erledigung der Verfügung vom 16. October 1872 binnen acht Tagen.

v. Röder.

Bekanntmachung,

die gesetzlichen Forderungen an Studirende aus der» Sommer-Semester 1872 betreffend.

Die m diesem Sommer entstandene» gesetzliche» Forderungen an Studirende niüssen bis zum 28. September d. I. mittelst specificirter Reämunaen zur Anzeige gebracht und längstens bis zum 9. November d. I. gelteiid gemacht werden, widrigenfalls dieselben den ihnen durch Art. 136 der Statuten zu- gewiesenen Vorzug verlieren ' 7 '

Gießen, den 26. August 1872.

Großherzogliches Universität - Gericht. H a b e r k o r n.

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Die Anarchie im officiellen Frankreich

ist neuerdings in einigen Symptomen zu Tage getreten, die wohl geeignet sind, ernste Bedenken zu erregen. Der skandalöse Vorfall von ChalonS zeigt, daß die Verwaltung der Armee, trotz vielleicht wegen der fast leidenschaftlichen Theilnahme, welche der Präsident der Republik grave allen auf die Heeresorgantsation bezüglichen Fragen seine Aufmerksamkeit zuwendet, noch sehr im Argen liegt und daß die Energie des General Cissey bis jetzt ohne rechten Erfolg gegen die alte Routine und den eingewurzelten Schlendrian angekämpft hat. Und der Fall von ChalonS steht keineswegs vereinzelt da. Wenn Truppen, um von einer Garnison zur andern zu gelangen, mitten im Frieden auf den wunderlichsten Umwegen hin und her geführt werden, ehe sie das Ziel ihres Marsches erreichen, so ist das allerdings nicht das rechte Mittel, um den Soldaten Vertrauen zu ihren Vorgesetzten einzvflößcn, und der DiSciplin in der Achtung vor den Leitern des Heerwesens die nothwendige moralische Grundlage zu geben.

Ein Fall anderer Art ist der Tagesbefehl des bekannten Generals Ducrot, der vollkommen als politisirender General auftritt, und dadurch keinen Anstand nimmt, durch Rodomontaren und abgeschmackte Drohungen gegen Deutschland, seine Regierung, die wiederholt zu erkennen gegeben hat, wie unwillkommen ihr gr de gegenwärtig jede herausfordernde Sprache Deutschland gegenüber ist, zu compromittiren. Wenn in einem Augenblick, wo selbst sehr chauvinistische Organe der Presse, um der Negierung keine Verlegenheiten zu machen, sich in ihren Schmähungen eine gewisse Mäßigung auferlegen, so ist es allerdings ein Symptom weit vorgeschrittener Anarchie in den militärischen Kreisen, wenn ein commandtrender General sich von seinen großsprecherischen Neigungen zu Kundgebungen fortreißen läßt, die mit den Wünschen der Regierung und den Bedürsniffen des öffentlichen Wohls in direktem Widerspruch stehen.

Auch die Affaire von La göre hat in allen Kreisen Frankreichs ein höchst unliebsames Aussehen gemacht, und die Dementis, welche den Mittheilungen der Jndepcndance Belge" entgegengestellt sind, haben die öffentliche Meinung keines­wegs beruhigt. In jedem höheren Osficier sieht man einen verkappten Bona- parttsten; und wenn diese Anschauung auch übertrieben sein mag, so ist es doch wohl unzweifelhaft, daß das gefallene Kaiferthum in der Armee bet weitem mehr Anhänger zählt, als man es lange Zeit hat Wort haben wollt«.

Es ist sehr erklärlich, daß alle diese peinlichen Vorfälle, denen sich noch die großen Mißstände in Algerien anreihen, besonders von der republikanischen Presse mit großer Erregung besprochen werden und zu einer Reihe heftiger Angriffe Veranlaffung geben, deren Spitze sich vor Allem gegen den Kriegsmlnister kchrl, die aber doch auch noch über ihn hlnausgreifkn und den Präsidenten selbst treffen, der schließlich die Verantwortung für Allee zu tragen hat und der allein im Stande zu sein scheint, da Wandel zu schaffen, wo Mängel zu Tage treten.

Mit besonderem Nachdruck fordert Gambetta's Or^an, dieRepubliquc Francaise", Herrn Thiers auf, in der Besetzung der höheren Besehlshaberstellen ein anderes, als das bisher befolgte System einzuschlagen. Herr Thierö irre, wenn er tun Führer und die Reorganrsaioren der Armee unter der winzigen Gruppe von Osficieren sucht, die sich in Metz und in der Gefangenschaft zu ein-

geständigen oder unbewußten Lobrednern dcr Pläne des Marschalls Bazaine (das brutale Hetzen gegen den angeklagten Marschall ist bekanntlich die ehrenhafte Specialität des Exeictators) gemacht haben. Thiers möge nur suchen, und tauscno Stimmen werten ihm bie Führer bezeichnen, die ihm in dem schwierigen und edlen Unternehmen der Reorganisation helfen können.

Gewiß wirb sich Gambetta ein besonderes Vergnügen daraus machen, dem Präsidenten bei der Besetzung der Besehlshaberstellen seinen Rath zu ertheilen: wenn nur nicht Herr Thierö ernste Bedenken trüge, von den Ratschlägen seines unbequemen Rivalen Gebrauch zu machen. Thiers Streben ist es, die Politik ganz aus der Armee zu verbannen und das Heer zu dem zu machen, was es sein soll, zu einem Werkzeug in der Hand der Regierung; Gambetta will die Armee republicanistren, sie in ein Werkzeug für seine Pläne umwandeln. Darin liegt der tiefe Unterschieb zwischen Thiers' und Gambetta's Auffassung.

Thiers hat von der flüheren Regierung einen Bestand von höheren Offerieren überkommen, auf deren Unterstützung er, wenn seine Reorganisation nicht zu einer Desorganisation werden soll, vor Allem angewiesen ist- Diese höheren Osficiere das ist kein Geheimniß haben dem Kaiferthum zum großen Theile ihre Sympathien bewahrt, woraus indessen noch nicht ohne Weiteres folgt, daß sie Neigung haben, sich einer imperialistischen Verschwörung zur Verfügung zu stellen. Dagegen würden sie durch eine Zurücksetzung hinter die gambettistrschen Generale ohne Zweifel in entschiedene und thätige Agitatoren für die bonapartiflische Sache verwandelt werben. Sie völlig zu beseitigen war aber ebenfalls unthunltch, da Thierö sein Reorganisationewerk doch nicht mit dem Ausschluß grade der er­fahrensten Elemente einleiten konnte. Hätte sich unter Gambeita'S Diktatur ein Stamm wirklich bedeutender Generale herangebildet, dann hätte sich vom mili- tärischen Standpunkte aus die Beseit gung der Bonapartisten vielleicht rechtfertigen lassen. Da aber die Zahl der höheren Befehlshaber, die sich seit Sedan einiger- maßen hervorgethan haben, viel zu gering ist, um einen Ersatz für die alteren Generale zu bieten, so blieb Herrn Thiers gar nichts übrig, als den Personal- bestand, den er vorfand, beizubehalten und zu verwenden. Denn mög^n diese Herren an Tüchtigkeit und Energie, wie sich jetzt zeigt, sehr viel zu wünschen übrig lassen: der jüngere Stamm bietet jedenfalls nicht die geringste Bürgschaft einer größeren Einsicht und Sorgsamkeit, und ebenso wenig einer größeren politischen Zuverlässigkeit. Es scheint unzweifelhaft, daß in der Armee im Stillen ein er­bitterter Kampf zwischen dem bonapartistischen und rabicalen Element geführt wird. Diesen Kampf zu Gunsten des radikalen Elements zu entscheiden, das kann natürlich nicht im Interesse des Präsidenten derkonservativen" Republik liegen. Er ignorirt die Gegensätze, die, osficiell als vorhanden anerkannt, sofort die Armee in politische Clubs austosen, und auch in Frankreich die Aera der militärischen Pronunciamentos vorbereiten würden.

Ohne Zweifel ist der Standpunkt des Herrn Thiers der richtige, aber er yat die Festigkeit der Staatsgewalt zur Voraussetzung. Die Armee hat mit vereinzelten Ausnahmen sich bis jetzt in Frankreich immer als gehorchender Körper gefühlt; aber sie muß empfinden, daß ein energischer und klarer Wille sie leitet, und dieser Empfindung entbehrt sie gegenwärtig. Dafür ist aber weniger der General Ciffey als Thiers selbst verantwortlich zu machen, Der durch