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Oiesiemr Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme Sonntags.
Expedition: C an z lei berg, Ltt. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis- Kietzen.
Nr. 210. Samstag den 7. September 1872.
Brodpreife vom 7. bis 13. September 1872,
nach eigener Erklärung der Backer:
2 Kilo gemischtes Brod 19 fr. 1 Kilo gemischtes Brod 91/^ fr. 2 Kilo Roggenbrot: erste Sorte 16 fr., zweite Sorte 14 fr.
Amtlicher T h eil.
Gießen, den 6. September 1872.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, o. Röder.
Bekanntmachung.
Betreffend: Nachforschungen nach dem gemüthskranken seit dem 30. März 1S7O vermißten Friedrich Kennina Emil v. Rumohr aus Flensburg • ö
Der am 27. Februar 1838 ä" Flensburg geborne Friedrich Henning Emil v. Rumohr, Cavalier Sr. Durchlaucht des Herzogs Friedrich von Schl^mio- Holstern, war zur Heilung einer Gemuthskrankheit der Anstalt auf dem Thonberg bei Leipzig übergeben worden. V 6 6 § Schleswig-
, , K. SJ°rll£V!I!r?2: bci Eiuem Gang durch die Grimmaische Straße in Leipzig der Aufsicht des begleitenden Wärters entzogen und ist seitdem troü aller
^^"^lrch Sächsischen Behörden v^anlaßten Nachforschungen verschwunden geblieben. Zn Folge eines von seinem Bruder, dein commissarischen Landrath des Kreises Plon , Reglnungsassesior von Rumohr zu Plon m Holstein, neuerdings erhobenen Antrags wird hiermit die Aufmerksamkeit der zuständigen Behörden, sowie des Publikums Bruder"gelangen zu lassen" P^onalbeschrerdung unten folgt, unter dem Ersuchen gelenkt, etwaige Aufschlüsse über das Schicksal des Vermißten an seinenobenbezeichnettn
Personal-Beschreibung.
Name: Friedrich Henning Emil von Rumohr.
Alter: Hur Zeit des Verschwindens (März 1870) 32 Jahre.
Statur: Ueber mittlere Große, schlank: stark abhängende Schultern, langer Hals.
Gesicht! länglich.
Stirn: mittelhoch.
Augen: blau-grau.
Nase: groß, stark eingedrückt durch die Brille.
Haar: schlicht, dunkelbraun; schwach grau melirt.
Bart: schwacher dunkeler Vollbart.
Gesichtsfarbe: bleich.
Hände und Finger: ungewöhnlich lang.
Füße: schmal, lang, platt-
Sprache: Deutsch, norddeutscher Accent.
Kleidung.
Ueberzieher von schwarzem Buckskin.
Schwarzer Cylinder-Hut mit Flor.
Obcrrock i
Weste ! von schwarzem Tuch.
Beinkleider )
Graues Shawltuch.
Stiefeletten von Kalbsleder.
Wasche, gemerkt v. R. 32.
Braune wollene Socken, gcz. v. R. 32.
Effecten,
die der Vermißte zur Zeit seines Verschwindens bei fich trug.
Am kleinen Finger de, rechten Hand einen schlichten Goldreif mit einer Perle.
Eine goldene Anker-Uhr mit goldener Westen-Kette.
Ein braunes ledernes Taschenbuch mit cingepretzter Blumen-Verzierung, inwendig mit veilchenblauem Seideninoirev gefüttert.
Ein gelbes seidenes Taschentuch mit Borde, gez. F. v. R.
Eine gehäkelte, buntgestreiste seidene Geldbörse, ohne Geld.
Eine Brille mit Stahl-Einfassung.
Ein Paar graue und ein Paar braune Glace-Handschuhe.
Politischer Theil.
Deutschland.
Darmstadt, 4. Sept. Nach hier umlaufenden Gerückten über den Verlauf der Ministerfroge uürde das Finanzministerium in den Händen v. Biegeledens verbleiben. Dem Justizminist.rium winde Hr. v. Hallwachs, dem Ministerium des Innern Hr. Weber zugethelt. Die Hirren Franck, v. Ltndelof, v. Rodenstein, v. Lehmann wurden ausscheiben. (Main-Ztg.)
Mainz, 2. Sept. Das clcrikale „Mainz. Journ." begleitet die Notiz, daß die Polizeibehörde noch Schliißung ter Jefuitenniederloffung natürlich auch die Leitung der „geistlichen Exereltien" im biichöflichen Seminar durch einen Priester der Gesillfchaft Jefu untersagt habe, mit folgender characteristischen Be- merkung: „Um die 70 geistlichen Herren nicht der Gnade ter Uebvngen überhaupt beraubt fein zu losten, übernahm ter Herr Bischof, welcher alljährlich selbst den Uebungen anwohnt, deren Leitung. Das Exercitünbüchlein des heiligen Ignatius wurde in ttn Händen des Oberhirten zu einer ebenso reichen Quelle der Gnade, wie wem einer der Söhne des heiligen Orbensstifters es zu erklären vermocht hält?."
Berlin, 5. Sept. Die „Elb. Ztg." schreibt: Man scheint in der Wilhelms- straße mehr von dem Programme der Bischofsconferenz in Fulda zu wissen, als in den Journalen mitgelbeilt nird. Wir hören, daß ein Gegenschachzug vorbereitet wird, von dessen Wirksamkeit man sich in RegierungSkreisen nickt wenig verspricht. Ob es sich dabet bloS um Jesuiten hanteln werde, wird allerdings abzuwarten sein. Die Veröffentlichung der Schreiben, welche der Erzbischof von Köln in Sachen der Jesuiten an den Cierus seiner Diöcese und an den Provin- zial der Gesellschaft Jisu zu Maria-Laach richtete, und die dem Fuldaer Congreß vorausging, lassen mit Bestimmtheit darauf schließen, daß die Bischöfe nicht bet einem ähnlichen Proteste stehen bleiben werten. Aeußerim Vernehmen nach wird 'n der nächsten Ministerialsitzung die Auslassung des Erzbischofs von Köln einer Berathung unteraoifen werten.
Eine hier in Prvbenummer ausgegebene „österreichisch-deutsche lithographirte Eorrespontenz" läßt sich aus Wien lelegraphiren: In militärischen Kreisen ist dae Gerücht önbreitet, daß Ko.ser Franz Joseph anläßlich seines Besuches den deutschen und sächsischen Kronprinzen, den Prinz Friedrich Karl und den Graf Moltke zu csterreichisaen Feldmarschällen ernennen werte. Wir geben diese Mittheilung unter allem Vorbehalt.
Der so oft in nahe Aussicht gestellte Schluß des Genfer Schiedsgerichts scheint nun doch endlich da zu sein; man macht R esinanstrengungen, kam-t mit Anfang nächster Woche Alles geregelt ist. Vas Resultat hüllt sich eben so wie die Verhantlungen selbst noch in ein tiefes Dunkel. Wie man jedoch aus bin Schriftstücken, welche den amerikanischen Anwälten entwendet und darauf im
„Herald" veröffentlicht wurden, weiß, belaufen sich die von den Vereinigten Staaten ausgestellten directen Forderungen auf etwa 6 Millionen oder, die Zinsen binzu- gerechnet, 8 Millionen Pfund Sterl.; doch gibt man sich drüben in Amerika die Miene, als halte man die Höhe des Betrages sür ziemlich gleichgiltig; es sei eben nur UM' die Sache, um die Entscheidung gegen England, zu thun.
Berlin, 5. September. Wie d e „Prov.-Corr." meldet, hat die französische Regierung scron gegen Ende voriger Woche die Abzahlungen auf die fünfte halbe smarte ter Kriegskosten in Straßburg begonnen. Die Zahlungen nehmen ihren Fortgang und werden zum Thetl auch tn Berlin erfolgen.
Berlin, 5. Sept. Bei der Ankunft vor dem russischin Botschastshotel nahmen bette Kaiser die Parade ter dort ausgestellten Ehrencowpagnie des Kaiser Alexander-Regtwenis ab. Kaiser Alexander war kaum in siin Zimmer angelangt, als ihm die Kaiserin Auguste einen Besuch abstattete, welcher sodann die Kronprinzessin und die Prinzessinnen der königlichen Familie folgten. Eine halbe Stunde Ipäter stattete Kaiser Alexander dem Kaiser Wilhelm einen längeren Dksuck ab. Das Volk steht gedrängt in den Straßen, die Fürsten enthusiastisch begrüßend. Prinz Friedrich Karl ist Mittags hierher zurückgekehrt.
Berlin, 6. Sept. Die drei Kaiser halten Sonntag Vormittag eine Eonserenz in Anwesenheit der drei Minister des Auswärtigen.
Dresden, 6. September. Der Kaiser von Oefferreich verlebte den gestrigen Abend unv den heutigen Vormittag im Kreise der königl. Familie zu P llnitz. Heute 12 Uhr findet daselbst Dejeuner en Familie statt. Um 1 Uhr erfolgt die Abreise. In Die-den ist aus dem Bahnhose großer Empfang.
München, 5. Sept. Die Lösung der Ministerfrage soll auf kurze Zeit vertagt sein, vielleicht bis sämmiliche Minister wieder hier sind. — Graf Tauffkirchen ist heute Abend hier eingetroffen.
München, 6. September. Die Bildung eines Ministerium Gaffer ist gutem Vernehmen nach auf so viele und mannigfache Hinderniffe gestoßen, baß der betnffende Plan heute definitiv ausgegeben, weil derselbe als gescheitert betrachtet wird. Man glaubt, daß ein neuer Ministerpräsident in der Person des Herrn v. Pfretzschner dis morgen ernannt werden wird.
Das lange Hinausschieben der Entscheidung in der bayerischen Ministerkrisi» beweist einerseits, baß bie Schwierigkeiten, welche sich dem Herrn v. Gaffer bei Bilcung des Ministeriums in den Weg stellen, immer noch nicht gehoben sind, wie es andererseits die Hoffnung nicht ganz schwinden läßt, daß man rechtzeitig an enisch.idinder Stelle in München zu der Utb.rzeugung gekommin ist, baß ein partikular,stisch-ultramontanes Mmistenum nicht nur ben Wünschen des so reichS- freundlich gesinnten Bayernvvlkeö nicht entspricht, sondern auch Boyern in eine sch-tse Stellung zum Reiche bringt, deren Rachtheile nur auf ersteres eine Rück-


